Einleitung:
Meine Sicht des Tatzelwurm-Phänomens
Im deutschsprachigen Alpenraum -
in der Schweiz, in Östereich, in Bayern und im Südtirol
- ist von alters her immer wieder die Rede von einem «Tatzelwurm»,
das heisst einem schlangenartigen Wesen («Wurm»)
mit (im Allgemeinen) zwei brustständigen, kurzen Füssen
(«Tatzen»). Die Grösse des Tiers wird gewöhnlich
mit einem halben bis einem Meter angegeben, sein Umfang mit oberarm-
bis schenkeldick.
Dies mag als grobe Definition
des «Tatzelwurms» gelten, mit dem ich mich auf diesen
Seiten befassen möchte. Es geht hier also nicht
1. um all die grossgewachsenen,
geflügelten, feuerspeienden «Drachen», vor denen
sich die Menschen des Mittelalters so fürchteten (darunter
die aus dem Ei eines älteren Hahns schlüpfenden «Basilisken»),
2. auch nicht um den «Haselwurm»
oder die «Krönleinschlange», jenen sagenhaften
«Schlangenkönig» mit dem goldenen Krönchen,
3. und es geht nicht um einen
«Tausendfüssler» - ein lang gezogenes Gebilde
mit zahlreichen Gliedmassen (Beinen, Kufen, Rädern usw.),
wie wir dies im heutigen Sprachgebrauch zumeist meinen.
Nicht sie sollen das Thema dieser
Seiten sein, sondern allein der Tatzelwurm, wie er z.B. im folgenden
Zitat unter der Bezeichnung «Stollenwurm» umschrieben
wird:
«Von Unterseen weg bis
(...) herrscht der beynahe allgemeine Glaube, dass zuweilen nach
einer schwülen Hitze, und wenn sich das Wetter bald zu ändern
droht, sich eine Art von Schlangen (...) mit einem fast runden
Kopf (...) und mit kurzen Füssen (...) sehen lasse, welche
die Einwohner, denen eine Schlange überhaupt ein Wurm, und
ein dicker Fuss ein Stollen ist, daher auch Stollenwürmer
heissen. (...) Über die Zahl der letzteren (Füsse)
waren sie indessen nicht immer einig, doch sprachen die Glaubwürdigsten
(...) stets nur von zwey. (...) Über die Länge des
Thiers stimmten sie auch nicht immer zusammen überein, so
wenig als über seine Dicke oder Stärke. Jene geben
sie von ungefähr 3 bis 6 Fuss an, und diese vergleichen
sie bald mit dem Arm und bald mit dem Schenkel eines starken
Mannes.» (aus: Samuel
Studer «Über die Insekten dieser Gegend und etwas
vom Stollenwurm», in: F.N. König «Reise in die
Alpen», Bern, 1814)
Sieht man alte bis sehr alte zoologische
Werke durch, so zeigt sich, dass in den frühen Werken -
beispielsweise im «Tierbuch», «Vogelbuch»
und «Fischbuch» des Zürcher Gelehrten Conrad
Gessner (1551/1587) oder in der «Naturgeschichte der Tiere»
des schlesischen Adeligen Johann von Johnston (1650) - reale
Tiere und Fabelwesen einträchtig nebeneinander beschrieben
und abgebildet sind. So widmet Gesner der Sphinx und dem Einhorn
ebenso umfangreiche Kapitel wie dem Wolf oder dem Elefanten.
Ausgiebig wurde dabei auf die «Historia Naturalis»
von Gaius Plinius dem Älteren (23-79 n.Chr.), also der enzyklopädischen
Darstellung des naturwissenschaftlichen Wissens der Antike, zurückgegriffen,
welche 1469 erstmals in gedruckter Form erschien.
Mit der Erkundung der Welt durch
die frühen Seefahrer und dem vielfältigen Wissen, das
die mitfahrenden Naturforscher heimbrachten, änderte sich
das Welt- und Naturbild in der Folge schnell und erheblich. Die
Naturgelehrten machten den Naturwissenschaftlern Platz, die sich
von nun an mit Fakten und nicht mehr mit Sagen befassten. Die
Fabeltiere - also jene Tiere, die in Wirklichkeit nie existiert
haben, sondern der menschlichen Phantasie entsprungen sind -
wurden aus der Zoologie verbannt.
So widmet beispielsweise der
St. Galler Naturforscher Friedrich von Tschudi in seinem 1854
erschienenen Standardwerk «Das Thierleben der Alpen»
den «fabelhaften Schlangen» - das heisst den «Lindwürmern
und Drachen, welche harmlose Bauern wie Zuckerbrod wegfrassen
und ganze Heerden verschlangen», diesen «Unholden,
die bald Flügel, bald Klauenfüsse und Ringelschwänze,
bald feuersprühende Augen und Rachen» hatten - nur
widerwillig ein paar Zeilen. Und hält zum Schluss trocken
fest: «Unseren Naturforschern ist es noch nicht gelungen,
Skelette oder sichere Spuren solch grosser Schlangen aus der
geschichtlichen Zeit in unserem Lande aufzufinden - und es wird
auch nicht gelingen.»
Alfred Edmund Brehm erwähnt
in seiner 1864-1869 erschienenen Erstausgabe des «Illustrirten
Thierlebens», in welcher er alles daran setzte «den
althergebrachten Schlendrian zu verlassen und der Thatsächlichkeit
Rechnung zu tragen», die Drachen und anderen Fabeltiere
sogar konsequent mit keinem Wort.
Mit der Verbannung aus der Zoologie
starben die Einhörner, Sphinxe, Meerjungfrauen, Drachen
und vielgestaltigen anderen Fabeltiere tatsächlich schnell
aus. Lebendig blieben sie noch in Legenden, Sagen, Märchen;
zu Begegnungen mit Menschen in der realen Welt kam es hingegen
nicht mehr.
Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen.
Eine davon ist, in unserer Region, der Tatzelwurm. Mit merkwürdiger
Regelmässigkeit bezeugten im 19. und im 20. Jahrhundert
immer wieder andere Leute, dass sie dem Tatzelwurm begegnet seien
- ungeachtet ihres Wissens, dass es dieses Tier in unserer modernen,
aufgeklärten Welt eigentlich nicht mehr geben darf. Dies
allein macht hellhörig.
Aufhorchen lassen aber noch
verschiedene weitere Dinge:
1. Die Berichte stammen nicht
«fast durchwegs von Bauern, Jägern, Hirten, Holzknechten
sowie deren Frauen und Kindern», also «primitiven,
von vornherein zu abergläubischen Vorstellungen neigenden,
wenig kritisch eingestellten Personen», wie dies Joseph
Meixner in seiner Stellungnahme in der «Neuen Zürcher
Zeitung» vom 5.6.1935 behauptet. Sondern es befinden sich
verschiedene Zeugnisse so genannt «ehrenwerter» Personen
darunter, die gewiss auf ihren guten Ruf bedacht waren - und
gleichwohl zu ihren Aussagen standen. Zu nennen sind etwa die
Meraner Malerin Ada von der Planitz (1894), der Hofrat Dr. A.
von Drasenovitch («einer der führenden steirischen
Waidmänner», 1907) oder der Telegraphen-Amtsdirektor
Hans Eggenreiter aus Hallstadt (1929).
2. Viele Berichte stammen aber
- logischerweise - tatsächlich von «Bauern, Jägern,
Hirten, Holzknechten sowie deren Frauen und Kindern». Im
Gegensatz zu Joseph Meixner bin ich aber keineswegs der Auffassung,
dass «primitive, von vornherein zu abergläubischen
Vorstellungen neigende, wenig kritisch eingestellte Personen
bei ihrem Erschrecken das Grössen- und Formverhalten des
plötzlich in ihr Gesichtsfeld Tretenden nicht scharf erfassen
können» und dass dies «die Voraussetzung (ist)
für ihre zum Teil unrichtige und übertriebene Berichterstattung».
Ich habe viele Monate im Regenwald von Java mit «Eingeborenen»
verbracht, welche teils weder lesen noch schreiben konnten und
deren animistisches Weltbild von zahlreichen Fabelwesen belebt
war. Ihre Wahrnehmung der realen Natur war dennoch stets höchst
präzis, ihre Beobachtungsgabe für meine Arbeit von
grösstem Wert.
3. In seinem Werk «Das
Thierleben der Alpenwelt» verneint Friedrich von Tschudi
zwar die Existenz von Lindwürmern und Drachen ganz überzeugt.
Gleich nach dieser Stellungnahme folgt jedoch der folgende Abschnitt
über den Stollenwurm (=Tatzelwurm):
«Im Berner Oberlande und
im Jura findet man noch heute allgemein den Glauben verbreitet,
dass es «Stollenwürmer» gebe, das heisst 3-6
Fuss lange, dicke Schlangen mit zwei kurzen Füssen, die
nur bei anhaltender Trockenheit vor Eintritt des Regenwetters
zum Vorschein kämen, und viele rechtschaffene und glaubwürdige
Leute betheuern, solche Thiere selbst gesehen zu haben.Wirklich
fand auch im Jahr 1828 ein Solothurner Bauer in einem vertrockneten
Sumpfe ein ähnliches todtes Thier und legte es bei Seite,
um es zu Professor Hugi zu bringen. Inzwischen frassen es aber
die Krähen halb auf. Das Skelett kam nach Solothurn, wo
man aber nicht klug daraus wurde, und wanderte dann nach Heidelberg,
ohne dass man über sein Schicksal etwas Weiteres erfuhr.»
Interessanterweise enthält
sich Tschudi jeglichen Kommentars hierzu - was meiner Meinung
nach nur bedeuten kann, dass er zwar geneigt war, an die Existenz
der Stollenwürmer zu glauben, jedoch seinen Ruf als «Naturforscher
von Fach» nicht aufs Spiel setzen wollte.
4. Bei den meisten Fabeltieren
handelt es sich um grosse, eindrucksvolle Wesen mit oftmals auffälligen
Körperanhängen wie Flügeln und Hörnern, nicht
selten auch mit Menschenkopf. Das ist beim Tatzelwurm überhaupt
nicht der Fall: Er ist im Gegenteil recht klein, plump gebaut
und von unscheinbarer, schmutzig-weisser Farbe. Er riecht unangenehm,
er hat einen stechenden Blick, er zischt und er greift unter
Umständen an. Das ist meiner Meinung nach schlicht zu wenig
«fabelhaft».
5. Der Tatzelwurm trägt
in ein und derselben Sprachregion ganz verschiedene Namen, u.a.
«Stollenwurm», «Bergstutz», «Bisamkatze»
und «Springwurm». Hierbei handelt es sich nicht um
(Dialekt-)Varianten, die auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgehen,
sondern es wird je nach Region die eine oder andere Eigenschaft
des Tatzelwurms hervorgehoben. Das kann meiner Meinung nach nur
bedeuten, dass das Tier zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen
Orten von verschiedenen Leuten tatsächlich beobachtet und
in der Folge benannt wurde. Bei einem Fabeltier, dessen Geschichte
einmal erfunden und dann immer weiter erzählt wird, gäbe
es diese Namenvielfalt kaum.
Ich komme zu einem ähnlichen
Schluss, wie die verschiedenen Tatzelwurmforscher, deren Berichte
im nebenstehenden Verzeichnis zu finden sind: Nach dem Eliminieren
aller Augenzeugenberichte, die vermutlich auf Verwechslungen
und Phantastereien beruhen, bleibt eine ganze Anzahl glaubwürdiger
Beobachtungen übrig, welche die Existenz des Tatzelwurms
- und damit eines bisher von der Wissenschaft nicht beschriebenen
Alpenwildtiers - annehmen lassen. «Diese 65 Geschichten
können unmöglich alle aus der Luft und Phantasie genommen
sein», schreibt beispielsweise Jakob Nicolussi nach der
Sichtung aller ihm zur Verfügung stehenden Berichte über
Begegnungen mit Tatzelwürmern.
Ähnlich wie Jakob Nicolussi
würde ich den Tatzelwurm aufgrund seiner äusseren Erscheinung,
seines Lebensraums und seines Verhaltens - so wie dies aus den
verschiedenen Augenzeugenberichten hervorgeht - am ehesten in
der Verwandtschaft der Echsen ansiedeln. Ob es sich um einen
europäischen Verwandten der neuweltlichen Krustenechsen
handelt, wie Nicolussi vorschlägt, sei dahingestellt. Meiner
Meinung nach hat Nicolussi der angeblichen Giftigkeit und dem
aggressiven Wesen des Tatzelwurms zu viel Beachtung geschenkt.
Ich füge hier nebst einem
Bild der Gila-Krustenechse je ein Bild der Stutzechse und der
Handwühle an. Letztere beiden kommen den von den Tatzelwurm-Augenzeugen
gemachten «Phantombildern» in ihrer Gestalt eher
näher als die Gila-Krustenechse. Ich will damit nicht andeuten,
dass dies weitere Kandidaten für die Verwandtschaft des
Tatzelwurms sind. Vielmehr möchte ich zeigen, dass sich
der Einfallsreichtum der Natur gerade bei der Echsenverwandtschaft
als unglaublich erweist. Warum also soll es sich beim Tatzelwurm
nicht um eine eigenständige Entwicklung der Kriechtierfauna
des Alpenraums handeln?
Gila-Krustenechse oder Gilatier
(Heloderma suspectum)
«Durch unangenehmen Geruch
und heimtückisches Wesen - sie ging sogar, wenn sie gestört
wurde, unvermutet zum Angriff über und schnappte wütend
nach dem Ruhestörer, wobei ihr der Geifer tropfenweise aus
dem Maule lief - verdarb es die Echse ganz mit ihrem Pfleger
(...).» (aus: «Brehms
Tierleben», 4. Aufl., 1920)
Stutzechse oder Tannenzapfenechse
(Trachysaurus rugosus =Tiliqua rugosa)
«Ist (...) im Anfang der
Gefangenschaft geneigt, von ihrer nicht unbeträchtlichen
Kieferkraft Gebrauch zu machen, lässt auch im Zorn ein Zischen
oder Fauchen hören. Das Tier (...) ist bereits recht selten
geworden, da es für giftig gehalten und unbarmherzig totgeschlagen
wird.» (aus: «Brehms
Tierleben», 4. Auflage, 1920)
Handwühle (Chirotes
canaliculatus = Bipes canaliculatus)
«Sie hat kurze, aber kräftige
Vorderbeine mit wohlentwickelten Händen, die zum Graben
oder Klettern benutzt werden. (...) In den Kiefern stehen spitze,
ungleiche Zähne. Über ihre Lebensweise wissen wir nichts.»
(aus: «Brehms Tierleben»,
4. Aufl., 1920)
Ein - leider schlagendes - Argument
spricht von jeher und bis auf weiteres gegen die Existenz des
Tatzelwurms: das Fehlen eines Tatzelwurmskeletts. Das einzige
bekannt gewordene Skelett - das von Friedrich von Tschudi erwähnte
- stammte nicht nur von ausserhalb des Alpenraums (aus dem Kanton
Solothurn) und aus einem untypischen Lebensraum (einem vertrockneten
Sumpf), sondern es ist überdies seit 1828 irgendwo zwischen
Solothurn, Heidelberg und Leipzig verschollen...
Nun ist zwar neuerdings folgendes
Bild eines Tatzelwurm-Skeletts aufgetaucht:
Doch darauf fallen wir nicht rein.
So sind wir also letztlich keinen
Schritt weiter als die Naturforschende Gesellschaft Bern, welche
um 1810 eine Belohnung «von 3-4 Louis d'or für den
ersten lebendigen oder todten, grossen oder kleinen, wahren Stollenwurm,
den man uns nach Bern bringen würde» ausgesetzt hatte.
Und wir sind auch nicht weiter als die Schriftleitung der «Berliner
Illustrirten Zeitung», welche 1935 «eine Belohnung
von 1000 Mark» in Aussicht stellte für den, «der
als erster den Tatzelwurm einem wissenschaftlichen Institut zur
Untersuchung einliefert.»
Immerhin gibt es aber heute
das World Wide Web! Und indem ich diese Seiten hier veröffentliche,
findet sich vielleicht jemand, der dieser Sache mit Engagement,
Kamera und Schlangenfängerausrüstung auf den Grund
zu gehen gewillt ist - und womöglich in einer unwegsamen
Geröllhalde zuhinterst in einem stillen Seitental des Südtirols
die grösste Echse Europas ausfindig macht!
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