Gibbons: Akrobaten des Urwalds


© 1996 Markus Kappeler
(erschiene
n in «Panda Magazin», Nr. 2/96)


Hängende Langarmaffen

Die Heimat der Gibbons sind die hochwüchsigen, immergrünen Regenwälder Südostasiens und der Grossen Sundainseln. Elf Gibbonarten unterscheidet man im allgemeinen. Zehn von ihnen weisen ähnliche Körpermasse auf; der Siamang hingegen ist etwa doppelt so gross wie seine Brüder.

Die ältere deutsche Bezeichnung «Langarmaffen» deutet auf das gewiss auffälligste Körpermerkmal der Gibbons hin: Ihre dünnen Arme sind zweieinhalbmal so lang wie der Rumpf. Sie dienen der einzigartigen Fortbewegungsweise dieser kleinen und anmutigen Menschenaffen: Gibbons sind hochspezialisierte Schwinghangler, die sich an ihren Armen hängend rasant und mit traumhafter Sicherheit durch das Astwerk des Kronendachs bewegen. Auf dem Erdboden sind sie hingegen sehr ungeschickt und steigen deshalb zeitlebens nicht freiwillig von den Bäumen: Ihr wahrer und einziger Lebensraum ist die oberste Etage des tropischen Regenwalds.

Häufig wird das Schwinghangeln der Gibbons als «Pendeln» von einem Ast zum nächsten beschrieben. Wer jemals miterlebt hat, mit welcher Eleganz und Leichtigkeit sich ein Gibbon im Kronendach des Regenwalds umherbewegt, kann darüber nur den Kopf schütteln. Schliesslich ist das Astwerk im Kronenbereich des Regenwalds alles andere als ein ebenmässiges «Turngerät»; handgerechte und einigermassen horizontale Äste sind nicht ständig in Griffweite, sondern liegen oft meterweit voneinander entfernt und erst noch auf unterschiedlichem Niveau. Nein, die Fortbewegungsweise der Gibbons ist viel spektakulärer: Mit dicht an den Rumpf gezogenen Beinen schwingen sich die Tiere unter einem Ast hindurch und reissen sich kraftvoll an den nächsten heran. Sie lassen los, lange bevor sie einen neuen Griff gefunden haben, und fliegen dann frei durch den Raum. Waagrecht und senkrecht schiessen sie so durchs Geäst, tippen kurz einen Stamm an, um die Richtung zu ändern, schleudern sich plötzlich viele Meter weit durch die Luft in die Krone des nächsten Baums, fassen dort schliesslich einen erhöhten Ast, ziehen elegant die Füsse empor und sitzen dann plötzlich auf dem Baum, als seien sie nie in Bewegung gewesen - und dies nur, um dort genüsslich ein paar Früchte zu essen, die sie entdeckt haben. Gibbons treiben in schwindelnder Höhe ihr Spiel mit der Schwerkraft, wie es sonst höchstens noch waghalsige Trapezkünstler unter der Zirkuskuppel tun. Sie gelten als die vollendetsten Akrobaten, die es unter den Affen je gegeben hat. Ihre Fortbewegungsart kommt dem Flug schon sehr nah.

Aufgrund ihrer bemerkenswerten Fortbewegungsweise, die sie im Verlauf ihrer jahrmillionenlangen Stammesgeschichte entwickelt haben, bewegen sich die Gibbons nicht nur schneller durch den Urwald als jedes andere Säugetier. Sie vermögen auch eine Nahrungsnische zu nutzen, die keinem anderen Tier von vergleichbarer Körpergrösse offensteht: Dank ihrer «hängenden» Lebensweise, der grossen Reichweite ihrer Arme und des verhältnismässig geringen Gewichts können sie das äusserste, dünne Randgezweig der Baumkronen mühelos erreichen und von dort, wo der Baum das beste, nährstoffreichste Angebot bereithält, ihre vorwiegend vegetarische Nahrung beziehen: Mit einem Arm halten sie sich an zwei oder drei dünnen Zweigen fest und können direkt vor ihrer Nase die reifsten Früchte, zartesten Blätter, saftigsten Knospen und schmackhaftesten Blüten pflücken, und auch mal als «Beikost» eine leckere Raupe.

Selbst zum Trinken verlassen die Gibbons im übrigen das Walddach nicht. Um ihren Durst zu stillen, lecken sie regennasse Blätter ab oder tauchen ihren Handrücken in ein Baumloch mit angesammeltem Wasser und saugen dann das nasse Fell aus. Sie sind im übrigen sehr wasserscheu und absolute Nichtschwimmer: In Menschenobhut hat man beobachtet, dass Gibbons, die ins Wasser fielen, kaum Schwimmversuche unternahmen, sondern, da sich ihr dichter Pelz schnell mit Wasser vollsog, praktisch ohne Gegenwehr einfach untergingen. Grössere Wasserläufe stellen deshalb für die Gibbons unüberwindbare Barrieren dar. Hierauf ist das von Flüssen begrenzte «Verbreitungsmosaik» der heutigen elf Gibbonarten zurückzuführen.

 

Kasten

Die Familie der Gibbons (Hylobatidae) umfasst - gemäss dem Standardwerk «Mammal Species of the World» von D.E Wilson & D.M. Reader (1993) - 11 Mitglieder:

1. Siamang (Hylobates syndactylus)

2. Schwarzer Schopfgibbon (Hylobates concolor)
3. Weisswangen-Schopfgibbon (Hylobates leucogenys)
4. Gelbwangen-Schopfgibbon (Hylobates gabriellae)

5. Hulock oder Weissbrauengibbon (Hylobates hoolock)

6. Mentawai-Gibbon oder Biloh (Hylobates klossii)
7. Kappengibbon (Hylobates pileatus)
8. Weisshandgibbon oder Lar (Hylobates lar)
9. Schwarzhandgibbon oder Ungka (Hylobates agilis)
10. Grauer Gibbon oder Borneo-Gibbon (Hylobates muelleri)
11. Silbergibbon oder Java-Gibbon (Hylobates moloch)

Die Kopfrumpflänge beträgt bei Männchen und Weibchen gleichermassen 45 bis 65 cm (Siamang 75 bis 90 cm) und das Gewicht 5 bis 7 kg (Siamang um 11 kg).

 

 

Monogam und melodiös

Alle Gibbons leben in monogamen Familiengruppen - in Gruppen aus einem erwachsenen, fürs ganze Leben verbundenen Paar und dessen Nachkommen also. Da das Weibchen nur alle zwei bis drei Jahre ein einzelnes Kind zur Welt bringt und da die Jungen im Alter von sechs bis sieben Jahren, wenn sie die Pubertät hinter sich haben, ihre Eltern verlassen, besteht eine Gibbonfamilie stets aus höchstens fünf Tieren.

Jede Familiengruppe bewegt sich das ganze Jahr über in einem festen Wohngebiet von dreissig bis fünfzig Hektar Fläche umher, in welchem sie keine fremden Artgenossen duldet. Ferngehalten von diesem Eigenbezirk oder «Territorium» werden umherstreifende Gibbons zur Hauptsache durch Gesänge. Fast täglich - zumeist kurz nach Sonnenaufgang - steigen die beiden erwachsenen Partner auf einen der mächtigen Rufbäume im Revier und stimmen ihren kilometerweit hörbaren Territorialgesang an. Sie machen damit lauthals ihren Besitzanspruch auf das betreffende Waldstück geltend und warnen andere Gibbons davor, hier einzudringen. Dieses akustische «Fernwarnsystem» klappt in der Regel ausgezeichnet, so dass kräftezehrende und verletzungsträchtige Kämpfe mit ungebetenen Eindringlingen kaum je erforderlich sind. In ihrer Funktion sind die Gibbongesänge also mit Vogelgesängen vergleichbar. Männchen und Weibchen singen bei den meisten Gibbonarten gemeinsam. Dabei fügen sie zehn bis zwanzig Sekunden dauernde «Strophen» mit fester, arttypischer «Melodie» zu einem viertel- bis halbstündigen Gesang zusammen. Diese morgendlichen, mit reiner Stimme vorgetragenen Duette sind schon als «die schönste Musik der asiatischen Regenwälder» bezeichnet worden.

Der «Alltag» einer Gibbonfamilie beginnt gewöhnlich schon im ersten Morgengrauen: Um etwa halb sechs Uhr kommt Bewegung in die langarmigen Walddachbewohner, die auf einem ihrer Schlafbäume in Sitzhaltung die Nacht verbracht haben. Sie strecken sich, pflegen sich ein wenig, nehmen Kontakt mit den anderen Familienmitgliedern auf und begeben sich alsbald auf Esswanderung durch das ausgedehnte Revier. Langsam, aber stetig streifen sie umher und finden praktisch auf jedem Baum etwas Essbares. Dabei bewegen sie sich keineswegs als geschlossene Einheit vorwärts, sondern sind oft fünfzig oder gar hundert Meter voneinander entfernt. Auch halten sie sich in unterschiedlicher Waldhöhe auf. Vorübergehend findet die Gruppe zusammen, wenn sie auf einen Baum trifft, der ein reiches Angebot an beliebten Früchten trägt. Solche Bäume scheinen manchmal auch kurzfristig die Richtung des Umherwanderns zu bestimmen. Denn innerhalb ihres Territoriums kennt die Familie jeden Winkel und weiss deshalb stets, wo gerade schmackhafte Früchte zu finden sind, auf welcher Route man sich bei Gefahr am schnellsten in Sicherheit bringt, welche Bäume sich am besten zum Singen eignen und wo man am bequemsten die Nacht verbringt. Neun bis zehn Stunden - unterbrochen von ein paar kürzeren Ruhepausen und einer ausgiebigen mittäglichen Siesta - sind die Gibbons Tag für Tag in den Baumwipfeln unterwegs. Erst am späteren Nachmittag ziehen sie sich jeweils wieder in einen Schlafbaum zurück, um dort die bald hereinbrechende Tropennacht zu verbringen.

Auf den ersten Blick mag es erstaunen, dass die Gibbons fast ihre gesamte Wachzeit für die Futtersuche verwenden. Man sollte doch meinen, dass in den üppigen tropischen Regenwäldern, die sie bewohnen, stets reichlich Futter vorhanden ist. Dies erweist sich jedoch als Trugschluss: Man muss nämlich berücksichtigen, dass in den immergrünen Tropenwäldern nicht alle Bäume gleichzeitig Früchte tragen, sondern dass die verschiedenen Baumarten zu unterschiedlichen Zeiten blühen und fruchten. Auf einer bestimmten Fläche tragen deshalb stets nur einige wenige Bäume Früchte - und um diese herrscht dann zwischen den verschiedenen fruchtessenden Tieren des Regenwalds ein erheblicher Wettstreit. Diese natürliche «Futterknappheit» ist der Grund dafür, weshalb jede Gibbonfamilie ein ausgedehntes Streifgebiet für sich allein benötigt, weshalb die Tiere sich täglich sieben bis acht Stunden der Futtersuche widmen, und weshalb auf ihrem Speisezettel Hunderte von Pflanzenarten stehen, sie also keine wählerischen Kostverächter sein dürfen.

 

Kasten

Wie bei vielen Regenwaldbewohnern besteht bei den Gibbons keine feste Fortpflanzungszeit. Geburten finden somit zu allen Jahreszeiten statt. Das Gibbonweibchen bringt nach einer Tragzeit von siebeneinhalb Monaten jeweils ein einzelnes Kind (höchst selten Zwillinge) zur Welt. Dieses ist anfangs noch spärlich behaart und klammert sich ständig im wärmenden Bauchfell der Mutter fest. So wird es überallhin mitgetragen. Nach vier bis fünf Monaten beginnt es zu hangeln, bleibt aber weiterhin bei grösseren Ortsverschiebungen auf die Hilfe seiner Mutter angewiesen. Erst ein gutes Jahr später beherrscht es das «Handwerk» des Schwinghangelns im Kronendach so weit, dass es eigenständig umherstreifen kann. Zu diesem Zeitpunkt erfolgt auch die Entwöhnung.

Im Alter von sechs bis sieben Jahren erreicht das Gibbonjunge die Geschlechtsreife und löst sich dann von den Eltern. Mitunter findet hierbei eine tatkräftige Vertreibung durch die Eltern statt, und zwar «wirft» der Vater den Sohn und die Mutter die Tochter aus dem Familienrevier hinaus. In der Folge zieht das jungerwachsene Tier auf der Suche nach einem unbesetzten Waldstück oft längere Zeit umher. Findet es ein solches, so lässt es sich nieder und beginnt eifrig zu singen. Durch solche Solo-Gesänge werden andere «heimatlose» Gibbons aus der näheren Umgebung angelockt, von denen sich früher oder später eines als Partner bzw. Partnerin dem rufenden Tier anschliesst. Manchmal kommt es aber auch schon «unterwegs» zur Paarbildung.

Über die Lebensdauer der Gibbons in freier Wildbahn ist kaum etwas bekannt. In Menschenobhut sind einzelne «Langarmaffen» aber schon über dreissig Jahre alt geworden.

 

 

Der Mensch macht ihnen das Leben schwer

Gibbons haben kaum natürliche Feinde. Aufgrund ihres Lebens in den Baumwipfeln hoch über dem Urwaldboden sind sie vor Raubfeinden weitgehend sicher. Allerhöchstens fällt gelegentlich ein unerfahrenes Jungtier einem Nebelparder, einem Python oder einem Adler zum Opfer. Da die Kinder aber ständig fürsorglich von ihren Müttern behütet werden, ist selbst dies sehr unwahrscheinlich. Im Grunde genommen haben die akrobatischen Menschenaffen nur einen Feind zu fürchten: den Menschen.

Hierbei spielt die direkte Verfolgung eine untergeordnete Rolle: Wirksame Handelsbeschränkungen auf internationaler Ebene, gute Zuchterfolge in den zoologischen Gärten sowie ein allgemein verbesserter Vollzug der Artenschutzgesetze im südostasiatischen Raum haben erfreulicherweise dazu geführt, dass den Gibbons heute durch Jagd und Fang keine übermässige Gefahr mehr droht. Ungleich härter trifft sie die in horrendem Tempo voranschreitende Abholzung ihrer Waldheimat. Überall in Südostasien wächst die menschliche Bevölkerung schnell, und sie erfährt derzeit eine enorme zivilisatorische Entwicklung. Daraus resultiert unter anderem ein massiver Erschliessungsdruck auf die letzten Regenwaldgebiete. Auf breiter Front wird gerodet, um Bau- und Brennholz zu gewinnen und Platz für immer neue Pflanzungen und Siedlungen zu schaffen. Zusätzlich beschleunigt wird dieser fatale Prozess durch die Nachfrage der westlichen Welt nach Edelhölzern für alle möglichen und unmöglichen Verwendungszwecke.

Nun wird den Gibbons ausgerechnet das zum Verhängnis, was sie im Lauf ihrer langen Stammesgeschichte zur höchsten Perfektion entwickelt haben und was sie so einzigartig macht: ihr schwinghangelndes Dasein in der obersten Regenwaldetage. Dermassen stark haben sie sich spezialisiert, dass ihre Lebensbedürfnisse heute einzig und allein von immergrünem tropischem Regenwald mit geschlossenem Kronendach gedeckt werden und es ausserhalb dieser reichsten aller irdischen Vegetationsformen kein Überleben mehr für sie gibt. In dem Mass, wie die südostasiatischen Regenwälder verschwinden, verschwinden deshalb auch die Gibbons. Zwar ist es nicht möglich, zuverlässige Angaben über die Grösse der heutigen Gibbonpopulationen zu machen. Unbestritten ist jedoch, dass die Bestände aller neun Arten stark rückläufig sind und wahrscheinlich in den vergangenen zwanzig Jahren gesamthaft um mehr als neunzig Prozent geschrumpft sind. Fünf Gibbonarten stehen bereits in der Kategorie «vom Aussterben bedroht» auf der berüchtigten Roten Liste!

Soviel ist klar: Gibbonschutz heisst Regenwaldschutz. Letztlich wird der Fortbestand der Gibbons davon abhängen, ob es gelingt, grössere Teile der südostasiatischen Regenwälder vor dem zerstörerischen Zugriff durch den Menschen zu bewahren. Einerseits gilt es, grösste Sorge zu tragen zu den bereits bestehenden Schutzgebieten, darunter dem Khao-Yai-Nationalpark in Thailand, dem Taman-Negara-Nationalpark in Malaysia und dem Ujung-Kulon-Nationalpark in Indonesien. Andererseits muss alles unternommen werden, damit weitere grossflächige Regenwaldreservate eingerichtet werden. Hierfür setzt sich der WWF im Rahmen zahlreicher Projekte im ganzen südostasiatischen Raum seit vielen Jahren und mit erheblichen finanziellen und fachlichen Mitteln ein.

Neben den Gibbons, dies soll nicht unerwähnt bleiben, kommen diese Schutzanstrengungen selbstverständlich einer Vielzahl weiterer einmaliger Tierarten zugute, welche für ihr Überleben unausweichlich auf die Existenz der südostasiatischen Regenwälder angewiesen sind, darunter das Sumatranashorn, der Malaienbär, der Schabrackentapir, die Marmorkatze und der Orang-Utan. Und nicht zuletzt würde auf diese Weise gewährleistet, dass die Nachfahren der heutigen Südostasiaten die Gelegenheit erhalten, zumindest einen kleinen Teil des einst unermesslichen natürlichen Reichtums ihrer Heimat zu erben - und dannzumal hoffentlich verantwortungsbewusster zu verwalten.

 

 

Silbergibbons: sichere Zuflucht im Ujung Kulon

«WWF-Projekt Nr. 1518: Indonesien, Ujung-Kulon-Nationalpark.» Welch bedeutsame Arbeit sich doch hinter diesem dürren Vermerk verbirgt! Wer würde zum Beispiel ahnen, dass zwei der seltensten Grosssäuger unseres Planeten ihr Überleben diesem Projekt verdanken?

Ujung Kulon bedeutet auf Sundanesisch, der Sprache der Westjavaner, «Westende» und bezeichnet den westlichsten Zipfel der Insel Java. Hier befindet sich der «Ujung-Kulon-Nationalpark», der mit 760 Quadratkilometer Fläche gut viermal so gross ist wie der Schweizerische Nationalpark. Üppiger tropischer Regenwald wuchert im Ujung Kulon, grenzt dabei an Sumpflandschaften, umschliesst Rattan- und Salakdickichte, überdacht Palmen- und Bambushaine, wird von Flüssen durchzogen und von Mangrovenwäldern umsäumt. Auf weiten Flächen türmen sich die Kronen der mächtigen Bäume so durch- und übereinander, dass sie - in dreissig bis fünfzig Meter Höhe - ein beinahe geschlossenes Dach bilden. Allüberall winden sich Schling-, Klimm- und Kletterpflanzen nach oben, ziehen sich Lianen seilartig von Baum zu Baum, haben sich Farne, Orchideen und andere Aufsitzerpflanzen im Geäst eingenistet. Die botanische Vielfalt im Ujung Kulon ist unermesslich.

Hauptgrund für den Schutz des Ujung Kulons war und ist die Tatsache, dass es vom Javanashorn bewohnt wird, dem seltensten der weltweit fünf verschiedenen Nashörner. Bereits 1928 war das Gebiet von den niederländischen Kolonialherren zum Reservat erklärt worden, weil es den letzten überlebensfähigen Restbestand dieser grauen Kolosse beherbergte. Die Bewachung war allerdings zumeist mangelhaft: Die letzten Javanashörner wurden wegen ihres wertvollen Nasenhorns eines nach dem anderen gewildert, so dass die Art um 1960 unmittelbar vor der endgültigen Ausrottung stand. Durch diese fatale Entwicklung wurde der damals noch junge WWF alarmiert - und er handelte umgehend. Ab 1964 trug er im Rahmen seines Langzeitprojekts Nr. 1518 unter der engagierten Leitung des Basler Nashornspezialisten Rudolf Schenkel mit grossem Erfolg zur wirksamen Bewachung des Ujung Kulons und damit zur Erhaltung der letzten Javanashörner in ihrem angestammten Lebensraum bei. Deren Bestand vermochte dank dieser Rettungsaktion von anfänglich etwa fünfundzwanzig auf heute fünfzig bis sechzig Individuen anzuwachsen.

Natürlich hat nicht nur das Javanashorn vom Schutz des Ujung Kulons profitiert, sondern mit ihm eine bunte Palette weiterer einmaliger und teils arg gefährdeter Tierarten, darunter der Banteng, der Rothund, der Sundalangur, der Riesengleitflieger und der Silbergibbon, um nur ein paar der grösseren Säugetiere zu nennen. Längst gilt das Ujung Kulon als eines der besterhaltenen Naturschutzgebiete Südostasiens. In seiner tierlichen und pflanzlichen Gesamtheit und Unverfälschtheit ist es wahrhaft ein Juwel - eine faszinierende tropische Wildnis voll einzigartigen Lebens.

Mitte der siebziger Jahre erhielt ich vom WWF den Auftrag, während zweier Jahre erstens die Lebensweise des javanischen Silbergibbons zu untersuchen und zweitens sein Vorkommen auf Java und die Chancen für sein Überleben auf der Insel abzuklären. Den ersten Teil der Studie unternahm ich im Ujung Kulon, denn mein Einsatz erfolgte im Rahmen des WWF-Projekts Nr. 1518, und da galt es auch, dem Nationalparkchef bei seinen vielfältigen Aufgaben zur Seite zu stehen und die Parkwächter auf ihren entlegenen Posten zu betreuen. Ich tat meine Arbeit mit grosser Begeisterung und habe viele spannende, lehrreiche und glückliche Stunden im Ujung Kulon verbracht.

Der zweite Teil meines Auftrags bereitete mir anfänglich mehr Kummer. Innerhalb weniger Monate sämtliche Urwaldregionen Javas (die Insel ist mit einer Fläche von 130 000 Quadratkilometern immerhin dreimal so gross wie die Schweiz) auf das Vorkommen von Gibbons hin abzusuchen, schien mir eine nicht zu bewältigende Aufgabe. Ich musste aber meine Meinung umgehend ändern, als ich die entsprechenden Satellitenaufnahmen in Händen hielt: Auf den Bildern war von blossem Auge vorerst überhaupt kein Urwald zu erkennen. Erst mit der Lupe konnte ich ein paar wenige, über die ganze Insel verstreute Fetzchen ausfindig machen: insgesamt keine hundert und - wie sich herausstellte - kaum eines grösser als zehn mal zehn Kilometer, ja die meisten sogar deutlich kleiner.

Anlässlich meiner Kreuz- und Querfahrt durch Java, die ich in der Folge auf der Suche nach Gibbons unternahm, wurde mir dann auch rasch klar, wie es zu der ungeheuren Zerstörung der Regenwälder gekommen war, die noch vor wenigen Jahrhunderten weite Flächen der Insel bedeckt hatten. Überall, wo ich hinkam, auch in den scheinbar entlegensten Gegenden, reihte sich Dörfchen an Dörfchen und dehnten sich Reis- oder Gemüsefelder von Horizont zu Horizont. Immer wieder fuhr ich durch schier endlose Kokos-, Bananen-, Tee-, Gummibaum- und Teakplantagen. Und die ganze Zeit spielte sich auf und neben der Strasse ein emsiges Treiben ab: Gemüse schleppende Marktfrauen, schwere Büffelkarren, palavernde Kinder, auf die Felder ziehende Bauern, Schubkarren stossende Händler, Lasten buckelnde Arbeiter usw. säumten das Strassenbord. Es gab kein Gebiet, das ich auch nur annähernd als «unberührt» oder «menschenleer» hätte bezeichnen können.

Java ist in der Tat hoffnungslos überbevölkert, droht förmlich aus den Nähten zu platzen! Im Laufe dieses Jahrhunderts hat sich das javanische Volk mehr als verdreifacht. Eng zusammengedrängt leben heute über 110 Millionen Menschen auf dieser Insel, das sind rund 850 je Quadratkilometer bzw. fünfmal soviele wie in der Schweiz. Und jährlich kommen weitere zweieinhalb Millionen hinzu! Ebenso gigantisch wie ihre Zahl ist selbstverständlich auch der Nahrungsbedarf der javanischen Bevölkerung. Und das bedeutet logischerweise - in einem Land, das arm an Industrie ist und somit nicht die Mittel für den Import von Nahrungsmitteln besitzt - Rodung der Wälder auf breiter Front zwecks Ausweitung der Landwirtschaft. So ist der tropische Regenwald auf Java regelrecht «zerhackt» worden. Von dieser Entwicklung verschont geblieben waren Mitte der siebziger Jahre nur die paar erwähnten Waldstücke, denen meine Aufmerksamkeit galt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen lagen sie als klägliche Überbleibsel auf Bergkuppen und an steilen Berghängen, wo die Landbewirtschaftung schlecht möglich war. Und selbst an den Rändern dieser letzten, längst unter Schutz stehenden Waldreste nagte die land- und holzhungrige javanische Bevölkerung.

Die Situation der auf Gedeih und Verderb von geschlossenem Regenwald abhängigen Silbergibbons war natürlich genauso bedrückend: Wie sich herausstellte, war ihre Population in zweiunddreissig isolierte Bestände zerrissen - zurückgedrängt auf kleine bis winzige «Waldinseln», welche weit verstreut lagen und allesamt von Menschen förmlich eingekreist waren. In vielen Fällen waren diese Restbestände bereits dermassen gering, dass allein aufgrund ungenügender genetischer Vielfalt ihr längerfristiger Fortbestand wenig wahrscheinlich war. Den Gesamtbestand der langarmigen Affen schätzte ich auf vielleicht noch 4000 bis 5000 Individuen. Der Silbergibbon, der nur auf Java vorkommt, war damit als der seltenste und meistbedrohte von allen Gibbons einzustufen.

Zwanzig Jahre sind seit meiner Erhebung vergangen. Mehr als eines der letzten Waldstücke dürfte dem Druck der anwachsenden javanischen Bevölkerung nicht standgehalten haben, und mehr als einer der letzten Gibbonbestände dürfte inzwischen erloschen sein. Darüber könnte eine neuerliche Studie genauer Auskunft geben. Eines weiss ich hingegen aufgrund meiner regelmässigen Wiederbesuche des prächtigen Ujung-Kulon-Nationalparks bestimmt: Eine gesunde Population von Silbergibbons (mit geschätzten neunhundert bis zwölfhundert Individuen ist sie der wohl grösste zusammenhängende Restbestand der Art) hat im Ujung Kulon weiterhin eine sichere Zuflucht. Wenigstens sie hat eine gute Chance, vom Untergang bewahrt zu bleiben - dank des langjährigen und zielgerichteten Einsatzes des WWF im Rahmen seines Projekts Nr. 1518.





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