S.J. Blaupot ten Cates Meinung:
eine «Karawane»
Ich habe das Fabeltier gesehen
von S.J. Blaupot ten Cate, Hilterfingen
«Der Tatzelwurm wird seit Jahrhunderten angeblich überall
gesehen, ist aber nie erlegt oder gefangen worden. Sein Habitus
scheint ähnlich einer etwa 3/4 Meter langen dickeren Schlange
mit einer Vielzahl kleiner Füsschen oder «Tatzeln».
Seine Erscheinung ist meistens mit Unheil kündendem Aberglauben
verknüpft, was der exakten Beobachtung wohl geschadet hat.
Denn wer hat schon den Mut, solch ein Höllenvieh genau zu
beobachten oder gar totzuschlagen? Ich kannte diese Fabel seit
meinen jungen Jägerjahren und war natürlich skeptisch.
Aber dann, an einem leider nicht notierten späteren
Frühlingstag in den 1920er Jahre, sah ich selber den Tatzelwurm!
Das war in Kootwijk, Holland, etwa 400 Meter östlich der
neuen reformierten Kirche, am frühen Morgen.
Etwa 40 Meter vor meinem Auto überquerte er die
Strasse: Zirka 3/4 Meter lang, vorne dicker, hinten dünner
auslaufend, aber ohne eigentlichen Schwanz, braun mit schuppenähnlicher
Haut. Das Tier bewegte sich mittels vieler kleiner Füsschen
schnell vorwärts mit einer vertikalen Wellenbewegung, im
Gegensatz zur horizontalen Schlängelung der Reptilien.
Ich hatte das Glück, dass neben der Strasse nur
kurzes Gras wuchs und dass meine Fahrgeschwidigkeit mich auf
wenige Meter Entfernung neben dieses Fabelwesen brachte. Und
da sah ich es aus der Nähe!
Es war eine Hermelinfähe mit ihren vier Jungen,
die - wie bei den ersten Ausflügen mit der Mutter üblich
- sehr eng aufgeschlossen, Kopf am Schwanz des Vordermanns, trabten:
Vorne die grössere Mutter, am Schluss das immer viel kleinere
«Nesthäkchen». Da aus einiger Entfernung kein
Zwischenraum zwischen den Tieren sichtbar war und die Hermeline
ohnehin einen schlanken, schlangenähnlichen Körper
haben, zeigte sich das Ganze wie eine richtige mitteldicke Schlange
mit zwanzig «Tatzeln». Dass ihr Balg vom Tau nass
war, ergab den schuppenähnlichen Eindruck; und die hoppelnde
Gangart der Hermeline ergab für das ganze Gebilde eine «drachenähnliche»
vertikale Motorik.
Mein erster Eindruck von der die Strasse überquerenden
Gesellschaft war jedenfalls: Das ist der Tatzelwurm!
Wenn man bedenkt, dass fast alle Marderarten bei den
ersten Ausflügen mit der Mutter diese eigenartige Fortbewegung
zeigen, dann erklären sich auch die üblichen Beobachtungen
am Tatzelwurm: Die Aggressivität (die Mutter glaubt ihre
Jungen in Gefahr), die fast ausschliessliche Beobachtung im Frühling,
und die Tatsache, dass nie ein Tatzelwurm erbeutet wurde.
Das im «Bund» gezeigte «Balkin»-Bild
von 1935 halte ich für eine Zeitungsente, die der Berliner
Fotograf den Meiringern aufbinden wollte. So etwas lässt
sich leicht machen, wenn man alte Tatzelwurm-Zeichnungen zum
Vorbild nimmt. Ich jedenfalls weiss seit jenem Morgen, was ein
Tatzelwurm in Wirklichkeit ist. Aber die Menschheit glaubt lieber
an ein Fabeltier als an den nüchternen Alltag.»
(in: «Der Bund», 27.4.1985;
als Reaktion auf den am 20.4.1985 im «Bund» veröffentlichten
Tatzelwurm-Bericht von Ueli Halder)
Die Meinungsäusserung von Blaupot
ten Cate trifft leider ins Leere. Denn er ist über den «wirklichen»
Tatzelwurm nicht im Bild. Er orientiert sich an der heute weit
verbreiteten Meinung, der Tatzelwurm sei eine Art «Tausendfüssler»
- ein langgezogenes Gebilde mit einer Vielzahl kleiner Füsschen
oder Tatzeln. Das ist aber falsch. Der «wirkliche»,
im deutschsprachigen Alpenraum heimische Tatzelwurm hat gemäss
zahlreichen Zeugenaussagen in der Regel zwei brustständige
Gliedmassen, gelegentlich gar keine, selten vier. (Ausserdem
wird er nicht «überall gesehen», sondern wie
gesagt im Alpenraum, und auch nicht «fast ausschliesslich
im Frühling», sondern fast immer im Sommer.)
Die nachfolgenden Tatzelwürmer
haben ebenfalls mit dem «klassischen» Tatzelwurm
des Alpenraums nichts zu tun. Sie entspringen der heute in unseren
Köpfen fest verankerten, aber leider irrigen Vielfüssler-Vorstellung.
Ruder-«Tatzelwurm»
Döschwo-«Tatzelwurm»
Fussballer-«Tatzelwurm»
InlineSkate-«Tatzelwurm»
Ins gleiche Horn wie S.J. Blaupot
ten Cate stösst Gustav Renker im folgenden Bericht, der
im «Tier» Nr. 3/1964 erschienen ist:
Der entlarvte Tatzelwurm: Schlange riss auseinander
von Gustav Renker
Wenn ich erzählen würde, ich hätte den Tatzelwurm,
jenes Sagengeschöpf der Alpen, gesehen, dann würde
man mich für einen Phantasten oder Lügner halten. Aber
gleichwohl, ich habe ihn doch gesehen - das heisst, ich habe
eine zoologische Erscheinung gesehen, die wahrscheinlich zur
Entstehung der Tatzelwurmsage sehr viel, wenn nicht die Hauptsache
beigetragen hat.
Meine Aufmerksamkeit wurde von einer seltsamen Bewegung
gefesselt, die etwa dreissig Schritte unter mir das Gras zerteilte.
Mein erster Gedanke war: eine riesige Schlange - so etwas gibt
es hier in den Alpen doch nicht! Kreuzottern und Glattnattern
stellen, abgesehen von Eidechsen, den ganzen Anteil an Kriechtieren
in der Nachbarschaft. Die «Schlange» unter mir war
dick wie ein Handgelenk und fast an die zwei Meter lang, vor
allem aber hatte sie einen kugelrunden Kopf - bei Schlangen eine
Unmöglichkeit! Man musste einfach, ob man wollte oder nicht,
an den «Tatzelwurm» denken, wie er oft nach Angaben
von vermeintlichen Augenzeugen abgebildet wurde. Mit mässiger
Geschwindigkeit, kaum die Schritte eines Fussgängers übertreffend,
schlängelte sich das merkwürdige Geschöpf durch
das Gras.
Da ich mit Schlangen aller Art, auch mit exotischen
Giftträgern, von Jugend auf sehr vertraut bin, vor allem
keine Angst vor ihnen habe und schliesslich auch ein Gewehr trug,
wollte ich mir das Gebilde näher ansehen und ging darauf
zu. Doch kaum dass ich mich von meinem Baumstrunk erhoben hatte,
riss die «Schlange» an verschiedenen Teilen auseinander,
und ihre Bruchstücke verschwanden im Gras. Aber nicht rasch
genug, als dass ich nicht hätte sehen können, um was
es sich handelte. Und die Lösung des Rätsels war denkbar
einfach: eine Wieselfähe war es, hinter der, dicht aufgeschlossen,
fünf oder sechs Junge spazierten, so dass das ganze Gebilde
tatsächlich wie eine Schlange aussah.
Und wenn nun jemand, der sich erstens allzusehr von
der Phantasie leiten lässt und zweitens es nicht wagt, sich
dem vermeintlichen Ungeheuer zu nahen, schwört, er habe
den Tatzelwurm gesehen, so kann man ihn nicht einmal Lügner
nennen; denn er selbst glaubt felsenfest daran.
Dass verschiedene Tiere mit ihren Jungen in geschlossener
Ordnung hintereinander marschieren, kommt nicht nur bei marderartigen
Tieren wie Wiesel und Iltis vor, sondern auch bei der Spitzmaus,
die bekanntlich nicht zu den Mäusen gehört, sondern
zu den Insektenessern. Man kann die Spitzmaus als das kleinste
Raubtier der Welt bezeichnen. In unseren Gärten wirkt sich
ihre Raublust sehr nützlich aus, weil sie nicht nur Schnecken,
sondern auch die schädlichen Wühlmäuse vernichtet.
Sie steht deshalb unter Naturschutz.
Dass sich eine Spitzmausfamilie in Karawanenform bewegt,
wurde schon oft behauptet. Aber erst vor einigen Jahren gelang
es Frau Dr. Zippelius, diesen Vorgang auf die Platte zu bannen.
Das Bild zeigt den «Gänsemarsch» einer Spitzmausfamilie,
die tatsächlich, besonders wenn sie sich rasch fortbewegt,
einer Schlange ähnelt wie der Tatzelwurm, dem ich begegnet
bin. Allerdings erscheinen die in Einerkolonne marschierenden
Spitzmäuse als eine wesentlich kleinere Schlange. Doch die
Täuschung ist hier wie dort dieselbe.
Diese Aufnahme beweist, was bisher so oft bestritten wurde:
dass Spitzmäuse Karawanen bilden. In gleicher Formation
wandern Wiesel- und Iltisfamilien, weichen dabei Hindernissen
aus und «schlängeln» sich so fort. Was sieht
dabei ein etwas ängstlicher Beobachter? Doch wohl die «Schlange»
(den «Wurm») und die vielen «Tatzen»:
fertig ist der Tatzelwurm! (Foto: Dr. Zippelius)
Man möchte fast vermuten, dass sich die Tiere
in Karawanenform bewegen, um Angst einzuflössen und dadurch
sicherer zu sein. Diese Vermutung wurde schon geäussert,
ist aber doch wohl etwas gewagt. Denn woher können Wiesel,
Iltis oder Spitzmaus wissen, dass vor einer Schlange nicht nur
die Menschen, sondern auch viele Tiere zurückschrecken?
Naheliegender schon ist der Gedanke, die Karawanenbildung
verhindere, dass sich die Jungtiere verlaufen, zurückbleiben
und leichte Beute für Gegner werden, die es vor dem ausgewachsenen
Muttertier nicht wagen würden, eines der Kleinen wegzuschnappen.
Bei dieser Vermutung kämen als Feinde in erster Linie Krähen
und Elstern in Betracht, die ein winziges Wieselchen ohne weiteres
rauben könnten, dies aber bei einer ausgewachsenen Wieselfähe
doch nicht wagen.
Aufgeschlossen bleiben, einander im Auge behalten
- das dürfte der Grund der Karawanenbildung mancher Tiere
sein; konnte man diese Art des Wanderns doch auch schon bei Katzen
beobachten. Eine Schafherde folgt zwar nicht immer, aber doch
oft in einer einzigen Linie dem Leithammel. Das gleiche wurde
von den Elefanten berichtet und von manchen Antilopen.
Einer meiner Freunde, der sich Frettchen hielt, um
sie zum Aufstöbern der Wildkaninchen zu verwenden, hat mir
genau erzählt, wie es bei diesen Tieren, sobald sie Junge
hatten, zur Karawanenbildung kam. Solange die kleinen Frettchen
noch hilflos waren und sich nur eher kriechend als laufend fortbewegten,
verrichtete die Alte einen ihr notwendig scheinenden Transport
von einem Lager ins andere genau wie Katzen: Sie packte ihre
Babys am Genick und trug sie ins neue Lager. Können die
Jungen schliesslich ordentlich laufen, dann «lehrt»
die Alte ihnen bald das Marschieren hintereinander. Und zwar
wendet sie geduldig immer wieder den Sprösslingen ihr Hinterteil
zu, bis diese endlich begriffen haben, dass sie sich am Schwanze
festhalten und so den Weg in die böse, gefährliche
Welt antreten müssen.
(in: «Das Tier», Nr. 3/1964)
Anmerken möchte ich, dass das Phänomen
der «Karawanenbildung», welches in den beiden oben
wiedergegebenen Berichten zur Sprache kommt, im Tierreich verschiedentlich
vorkommt, beispielsweise auch beim Gartenschläfer (Eliomys
quercinus) aus der Familie der Bilche. Der Zoologe Hermann
Landois aus Münster, der das Phänomen um1900 als einer
der ersten anhand von Feldspitzmäusen (Crocidura leucodon)
beobachtete und beschrieb, nannte es humorvoll «Indenschwanzbeissungsgänsemarsch».
Ich zitiere hier, was in «Grzimeks Tierleben» (1971)
über die Karawanenbildung bei den Wimperspitzmäusen
(Gattung Crocidura ), zu der auch unsere Hausspitzmaus
(Crocidura russula) und die Gartenspitzmaus (Crocidura
suaveolens) gehören, geschrieben steht:
«Bei Beunruhigung, insbesondere
beim Umzug in ein anderes Nest, versuchen die Jungen sich schon
im Alter von fünf bis sechs Tagen, an dem Fell der Mutter
über der Schwanzwurzel festzubeissen, was ihnen aber erst
in der zweiten Lebenswoche ganz gelingt. Hat ein Kind sich festgebissen,
beisst sich das zweite an dessen Schwanzwurzel an, das dritte
an der des zweiten und so fort. Es entsteht eine Kette von Spitzmäusen
- die Karawane -, an deren Vorderende sich die Mutter befindet.
Setzt diese sich in Bewegung, folgen die Kinder, wobei sie sich
sehr genau nach der Gangart der Mutter richten. Bleibt sie stehen,
stellen sie sogleich ihre Fortbewegung ein, geht sie weiter,
folgen sie wieder mit der gleichen Geschwindigkeit. (...) Die
Jungen sind so fest verbissen, dass man die ganze Karawane am
Schwanz des letzten hochheben kann, ohne dass die Kette zerreisst.»
Rolf Dwenger beschreibt in «Das
Tier» Nr. 8/1977 unter dem Titel «Das seltsame Wochenbett
der Spitzmaus» das Karawanenverhalten folgendermassen:
«Im Alter von fünf Tagen begann den Jungen
ein dunkelgraues Haarkleid zu wachsen, und schon am Tage darauf
waren sie imstande, ihrer Mutter zu folgen. Dazu biss sich das
erste von ihnen an der mütterlichen Schwanzwurzel fest,
das nächste an des des Geschwisterchens und so fort, bis
sich eine regelrechte Karawane gebildet hatte, die sich wie eine
Schlange dahinbewegte. Ging ein Junges unterwegs verloren, kehrte
das Alttier sofort um und half ihm, den Anschluss wiederzufinden.
Bei Gefahr packte sie ihre Jungen einzeln mit dem Gebiss und
brachte sie in Sicherheit. Erst im Alter von 13 Tagen konnten
die Jungen sehen, und weitere drei Tage später begannen
sie, selbständig Nahrung aufzunehmen.»
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