Im Herbst 1981 hat der WWF Schweiz eine Kampagne zum Schutz von Insel-Ökosystemen im indopazifischen Raum (u.a. Madagaskar, Seychellen, Siberut, Fidschi, Galapagos) durchgeführt. Ich habe im Rahmen dieser Kampagne den Bericht «Auf der Suche nach Javas Wäldern» verfasst. Hier der Wortlaut:



Auf der Suche nach Javas Wäldern


© 1981 Markus Kappeler
(erschienen im «Seniorama», Nov. 1981)


Die Sichtweite im dichten Nebel, aus dem das rote Lehmsträsschen auf uns zufliesst, beträgt nur wenige Meter. Wie zwei Wände erhebt sich das triefende Gestrüpp beiderseits des Weges. Blattwerk klatscht gegen die Windschutzscheibe.

Kehre folgt auf Kehre. Immer höher kriechen wir den Berghang hinan, zunehmend steiler wird das unebene, glitschige Strässchen. Ein vermooster Holzsteg kommt. Er führt über einen kleinen, tosenden Bach und - knackt zwar bedenklich, hält aber das Gewicht des vollbepackten Landrovers.

Auf dem flachen Stück dahinter hat sich das Wasser zu einem richtigen kleinen See angesammelt. Mit voller Kraft - um ja nicht steckenzubleiben - prescht der Wagen hindurch. Das Wasser spritzt wie Fontänen. Vergebens. Vom unerwartet tiefen Wasser gebremst, kommt er in der lehmigen Brühe zum Stehen und neigt sich gurgelnd zur Seite.

Wir stecken fest - mitten an der Südflanke des Gunung Slamet, dem schroff aus der zentraljavanischen Ebene auf 3400 Meter aufsteigenden, zweithöchsten Vulkan Javas. Wir - das sind Arif, der ortskundige Naturschutzbeamte vom Marktflecken am Fuss des Vulkans, und ich. Im Auftrag des WWF soll ich während vier Monaten die Verbreitung des javanischen Silbergibbons - jenes «kleinen» Menschenaffen und viertnächsten Verwandten des Menschen - und die Chancen für sein Überleben auf der Insel abklären.

Gibbons sind derart spezialisierte Baumbewohner, dass ihre Lebensbedürfnisse nur gerade von der reichsten aller Vegetationsformen auf unserer Erde, dem tropischen Tiefland-Regenwald, gedeckt werden. Sie kommen deshalb ausschliesslich in diesem Waldtyp vor.

Innerhalb weniger Monate sämtliche Urwaldregionen Javas - mit 145 000 Quadratkilometern immerhin dreieinhalbmal so gross wie die Schweiz - auf das Vorkommen von Gibbons hin abzuklopfen, schien mir eine nicht zu bewältigende Aufgabe, als ich das erste Mal von dem Projekt hörte.

Ich musste aber meine Meinung umgehend ändern, als ich die neusten, von der NASA angefertigten Satellitenaufnahmen der Insel in Händen hielt: Auf den Bildern war von blossem Auge vorerst überhaupt kein Urwald zu erkennen. Erst mit der Lupe konnte ich ein paar wenige, über die ganze Insel verstreute Fetzchen ausfindig machen: insgesamt keine fünfzig und - wie sich herausstellte - kaum eines grösser als 10 mal 10 Quadratkilometer, ja die meisten sogar noch um einiges kleiner.

Wenige Wochen später - als ich meine Arbeit auf Java begann und die ersten Waldstücke aufsuchte - wurde mir auch klar, wie es zu der ungeheuren Zerstörung des Regenwalds, der noch vor wenigen Jahrzehnten weite Flächen der Insel bedeckt hatte, gekommen ist.

Überall, wo ich hinkam ­ auch in den scheinbar abgelegenen, unwirschen Gegenden ­ reihte sich Dörfchen an Dörfchen, dehnten sich bestellte Reis- oder Gemüsefelder von Horizont zu Horizont. Immer wieder fuhr ich durch schier endlose Reihen von Kokos- und Bananenplantagen. Und die ganze Zeit spielte sich auf und neben der Strasse ein emsiges Treiben ab, säumten Gemüse schleppende Marktfrauen, schwere Büffelkarren, in Gruppen palavernde Kinder, auf die Felder ziehende Bauern, Schubkarren stossende Händler und Lasten buckelnde Arbeiter das Strassenbord. Kein Gebiet, welches ich auch nur annähernd als «unberührt» oder «menschenleer» hätte bezeichnen können.

Java ist hoffnungslos überbevölkert! Im Laufe dieses Jahrhunderts hat sich das javanische Volk verdreifacht. Eng zusammengedrängt leben heute gegen hundert Millionen Menschen auf dieser Insel, das sind 700 je Quadratkilometer bzw. fünfmal mehr als in der Schweiz. Und jährlich kommen weitere zweieinhalb Millionen hinzu...

Ebenso gigantisch wie ihre Zahl ist selbstverständlich auch der Nahrungsbedarf der javanischen Bevölkerung. Und das bedeutet logischerweise: Rodung der natürlichen Vegetation und Nutzung des gewonnenen Bodens für die Landwirtschaft.

Von dieser Entwicklung verschont geblieben sind bisher nur die paar wenigen, bereits erwähnten Waldstücke, denen hier meine Aufmerksamkeit gilt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen liegen sie als klägliche Überbleibsel auf Bergkuppen und an steilen Berghängen, welche sich für eine Bewirtschaftung nur schlecht eignen.

Auf meinen Fahrten während der letzten zwei Monate richtete sich mein Auge im übrigen immer wieder auf kahle, zerklüftete Berghänge und auf Flüsse, die ihre - von der mitgeschwemmten Erde - rot, braun oder gelb gefärbten Fluten träge dem Meer zuwälzten, machte mir die zeitweilig fast unerträgliche Hitze zu schaffen.

Denn bereits sind auch die Auswirkungen der enormen Waldzerstörung sicht- und spürbar: Sie hat zu ausgedehnten Bodenerosionsschäden und Störungen des Wasserhaushals und Klimas geführt.

Meine Versuche, den Landrover wieder aus dem Sumpf herauszufahren, haben nichts gefruchtet. Im Gegenteil: Er steckt jetzt noch tiefer im Morast. Wir sind ausgestiegen, um uns die Bescherung anzusehen. Keine Macht der Erde scheint das halbversunkene Vehikel wieder befreien zu können.

«Selamat siang!» - Guten Tag! - lässt uns da eine kräftige Stimme auffahren. Der junge, strahlende Javaner, der des Weges kommt, erkennt unser Problem auf den ersten Blick. Ob er Hilfe holen dürfe, fragt er uns freundlich. Sein Dorf liege keine fünf Minuten weiter oben.

«Ein Dorf in dieser Abgeschiedenheit?» staune ich. Aber nein: Eigentlich überrascht es mich nicht, dass auch hier, mitten am Hang des Vulkans, Menschen leben. Wo nicht auf Java!

Und tatsächlich: Es vergeht keine Viertelstunde, da packt ein Dutzend sehniger Männer an. Sie stemmen, stossen, zerren, hieven den Wagen schliesslich aufs Trockene.

Im Schritttempo fahre ich weiter, begleitet von unseren Rettern. Und nach nur drei weiteren Kehren gelangen wir auch schon in ihr Dorf, das hier auf einer kleinen, recht ebenen Anhöhe liegt. Wie Pfahlbauten stehen die Hütten auf ihren Pfosten. Das Gerüst aus rohen Baumstämmen ist nur mit Lianen verschnürt. Die Wände sind aus Bambusgeflecht, das Dach aus gedörrten Palmblättern. Die Türen und Fenster wurden einfach ausgespart.

Mittlerweile hat sich der Nebel, der den Berg bisher wie ein weisser Schleier verhüllt hatte, im wohligen Licht der Morgensonne aufgelöst. Man hat hier einen wunderbaren Weitblick auf die zantraljavanische Ebene - etwa 1500 Meter unter uns - die durchsetzt ist von Tausenden glitzernder Reisfelder, mit Gruppen von Kokospalmen und Hütten dazwischen, umsäumt in der Ferne von bläulichen Silhouetten schlanker Vulkankegel.

Weit mehr noch erfreut mich aber mein Blick hangaufwärts, an den im Sonnenlicht dampfenden Hang des Vulkan: Kaum 200 bis 300 Meter oberhalb des Dorfs, dort wo der Berghang wieder steil der Spitze zustrebt, steht noch prächtiger, tiefgrüner Urwald.

«Kenal sama owa-owa?» - Kennt ihr die Gibbons? - frage ich die Männer, die uns noch zum Verweilen eingeladen haben und mit denen wir jetzt vor einer Hütte Kaffee trinken und ausgiebig plaudern. Sie lachen. Natürlich kennen sie die Affen: silbergraues Fell, schwarzes Gesicht, kein Schwanz. Jeden Morgen könne man hier ihre Stimmen vom Wald her hören. Und gleich ahmen sie auch die Rufe der Tiere täuschend echt nach.

Später steigen Arif und ich zu Fuss das kurze Stück den Hang hinauf zum Wald, wo wir von einem vielstimmigen Vogelkonzert empfangen werden. Und während wir noch in den Halbschatten der üppigen grünen Welt eintauchen, frage ich mich, welches Schicksal wohl diese letzten, noch unangetasteten Urwaldreste erwartet. Werden auch sie unter dem mächtigen Druck der stetig anwachsenden javanischen Bevölkerung zugrunde gehen?

Noch ist es nicht soweit. Und grosse Anstrengungen seitens der lokalen Naturschutzbehörde sind im Gang, um der vollständigen, unwiederbringlichen Zerstörung dieser prächtigen Regenwald-Vegetation - und mit ihr einer einzigartigen, faszinierenden Tierwelt - in letzter Minute Einhalt zu gebieten. Aber werden die Anstrengungen erfolgreich sein? Werden die Kinder dieser Dorfbewohner noch die Stimmen der diversen Wildtiere nachahmen können?





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