Die Krönleinschlange
Häufig wird der Tatzelwurm
verwechselt mit jenem sagenhaften Schlangenkönig, der gewöhnlich
«Krönleinschlange» - im Dialekt «Krüendlwurm»,
«Kranzelnatter» oder «Kranlnatter» -
heisst, mitunter aber auch «Weisse Schlange». Dieses
Wesen trägt ein glänzendes goldenes Krönlein auf
dem Kopf.
Im folgenden Zitat beispielsweise
wird einem Tatzelwurm-Augenzeugen weisgemacht, er habe den «König
der Würmer» gesehen:
«Als mein Vater sel., wie jedes Jahr üblich,
Haselstauden am Kirchet (im Haslital) suchen ging, nahm er nach
getaner Arbeit sein wohlverdientes «Znüni» ein.
Auf einmal erblickte er von seinem Ruheplatz, einem Mäuerchen,
aus einen dicken Wurm mit gestumpten Füssen auf sich zukriechen,
mit einem grossen Maul und spitzigen Zähnen und fürchterlich
dreinblickenden Augen. Als das Ungeheuer noch pfeifende Laute
von sich gab, entfloh er in hellem Entsetzen nach Hause. Dort
angekommen belehrte man ihn, dass er so recht gehandelt habe;
denn ansonst wären viele solcher «Tiere» auf
den pfeifenden Lockruf herbeigekommen. Man klärte ihn dahin
auf, dass dieses «Ungeheuer», das er gesehen habe,
der «König der Würmer» sei - oder wie man
ihn sonst auch nenne: «der Stollenwurm».» (in:
«Der Oberhasler» Nr. 33, Dienstag, 23. April 1935)
Professor Willebald Löb
aus Göttweig (vgl. Augenzeugenbericht Nr. 25) sagt es hingegen
unmissverständlich:
«Die Kranl- oder Kranzelnatter
- also die Natter mit dem goldenen Kranl oder Krönlein -
ist verschieden vom Bergstutzen. Denn erstere hat die Gestalt
einer Ringelnatter, ist harmlos, wenn sie nicht gereizt wird,
und gilt als die Schlangenkönigin. Letzterer aber ist kurz
und dick, überfällt sogar Menschen, hat kein Krönlein
oder Kranzel und gilt nicht als Schlangenkönig.»
Wie der Haselwurm gehört die Krönleinschlange
also nicht eigentlich zur Tatzelwurm-Thematik. Gleichwohl, zum
besseren Verständnis, füge ich hier aber drei Geschichten
an, wie sie in den Alpen über dieses Wesen erzählt
werden. Die ersten beiden erinnern stark an Märchen mit
belehrendem, das Mitgefühl anderen Geschöpfen gegenüber
propagierendem Charakter.
Der Geisshirt und die Krönleinschlange
Wenn der Geissbube von Herbriggen an den Augen seiner Geissen sah, dass es Mittagszeit war, ging er allemal mit seinem Ranzen an den Bach hinab, um auf einer Steinplatte seinen Imbiss zu verzehren. Und allemal kroch aus einer Felsenritze eine grosse grünschillernde Schlange herzu mit rotem Kamm und einem goldenen Krönlein auf dem Kopf, und er teilte sein Essen mit ihr. Nach der Mahlzeit stieg der Bub ins Bachbett hinunter und trank. Die Schlange folgte ihm und tat desgleichen, legte aber vorher ihr Krönlein auf einem Steine ab.
Das ging so manchen Sommer. Aber einmal kam der Bube
daheim auf die Schlange zu reden. Der Vater, ein habgieriger
Mann, stieg andern Tags insgeheim mit zu Berg und versteckte
sich in der Nähe des Baches. Als der Bube mit der Schlange
kam und trank, schlich der Mann herzu und schlug dem Wurm mit
einem Knüttel auf den Kopf, dass er, im Kreise sich windend,
verzuckte, und nahm das Krönlein.
Da aber gab's ein Donnergetose unter der Erde, und
auf einen Schlag tat ein Riss sich auf durch die ganze Weide
und krachend lösten sich berstende Erd- und Steinmassen,
und eine gewaltige Rüfe ging nieder, Wald und Matten bis
ans Dorf hinab verschüttend.
* * *
Die Schlangenkönigin
Vor vielen hundert Jahren hütete einst ein Mädchen
die Kühe. Während das Vieh friedlich graste, schaute
die junge Hirtin so wie im Halbtraum auf der Weide herum, und
wusste selber nicht recht, was sie suchte oder dachte. Aber auf
einmal gewahrte sie auf einer Felsplatte eine schöne, schwarze,
silberglitzernde Schlange in der Sonne liegen mit einem goldenen
Krönlein auf dem Kopf, darin die Edelsteine wie der Regenbogen
funkelten. Die war am Verschmachten und rührte sich kaum,
als das Kind hinzutrat. Mitleidigen Herzens reichte es ihr seinen
Milchkrug dar. Die kranke Schlange lappte begierig von der Milch
und erholte sich alsbald, so dass sie davonkriechen konnte.
Unlang trat ein junger, armer Hirte, dem das Mädchen
im Stillen zugetan war, vor ihren Vater und bat ihn, dass er
ihm seine Tochter zur Frau gebe. Der alte Bauer aber war ein
hablicher Mann, und meinte besser zu sein als der arme Hirte:
«Wenn du erst einmal so viel Vieh zu besorgen hast wie
ich, dann kannst du wiederkommen und freien, meine Tochter ist
nicht für dich und deinesgleichen!» sagte er und wies
ihm die Türe.
Aber von jenem Tage an kam alle Nacht ein feuriger
Lindwurm, schlug Hirten und Vieh und verwüstete Wunn und
Weide. Was übrig war, befiel eine Seuche, Stück um
Stück stand um, und bald hatte der Bauer seine ganze Habe
verloren. Da kam der Hirt wieder und sprach: «Jetzt haben
wir beide gleichviel, gib mir jetzt deine Tochter zur Frau, wie
du versprochen hast.» Der Alte war gottfroh, dass überhaupt
noch wer das Mädchen begehrte, und er sagte lieber heute
ja als morgen.
Am Hochzeitstage, als die Braut den Bräutigam
erwartend sich eben zum Kirchgang schmückte, kam aufs Mal
eine gewaltige Schlange in ihr Gemach, darauf eine wunderschöne
Jungfrau sass, weisser als Schnee und mit Wangen wie Rosen. Die
sprach: «Fürchte dich nicht, ich bin die Schlangenkönigin.
Ich komme, dir zu danken, dass du mich in der Not mit Milch gelabt
hast», und sie nahm die goldene Krone mit den Strahlsteinen
von ihrem Haupt und legte sie dem Mädchen in den Schoss.
Dann entschwanden Schlange und Jungfrau, woher sie gekommen.
Die Braut aber hob die Krone auf und hatte lauter Glück
und Segen davon ihr Leben lang. Das Kleinod hinterblieb den wohlgeratenen
Kindern und erbte sich als schönster Schatz des Hauses fort,
solange das Geschlecht bestand.
* * *
Der Schlangenbanner
Auf der Saaser Alp im Prättigau, einer der schönsten
im Bündnerland, wimmelte es einst an den sonnigen Halden
von zahllosen Schlangen. Zu ganzen Knäueln vernestelt deckten
sie, die giftgeschwollenen Bäuche blähend, grosse Strecken
der melchigsten Weideflächen. Wo man ging und stand, kroch
und ringelte es sich zischend. Sie bissen Menschen und Vieh,
drangen in den Staffel, soffen Nidel und Milch im Gaden, stahlen
Brot, Käs und Zieger. Sie wanden sich den brüllenden
Kühen um Hals und Horn, so dass die Milch, die sie gaben,
blutfarben ward. Die Bauern wussten keinen Rat gegen den Greuel,
und als die schönste Kuh des Senntums, die Heerkuh, von
dem Gewürm getötet wurde, beschloss die Genossame,
die Alp zu räumen.
Da kam eines Tages ein fremder Landfahrer ins Dorf,
ein kleines spinnendürres Männlein, das aus grauen
Äuglein unter borstigen Brauen in die Welt guckte; man sah's
auf den ersten Blick, der konnte mehr als nur auf fünfe
zählen. Wie der wunderliche Gast von der Not der Bauern
hörte, anerbot er sich, die Schlangen zu bannen, wenn sie
heilig versprächen, dabei alles zu tun, was er anordne und
vor allem ihm kräftig beizustehen, wenn eine weisse Schlange,
grösser als alle andern, sich zeigen sollte.
Schon am anderen Morgen zogen die Dorfgenossen mit
dem Banner nach der Alp, mit Sensen, Äxten, Schossgabeln
und Hackmessem bewaffnet. Hier schichteten sie nach seinen Angaben
aus Steinen drei kreisförmige Wälle auf, immer einen
Ring im andern. In der Mitte des innersten machte das Männchen
aus Reisig und Heidekraut einen hohen Haufen, legte einige Handvoll
Kräuter und Wurzeln zu oberst, schlug Feuer und setzte alles
in Brand, indem er dazu in einer unverständlichen Sprache
ein Sprüchlein murmelte. Dann zog er sein Käpplein
ab, nahm ein silbernes Pfeiflein aus dem Sack und fing an ein
Gesätzlein fremdartiger Töne zu blasen, indem er feierlichen
Schrittes mit seltsamen Gebärden das Feuer umging.
Im selben Augenblick kamen, noch ehe die Leute sich
besonnen hatten, überall aus allen Löchern und Ritzen
haufenweise die Schlangen krümmelnd und wimmelnd hervorgeschloffen,
schauerlich pfeifend und zischend. In ganzen Klumpen und Krungeln
wälzten sie sich über die Steinwälle empor und
stürzten in die Flammen, wo sie zuckend und zischend verbrannten.
Mit Staunen und Grausen sah das Volk dem Schauspiel zu und freute
sich schon des guten Gelingens.
Aber da plötzlich schnellten grässlich fräsend
drei mächtig grosse armdicke Schlangen herzu, eine milchweisse,
goldgebänderte Viper mit einer Goldkrone auf dem Kopfe,
gefolgt von zwei kupferfarbenen, blutrot gesprenkelten Ottern.
Laut aufschreiend vor Entsetzen stoben die Leute auseinander.
Der Banner aber schrie mit schriller Stimme gellend: «Das
ist die Königin! Schlagt sie tot!» und setzte behend
wie ein Eichhörnchen auf die nächste Tanne. Die weisse
Schlange schoss ihm nach und wand sich fauchend am Stamme hinauf.
Da aber ermannte sich ein beherzter Küher und spiesste den
Wurm mit seiner Mistgabel am Baume fest und hieb ihm den Kopf
ab, indess andere mit ihren Knüppeln die beiden roten Schlangen
totschlugen.
«Schonet der Krone!» rief das Männlein,
das sich geschwinde an den Ästen herunterliess. Dann löste
es behutsam die Krone vom Kopfe der Schlangenkönigin, schob
sie zu seiner Pfeife in den Sack und sprach: «So, ihr guten
Leute, das ist mein Lohn, und ihr habt auf eurer Alp fortan Frieden
vor dem Gewürm.» Und seitdem hat man allda auch nie
mehr von Schlangen sagen hören. Auf dem Fleck aber, wo das
Feuer gebrannt hatte, ist kein Grashalm mehr gewachsen.
(aus: C. Englert-Faye «Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz», Atlantis Verlag, Zürich, 1941)
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