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Markus Kappeler
Gibbons:
Akrobaten des Urwalds
«Panda Magazin»,
Nr. 2/96,
S. 6-11
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Im Juni 1996 hat der WWF Schweiz ein «Panda
Magazin» mit dem Titel «Menschenaffen - Im Schatten
des Menschen» herausgegeben. Ich habe das Kapitel über
die Gibbons im allgemeinen und den Silbergibbon im speziellen
beigesteuert. Hier mein Bericht im Wortlaut:
Gibbons: Akrobaten des Urwalds
© 1996 Markus Kappeler / WWF Schweiz
Hängende Langarmaffen
Die Heimat der Gibbons sind die hochwüchsigen,
immergrünen Regenwälder Südostasiens und der Grossen
Sundainseln. Elf Gibbonarten unterscheidet man im allgemeinen.
Zehn von ihnen weisen ähnliche Körpermasse auf; der
Siamang hingegen ist etwa doppelt so gross wie seine Brüder.
Die ältere deutsche Bezeichnung «Langarmaffen»
deutet auf das gewiss auffälligste Körpermerkmal der
Gibbons hin: Ihre dünnen Arme sind zweieinhalbmal so lang
wie der Rumpf. Sie dienen der einzigartigen Fortbewegungsweise
dieser kleinen und anmutigen Menschenaffen: Gibbons sind hochspezialisierte
Schwinghangler, die sich an ihren Armen hängend rasant und
mit traumhafter Sicherheit durch das Astwerk des Kronendachs
bewegen. Auf dem Erdboden sind sie hingegen sehr ungeschickt
und steigen deshalb zeitlebens nicht freiwillig von den Bäumen:
Ihr wahrer und einziger Lebensraum ist die oberste Etage des
tropischen Regenwalds.
Häufig wird das Schwinghangeln der Gibbons als
«Pendeln» von einem Ast zum nächsten beschrieben
(und auch so gezeichnet).
Wer jemals miterlebt hat, mit welcher Eleganz und Leichtigkeit
sich ein Gibbon im Kronendach des Regenwalds umherbewegt, kann
darüber nur den Kopf schütteln. Schliesslich ist das
Astwerk im Kronenbereich des Regenwalds alles andere als ein
ebenmässiges «Turngerät»; handgerechte
und einigermassen horizontale Äste sind nicht ständig
in Griffweite, sondern liegen oft meterweit voneinander entfernt
und erst noch auf unterschiedlichem Niveau. Nein, die Fortbewegungsweise
der Gibbons ist viel spektakulärer: Mit dicht an den Rumpf
gezogenen Beinen schwingen sich die Tiere unter einem Ast hindurch
und reissen sich kraftvoll an den nächsten heran. Sie lassen
los, lange bevor sie einen neuen Griff gefunden haben, und fliegen
dann frei durch den Raum. Waagrecht und senkrecht schiessen sie
so durchs Geäst, tippen kurz einen Stamm an, um die Richtung
zu ändern, schleudern sich plötzlich viele Meter weit
durch die Luft in die Krone des nächsten Baums, fassen dort
schliesslich einen erhöhten Ast, ziehen elegant die Füsse
empor und sitzen dann plötzlich auf dem Baum, als seien
sie nie in Bewegung gewesen - und dies nur, um dort genüsslich
ein paar Früchte zu essen, die sie entdeckt haben. Gibbons
treiben in schwindelnder Höhe ihr Spiel mit der Schwerkraft,
wie es sonst höchstens noch waghalsige Trapezkünstler
unter der Zirkuskuppel tun. Sie gelten als die vollendetsten
Akrobaten, die es unter den Affen je gegeben hat. Ihre Fortbewegungsart
kommt dem Flug schon sehr nah.
Aufgrund ihrer bemerkenswerten Fortbewegungsweise,
die sie im Verlauf ihrer jahrmillionenlangen Stammesgeschichte
entwickelt haben, bewegen sich die Gibbons nicht nur schneller
durch den Urwald als jedes andere Säugetier. Sie vermögen
auch eine Nahrungsnische zu nutzen, die keinem anderen Tier von
vergleichbarer Körpergrösse offensteht: Dank ihrer
«hängenden» Lebensweise, der grossen Reichweite
ihrer Arme und des verhältnismässig geringen Gewichts
können sie das äusserste, dünne Randgezweig der
Baumkronen mühelos erreichen und von dort, wo der Baum das
beste, nährstoffreichste Angebot bereithält, ihre vorwiegend
vegetarische Nahrung beziehen: Mit einem Arm halten sie sich
an zwei oder drei dünnen Zweigen fest und können direkt
vor ihrer Nase die reifsten Früchte, zartesten Blätter,
saftigsten Knospen und schmackhaftesten Blüten pflücken,
und auch mal als «Beikost» eine leckere Raupe.
Selbst zum Trinken verlassen die Gibbons im übrigen
das Walddach nicht. Um ihren Durst zu stillen, lecken sie regennasse
Blätter ab oder tauchen ihren Handrücken in ein Baumloch
mit angesammeltem Wasser und saugen dann das nasse Fell aus.
Sie sind im übrigen sehr wasserscheu und absolute Nichtschwimmer:
In Menschenobhut hat man beobachtet, dass Gibbons, die ins Wasser
fielen, kaum Schwimmversuche unternahmen, sondern, da sich ihr
dichter Pelz schnell mit Wasser vollsog, praktisch ohne Gegenwehr
einfach untergingen. Grössere Wasserläufe stellen deshalb
für die Gibbons unüberwindbare Barrieren dar. Hierauf
ist das von Flüssen begrenzte «Verbreitungsmosaik»
der heutigen elf Gibbonarten zurückzuführen.
Kästchen
Die Familie der Gibbons (Hylobatidae) umfasst - gemäss
dem Standardwerk «Mammal Species of the World» von
D.E Wilson & D.M. Reader (1993) - 11 Mitglieder:
1. Siamang (Hylobates syndactylus)
2. Schwarzer Schopfgibbon (Hylobates concolor)
3. Weisswangen-Schopfgibbon (Hylobates leucogenys)
4. Gelbwangen-Schopfgibbon (Hylobates gabriellae)
5. Hulock oder Weissbrauengibbon (Hylobates hoolock)
6. Mentawai-Gibbon oder Biloh (Hylobates klossii)
7. Kappengibbon (Hylobates pileatus)
8. Weisshandgibbon oder Lar (Hylobates lar)
9. Schwarzhandgibbon oder Ungka (Hylobates agilis)
10. Grauer Gibbon oder Borneo-Gibbon (Hylobates muelleri)
11. Silbergibbon oder Java-Gibbon (Hylobates moloch)
Die Kopfrumpflänge beträgt bei Männchen
und Weibchen gleichermassen 45 bis 65 cm (Siamang 75 bis 90 cm)
und das Gewicht 5 bis 7 kg (Siamang um 11 kg).
Monogam und melodiös
Alle Gibbons leben in monogamen Familiengruppen -
in Gruppen aus einem erwachsenen, fürs ganze Leben verbundenen
Paar und dessen Nachkommen also. Da das Weibchen nur alle zwei
bis drei Jahre ein einzelnes Kind zur Welt bringt und da die
Jungen im Alter von sechs bis sieben Jahren, wenn sie die Pubertät
hinter sich haben, ihre Eltern verlassen, besteht eine Gibbonfamilie
stets aus höchstens fünf Tieren.
Jede Familiengruppe bewegt sich das ganze Jahr über
in einem festen Wohngebiet von dreissig bis fünfzig Hektar
Fläche umher, in welchem sie keine fremden Artgenossen duldet.
Ferngehalten von diesem Eigenbezirk oder «Territorium»
werden umherstreifende Gibbons zur Hauptsache durch Gesänge.
Fast täglich - zumeist kurz nach Sonnenaufgang - steigen
die beiden erwachsenen Partner auf einen der mächtigen Rufbäume
im Revier und stimmen ihren kilometerweit hörbaren Territorialgesang
an. Sie machen damit lauthals ihren Besitzanspruch auf das betreffende
Waldstück geltend und warnen andere Gibbons davor, hier
einzudringen. Dieses akustische «Fernwarnsystem»
klappt in der Regel ausgezeichnet, so dass kräftezehrende
und verletzungsträchtige Kämpfe mit ungebetenen Eindringlingen
kaum je erforderlich sind. In ihrer Funktion sind die Gibbongesänge
also mit Vogelgesängen vergleichbar. Männchen und Weibchen
singen bei den meisten Gibbonarten gemeinsam. Dabei fügen
sie zehn bis zwanzig Sekunden dauernde «Strophen»
mit fester, arttypischer «Melodie» zu einem viertel-
bis halbstündigen Gesang zusammen. Diese morgendlichen,
mit reiner Stimme vorgetragenen Duette sind schon als «die
schönste Musik der asiatischen Regenwälder» bezeichnet
worden.
Der «Alltag» einer Gibbonfamilie beginnt
gewöhnlich schon im ersten Morgengrauen: Um etwa halb sechs
Uhr kommt Bewegung in die langarmigen Walddachbewohner, die auf
einem ihrer Schlafbäume in Sitzhaltung die Nacht verbracht
haben. Sie strecken sich, pflegen sich ein wenig, nehmen Kontakt
mit den anderen Familienmitgliedern auf und begeben sich alsbald
auf Esswanderung durch das ausgedehnte Revier. Langsam, aber
stetig streifen sie umher und finden praktisch auf jedem Baum
etwas Essbares. Dabei bewegen sie sich keineswegs als geschlossene
Einheit vorwärts, sondern sind oft fünfzig oder gar
hundert Meter voneinander entfernt. Auch halten sie sich in unterschiedlicher
Waldhöhe auf. Vorübergehend findet die Gruppe zusammen,
wenn sie auf einen Baum trifft, der ein reiches Angebot an beliebten
Früchten trägt. Solche Bäume scheinen manchmal
auch kurzfristig die Richtung des Umherwanderns zu bestimmen.
Denn innerhalb ihres Territoriums kennt die Familie jeden Winkel
und weiss deshalb stets, wo gerade schmackhafte Früchte
zu finden sind, auf welcher Route man sich bei Gefahr am schnellsten
in Sicherheit bringt, welche Bäume sich am besten zum Singen
eignen und wo man am bequemsten die Nacht verbringt. Neun bis
zehn Stunden - unterbrochen von ein paar kürzeren Ruhepausen
und einer ausgiebigen mittäglichen Siesta - sind die Gibbons
Tag für Tag in den Baumwipfeln unterwegs. Erst am späteren
Nachmittag ziehen sie sich jeweils wieder in einen Schlafbaum
zurück, um dort die bald hereinbrechende Tropennacht zu
verbringen.
Auf den ersten Blick mag es erstaunen, dass die Gibbons
fast ihre gesamte Wachzeit für die Futtersuche verwenden.
Man sollte doch meinen, dass in den üppigen tropischen Regenwäldern,
die sie bewohnen, stets reichlich Futter vorhanden ist. Dies
erweist sich jedoch als Trugschluss: Man muss nämlich berücksichtigen,
dass in den immergrünen Tropenwäldern nicht alle Bäume
gleichzeitig Früchte tragen, sondern dass die verschiedenen
Baumarten zu unterschiedlichen Zeiten blühen und fruchten.
Auf einer bestimmten Fläche tragen deshalb stets nur einige
wenige Bäume Früchte - und um diese herrscht dann zwischen
den verschiedenen fruchtessenden Tieren des Regenwalds ein erheblicher
Wettstreit. Diese natürliche «Futterknappheit»
ist der Grund dafür, weshalb jede Gibbonfamilie ein ausgedehntes
Streifgebiet für sich allein benötigt, weshalb die
Tiere sich täglich sieben bis acht Stunden der Futtersuche
widmen, und weshalb auf ihrem Speisezettel Hunderte von Pflanzenarten
stehen, sie also keine wählerischen Kostverächter sein
dürfen.
Kästchen
Wie bei vielen Regenwaldbewohnern besteht bei den
Gibbons keine feste Fortpflanzungszeit. Geburten finden somit
zu allen Jahreszeiten statt. Das Gibbonweibchen bringt nach einer
Tragzeit von siebeneinhalb Monaten jeweils ein einzelnes Kind
(höchst selten Zwillinge) zur Welt. Dieses ist anfangs noch
spärlich behaart und klammert sich ständig im wärmenden
Bauchfell der Mutter fest. So wird es überallhin mitgetragen.
Nach vier bis fünf Monaten beginnt es zu hangeln, bleibt
aber weiterhin bei grösseren Ortsverschiebungen auf die
Hilfe seiner Mutter angewiesen. Erst ein gutes Jahr später
beherrscht es das «Handwerk» des Schwinghangelns
im Kronendach so weit, dass es eigenständig umherstreifen
kann. Zu diesem Zeitpunkt erfolgt auch die Entwöhnung.
Im Alter von sechs bis sieben Jahren erreicht das
Gibbonjunge die Geschlechtsreife und löst sich dann von
den Eltern. Mitunter findet hierbei eine tatkräftige Vertreibung
durch die Eltern statt, und zwar «wirft» der Vater
den Sohn und die Mutter die Tochter aus dem Familienrevier hinaus.
In der Folge zieht das jungerwachsene Tier auf der Suche nach
einem unbesetzten Waldstück oft längere Zeit umher.
Findet es ein solches, so lässt es sich nieder und beginnt
eifrig zu singen. Durch solche Solo-Gesänge werden andere
«heimatlose» Gibbons aus der näheren Umgebung
angelockt, von denen sich früher oder später eines
als Partner bzw. Partnerin dem rufenden Tier anschliesst. Manchmal
kommt es aber auch schon «unterwegs» zur Paarbildung.
Über die Lebensdauer der Gibbons in freier Wildbahn
ist kaum etwas bekannt. In Menschenobhut sind einzelne «Langarmaffen»
aber schon über dreissig Jahre alt geworden.
Der Mensch macht ihnen das Leben schwer
Gibbons haben kaum natürliche Feinde. Aufgrund
ihres Lebens in den Baumwipfeln hoch über dem Urwaldboden
sind sie vor Raubfeinden weitgehend sicher. Allerhöchstens
fällt gelegentlich ein unerfahrenes Jungtier einem Nebelparder,
einem Python oder einem Adler zum Opfer. Da die Kinder aber ständig
fürsorglich von ihren Müttern behütet werden,
ist selbst dies sehr unwahrscheinlich. Im Grunde genommen haben
die akrobatischen Menschenaffen nur einen Feind zu fürchten:
den Menschen.
Hierbei spielt die direkte Verfolgung eine untergeordnete
Rolle: Wirksame Handelsbeschränkungen auf internationaler
Ebene, gute Zuchterfolge in den zoologischen Gärten sowie
ein allgemein verbesserter Vollzug der Artenschutzgesetze im
südostasiatischen Raum haben erfreulicherweise dazu geführt,
dass den Gibbons heute durch Jagd und Fang keine übermässige
Gefahr mehr droht. Ungleich härter trifft sie die in horrendem
Tempo voranschreitende Abholzung ihrer Waldheimat. Überall
in Südostasien wächst die menschliche Bevölkerung
schnell, und sie erfährt derzeit eine enorme zivilisatorische
Entwicklung. Daraus resultiert unter anderem ein massiver Erschliessungsdruck
auf die letzten Regenwaldgebiete. Auf breiter Front wird gerodet,
um Bau- und Brennholz zu gewinnen und Platz für immer neue
Pflanzungen und Siedlungen zu schaffen. Zusätzlich beschleunigt
wird dieser fatale Prozess durch die Nachfrage der westlichen
Welt nach Edelhölzern für alle möglichen und unmöglichen
Verwendungszwecke.
Nun wird den Gibbons ausgerechnet das zum Verhängnis,
was sie im Lauf ihrer langen Stammesgeschichte zur höchsten
Perfektion entwickelt haben und was sie so einzigartig macht:
ihr schwinghangelndes Dasein in der obersten Regenwaldetage.
Dermassen stark haben sie sich spezialisiert, dass ihre Lebensbedürfnisse
heute einzig und allein von immergrünem tropischem Regenwald
mit geschlossenem Kronendach gedeckt werden und es ausserhalb
dieser reichsten aller irdischen Vegetationsformen kein Überleben
mehr für sie gibt. In dem Mass, wie die südostasiatischen
Regenwälder verschwinden, verschwinden deshalb auch die
Gibbons. Zwar ist es nicht möglich, zuverlässige Angaben
über die Grösse der heutigen Gibbonpopulationen zu
machen. Unbestritten ist jedoch, dass die Bestände aller
neun Arten stark rückläufig sind und wahrscheinlich
in den vergangenen zwanzig Jahren gesamthaft um mehr als neunzig
Prozent geschrumpft sind. Fünf Gibbonarten stehen bereits
in der Kategorie «vom Aussterben bedroht» auf der
berüchtigten Roten Liste!
Soviel ist klar: Gibbonschutz heisst Regenwaldschutz.
Letztlich wird der Fortbestand der Gibbons davon abhängen,
ob es gelingt, grössere Teile der südostasiatischen
Regenwälder vor dem zerstörerischen Zugriff durch den
Menschen zu bewahren. Einerseits gilt es, grösste Sorge
zu tragen zu den bereits bestehenden Schutzgebieten, darunter
dem Khao-Yai-Nationalpark in Thailand, dem Taman-Negara-Nationalpark
in Malaysia und dem Ujung-Kulon-Nationalpark in Indonesien. Andererseits
muss alles unternommen werden, damit weitere grossflächige
Regenwaldreservate eingerichtet werden. Hierfür setzt sich
der WWF im Rahmen zahlreicher Projekte im ganzen südostasiatischen
Raum seit vielen Jahren und mit erheblichen finanziellen und
fachlichen Mitteln ein.
Neben den Gibbons, dies soll nicht unerwähnt
bleiben, kommen diese Schutzanstrengungen selbstverständlich
einer Vielzahl weiterer einmaliger Tierarten zugute, welche für
ihr Überleben unausweichlich auf die Existenz der südostasiatischen
Regenwälder angewiesen sind, darunter das Sumatranashorn,
der Malaienbär, der Schabrackentapir, die Marmorkatze und
der Orang-Utan. Und nicht zuletzt würde auf diese Weise
gewährleistet, dass die Nachfahren der heutigen Südostasiaten
die Gelegenheit erhalten, zumindest einen kleinen Teil des einst
unermesslichen natürlichen Reichtums ihrer Heimat zu erben
- und dannzumal hoffentlich verantwortungsbewusster zu verwalten.
Silbergibbons: sichere Zuflucht im
Ujung Kulon
«WWF-Projekt Nr. 1518: Indonesien, Ujung-Kulon-Nationalpark.»
Welch bedeutsame Arbeit sich doch hinter diesem dürren Vermerk
verbirgt! Wer würde zum Beispiel ahnen, dass zwei der seltensten
Grosssäuger unseres Planeten ihr Überleben diesem Projekt
verdanken?
Ujung Kulon bedeutet auf Sundanesisch, der Sprache
der Westjavaner, «Westende» und bezeichnet den westlichsten
Zipfel der Insel Java. Hier befindet sich der «Ujung-Kulon-Nationalpark»,
der mit 760 Quadratkilometer Fläche gut viermal so gross
ist wie der Schweizerische Nationalpark. Üppiger tropischer
Regenwald wuchert im Ujung Kulon, grenzt dabei an Sumpflandschaften,
umschliesst Rattan- und Salakdickichte, überdacht Palmen-
und Bambushaine, wird von Flüssen durchzogen und von Mangrovenwäldern
umsäumt. Auf weiten Flächen türmen sich die Kronen
der mächtigen Bäume so durch- und übereinander,
dass sie - in dreissig bis fünfzig Meter Höhe - ein
beinahe geschlossenes Dach bilden. Allüberall winden sich
Schling-, Klimm- und Kletterpflanzen nach oben, ziehen sich Lianen
seilartig von Baum zu Baum, haben sich Farne, Orchideen und andere
Aufsitzerpflanzen im Geäst eingenistet. Die botanische Vielfalt
im Ujung Kulon ist unermesslich.
Hauptgrund für den Schutz des Ujung Kulons war
und ist die Tatsache, dass es vom Javanashorn bewohnt wird, dem
seltensten der weltweit fünf verschiedenen Nashörner.
Bereits 1928 war das Gebiet von den niederländischen Kolonialherren
zum Reservat erklärt worden, weil es den letzten überlebensfähigen
Restbestand dieser grauen Kolosse beherbergte. Die Bewachung
war allerdings zumeist mangelhaft: Die letzten Javanashörner
wurden wegen ihres wertvollen Nasenhorns eines nach dem anderen
gewildert, so dass die Art um 1960 unmittelbar vor der endgültigen
Ausrottung stand. Durch diese fatale Entwicklung wurde der damals
noch junge WWF alarmiert - und er handelte umgehend. Ab 1964
trug er im Rahmen seines Langzeitprojekts Nr. 1518 unter der
engagierten Leitung des Basler Nashornspezialisten Rudolf Schenkel
mit grossem Erfolg zur wirksamen Bewachung des Ujung Kulons und
damit zur Erhaltung der letzten Javanashörner in ihrem angestammten
Lebensraum bei. Deren Bestand vermochte dank dieser Rettungsaktion
von anfänglich etwa fünfundzwanzig auf heute fünfzig
bis sechzig Individuen anzuwachsen.
Natürlich hat nicht nur das Javanashorn vom Schutz
des Ujung Kulons profitiert, sondern mit ihm eine bunte Palette
weiterer einmaliger und teils arg gefährdeter Tierarten,
darunter der Banteng, der Rothund, der Sundalangur, der Riesengleitflieger
und der Silbergibbon, um nur ein paar der grösseren Säugetiere
zu nennen. Längst gilt das Ujung Kulon als eines der besterhaltenen
Naturschutzgebiete Südostasiens. In seiner tierlichen und
pflanzlichen Gesamtheit und Unverfälschtheit ist es wahrhaft
ein Juwel - eine faszinierende tropische Wildnis voll einzigartigen
Lebens.
Mitte der siebziger Jahre erhielt ich vom WWF den
Auftrag, während zweier Jahre erstens die Lebensweise des
javanischen Silbergibbons zu untersuchen und zweitens sein Vorkommen
auf Java und die Chancen für sein Überleben auf der
Insel abzuklären. Den ersten Teil der Studie unternahm ich
im Ujung Kulon, denn mein Einsatz erfolgte im Rahmen des WWF-Projekts
Nr. 1518, und da galt es auch, dem Nationalparkchef bei seinen
vielfältigen Aufgaben zur Seite zu stehen und die Parkwächter
auf ihren entlegenen Posten zu betreuen. Ich tat meine Arbeit
mit grosser Begeisterung und habe viele spannende, lehrreiche
und glückliche Stunden im Ujung Kulon verbracht.
Der zweite Teil meines Auftrags bereitete mir anfänglich
mehr Kummer. Innerhalb weniger Monate sämtliche Urwaldregionen
Javas (die Insel ist mit einer Fläche von 130 000 Quadratkilometern
immerhin dreimal so gross wie die Schweiz) auf das Vorkommen
von Gibbons hin abzusuchen, schien mir eine nicht zu bewältigende
Aufgabe. Ich musste aber meine Meinung umgehend ändern,
als ich die entsprechenden Satellitenaufnahmen in Händen
hielt: Auf den Bildern war von blossem Auge vorerst überhaupt
kein Urwald zu erkennen. Erst mit der Lupe konnte ich ein paar
wenige, über die ganze Insel verstreute Fetzchen ausfindig
machen: insgesamt keine hundert und - wie sich herausstellte
- kaum eines grösser als zehn mal zehn Kilometer, ja die
meisten sogar deutlich kleiner.
Anlässlich meiner Kreuz- und Querfahrt durch
Java, die ich in der Folge auf der Suche nach Gibbons unternahm,
wurde mir dann auch rasch klar, wie es zu der ungeheuren Zerstörung
der Regenwälder gekommen war, die noch vor wenigen Jahrhunderten
weite Flächen der Insel bedeckt hatten. Überall, wo
ich hinkam, auch in den scheinbar entlegensten Gegenden, reihte
sich Dörfchen an Dörfchen und dehnten sich Reis- oder
Gemüsefelder von Horizont zu Horizont. Immer wieder fuhr
ich durch schier endlose Kokos-, Bananen-, Tee-, Gummibaum- und
Teakplantagen. Und die ganze Zeit spielte sich auf und neben
der Strasse ein emsiges Treiben ab: Gemüse schleppende Marktfrauen,
schwere Büffelkarren, palavernde Kinder, auf die Felder
ziehende Bauern, Schubkarren stossende Händler, Lasten buckelnde
Arbeiter usw. säumten das Strassenbord. Es gab kein Gebiet,
das ich auch nur annähernd als «unberührt»
oder «menschenleer» hätte bezeichnen können.
Java ist in der Tat hoffnungslos überbevölkert,
droht förmlich aus den Nähten zu platzen! Im Laufe
dieses Jahrhunderts hat sich das javanische Volk mehr als verdreifacht.
Eng zusammengedrängt leben heute über 110 Millionen
Menschen auf dieser Insel, das sind rund 850 je Quadratkilometer
bzw. fünfmal soviele wie in der Schweiz. Und jährlich
kommen weitere zweieinhalb Millionen hinzu! Ebenso gigantisch
wie ihre Zahl ist selbstverständlich auch der Nahrungsbedarf
der javanischen Bevölkerung. Und das bedeutet logischerweise
- in einem Land, das arm an Industrie ist und somit nicht die
Mittel für den Import von Nahrungsmitteln besitzt - Rodung
der Wälder auf breiter Front zwecks Ausweitung der Landwirtschaft.
So ist der tropische Regenwald auf Java regelrecht «zerhackt»
worden. Von dieser Entwicklung verschont geblieben waren Mitte
der siebziger Jahre nur die paar erwähnten Waldstücke,
denen meine Aufmerksamkeit galt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen
lagen sie als klägliche Überbleibsel auf Bergkuppen
und an steilen Berghängen, wo die Landbewirtschaftung schlecht
möglich war. Und selbst an den Rändern dieser letzten,
längst unter Schutz stehenden Waldreste nagte die land-
und holzhungrige javanische Bevölkerung.
Die Situation der auf Gedeih und Verderb von geschlossenem
Regenwald abhängigen Silbergibbons war natürlich genauso
bedrückend: Wie sich herausstellte, war ihre Population
in zweiunddreissig isolierte Bestände zerrissen - zurückgedrängt
auf kleine bis winzige «Waldinseln», welche weit
verstreut lagen und allesamt von Menschen förmlich eingekreist
waren. In vielen Fällen waren diese Restbestände bereits
dermassen gering, dass allein aufgrund ungenügender genetischer
Vielfalt ihr längerfristiger Fortbestand wenig wahrscheinlich
war. Den Gesamtbestand der langarmigen Affen schätzte ich
auf vielleicht noch 4000 bis 5000 Individuen. Der Silbergibbon,
der nur auf Java vorkommt, war damit als der seltenste und meistbedrohte
von allen Gibbons einzustufen.
Zwanzig Jahre sind seit meiner Erhebung vergangen.
Mehr als eines der letzten Waldstücke dürfte dem Druck
der anwachsenden javanischen Bevölkerung nicht standgehalten
haben, und mehr als einer der letzten Gibbonbestände dürfte
inzwischen erloschen sein. Darüber könnte eine neuerliche
Studie genauer Auskunft geben. Eines weiss ich hingegen aufgrund
meiner regelmässigen Wiederbesuche des prächtigen Ujung-Kulon-Nationalparks
bestimmt: Eine gesunde Population von Silbergibbons (mit geschätzten
neunhundert bis zwölfhundert Individuen ist sie der wohl
grösste zusammenhängende Restbestand der Art) hat im
Ujung Kulon weiterhin eine sichere Zuflucht. Wenigstens sie hat
eine gute Chance, vom Untergang bewahrt zu bleiben - dank des
langjährigen und zielgerichteten Einsatzes des WWF im Rahmen
seines Projekts Nr. 1518.
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