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Macanan
oder
Pantherspiel
ein javanisches Strategie-Brettspiel
(« c »
wird im Indonesischen als hartes « tsch » gesprochen)
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Im Herbst 1975 war es, als ich auf das Macanan-Spiel
aufmerksam wurde. Ich sass damals an einem warmen Tropenabend
im westjavanischen Dorf Cegog auf der Veranda des traditionell
gebauten Hauses von Pak Hindun, trank einen Kopi bubuk und rauchte
eine Sigaret kretek. Wir waren beide müde, denn wir hatten
einen langen Tagesmarsch über den mit prächtigem Regenwald
bewachsenen Gunung Honje, einem Berg im Osten des Ujung-Kulon-Nationalparks,
hinter uns. Im schwachen Licht der Petrollampe fiel mir ein Linienmuster
auf, das mit irgendeinem Stift in eines der Bretter am Boden,
auf denen wir mehr lagen als sassen, geritzt worden war. «Permainan
lama ini, namanya macanan» erhielt ich als Antwort auf
meinen fragenden Blick - dies sei «ein altes Spiel, Macanan
genannt». Es wurde eine lange Nacht...
Pak Hindun beim Bearbeiten junger Palmblätter,
1976
Zunächst zum Begriff: «Macan» ist
die indonesische Bezeichnung für den Tiger (Panthera
tigris) und den Leoparden (Panthera pardus), also
für beide auf Java noch in den 1970er-Jahren heimischen
Grosskatzen (der Tiger ist inzwischen leider ausgestorben). Manchmal
wird genauer gesagt, wer gemeint ist: der «macan tutul»,
also der «gefleckte Macan», oder aber der «macan
loreng», der «gestreifte Macan». In Westjava,
wo ich dem Macanan-Spiel begegnete und wo die Lokalsprache Sundanesisch
ist, war der Sprachgebrauch etwas anders: Im Allgemeinen wurde
hier mit «macan» der schwarze Leopard (= schwarze
Panther) , mit «macan tutul» der gefleckte Leopard
und mit «harimau» der Tiger bezeichnet (letzteres
ist auch im Indonesischen eine Bezeichnung für den Tiger).
So kommt es, dass ich - für mich - das Macanan-Spiel stets
als «Pantherspiel» verstanden habe. Dies umso mehr,
als es im Umfeld des Ujung-Kulon-Nationalparks durchaus schon
zu Unfällen mit Panthern bzw. Leoparden gekommen war. (Betroffen
waren in den mir geschilderten Fällen stets auf dem Feld
- in gebückter Haltung - arbeitende Frauen gewesen.) Es
steht aber gewiss jedem frei, das Spiel auch «Tigerspiel»
zu nennen.
Nun aber endlich zum Spielverlauf: Die Spielfläche
umfasst in der Mitte ein quadratisches «Kampung»
(Dorf), an das sich auf zwei gegenüberliegenden Seiten ein
dreieckiger «Gunung» (Berg) anschliesst. Im Dorf
arbeiten neun arglose «Orang» (Menschen); auf einem
der Berge streift der «Macan» umher (Bild 1).
Bild 1
Da fällt unvermittelt der Panther über das Dorf her,
tötet drei Menschen (frei wählbar) und verbleibt mitten
im Dorf (Bild 2).
Bild 2
Nun ist der Kampf zwischen dem Panther einerseits
und den Bewohnern des Dorfs andererseits eröffnet. Abwechslungsweise
ist er bzw. sind sie am Zug. Beide Seiten können sich nur
um jeweils eine Position den eingezeichneten Linien entlang bewegen.
Der Panther kann aber zudem eine ungerade Anzahl Menschen «fressen»,
indem er über sie hinweg springt - also einzelne (auch 2
oder 3 einzelne mit mehreren Sprüngen in gerader Linie)
oder aber 3 oder 5, die in gerader Linie hintereinander stehen.
Auf Bild 3 setzt er gerade zum Sprung über drei Menschen
an.
Bild 3
Die Menschen im Dorf lassen sich aber nicht so einfach
fressen. Die Überlebenden rufen nach dem ersten Angriff
lauthals um Hilfe - und es kommen ihnen insgesamt dreizehn weitere
Dörfler zu Hilfe (9+13 = 22 Menschen insgesamt; 3 sind bereits
tot). Der erste erscheint gleich nach dem ersten Angriff. Dann
ist der Panther am Zug. Danach erscheint wieder ein zusätzlicher
Mensch. Erneut ist der Panther an der Reihe. Usw. Bis alle Menschen
aufmarschiert sind, hat der Panther etwa 7 von ihnen erlegt.
Die restlichen 15 gehen nun gegen ihn vor und versuchen, ihn
zurückzudrängen und bewegungsunfähig zu machen.
Auf Bild 4 ist der Panther vollständig umzingelt und hat
somit verloren. Das gelingt den Dörflern aber längst
nicht immer.
Bild 4
Ich habe hier die Spielgeschichte wiedergegeben, wie
sie mir seinerzeit erzählt wurde. Falls Sie, liebe Besucherin,
lieber Besucher, die Geschichte anders kennen, oder falls Sie
mehr über das Macanan-Spiel wissen (woher stammt es ursprünglich?
wird es noch gespielt?), dann schreiben Sie mir doch bitte eine
E-Mail. Ich werde Ihren Beitrag gerne (namentlich) hier einbauen.
Abschliessend vier Anmerkungen:
1. Das Spiel bedarf keineswegs eines Bretts und auch
keiner wirklichen Spielfiguren. Das Spielfeld lässt sich
überall leicht skizzieren, und als Figuren lassen sich auch
Steinchen, Muscheln und dergleichen verwenden.
2. Macanan wird meines Wissens von Erwachsenen und
von älteren Kindern gespielt. Es ist ein Strategiespiel,
das sich für kleine Kinder weniger eignet.
3. «makan» ist das indonesische Wort für
«essen»; «makanan» ist «das Essen».
Sprechen Sie also bitte «macan» bzw. «macanan»
mit hartem «tsch» aus.
4. Es soll auf Bali ein Kinderspiel namens «Memacan-macanan»
geben, welches auf die Geschichte «I Macan dan I Kambing»
(«Der Tiger und die Ziege») zurückgeht. Hier
eine kurze englische Beschreibung: «A group of about 25
children take their different roles on stage (one of them is
the group leader, choosing the other group members to play the
necessary roles). One group member takes the role of the tiger,
4 to 5 members are goats, while the rest form an encircling chain
of obstacle by holding each other's hands. The goats are inside
the chain circle, while the tiger is outside. Upon the leader's
command, an opportunity is opened to the tiger to chase goats
out of the chain circle. The goats are free to enter or to go
out of the circle, while the tiger is always rejected. Once the
tiger succeeds in catching all goats, the play is over and continues
after choosing new children for the different roles.» Gemäss
dieser Beschreibung hat es mit dem oben geschilderten Macanan-Strategiespiel
nichts gemein.
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