Ueli Halders Bericht über den Tatzelwurm


Ueli Halder schrieb 1984 den nachfolgenden, bisher unveröffentlichten Bericht über den Tatzelwurm. Die Zusammenstellung der Fakten, die aus seiner ausgedehnten Recherche hervorgingen, ist sehr lesenswert. Leider lässt er sich nicht zu einer persönlichen Stellungnahme hinreissen, sondern überlässt das Urteil über das - wie er selbst sagt - «im Grenzbereich zwischen Dichtung und Wahrheit, Spass und Ernst, Zoologie und Volkskunde angesiedelte» Tatzelwurm-Thema letztlich dem Leser.




Der Tatzelwurm: Mythos oder Wirklichkeit ?

von Dr. Ueli Halder


Vor rund fünfzig Jahren, im April 1935, ging die sensationelle Meldung durch die Presse, bei Meiringen im Haslital sei der sagenhafte Tatzelwurm gesehen und fotografiert worden. Damit war die Diskussion um dieses geheimnisvolle Alpenmonster in Öffentlichkeit und Fachkreisen neu entfacht - und sie ist seither nie mehr ganz verstummt.

Existiert der Tatzelwurm? Wir sind der Frage im allgemeinen und der Meiringer Tatzelwurm-Affäre im besonderen nachgegangen, zitieren aus alten und neueren Dokumenten - und überlassen im übrigen das Urteil dem Leser.


* * *


Im April 1935 erschien im Meiringer Lokalblatt «Der Oberhasler» ein Artikel unter dem sonderbaren Titel «Das Wunder von Loch Ness in Meiringen?». Darin hiess es:

«Ein neues Tierwunder erregt gegenwärtig in der deutschen Reichshauptstadt grosse Sensation. Laut der 'Berliner Illustrierten Zeitung' soll es einem ihrer Fotografen namens Balkin gelungen sein, in der Schweiz, genauer in der Gegend von Meiringen, den Tatzelwurm, dieses geheimnisvolle Tier der Alpenwelt, zu knipsen. Besagte Zeitung veröffentlicht in ihrer jüngsten Nummer ein fast ganzseitiges Bild dieser rätselhaften Begegnung. Das Tier, von dem man nur die vordere Hälfte sieht, kann man schwerlich mit einem anderen bekannten Tier vergleichen. Es hat ein Maul wie ein Haifisch mit spitzen, furchterregenden Zähnen, eine Nase ähnlich wie ein Affe mit seitwärts tief im Kopf liegenden, geschlitzten Augen.»

Den Bericht des Berliner Fotografen zitierend, fährt der Artikel im «Oberhasler» fort:

«In der Gegend von Meiringen, ungefähr halbwegs nach Innertkirchen, abseits der Strasse, suchte er (Balkin) nach einem Motiv für seine Kamera. Dabei fiel sein Blick plötzlich auf ein merkwürdiges Gebilde, welches in einer kleinen Bodenvertiefung lag, das er für einen seltsam geformten Baumstamm hielt. Wie er näher kam, zweifelte er jedoch, dass dieses 'Wesen' ein Holzstück oder ein Tier sei. Er packte seinen Apparat und drückte ab, wobei das Knacken des Verschlusses bewirkte, dass der vermeintliche Baumstamm sich plötzlich bewegte und ihn mit durchdringenden, hellen Augen bösartig anstierte. Das Tier machte Miene, auf ihn loszugehen und zischte dabei wie eine Schlange. Der Anblick soll so furchterregend gewesen sein, dass er schleunigst Reissaus nahm. Er schildert das Tier als unheimlich aussehend, etwa 80 Zentimeter lang und von circa 25 Zentimeter Durchmesser und richtiggehenden Vorderfüssen. Das Tier sei braun mit hellen Flecken. Einwohner von Meiringen, so berichtet der Verfasser weiter, hätten ihm erzählt, dass im Volksmund das Fabeltier, der 'Tazelwurm', noch existiere und man es früher in der Umgebung beobachtet habe. Die 'Berliner Illustrierte Zeitung' organisierte auf diese Nachricht hin eine kleine Expedition nach dem erwähnten Ort. Es wäre tatsächlich ein grosses Verdienst, wenn dieses neue 'Weltwunder' dem Hasli auch nur einen Bruchteil von dem Reklameerfolg des Loch-Ness-Wunders bewirken könnte.»

(aus: Der Oberhasler Nr. 32/18.4.1935)


* * *


Tatzel- Füessel-, Stollenwurm: Manche der aufgeführten und viele weitere in der Literatur zu findende Namen verraten Merkmale und Eigenschaften dieses «Tierwunders». So bezeichnen Ausdrücke wie Tazel-, Tatzl-, Tazzel-, Daazl-, Pratzl-, Praatzel- und Füesselwurm offenbar eine Schlange (Wurm, gelegentlich auch Beisswurm) mit auffälligen, wenn auch stark reduzierten Gliedmassen (Tazen, Pratzen). Von der runden Kopfform leiten sich wohl die Namen Stein-, Garten-, Bisamkatze her. Letztere Bezeichnung weist zudem auf einen starken Geruch hin - ebenso wie die Namen Bisamwurm, Moschusschlange, schmeckender (auch: schmeckete oder schmöcketen) Wurm. Namen wie Berg- oder Birgstutz, Natternstutz und Waldstutz mögen die gedrungene, hinten gleichsam abgestutzte Gestalt zum Ausdruck bringen. Waldstutz, ebenso wie Heuwurm und Legernwurm (Legern = Legföhren) dürften auf beliebte Aufenthaltsorte hinweisen. Springwurm schliesslich bezieht sich auf das sprungartige Vorwärtsschnellen des Tiers, noch allgemeiner vielleicht auf die erstaunliche Behendigkeit und Angriffslust des Tiers - Eigenschaften, die von Augenzeugen immer wieder berichtet werden:

«Den seither verstorbenen Liesenwirt zu Uttendorf im Pinzgau hat vor vielen Jahren auf der Pömbachalm im Felbertal ein Tazelwurm verfolgt, und nur dadurch dass er den steilen Hang waagrecht auslief, konnte er sich retten. Denn so gut diese Tiere bergauf und bergab springen können, beim Seitwärtslaufen auf den steilen Berghängen rollen sie ab, weil sie hinten keine Füsse als Stütze haben.»

Und:

«Desgleichen habe im Pinzgau ein Mädchen beim Heumachen mit dem Rechen einen Tatzelwurm aufgestöbert, derselbe sei das Mädchen angesprungen und habe es getötet.»

(aus: K. Meusburger «Etwas vom Tatzelwurm». Der Schlern, Bd. 12/1931)

Auch der in Unterkärnten gebräuchliche slawische Name Psokok soll Springer bedeuten. Schwieriger zu deuten sind dagegen Bezeichnungen wie Büffel (Ennstal), Stork (Steyrtal), Smuch (Rumänien) oder Allergorhai/Horhai, der sagenhafte Tatzelwurm der mongolischen Wüste Gobi - falls alle diese Namen tatsächlich ein und dasselbe Wesen beschreiben.


* * *


«In der Halle des Hotels treten sechs Mann an. (...) Es sind kräftige Männer, Eingeborene des Ortes Meiringen. Sie haben sich zur Verfügung gestellt, um den Tatzelwurm zu suchen. (...) Sie stehen mit klugen Gesichtern in der Halle und harren der Dinge, die nun kommen sollten. (...) Ich übergab den Männern die Tatzelwurm-Aufnahme unseres Fotografen und forderte sie zunächst auf zu erklären, ob sie ein ähnliches Tier irgendwo und irgendwann einmal gesehen hätten. Sie besahen sich die Fotografie lange und aufmerksam, sie staunten zuerst, dann lächelten sie freundlich, und schliesslich erklärten sie bestimmt, ein solches Tier noch nie gesehen zu haben. Herr Balkin, der Fotograf, der hinter mir stand, murmelte durch die Zähne: 'Dann freut euch, ihr lieben Kinder!'»

(aus: Hans Rudolf «Der Tatzelwurm - das geheimnisvolle Fabeltier der Alpenwelt zum ersten Mal fotografiert?» Berliner Illustrirte Zeitung, Nr. 16/April 1935)


* * *


Die Meiringer Tatzelwurm-Suche von 1935 ist so abwegig nicht, hat doch dieses Tier nach Friedrich von Tschudi durchaus auch seine Schweizer Geschichte:

«Vor Alters wimmelte es in unserem Lande von ungeheuren und schauderhaften Schlangen; Lindwürmer und Drachen, welche harmlose Bauern wie Zuckerbrod wegfrassen und ganze Heerden verschlangen, bewohnten nicht nur das Drachenloch und den Pilatus, sondern hundert Thäler und Schluchten aller Berge. (...)

J.J. Wagner (erzählt uns) in seiner 'Historia naturalis Helvetiae curiosa' aus dem 17. Jahrhundert eine Menge angeblich verbürgter Geschichten von dem Vorkommen von Drachen, die er ordentlich und ernsthaft in geflügelte, befusste und fusslose eintheilt. (...)

Im Berner Oberlande und im Jura findet man noch heute allgemein den Glauben verbreitet, dass es 'Stollenwürmer' gebe, das heisst 3-6 Fuss lange, dicke Schlangen mit zwei kurzen Füssen, die nur bei anhaltender Trockenheit vor Eintritt des Regenwetters zum Vorschein kämen, und viele rechtschaffene und glaubwürdige Leute betheuern, solche Thiere selbst gesehen zu haben.

Wirklich fand auch im Jahr 1828 ein Solothurner Bauer in einem vertrockneten Sumpfe ein ähnliches todtes Thier und legte es bei Seite, um es zu Professor Hugi zu bringen. Inzwischen frassen es aber die Krähen halb auf. Das Skelett kam nach Solothurn, wo man aber nicht klug daraus wurde, und wanderte dann nach Heidelberg, ohne dass man über sein Schicksal etwas Weiteres erfuhr.»

(aus: Friedrich von Tschudi «Das Thierleben der Alpenwelt» Leipzig 1854)

Wohl als erster Schweizer berichtet der Berner Naturforscher und Volkskundler Samuel Studer (1757-1834) über den Stollenwurm. In seinem 1814 verfassten Beitrag «Über die Insekten dieser Gegend und etwas vom Stollenwurm» (in: F.N. König, Reise in die Alpen, Bern 1814) schreibt er:

«Von Unterseen weg bis einerseits auf die Grimsel, und andererseits bis gegen Gadmen hin, in einer Strecke von 10-12 Stunden, (...) nicht aber im Simmenthal, nicht im Frutig- oder Sanenlande, auch nicht im ganzen Wallis, noch jenseits der südlichen Alpenkette (...) herrscht der beynahe allgemeine Glaube, dass zuweilen nach einer schwülen Hitze, und wenn sich das Wetter bald ändern droht, sich eine Art von Schlangen (...) mit einem fast runden Kopf, ungefähr wie ein Katzenkopf, und mit kurzen Füssen (...) sehen lasse, welche die Einwohner, denen eine Schlange überhaupt ein Wurm, und ein dicker Fuss ein Stollen heisst, daher auch Stollenwürmer heissen. (...)

Über die Zahl der letzteren (Füsse) waren sie indessen nicht immer einige doch sprachen die Glaubwürdigsten (...) stets nur von zwey, andere aber von vier, noch andere von sechs Füssen, und endlich einige sogar von einer ganzen Menge von dem Bauch herunter hängender Zizen oder Warzen. (...) Über die Länge des Thiers stimmten sie auch nicht immer zusammen überein, so wenig als über seine Dicke oder Stärke. Jene geben sie von ungefähr 3 bis 6 Fuss an, und diese vergleichen sie bald mit dem Arm und bald mit dem Schenkel eines starken Mannes.»

Studer zitiert in der Folge einige Augenzeugenberichte «wie ich sie vor zwey Jahren (...) selbst vernommen, und in der Schenke im Grund in Oberhasle sogleich (...) niedergeschrieben habe.» Seine Gewährsmänner sind unter anderen der Spitalmeister von der Grimsel Jakob Leuthold (seine Beobachtungen sind offenbar auch in der Chronik des mittlerweile im Grimselstausee versunkenen alten Hospiz verzeichnet) und der Guttanner Schulmeister Heinrich. Beide sollen unter Eid ausgesagt haben, sie hätten den Stollenwurm - «ein gut Klafter lang und Mannesschenkel dick» - im Gebiet zwischen Passhöhe und dem Handeckfall mit eigenen Augen gesehen, zudem auch gerochen und pfeifen gehört.

Studer scheint schliesslich auch veranlasst zu haben, dass die Naturforschende Gesellschaft Bern um 1810 eine Belohnung «von 3-4 Louis d'or für den ersten lebendigen oder todten, grossen oder kleinen, wahren Stollenwurm, den man uns nach Bern bringen würde», ausgesetzt hatte. Bis heute wurde die Prämie noch nicht beansprucht...

(unter Verwendung von Angaben aus: Heinrich Dübi «Von Drachen und Stollenwürmern» in: Die Alpen, Bd. 16, 1940)


* * *


«Unsere Kompanie marschierte ab, gelegentlich blieben einzelne ihrer Mitglieder an den Ecken stehen und berichteten freundlich den Ortsansässigen, dass ein paar scheinbar ganz verdrehte Herren aus Berlin angekommen seien (...) um den Tatzelwurm zu suchen. Infolgedessen lag über dem Dorfe (...) eine freundliche, zu Scherzen aufgelegte Stimmung. Man sah uns gern an diesem Morgen im Ort Meiringen. (...)

Wir kamen zu dem Platz, an dem der Fotograf das Tier aufgenommen hatte. Es war ein Hang, der an seinem oberen Teile durch eine Art von hohem Gebüsch abgegerenzt war, nach rechts und links aber ins Weite ging. Der Platz selbst war keineswegs eben, sondern felsig und hügelig. Das Ganze war jetzt bedeckt von Schnee, der hier aber an einzelnen Stellen noch höher als ein Meter lag. Wir fingen an, die Gegend abzustreifen. (...) Wir machten uns sehr viel Mühe und Arbeit, aber schliesslich musste ich die Anweisung geben, die Suche abzustellen. Sie war unter den herrschenden Witterungsumständen gar zu aussichtslos.»

(aus: Hans Rudolf «Der Tatzelwurm (...)» Berliner Illustrirte Zeitung Nr. 16/17, 1935)


* * *


Die dreissiger Jahre unseres Jahrhunderts scheinen eine ausgesprochen Tatzelwurm-trächtige Epoche gewesen zu sein. Zwar hatten sich bereits früher Autoren mehr oder weniger eingehend mit diesem Thema befasst: anfangs des 19. Jahrhunderts der bereits zitierte Schweizer Samuel Studer und sein Landsmann Johann Rudolf Wyss der Jüngere (1783-1830; unter anderem Herausgeber des «Schweizerischen Robinson»), etwas später auch K.W. von Dalla-Torre («Die Drachensage im Alpengebiet», Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, 1887) und Josef Freiherr von Doblhoff («Altes und Neues vom Tazelwurm», Zeitschrift für Österreichische Volkskunde, 1895).

Natürlich erschienen auch immer wieder Augenzeugenberichte und Feuilletons in Tageszeitungen und Zeitschriften. Eine breitere Diskussion - teilweise mit erklärtem wissenschaftlichem Anspruch - setzte aber erst 1928 mit einem kurzen Artikel eines Professor Dr. Karl Meusburger in der Südtiroler volkskundlichen Zeitschrift «Der Schlern» ein. Meusburgers Aufruf nach Augenzeugenberichten hatte Erfolg - ebenso wie jener, den der damals bekannte Wissenschaftsjournalist Dr.med.et phil. Gerhard Venzmer 1930 in der naturkundlichen Zeitschrift «Kosmos» lancierte.

Bis 1934 waren Meusburger und ein weiterer Tatzelwurmspezialist, Ing. Hans Flucher, in der Lage, rund 85 mehr oder weniger authentische Beobachtungen aufzuzeichnen und säuberlich numeriert in mehreren «Schlern»- und «Kosmos»-Artikeln wiederzugeben. Noch 1953 erschienen im «Schlern» neueste Augenzeugenberichte - unter anderem jener eines zwölfjährigen Kindes, das in St.Georgen bei Bozen einen dicken «Wurm» gesehen hatte «mit einem Kopf wie ein kleines Kind und einer Eidechse in der Goschen». Das liess den Berichterstatter triumphierend schliessen: «Wir wären somit in der Tatzelwurmforschung wieder einen Schritt weiter. Wir wissen nun auch, was er frisst.»

Es wäre allerdings ungerecht, die fragliche Glaubwürdigkeit dieser Beobachtung und Interpretation auf alle der genannten 85 Fälle zu übertragen. Zwar sind manche weit zurückliegend, aus zweiter Hand, ungenau oder schlicht phantastisch. Aber wer möchte andererseits am Wahrheitsgehalt der Zeugnisse von so ehrenwerten Leuten zweifeln wie etwa der Meraner Malerin Ada von der Planitz (Fall 2, 1894), dem kgl. bayerischen Postillon Josef Grill aus Berchtesgaden (Fall 36, 1845), dem Hofrat Dr. A. von Drasenovich, «einem der führenden steirischen Waidmänner» (Fall 46, 1907), dem Bundesbahn-Offizial i.R. Kaspar Arnold (Fall 48, 1883), dem Telegraphen-Amtsdirektor i.R. Hans Eggenreiter aus Hallstadt (Fall 52, August 1929), dem Hofoberforstrat i.R. Franz Rayl (Fall 65, 1849) oder dem Branntweinhändler Andreas Klee aus Innsbruck (Fall 81, Mai 1929)?!

Kommt hinzu, dass die Tatzelwurmforscher ihre Erhebungen sorgfältig zu analysieren und vorsichtig auszulegen versuchten. Es war ihnen wohl bewusst, dass mancher Augenzeuge (in den Worten von Samuel Studer) «aus Pralerey und Grosssprecherey, oder auch zur Entschuldigung seiner dabey bewiesenen Feigherzigkeit die Sache vergrössert, und ungesehene Dinge zu den wirklich gesehenen hinzugedichtet» haben mag.

In anderen Fällen dürfte es sich um Verwechslungen mit durchaus bekannten Tierarten gehandelt haben. So interpretierte Meusburger zahlreiche der von ihm aufgezeichneten Schilderungen als Begegnungen mit Wieseln, Hermelinen, Mardern oder (den als wanderfreudig bekannten) Fischottern, und er dachte dabei im besonderen an veränderte, etwa durch die Hautkrankheit Ichthyosis haarlos gewordene Individuen. Unterstützt wurde diese kritische Sicht von den beiden österreichischen Zoologieprofessoren Otto Steinböck (Innsbruck) und Joseph Meixner (Graz), die vor allem Verwechslungen mit der Kreuzotter, der Glattnatter, der Smaragdeidechse und dem Alpen- oder Feuersalamander vermuteten.

Aber Meusburger und noch mehr sein Kollege Flucher wollten die Existenz des Tatzelwurms als einer bisher unbekannten Tierart doch nicht völlig von der Hand weisen. Ihnen kamen die Überlegungen des Schuldirektors i.R. Jakob Nicolussi entgegen, wie er sie im «Schlern» (1933) veröffentlicht hatte: Nicolussi hatte 65 der bisher bekannt gewordenen Augenzeugenberichte auf übereinstimmende Merkmale hin untersucht und war zu folgendem Schluss gelangt:

«Der Tatzelwurm gemahnt mit dem plumpen Rumpf, dem breiten Kopf, dem stumpfen Schwanz und den kurzen Beinen an unsere Salamander; seine äussere Bekleidung erweist ihn aber trotzdem als Familienmitglied der Eidechsen. Seine Haut ist mit groben warzenartigen Schuppen bedeckt, die in ihrer engen Vereinigung oft als Krokodilschildern ähnliche Krusten sich darstellen. Das Maul ist breit, innen feuerrot und mit spitzen scharfen Zähnen und mit einer zweispaltigen Zunge ausgestattet. Er gilt als giftig und es sollen auch tödliche Folgen seines Bisses verzeichnet sein. Sein scharfer Blick und seine zornige, kampfeslustige Haltung erinnern an die Kreuzotter. Die ganze Erscheinung dieses Tieres in Körperbau, Bekleidung und Eigenschaften erinnert lebhaft an die Familie der giftigen Eidechsen, einzig in ihrer Art, welcher der Tatzelwurm angehören dürfte.»

Damit bezog sich Nicolussi auf die Krustenechsen, Gattung Heloderma, die nach einer Blütezeit vor 30 bis 40 Millionen Jahren heute nur noch mit zwei Arten in der Neuen Welt vertreten sind: als Gila-Krustenechse (Heloderma suspectum) in Arizona und als Skorpions-Krustenechse (Heloderma horridum) in Mexiko. Nicolussi zögerte nicht, den Tatzelwurm in Europäische Krustenechse (Heloderma europaeum) umzutaufen - ein «selbstverständlich völlig unwissenschaftliches Vorgehen», wie Meixner in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 5. Juni 1935 vermerkte. Für ihn und Steinböck war völlig ausgeschlossen, dass es in unseren Alpen ein (...) bisher unbekannt gebliebenes oder für die Wissenschaft überhaupt neues Tier vom Formate des Tatzelwurms gibt.»

Und er schliesst: «Es wird und möge weiterbestehen im Glauben der Mutterschicht unseres Volkes als ein (...) letzter Nachkomme der grossen Drachen und Lindwürmer unserer Urahnen, mit den um sie gesponnen Sagen und Märchen.»


* * *


Aus einer Leserzuschrift im «Oberhasler» vom 23. April 1935:

«Ein vor einigen Jahren verstorbener, angesehener Mann, höherer Beamter, erzählte mir einmal, dass er als Junge von 15 Jahren einst im Herbst gegen Unterstock zu am «strewwenen» gewesen sei, während seine Geissen in der Nähe weideten.

'Ich habe mich auf ein Mäuerchen gesetzt und mein mitgebrachtes Zaben in Angriff genommen und liess meine Augen über die nähere Umgebung schweifen. Da auf einmal sah ich in etwa 10 Metern Entfernung ein merkwürdiges Geschöpf sich aus einem Steinhaufen herausarbeiten. Es war ein dickleibiger Wurm, braungelb mit dunkeln runden Flecken, und zwei Stumpenbeinen an der Brust. 'Ein Stollenwurm!', fuhr es mir durch den Sinn. Seine schrecklichen Augen waren stechend auf mich gerichtet und ich fühlte eine plötzliche Lähmung der Glieder und konnte mich nicht mehr erheben. Da polterte ein von meinen Geissen gelöster grosser Stein herunter und wie auf einen Schlag kam wieder Leben in mich, was ich profitierte und mich zur Flucht wandte. Als ich kurz darauf mit einigen steckenbewaffneten Kameraden wieder auf der Szene auftauchte, war der Wurm nicht mehr zu sehen, aber auch mein zurückgelassenes Zaben war weg.'

Das 'Wunder von Loch Ness' hat sich in der Folge als (...) grober Schwindel herausgestellt, hingegen an diesen Stollenwurm glauben viele Leute. Oder was sagen die Guttanner dazu, wo doch einer der ihren vom Schlage gerührt tot umgefallen sein soll, als er mit Kameraden auf einer Jagdstreife plötzlich auf mehrere dieser Tiere stiess? Auf alle Fälle habe ich volles Vertrauen auf die Erzählung meines Gewährsmannes.»


* * *


Der Tatzelwurm also ein Fabelwesen?

Da wäre zunächst auf die mannigfaltigen Formen des Schlangenaberglaubens und der Schlangenverehrung quer durch die verschiedensten Epochen und Kulturen hinzuweisen: Etwa auf die magischen Heilkräfte der Schlangen, die nicht nur die alten Griechen ihren Aeskulap, Gott der Heilkunde, in Schlangengestalt verehren liessen, sondern ebenso unsere eigenen Altvordern glauben machte, dass etwa Schlangenfett ein probates Mittel gegen Runzeln sei.

Auch einem nahem Verwandten des Tatzelwurms werden solche geheimen Kräfte nachgesagt: dem Haselwurm, einem vergleichsweise friedfertigen und dicken Tier von weisslicher Färbung, das an Gestalt und Grösse einem Wickelkind gleicht. Wer von seinem Fleisch isst, sieht verborgene Dinge und versteht die Sprache der Tiere. Dies soll, einer Tiroler Überlieferung zufolge, dem Arzt Theophrastus Bombastus Paracelsus widerfahren sein, der auf einem Verdauungsspaziergang nach genossenem Haselwurmmahl plötzlich das Gezeter zweier streitender Elstern verstehen und, wichtiger noch, von Stund an die in den Pflanzen steckenden Heilkräfte erkennen konnte.

Doch zurück zum Tatzel- oder Stollenwurm. In der Oberländer Sage begegnen wir ihm in zweierlei Form: als recht häufiges, dunkel gefärbtes Wesen, und in einer viel selteneren weissen Form, manchmal sogar mit einem Krönlein auf dem Haupt. Ob dieses Krönlein vielleicht dem kreuzförmigen Nackenfleck der Kreuzotter entspricht? Jedenfalls erzählt die Sage, dass einmal ein armes Oberländer Mädchen auf der Heubühne seiner Hütte einen kranken weissen Stollenwurm fand, ihm Milch anbot und dafür aus Dankbarkeit die goldene Krone geschenkt bekam.

Dagegen scheint der gemeinere schwarze Typ viel eher unserem bisher skizzierten Bild des aggressiven Übeltäters zu entsprechen. Er richte besonders unter dem Vieh grossen Schaden an, indem er es erwürge und ihm das Blut aussauge, sich zumindest aber nächtlicherweise an seiner Milch gütlich tue. Deshalb erstaunt es nicht, dass gerade mehrere Sagen aus verschiedenen Regionen der Schweizer und Österreicher Alpen von einem zauberkundigen Männlein berichten, welches das Tatzelgewürm zu bannen oder mit Pfeifenklängen gar in ein grosses Feuer zu locken verstand - um allerdings schliesslich selbst dem «Weissen Wurm» oder Schlangenkönig zum Opfer zu fallen.

Schliesslich zeigen sich auch Beziehungen zwischen dem Tatzelwurm und der gesamten Drachensippe. Bereits lange vor J.J. Wagner (wir sind ihm bei Friedrich von Tschudi begegnet), Johann Jakob Scheuchzer und Athanasius Kircher hatte sich Konrad Gesner in seinem «Schlangenbuch» (1593) mit den Drachen auseinandergesetzt. Er nennt sie «Track» und «Lindwurm», versteht aber unter ersteren nur die geflügelten, unter letzteren nur die kriechenden, schlangenähnlichen Formen. Obwohl Gesner - sowenig wie Wagner, Scheuchzer oder Kircher - den Tazel- oder Stollenwurm beim Namen nennt, ist doch dessen Verwandtschaft mit dem Lindwurm-Typ unverkennbar. Am augenfälligsten ist die Übereinstimmung im Hinblick auf ihre Entstehung, so wie sie für den Tatzelwurm im Salzburger «Haus der Natur» überliefert ist und wie sie Gesner für den Basilisken, einen weiteren Spross aus der verzweigten Drachensippe, darstellt:

«Wenn der Han auff sein höchst alter kompt, welches bey ettlichen das sieben, ettlichen das neündt, oder auffs längst das vierzehend jar erreicht, (je) nach dem einer von natur starck oder schwach ist, oder auch (je) nach dem er wenig oder viel mit den hennen zuthun gehabt (...), als dann leget er ein ey in den heissesten monaten des Sommers, in den hundstagen, welches zweyfels ohne bey ihm aus einem verdorbnen und verhaltnen samen, oder anderen bösen feuchtigkeiten zusamen gerunnen, gezeüget, nit langlecht wie ein hennen ey gestaltet, sondern rund wie eine kugel, einmal gelb oder bleich, das andermal blawlecht, offen gesprengt, darauss (wie ettlich meinen) der Basiliscus herkommen soll, ein vergifftes Thier, anderthalb schuech lang, mit dreyen spitzen an der stirnen, als mit einer königlichen kron gekrönet, gerade vom leyb, vast schedlich, und mit zwitzerenden augen, mit denen er allen athem vergifftet und tödtet. (...) Gleych wie die spuelwürm in der menschen leyb wachsen, und sich durch ein zusammen geronne faule matery, durch die werme gebären, mehren und läbendig machen, wie auch wespen, keffer, raupen, fliegen auss kuemist und andern faulen feüchtigkeiten gezeüget werden: Also wirdt auch aus des hanens ey ein gifftiger wurm oder ander schedlich thier, der Basiliscus, geboren, der mit seinem anrüeren, ankauchen, anathmen, pfeiffen und anschauwen, aller was er sihet, schnell schediget und tödtet.»


* * *


Natürlich weckste die Meiringer Affäre auch die Neugier und Sensationslust helvetischer Reporter. In der «Zofinger Zeitung» vom 8. Mai 1935 berichtet ein Peter Valentin:

«Unser erster Besuch galt dem 'Tatort'. Auf dem Weg zur Aareschlucht, hinter dem 'Du Pont', führt ein schmaler Pfad rechts hinauf zum Talriegel, der Meiringen von Innertkirchen trennt. Die Gegend ist sehr bizarr, die bewaldeten Hänge sind dicht übersät von Felsblöcken, so recht geeignet, die Phantasie eines 'Drachentöters' zur höchsten Entfaltung zu bringen. (...) Da und dort begegneten wir verborgenen Höhleneingängen und seltsamen Steingebilden, die man aus der Ferne für sonderbare Lebewesen halten könnte. Vom Tatzelwurm aber war keine Spur zu sehen. (...)

Zurück in Meiringen erwartete uns der feinsinnige, nimmermüde Gerichtsschreiber und Festspielintendant Sch. 'Das Wunder von Loch Ness', berichtete er, 'hat sich in der Folge als grober Irrtum herausgestellt. Wir Meiringer haben daher kein Interesse daran, ein ähnliches Verkehrslockmittel zu unterstützen, denn leicht könnte der Verdacht aufkommen, dass der Tatzelwurm von Holzschnitzern hergestellt worden sei, um ein Heer von Gwundrigen ins Haslital zu locken. (...) Wir haben es mit einer zweischneidigen Angelegenheit zu tun. Existiert das Tier, dann bekommen es viele Gäste mit der Angst zu tun. Existiert es nicht, dann kreidet man uns die Teilnahme an den Nachforschungen als Bluff zur Förderung des Fremdenverkehrs an. (...)»


* * *


Was weiss man heute in Meiringen noch über den Tatzelwurm? Wir befragten Rudolf Wyss aus Interlaken, ehemals Redaktor und Chronist des Haslitaler Geschehens. Er erinnert sich sehr wohl an den Wirbel um die «Berliner Illustrirte Zeitung» und an die entsprechenden Kontroversen in der Presse. Wyss vermutet, dass der ganze Rummel damals von der Zeitschrift inszeniert worden war, um ihren Absatz in der Schweiz zu fördern. Und er wird bis heute den Verdacht nicht los, dass vielleicht auch Einheimische am Spass mitbeteiligt waren.

Auch der Meiringer Verkehrsdirektor Friedl hat schon von der Tatzelwurmgeschichte gehört; sein Vorgänger hat ihm irgendwo irgendwelche Dokumente hinterlassen. Aber Herr Friedl stammt nicht aus der Gegend. Hat er vielleicht deshalb noch nicht daran gedacht, das biedere Haslital als werbewirksames «Drachenland» zu vermarkten? Immerhin: Einige Monate nach unserem Besuch hat er im Informationsblatt des Verkehrsvereins einen interessanten Artikel über den Tatzelwurm veröffentlicht...

Die konkretesten Hinweise auf den Tatzelwurm finden sich heute in Meiringen im Schaufenster der Konditorei Lüthi. Da werden als gesuchte Spezialität Tatzelwürmer aus feinem Bisquit feilgeboten, mit Kirschcrèmefüllung, Mandelgebiss, roter Marzipanzunge und Schokoladeschuppen, für 3 bis 18 Franken, je nach Grösse (Spezialmasse auf Bestellung).


* * *


«Ich fuhr noch einmal nach Meiringen, ich veranstaltete eine zweite Suche. Sie blieb ebenso erfolglos wie die erste. (...) Aber eine beachtenswerte Neuigkeit erwartete mich, als ich zum zweitenmal in Meiringen eintraf. Bei den Leuten, die unsere erste Suche mitgemacht hatten, war inzwischen ein Mann erschienen, der eine wichtige Aussage zu machen hatte. Es war der Bauarbeiter Naegeli aus Aeppigen bei Innertkirchen. Er erzählte mit allen Einzelheiten, ganz klar:

Vor einem Jahr habe er in der Nähe der Brücke, die bei Aeppigen über die Aare führt, ein ihm gänzlich unbekanntes Tier erblickt: ein Tier mit einem plumpen Leib, kleinen Füssen und einem ganz breiten Kopf. (...) Das Tier, erzählte der Bauarbeiter Naegeli, hatte Miene gemacht, auf ihn zuzukommen, und er hatte sofort die Flucht ergriffen. Seine Leute berichteten, dass er ganz bleich und völlig verstört zu Hause angekommen sei. Der Ort, an dem Naegeli sein Erlebnis mit dem Tatzelwurm gehabt hatte, ist nur 4,5 Kilometer von dem Platz entfernt, den der Fotograf uns als Ort seiner Tatzelwurmaufnahme gezeigt hatte. (...)

Nun lasst uns aber Tatsachen sehen, nicht bloss lesen, werden die Laien sagen, und die Zoologen fordern: Nun liefert uns den Tatzelwurm leibhaftig!

Die 'Berliner Illustrirte Zeitung' setzt eine hohe Belohnung aus für den, der den Tatzelwurm auffindet und einliefert.»

(aus: Hans Rudolf «Der Tatzelwurm (...)» Berliner Illustrirte Zeitung, Nr. 16/17, April 1935)


* * *


Wieviele Tatzelwürmer insgesamt in der Berliner Redaktion oder anderswo eingeliefert wurden, entzieht sich unserer Kenntnis. Es hätten aber mindestens 80 gewesen sein können, wie die folgende, 1954 vom bekannten Fotografen Dr. Coy als Zeitungsartikel publizierte Geschichte belegt:

«Ein Freund von mir, der Zoologe und Jagdschriftsteller Franz Xaver Graf Zedtwitz, war misstrauisch und verbrachte einen ganzen Tag mir der eingehenden Betrachtung des undeutlichen Tatzelwurmbildes aus der 'Berliner Illustrirten Zeitung'. Auch er wusste das Tier nirgends einzureihen - bis ihm schliesslich der Gedanke kam, die Zähne des Gebisses nach einem besonderen Schlüssel auszuzählen. Sein Verdacht bestätigte sich: Genaugenommen war dieses Bild nichts anderes als die Fotografie eines Knochenfisches mit aufgesperrtem Maul. Was hatte der aber hinter einem Baum im Hochgebirge zu suchen?

Zedtwitz war sich seiner Sache gewiss. Er hielt Umfrage bei Naturalienhandlungen nach präparierten Knochenfischen und hielt nach einiger Zeit 80 Offerten zu je 200 Mark in Händen. In einem Schreiben an die Redaktion hielt er unter anderem fest: 'Ich bin heute in der angenehmen Lage, Ihr Interesse weitgehend befriedigen zu können. Ich habe zur Zeit 80 Tatzelwürmer zur Hand. Wollen sie also bitte einen Scheck auf 80 000 Mark bereitstellen und mir mitteilen, wann ich meine 80 Tatzelwürmer bei Ihrer Redaktion anliefern kann?'

Selbstverständlich erhielt der dem Redakteur wohlbekannte Briefschreiber niemals eine Antwort. Und das war das Ende der Tatzelwurm-Saga.»

(mitgeteilt von Karl Neu, Sindelfingen)


* * *


War es das wirklich? In der «Tribune de Genève» vom 28. November 1969 erschien ein Artikel über den Tatzelwurm, in jener vom 6. Februar 1970 ein entsprechender Augenzeugenbericht eines Monsieur G.J. Lavolay. Dieser war im September 1968 in der Gegend von Morcles oberhalb von St.Maurice einem Wesen begegnet

«von ungefähr 20 Zentimeter Länge, rosafarbenem Körper, zwei stark reduzierten Hinterbeinen, grossem Kopf und zwei riesigen Augen mit schrecklich starrendem Blick. Das Tier schien mich zu fixieren, und ich fragte mich, ob aus Angst oder vielleicht, um mich anzugreifen, wenn ich es berühren würde. Dies habe ich nicht getan und bin mit einem Angstgefühl weggegangen. (...)»

Ein «Robotbild» sollte die Beobachtung noch verdeutlichen.

Unter dem Titel «Cherchez le Tatzelwurm!» meldete sich in der «Tribune de Genève» vom 13. März 1970 ein Herr François Muller aus Pully mit einem sachkundigen Kommentar zu Lavolays Augenzeugenbericht. Muller gibt sich dabei als profunder Tatzelwurmspezialist zu erkennen. Er glaubt nicht, dass Lavolay einem veritablen Tatzelwurm begegnet ist - dafür war sein Tier unter anderem zu klein. Muller denkt viel eher an einen aussergewöhnlich entwickelten Feuersalamander oder Bergmolch, beides Arten, die in der Gegend vorkommen und von denen sowohl Albinoformen als auch Neotenie - das Beibehalten der Larvengestalt im Erwachsenenstadium - bekannt sind.


* * *


Was für François Muller aber nicht bedeutet, dass alle Tatzelwurmbeobachtungen so einfach zu erklären wären. Er ist vielen dieser Zeugnisse im Detail nachgegangen. So glaubt er beispielsweise zu wissen, dass das von Tschudi erwähnte Skelett letztlich nicht in Heidelberg, sondern in Leipzig gelandet ist und dort vielleicht noch heute in einem Naturalienkabinett auf seine Entdeckung wartet.

Muller ist überzeugt, dass neben allen Verwechslungen und Phantastereien doch eine genügende Anzahl glaubwürdiger Beobachtungen vorliegt, um die Existenz einer bisher von der Wissenschaft nicht beschriebenen Tierart annehmen zu dürfen. Muller würde sie am ehesten irgendwo in der Verwandtschaft grosser Eidechsen oder Schwanzlurche ansiedeln. So exakt wie Nicolussi möchte er sich aber nicht festlegen.

Immerhin hält er Nicolussis Versuch, aus den übereinstimmenden Merkmalen aller Beobachtungen einen «Prototyp» des Tatzelwurms herauszukristallieieren, für durchaus sinnvoll - nur möchte er seine rund 1000 Einzeldaten per Computer auswerten und zusätzliche Faktoren wie Höhenstufe, Biotoptyp, Verbreitungsangaben bekannter Tierarten, usw. miteinbeziehen. Nur so seien übereinstimmende und gleichzeitig voneinander unabhängige Zeugnisse festzustellen und Verwechslungen mit bekannten Tierarten auszuschliessen. Ein ähnliches Verfahren habe in einer französischen Studie über den Werwolf zu ganz erstaunlichen Aufschlüssen über dieses sagenhafte Wesen geführt.

Wenn der Tatzelwurm allen touristischen Eroberungen des Alpenraumes zum Trotz bis heute überhaupt habe überleben können, dann wohl am ehesten im Südtirol. Aus dieser Region seien ihm noch bis vor etwa fünf Jahren detaillierte Augenzeugenberichte zugetragen worden. Aber vielleicht gäbe es auch neuere Beobachtungen aus der Schweiz? François Muller ist dankbar für alle ernstgemeinten Hinweise.




Am 20. April 1985, also genau fünfzig Jahre nach der Meiringer «Tatzelwurm-Affäre», erschien die folgende Kurzfassung von Ueli Halders oben wiedergegebenem Bericht in «Der Bund»:


Der Tatzelwurm: Mythos oder Wirklichkeit?

von Dr. Ueli Halder


Im April 1935 erschien im Meiringer Lokalblatt «Der Oberhasler» ein Artikel unter dem sonderbaren Titel «Das Wunder von Loch Ness in Meiringen?». Darin hiess es:

«Ein neues Tierwunder erregt gegenwärtig in der deutschen Reichshauptstadt grosse Sensation. Laut der 'Berliner Illustrierten Zeitung' soll es einem ihrer Fotografen gelungen sein, in der Gegend von Meiringen, den Tatzelwurm, dieses geheimnisvolle Tier der Alpenwelt, zu knipsen. Besagte Zeitung veröffentlicht in ihrer jüngsten Nummer ein fast ganzseitiges Bild dieser rätselhaften Begegnung. Das Tier, von dem man nur die vordere Hälfte sieht, kann man schwerlich mit einem anderen bekannten Tier vergleichen. Es hat ein Maul wie ein Haifisch mit spitzen, furchterregenden Zähnen, eine Nase ähnlich wie ein Affe mit seitwärts tief im Kopf liegenden, geschlitzten Augen.»

Das Tatzelwurmfoto des Berliner Reporters ist allerdings etwas unscharf ausgefallen. Kein Wunder, habe ihn doch - nach eigener Aussage - die etwa 80 Zentimeter lange Kreatur mit durchdringenden Augen bösartig angestarrt und sei dann mit furchterregendem Zischen auf ihn losgegangen.

Nur eine werbeträchtige Zeitungsente?

Natürlich wollte es die «Berliner Illustrierte» nicht bei dieser einen Reportage bewenden lassen. Noch im selben Frühjahr schickte sie eine Expedition ins ferne Haslital, um mit Hilfe eines Zoologen und einer ganzen Schar ortskundiger Haslitaler dem sagenhaften Wesen auf den Leib zu rücken. Doch die Bedingungen waren nicht günstig: Die Tatzelwurmforscher blieben mitsamt ihren Hoffnungen im knietiefen Sulzschnee stecken. So findet sich bis heute die einzige greifbare Form des grusligen Haslitaler Monsters in den Regalen einer Meiringer Konditorei: als zarte Bisquitspezialität mit Schokoladeschuppen und Kirschcrèmefüllung, mit Mandelgebiss und Marzipanzunge.

War die ganze Affäre also nur das Hirngespinst eines überdrehten Fotografen oder - wie manche Haslitaler damals argwöhnten - eine werbeträchtige Zeitungsente der expansionslustigen Illustrierten? Tatsache bleibt, dass sich im Gefolge der «Oberhasler»-Berichterstattung eine ganze Reihe von Lesern mit ähnlichen Beobachtungen meldete. Sie setzten damit eine lange Reihe von Zeugnissen fort, über die bereits 1814 der Berner Naturforscher und Volkskundler Samuel Studer (1757-1834) berichtet hatte:

«Von Unterseen weg bis auf die Grimsel und bis gegen Gadmen hin herrscht der beynahe allgemeine Glaube, dass zuweilen nach einer schwülen Hitze, und wenn sich das Wetter bald zu ändern droht, sich eine Art von Schlangen mit einem fast runden Kopf, ungefähr wie ein Katzenkopf, und mit kurzen Füssen sehen lasse, welche die Einwohner, denen eine Schlange überhaupt ein Wurm, und ein kurzer dicker Fuss ein Stollen heisst, daher auch 'Stollenwürmer' heissen.»

Studer war von der Existenz dieser Wesen überzeugt und liess durch die Naturforschende Gesellschaft Bern eine Belohnung von drei Louisdor aussetzen «für den ersten lebendigen oder todten, grossen oder kleinen, wahren Stollenwurm, den man uns nach Bern bringen würde». Bis heute wurde die Prämie noch nicht beansprucht...


85 Augenzeugenberichte

Alle von Studer und später auch von Friedrich von Tschudi zitierten Beobachtungen - einige stammen auch aus dem Jura, Aargau und Solothurn - zeichnen übereinstimmend das Bild eines waranähnlichen Reptils von gedrungener Gestalt, mit stark reduzierten Gliedmassen, rundlichem Kopf, schuppiger Haut und aggressivem Wesen. Ganz ähnliche Beschreibungen sind auch aus anderen Teilen Europas - vor allem aus dem Tirol - bekannt geworden, wenn auch unter verschiedenen Namen: Praatzel- oder Füesselwurm, Steinkatz, Bisam- oder Haselwurm, Nattern- und Waldstutz.

Rund 85 Augenzeugenberichte aus dem deutschsprachigen Alpenraum sammelten und analysierten einige österreichische Hobbyforscher. Ihre zahlreichen Artikel und Dispute erschienen zwischen 1928 und 1934 in so renommierten Zeitschriften wie dem «Kosmos» und dem Südtiroler «Schlern».

Noch 1953 veröffentlichte der «Schlern» die Beobachtung eines zwölfjährigen Kindes, das bei Bozen einem «dicken Wurm» begegnet sein wollte, «mit einem runden Kopf wie ein kleines Kind und einer Eidechse in der Goschen». Die vielen gemeinsamen Merkmale in allen diesen Zeugnissen (ver)führten schliesslich den Schuldirektor i.R. Jakob Nicolussi dazu, eine Art Prototyp oder Phantombild des Tatzelwurms zu konstruieren - und auch gleich zu taufen: Heloderma europaeum - analog zu den noch heute in Arizona und Mexiko lebenden urweltlichen Krustenechsen, den einzigen giftigen Vertretern der Echsengruppe.

Streit um des Kaisers Bart?

Dass dieses wissenschaftlich zweifelhafte Vorgehen den Widerspruch zünftiger Zoologen wecken musste, ist verständlich. Die österreichischen Zoologieprofessoren Otto Steinböck und Joseph Meixner etwa meinten, dass die ganze Diskussion um den Tatzelwurm ein Streit um des Kaisers Bart sei, da es sich bei allen Beobachtungen um Verwechslungen mit Kreuzotter, Smaragdeidechse, Wiesel, Murmeltier oder Fischotter handeln müsse. Immerhin schliesst Meixner seine kritische Abrechnung in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 5. Juni 1935 versöhnlich: «Der Tazelwurm wird weiterbestehen im Glauben der Mutterschicht unseres Volkes als ein letzter Nachkomme der grossen Drachen und Lindwürmer unserer Urahnen, mit den um sie gesponnenen Sagen und Märchen.»

Ist der Tatzelwurm also doch nur ein Fabelwesen? Tatsächlich begegnen wir dem Stollenwurm mehrfach in der Berner Oberländer Sage, und zwar in erster Linie als aggressivem Übeltäter, der nächtens dem Vieh das Blut oder doch wenigstens die Milch absaugte. In mehreren Sagen aus verschiedenen Regionen der Schweizer und Österreicher Alpen wird übereinstimmend von einem zauberkundigen Männlein berichtet, welches das schädliche Tatzelgewürm zu bannen und mit Pfeifenklängen in ein grosses Feuer zu locken verstand. Vom grossen Arzt Paracelsus wird erzählt, dass er nach dem Genuss von Haselwurm-Fleisch plötzlich die Stimme der Vögel verstehen und die in den Pflanzen steckenden Heilkräfte erkennen konnte - wohl ein Hinweis auf den in vielen Epochen und Kulturen anzutreffenden Glauben an die magischen Kräfte von Schlangen und anderem Schuppengetier.

In welcher Beziehung der Tatzelwurm zur vielgestaltigen Drachensippe steht, ist dagenen unklar: In den Tierbüchern des Konrad Gesner, Johann Jakob Scheuchzer und Athanasius Kircher jedenfalls finden sich keine Spuren unseres Rätselwesens.

Doch zurück in unsere Tage. Noch bis vor wenigen Jahren hat der Lausanner François Muller Zeugnisse über den Tatzelwurm aus Südtirol erhalten. Hier vermutet Muller - der wohl kompetenteste Kenner der Materie - das vielleicht letzte Vorkommen des Tatzelwurms in unseren Breiten. Denn ebenso wie viele andere Tierarten dürfte die zunehmende Umweltzerstörung auch den Tatzelwurm bedrohen. Muller hofft, dass ihm die Entdeckung des «Alpenmonsters» noch vor dessen endgültigem Aussterben gelingt - wenn es je existiert hat.








ZurHauptseite