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Markus Kappeler
Ujung Kulon
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Insel auf der Insel
«meyers modeblatt»,
18.11.1981,
S. 26-28
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Im Herbst 1981 hat der WWF Schweiz eine Kampagne zum
Schutz von Insel-Ökosystemen im indopazifischen Raum (u.a.
Madagaskar, Seychellen, Siberut, Fidschi, Galapagos) durchgeführt.
Ich habe im Rahmen dieser Kampagne den Bericht «Ujung Kulon
- Insel auf der Insel» verfasst und in der Zeitschrift
«meyers modeblatt» veröffentlicht. Hier der
Wortlaut:
Ujung Kulon - Insel auf der Insel
© 1981 Markus Kappeler / «meyers modeblatt»
Der Urwald ist feucht. Es hat geregnet in der Nacht. Vereinzelt
fallen noch schwere Tropfen, die im Blattwerk hängen geblieben
sind, klatschend zu Boden. Sonst herrscht eine gewaltige Stille.
Es ist dunkel. Der Urwald schläft noch.
Ich bin wieder zurück im Ujung Kulon, dem unter
striktem Naturschutz stehenden westlichsten Zipfel der Insel
Java (Indonesien). Das Gebiet - mit 350 Quadratkilometern rund
doppelt so gross wie der Schweizerische Nationalpark - gilt als
eines der besterhaltenen, urtümlichsten Reservate Südostasiens.
Vom WWF, der seit 1967 durch wissenschaftliche und
finanzielle Hilfe zur Erhaltung des Ujung Kulon beiträgt,
bin ich beauftragt worden, während zwei Jahren die Lebensweise
des javanischen Silbergibbons, des viertnächsten Verwandten
des Menschen, sein Vorkommen auf Java und die Chancen für
sein Überleben zu untersuchen.
Soeben habe ich eine mehrmonatige, beschwerliche Kreuz-
und Querfahrt durch Java hinter mir, die ich zur Abklärung
der Verbreitung der Tiere unternommen habe. Nun habe ich mich
nochmals ins Ujung Kulon begeben, um mich von dem Ort, der für
anderthalb Jahre meine Heimat gewesen ist, und den Menschen,
die mir hier ans Herz gewachsen sind, zu verabschieden. In wenigen
Tagen geht mein Flugzeug.
Heute habe ich mich zusammen mit meinem treuen Helfer
Djuhri noch vor dem Morgengrauen auf den Weg gemacht. Ein letztes
Mal will ich «meine» Gibbons besuchen. Wie die eigentlichen
Menschenaffen besitzen Gibbons keinen äusserlich sichtbaren
Schwanz. Der deutsche Name «Langarmaffe» deutet allerdings
auf ihr wohl auffälligstes Körpermerkmal hin: Die dünnen
Affenarme sind von aussergewöhnlicher Länge und reichen
bei aufrechter Haltung der Tiere bis zum Boden. Sie dienen der
charakteristischen Fortbewegung dieser Dschungelbewohner: Gibbons
sind hochspezialisierte Hangler und Schwingkletterer und gelten
als die vollendetsten Luftakrobaten, die es unter den Affen je
gegeben hat. Auf der Erde sind sie hingegen sehr ungeschickt:
Ihr wahres und einziges Lebenselement sind die Baumkronen des
tropischen Regenwalds.
Gibbons leben in Familiengruppen - bestehend aus dem
erwachsenen Paar und seinen Jungen - und bewohnen feste Territorien.
Frühmorgens geben sie ihre Anwesenheit in ihrem Wohngebiet
und gleichzeitig ihre Bereitschaft, dafür zu kämpfen,
durch laute Rufe kund. Ich hoffe, dass auch heute Gibbons rufen
werden, denn so lassen sich die scheuen Tiere leicht finden.
Vorerst folgen wir im dünnen Strahl unserer Taschenlampen
einem knapp fussbreiten, früher von uns geschnittenen Pfad.
Nur wenige Hindernisse liegen im Weg. Hin und wieder ein vermoderter
Baumstrunk, den wir umgehen oder vorsichtig übersteigen,
denn nicht selten suchen Schlangen hier Unterschlupf.
Allmählich setzt jetzt die Morgendämmerung
ein, und langsam können wir unsere Umgebung erkennen: Links
und rechts des Pfads erheben sich einzelne Bäume zu mächtigen
Riesen von fünfzig Metern Höhe und mehr. Die meisten
von ihnen werden von Wurzelstämmen, andere von Brettwurzeln
gestützt. Sie überragen die tiefer gelegenen Kronen,
welche sich so durch- und übereinandertürmen, dass
sie - in etwa 35 Metern Höhe - ein beinahe geschlossenes
Dach bilden. Durch die in dieser Decke noch verbleibenden Lücken
winden sich Schlingpflanzen nach oben, umklammern die Stämme
und ziehen sich von Baum zu Baum. Und überall haben sich
Farne, Orchideen usw. im Geäst eingenistet.
Dieser mächtige Urwald erstreckt sich über
den grössten Teil des Reservats, grenzt dabei an Sumpflandschaften,
umschliesst Bambusdickichte, überdacht Palmenforste und
Dorngestrüppe, wird von Mangrovenwäldern umsäumt.
Und ebenso vielfältig und aussergewöhnlich
wie die tropische Vegetation ist auch das Tierleben im Ujung
Kulon. Ich habe beobachtet, wie Java-Nashörner - die letzten
dieser Erde - sich im Schlamm wälzen, Leoparden sich an
Hirschferkel heranschleichen, Banteng-Wildrinder im Schatten
des Waldes äsen, Rothunde Jagd auf Muntjak-Hirsche machen,
Sundalanguren in den Wipfeln herumspringen, Riesengleitflieger
durch die Luft segeln.
In seiner Gesamtheit und Unverfälschtheit ist
Ujung Kulon wahrhaft ein Juwel - eine faszinierende tropische
Wildnis voll fremden Lebens. Erst in den letzten Monaten ist
mir dies richtig zu Bewusstsein gekommen: Das Bild, das sich
mir anlässlich meiner Suche nach Gibbons in anderen Teilen
Javas offenbart hat, ist erschütternd!
Der tropische Regenwald auf Java ist im wahrsten Sinne
des Wortes «zerhackt» worden: Weniger als fünfzig
isolierte Urwaldgebiete sind auf der vielzitierten «Grünen
Insel» noch übrig. Der grösste dieser Waldfetzen
misst vielleicht noch 400 Quadratkilometer. Wie ist es zu dieser
ungeheuren Entwaldung Javas gekommen?
Die Holzfällerfirmen westlicher Industrienationen
waschen ihr Hände in Unschuld. Zu Recht, denn ausnahmsweise
haben nicht sie die Misere heraufbeschworen. Nein. Für einmal
trägt die einheimische Bevölkerung selbst die Verantwortung
für den Schaden. Treffender wäre «Überbevölkerung»,
denn Java droht förmlich aus den Nähten zu platzen:
Bei einer jährlichen Zuwachsrate von 2,5 Prozent hat sich
das javanische Volk im Laufe dieses Jahrhunderts verdreifacht.
Heute leben gegen 100 Millionen Menschen auf der Insel, das sind
700 je Quadratkilometer, denn Java ist mit einer Fläche
von 145 000 Quadratkilometern nur 3,5mal so gross wie die Schweiz.
Ebenso gigantisch wie ihre Zahl ist selbstverständlich
auch der Nahrungsbedarf der javanischen Bevölkerung. Und
das bedeutet logischerweise - in einem Land, das arm an Industrie
ist und somit nicht die Mittel für den Import von Nahrungsmitteln
hat - Rodung der Wälder auf breiter Front zwecks Ausweitung
der Landwirtschaft.
Unbarmherzig werden gegenwärtig die letzten Waldreserven
in Angriff genommen. Baum um Baum verschwindet. In wenigen Jahren
wird die üppige Regenwald-Vegetation Javas - und mit ihr
eine einzigartige Tierwelt - endgültig zugrunde gerichtet
sein.
Vollständig? Wer weiss? Eines der noch existierenden
Waldgebiete - Pessimisten prophezeien: das einzige - besitzt
immerhin eine gute Chance, von diesem Schicksal bewahrt zu bleiben:
das Ujung Kulon.
Ein direkt links von uns geäusserter harscher
Ruf holt mich aus meinen tristen Zukunftsvisionen in die Gegenwart
zurück: «ö-ö-ööö»,
mit Akzent auf der ersten und raschem Absinken von Tonhöhe
und Lautstärke auf der letzten Silbe. Nach einigen Sekunden,
während derer Djuhri und ich still verharren, erklingt der
Ruf erneut. Und jetzt sehen wir auch den Urheber aus dem Unterholz
auftauchen. Ein richtiger kleiner «Güggel» ist
es! Und er setzt sich zum Rufen auch in Positur wie ein solcher.
Sein Ruf ist sozusagen die Urform des Krähens unserer Hähne,
und er selbst ist ein Vertreter der Stammform des Haushuhns:
Gallus gallus, das Bankivahuhn. Auch er ist ein Frühaufsteher.
Zielstrebig stolziert er einige Meter vor uns über den Pfad,
ohne uns zu bemerken, und im Nu verschwindet er wieder im Gestrüpp.
Wir verlassen nun den Pfad und bewegen uns querwaldein.
Djuhri macht mich auf den zerfurchten Boden aufmerksam. Wildschweine
haben hier nach Kedongdong-Früchten gesucht; ihr Geruch
hängt noch in der Luft. Die grünen, schweren Steinfrüchte
fallen nicht weit von ihren Mutterbäumen zu Boden. Dort
werden sie von den Tieren gegessen. Ihre Samen passieren aber
den Darm unbeschadet und gelangen so an weit entfernte Standorte.
Die wenigsten Urwaldbäume hier bilden Flugfrüchte aus,
welche durch den Wind verbreitet werden, sondern statten ihre
Samen mit saftigem Fruchtfleisch aus, und die Tiere übernehmen
die Aufgabe der Verbreitung. Das Tier ist vom Wald abhängig,
der Wald vom Tier.
«Wauuu, wauuu, wauuu» durchdringt mit
einem Mal eine klare, volle Stimme die Morgenstille des Waldes.
Ohne uns zweimal zu besinnen, schlagen wir die Richtung nach
jener 200 bis 300 Meter entfernten Stelle ein. Denn wir kennen
den Lauterzeuger; seine wohltönenden, aus tiefster Brust
hervorkommenden Töne sind unverkennbar. Durch dorniges Gebüsch,
durch kleine Rinnsale, über faulendes Blattwerk arbeiten
wir uns darauf zu. Wieder ertönt die mächtige Stimme.
Sie erschallt von dort oben: Ein Gigant von einem Baum erhebt
sich vor uns. Seine Krone steht bereits im warmen Licht der aufgehenden
Sonne.
Die letzten fünfzig Meter bewegen wir uns mit
grösster Vorsicht, um ja nicht bemerkt zu werden. Ein knackender
Ast, ein im Laub knirschender Schritt, das Rascheln eines Busches
könnte das Tier zur Flucht veranlassen. Nur während
der mittlerweile immer häufiger auftretenden Rufe wagen
wir es, vorwärts zu dringen. Endlich befinden wir uns
im Schutz einiger Palmwedel - direkt unter der mächtig ausladenden
Krone.
Aus den anfänglichen Einzelrufen sind nun rhythmisch
geordnete Rufserien geworden. Diese sonderbaren, mit reiner Stimme
vorgetragenen Melodiefetzen dauern jeder etwa fünfzehn Sekunden.
Sie beginnen mit einer Reihe kurzer Rufe, dann folgen einige
langgezogene Töne, welche langsam über etwa zwei Oktaven
nach aufwärts schleifen, und schliesslich endet die «Strophe»
mit einer in hohem Tempo geäusserten Folge kürzester
Wau-Rufe.
Und nun sehen wir das lautgebende Tier auch: Es ist
ein Silbergibbon-Weibchen oder «Owa-owa», wie die
Affen auf javanisch lautmalerisch genannt werden. Wieder und
wieder singt es seine Strophen, und jede ist von einem Schub
heftigen Herumtobens im Geäst begleitet. Einmal mehr bin
ich verblüfft, mit welcher Eleganz und Leichtigkeit es sich
während des Singens von Ast zu Ast schwingt, waagrecht und
senkrecht, scheinbar ohne die geringste Anstrengung, und wie
es schliesslich, gegen Ende der Rufserie, gerade noch einen Ast
packt, die Füsse emporzieht und dann plötzlich auf
dem Baum sitzt, als sei es nie in Bewegung gewesen.
Die Pausen werden nun, nachdem wir dem Schauspiel
während einer guten Vierstelstunde begeistert beigewohnt
haben, zusehends länger, und schliesslich verlässt
das Weibchen den Baumgiganten behende. Gerade sehen wir noch,
wie ihm - von einem entfernteren Baum aus - drei weitere Tiere
folgen, vermutlich sein männlicher Partner und zwei Junge,
welche sich bisher ruhig verhalten hatten. Sicherlich begeben
sie sich nun auf ihre morgendliche Esstour.
Ich habe nicht im Sinn, den Tieren zu folgen, denn
die mir verbleibende Zeit hier im Ujung Kulon ist ohnehin knapp
bemessen. Wir machen uns besser auf den Rückweg. In Gedanken
versunken schreite ich hinter Djuhri her. Wie wird sich die Situation
auf Java entwickeln? Sehr wahrscheinlich wird Ujung Kulon bereits
in wenigen Jahren das letzte Stück unverfälschter Natur
auf Java sein - gleichsam eine Insel auf der Insel. Wird wenigstens
dieses Kleinod dem Druck der um ihre Existenz kämpfenden
javanischen Bevölkerung standhalten? Ganz gewiss wird der
zielbewusste Einsatz vieler notwendig sein, um hier zumindest
dem traurigen Schicksal des tierlichen und pflanzlichen Lebens
auf Java Einhalt zu gebieten.
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