Macanan («Pantherspiel»)

ein javanisches Strategie-Brettspiel


© 2002 Markus Kappeler



Im Herbst 1975 war es, als ich auf das Macanan-Spiel aufmerksam wurde. Ich sass damals an einem warmen Tropenabend im westjavanischen Dorf Cegog auf der Veranda des traditionell gebauten Hauses von Pak Hindun, trank einen Kopi bubuk und rauchte eine Sigaret kretek. Wir waren beide müde, denn wir hatten einen langen Tagesmarsch über den mit prächtigem Regenwald bewachsenen Gunung Honje, einen Berg im Osten des Ujung-Kulon-Nationalparks, hinter uns. Im schwachen Licht der Petrollampe fiel mir ein Linienmuster auf, das mit einem Stift in eines der Bretter am Boden, auf denen wir mehr lagen als sassen, geritzt worden war. «Permainan lama ini, namanya macanan» erhielt ich als Antwort auf meinen fragenden Blick - dies sei «ein altes Spiel, Macanan genannt». Es wurde eine lange Nacht...


Pak Hindun beim Bearbeiten junger Palmblätter (1976)

 

Zunächst zum Begriff: «Macan» (matschan ausgesprochen) ist die indonesische Bezeichnung für den Tiger (Panthera tigris) und den Leoparden (Panthera pardus), also für beide auf Java noch in den 1970er-Jahren heimischen Grosskatzen (der Tiger ist inzwischen leider ausgestorben). Manchmal wird genauer gesagt, wer gemeint ist: der «macan tutul», also der «gefleckte Macan», oder aber der «macan loreng», der «gestreifte Macan». In Westjava, wo ich dem Macanan-Spiel begegnete und wo die Lokalsprache Sundanesisch ist, war der Sprachgebrauch etwas anders: Im Allgemeinen wurde hier mit «macan» der schwarze Leopard (= schwarze Panther), mit «macan tutul» der gefleckte Leopard und mit «harimau» der Tiger bezeichnet (letzteres ist auch im Indonesischen eine Bezeichnung für den Tiger). So kommt es, dass ich - für mich - das Macanan-Spiel stets als «Pantherspiel» verstanden habe. Dies umso mehr, als es im Umfeld des Ujung-Kulon-Nationalparks durchaus schon zu Unfällen mit Panthern bzw. Leoparden gekommen war. (Betroffen waren in den mir geschilderten Fällen stets im Reisfeld - in gebückter Haltung - arbeitende Frauen gewesen.) Es steht aber gewiss jedem frei, das Spiel auch «Tigerspiel» zu nennen.

Nun aber endlich zum Spielverlauf: Die Spielfläche umfasst in der Mitte ein quadratisches «Kampung» (Dorf), an das sich auf zwei gegenüberliegenden Seiten ein dreieckiger «Gunung» (Berg) anschliesst. Im Dorf arbeiten neun arglose «Orang» (Menschen); auf einem der Berge streift der «Macan» umher (Bild 1).


Bild 1



Da fällt unvermittelt der Panther über das Dorf her, tötet drei Menschen (frei wählbar, aber in einer geraden Linie befindlich) und verbleibt mitten im Dorf (Bild 2).


Bild 2

 

Nun ist der Kampf zwischen dem Panther einerseits und den Bewohnern des Dorfs andererseits eröffnet. Abwechslungsweise ist er bzw. sind sie am Zug. Beide Seiten können sich nur um jeweils eine Position den eingezeichneten Linien entlang bewegen. Der Panther kann aber zudem eine ungerade Anzahl Menschen «fressen», indem er über sie hinweg springt - also einzelne (auch 2 oder 3 einzelne mit mehreren Sprüngen in gerader Linie) oder aber 3 oder 5, die in gerader Linie hintereinander stehen. Auf Bild 3 setzt er gerade zum Sprung über drei Menschen an.


Bild 3

 

Die Menschen im Dorf lassen sich aber nicht so einfach fressen. Die Überlebenden rufen nach dem ersten Angriff lauthals um Hilfe - und es kommen ihnen insgesamt dreizehn weitere Dörfler zu Hilfe (9+13 = 22 Menschen insgesamt; 3 sind bereits tot). Der erste erscheint gleich nach dem ersten Angriff. Dann ist der Panther am Zug. Danach erscheint wieder ein zusätzlicher Mensch. Erneut ist der Panther an der Reihe. Usw. Bis alle Menschen aufmarschiert sind, hat der Panther etwa 7 von ihnen erlegt. Die restlichen 15 gehen nun gegen ihn vor und versuchen, ihn zurückzudrängen und bewegungsunfähig zu machen. Auf Bild 4 ist der Panther vollständig umzingelt und hat somit verloren. Das gelingt den Dörflern aber längst nicht immer.


Bild 4

 

Ich habe hier die Spielgeschichte wiedergegeben, wie sie mir seinerzeit erzählt wurde. Falls Sie, liebe Besucherin, lieber Besucher, die Geschichte anders kennen, oder falls Sie mehr über das Macanan-Spiel wissen (woher stammt es ursprünglich? wird es noch gespielt?), dann schreiben Sie mir doch bitte eine E-Mail. Ich werde Ihren Beitrag gerne (namentlich) hier einbauen.

 

Abschliessend fünf Anmerkungen:

1. Das Spiel bedarf keineswegs eines Bretts und auch keiner wirklichen Spielfiguren. Das Spielfeld lässt sich überall leicht skizzieren, und als Figuren lassen sich auch Steinchen, Muscheln und dergleichen verwenden.

2. Macanan wird meines Wissens von Erwachsenen und von älteren Kindern gespielt. Es ist ein Strategiespiel, das sich für kleine Kinder weniger eignet.

3. «makan» ist das indonesische Wort für «essen»; «makanan» ist «das Essen». Sprechen Sie also bitte «macan» bzw. «macanan» mit hartem «tsch» aus.

4. Es soll auf Bali ein Kinderspiel namens «Memacan-macanan» geben, welches auf die Geschichte «I Macan dan I Kambing» («Der Tiger und die Ziege») zurückgeht. Hier eine kurze englische Beschreibung: «A group of about 25 children take their different roles on stage (one of them is the group leader, choosing the other group members to play the necessary roles). One group member takes the role of the tiger, 4 to 5 members are goats, while the rest form an encircling chain of obstacle by holding each other's hands. The goats are inside the chain circle, while the tiger is outside. Upon the leader's command, an opportunity is opened to the tiger to chase goats out of the chain circle. The goats are free to enter or to go out of the circle, while the tiger is always rejected. Once the tiger succeeds in catching all goats, the play is over and continues after choosing new children for the different roles.» Gemäss dieser Beschreibung hat es mit dem oben geschilderten Macanan-Strategiespiel nichts gemein.

5. Anne Werner macht mich in Ihrer E-Mail vom 4. Juli 2003 darauf aufmerksam, dass im Yarlung-Verlag (www.tibet-edition.de) eine multimediale CD-ROM über die Natur, Kultur und Religion in Tibet erschienen ist, in welcher ein sehr ähnliches Spiel wie Macanan enthalten ist: Gyalpo Lünpo. Hier die Spielbeschreibung: «Gyalpo Lünpo» (gesprochen Gyälpo Lünpo) bedeutet «König und Minister». Das spannende Spiel für zwei Personen ist überall in Tibet bekannt. Die Spielfläche wird auf den Boden geritzt, und es wird mit Steinen gespielt. Der eine Spieler übernimmt den Part des Königs (roter Stein), der andere denjenigen der 14 Minister (graue Steine). Die beiden Spieler ziehen abwechselnd. Die Minister versuchen, den König so einzukreisen, dass er sich nicht mehr bewegen kann. Der König hat die Möglichkeit, die Minister durch Überspringen von der Spielfläche zu verdrängen. Beim Spielbeginn (Abbildung) hat er sich gerade aus der Mitte heraus durch Überspringen eines Ministers befreit.



Unterschiede zum Macanan: Der König kann jeweils nur über einen Minister springen, nicht über mehrere, es gibt nur einen Berg, nicht zwei, und es wehren sich nur 14 Figuren gegen den König bzw. Panther, nicht 22. Ansonsten aber ist die Ähnlichkeit zwischen den beiden Spielen so gross, dass sie kein Zufall sein dürfte. Wie wohl könnte das Spiel den weiten Weg vom Tibetischen Hochland auf die Insel Java gefunden haben? Oder war es gar umgekehrt?






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