Bernard Heuvelmans' Bericht über den Tatzelwurm


Bernard Heuvelmans gilt als der Begründer der «Kryptozoologie», wie man die «Kunde von den mysteriösen Tieren» bezeichnet. Der nachfolgende Bericht stammt aus seinem Standardwerk «Sur la Piste des Bêtes Ignorées» (Paris 1955).




Der Tatzelwurm

Man kann sagen, dass dieses Reptil, das man im allgemeinen Tatzelwurm nennt, der ganzen Bevölkerung der Alpen gut bekannt ist. Sein Name ist von Tal zu Tal unterschiedlich und lautet einmal «Bergstutzen», einmal «Daazlwurm», einmal «Praatzelwurm». Das Tier wurde sogar, unter dem Namen «Stollwurm», in einem bayerischen Handbuch für Jäger und Naturfreunde vorgestellt («Neues Taschenbuch für Natur-, Forst- und Jagdfreunde auf das Jahr 1836»). Man findet in diesem Buch eine sehr eigentümliche Darstellung des besagten Tatzelwurms: eine Art Zigarre mit Schuppen, bewaffnet mit furchterregenden Zähnen und versehen mit winzigen Stummelfüssen.


Naives Bild eines Tatzelwurms
nach einem bayerischen Jagdbrevier von 1835

 

Diese Zeichnung stammte nicht etwa vom Autor selbst, sondern war nach den Angaben einiger seiner Bekannten entstanden, welche eines dieser Tiere getötet hatten. Das Drama ist nämlich dies: Niemals gelang es bisher, die sterblichen Überreste dessen, was sich als die grösste Echse Europas herausstellen könnte, zu untersuchen!

Dass das Tier existiert, darüber besteht kein Zweifel. Eine Umfrage, die in den dreissiger Jahren durch lokale Zeitungen und wissenschaftliche Zeitschriften durchgeführt wurde, hat es erlaubt, Berichte von über sechzig Augenzeugen zu sammeln. Alle stimmen darin überein, dass das Tier etwa 60 bis 90 Zentimeter lang ist, dass es eine ziemlich zylindrische Form hat und dass der Körper hinten ziemlich abrupt endet. Die Färbung ist oberseits bräunlich, unterseits heller. Der Schwanz ist kurz und dick, ein Hals ist nicht erkennbar, der Kopf ist gross und trägt dicke rundliche Augen. Die Pfoten sind so winzig, dass manche Beobachter sogar behaupten, Hintergliedmassen fehlen. Einige sagen, die Haut trage Schuppen, andere können das nicht bestätigen. Auf jeden Fall aber zischt das Tier wie eine Schlange.

Einige Aussagen über den Tatzelwurm erinnern an die alten Drachensagen. So wird behauptet, das Tier könne Sprünge von 2 bis 3 Metern Weite ausführen; man spricht ihm eine für Echsen zumindest ungewöhnliche Aggressivität zu; und man geht sogar so weit, den Tatzelwurm als sehr giftig zu bezeichnen - so giftig, dass sogar sein Atem töten könne.

Alles ist aber gewiss nicht übertrieben. Im Jahr 1908 stand ein Berufsjäger, der das volle Vertrauen des österreichischen Hofrats Dr. A. von Drasenovitch besass, eines Tages plötzlich dem Tier gegenüber, und zwar bei Murau in der Steiermark, etwa 1500 Meter ü.M. Es sah aus wie ein riesiger Wurm von 50 Zentimetern Länge und 8 Zentimetern Dicke, allerdings mit vier kleinen Tatzen. Da der Jäger den schlechten Ruf des Reptils kannte, zog er sein Jagdmesser aus der Scheide, bevor er näher ging. Als er dem Tier schon ziemlich nahe war, sprang dieses ihn plötzlich an. Der Mann konnte ihm einige heftige Messerstiche zufügen, allerdings vermochte die Klinge die zähe Haut kaum zu durchdringen. Erst nach einem halben Dutzend wütender Angriffe zog sich der verletzte «Wurm» zurück und verschwand in einer engen Felsspalte. Trotz hartnäckiger Versuche gelang es dem Jäger nicht, ihn dort wieder aufzufinden und hervorzuholen. (Dieser Bericht wurde von Dr. von Drasenovitch verfasst gemäss der Erzählung des ihm gut bekannten Jägers.)

Trotz der Einheitlichkeit und Häufigkeit der Augenzeugenberichte, die es über den Tatzelwurm gibt, wird dessen Existenz von vielen Leuten bezweifelt. Ein häufiges Argument der Skeptiker lautet, dass es sich um Verwechslungen mit umherwandernden Fischottern handle. Ein Fischotter kann tatsächlich weite Sprünge vollführen, und er kann «zischen» wie eine Schlange oder eine Katze. Die Zeugen - unter denen sich viele befinden, welche die lokale Fauna sehr gut kennen - haben hierauf bloss erwidert, dass es erbärmlich wäre, wenn sie einen Otter nicht von einem Tatzelwurm unterscheiden könnten!

Andere Ungläubige, deren Argumentation noch unglücklicher ist, behaupteten, die Legenden über den Tatzelwurm könnten nicht wahr sein aus dem einfachen Grund, weil die Echsen nicht giftig seien.

Obschon das für die Echsen im allgemeinen stimmt, bestätigen doch zwei Ausnahmen die Regel: die Skorpion-Krustenechse (Heloderma suspectum) aus Mexiko und die Gila-Krustenechse (Heloderma horridum) aus Texas und Kalifornien. Diese grossen Echsen, die eine Länge von 75 Zentimetern erreichen, tragen in ihrem Unterkiefer eine ganze Reihe von Giftzähnen. Ihr Biss ist sehr schmerzhaft, für den Menschen jedoch nicht tödlich.


Silhouette einer Krustenechse

 

Mit ihrem stämmigen Körperbau und ihrem kurzen, dicken Schwanz entsprechen die Krustenechsen dermassen gut dem «Signalement» des Tatzelwurms, dass ein österreichischer Naturforscher, Dr. Nicolussi, sich nicht nehmen liess, letzteren Heloderma europaeum zu taufen.

Diese wissenschaftliche Namensgebung ist allerdings verfrüht, da die Identität dieses Alpentiers noch längst nicht widerspruchslos gesichert ist. Gemäss einem österreichischen Volksschullehrer, der im April 1929 anlässlich der Erkundung einer Höhle auf dem Berg Tempelmauer einem Tatzelwurm begegnete, soll letzterer gar kein Reptil sein! Lassen wir ihn sein Abenteuer selbst erzählen:

«Gut ausgerüstet ging ich an einem Frühlingsmorgen los und erreichte alsbald den Gipfel des Tempelmauer. Nach einer kurzen Rast machte ich mich auf die Suche nach dem Höhleneingang. Plötzlich sah ich ein schlangenförmiges Tier auf dem feuchten Humus am Boden liegen. Seine Haut war fast weiss, nicht mit Schuppen bedeckt, sondern glatt. Sein Kopf war abgeflacht, und es waren zwei sehr kurze Beine in der vorderen Körperhälfte erkennbar. Es machte keine Bewegung, fixierte mich aber unablässig mit seinen bemerkenswert grossen Augen. Ich war in der Lage, jedes unserer einheimischen Tiere auf den ersten Blick zu erkennen, und deshalb wusste ich, dass ich hier dasjenige vor Augen hatte, das der Wissenschaft noch immer unbekannt ist: den Tatzelwurm.

Aufgeregt und hoch erfreut, gleichzeitig aber auch etwas ängstlich, versuchte ich, das Tier zu fangen, kam jedoch zu spät. Mit der Beweglichkeit einer Eidechse war das Tier in einem Loch verschwunden, und alle Anstrengungen, es wiederzufinden, waren vergeblich. Ich bin absolut sicher, dass es nicht meine Einbildungkraft war, die mich das Tier hatte sehen lassen, sondern dass ich es bei klarem Versand beobachtet hatte. «Mein» Tatzelwurm hatte keine grossen Tatzen, sondern kurze, stummelförmige Pfoten. Seine Länge betrug nur 40 bis 45 Zentimeter. Es ist höchst wahrscheinlich, dass der Tatzelwurm eine seltene Form von Salamander ist, der in feuchten Höhlen lebt und nur selten ans Tageslicht kommt.»

Die Tatzelwurm-Affäre erreichte ihren Höhepunkt gegen Ende des Jahres 1934, als ein Fotograf namens Balkin versicherte, ohne es zu wollen ein Foto des mysteriösen Wesens aufgenommen zu haben. Als er in der Umgebung von Meiringen spazierenging in der Absicht, schöne Landschaftsaufnahmen zu machen, erblickte er etwas, das wie ein malerisches Stück eines Baumstrunks aussah. Das gäbe ein schönes Bild, sagte er sich. Er nahm das Objekt ins Visier, doch in dem Moment, als er den Auslöser betätigte, begann sich der Baumstrunk in einer beunruhigenden Art zu bewegen und erwies sich als grosse lebendige Echse mit offensichtlich üblen Absichten. Der Fotograf nahm Reissaus, und stellte fest, nachdem er den Film entwickelt hatte, dass es ihm gelungen war, in freier Wildbahn ein absolut unbekannte Tier aufzunehmen. Auf der Fotografie sieht man klar und deutlich den Kopf einer Art von dickem «Fisch» mit ziemlich mürrischem Aussehen. Doch die Fische, das wissen wir alle, gehen gewöhnlich nicht bergsteigen.

Die «Berliner Illustrierte Zeitung» druckte die sensationelle Fotografie in der Folge nicht nur ab, sondern finanzierte auch zwei «Razzien» in der Region, in welcher sich der fotografierte Tatzelwurm herumtrieb. Das schlechte Wetter setzte den Nachforschungen jedoch ein rasches Ende. Und als das Wetter besser war, galt das Interesse der Öffentlichkeit bereits wieder anderen Dingen, weshalb die Tatzelwurm-Jagd der deutschen Zeitschrift nicht die erhoffte Publizität einbrachte...

Die Tatzelwurm-Forschung ist danach zum Erliegen gekommen, und das ist schade. Denn ob der Tatzelwurm nun eine europäische Krustenechsenart, ein Riesensalamander oder ein nochmals völlig anderes Wesen ist: Es ändert sich nichts an der Tatsache, dass er existiert. Die Angelegenheit sollte vor allem diejenigen Leute aufrütteln, welche meinen, die Wissenschaft kenne zwangsläufig die gesamte Tierwelt in einem Land, in dem es keinen unbetretenen Winkel gibt. Dem ist nicht so, und es ist höchste Zeit, dass wir unsere Nasen wirklich in diese stecken!


(aus: Bernard Heuvelmans «Sur la Piste des Bêtes Ignorées», Paris, 1955)








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