Joseph Meixners Meinung:
ein Drache
Joseph Meixner, Universitätsprofessor für Zoologie
in Graz, veröffentlichte am 5.6.1935 in der «Neuen
Zürcher Zeitung» die nachfolgende kritische Betrachtung
des Tatzelwurm-Phänomens.
Sein Text ist in meinen Augen
wenig überzeugend. Wurmstichig
ist nicht zuletzt sein Fazit: «Ich schliesse: Es ist als
völlig ausgeschlossen zu betrachten, dass es in unseren
Alpen ein für sie bisher unbekannt gebliebenes (...) Tier
vom Formate des Tatzelwurms gibt.» Denn: «Die Erforschung
der Alpen durch Touristen und Naturwissenschaftler ist seit über
hundert Jahren so weit gediehen, dass es nur sehr selten glückt,
irgend eine kleine neue Tierart, ein Insekt von Millimetergrösse
(...) zu entdecken.»
Dazu meine schlichte Anmerkung:
Im Herbst 1999 wurde auf der viel besuchten und gut untersuchten
Kanareninsel La Gomera die seit 500 Jahren verschollene, etwa
einen halben Meter lang werdende Rieseneidechse Gallotia gomerana
wiederentdeckt.
Der Streit um den Tatzelwurm
von Joseph Meixner, Universitätsprofessor für
Zoologie, Graz
Durch jahrhundertalte Überlieferung wurzelt im Volksglauben
der Alpenläder von der Schweiz bis zum Wiener Schneeberg
die Vorstellung von der Existenz eines Wesens, das «Tatzelwurm»,
«Springwurm», «Stollen- oder Stollwurm»,
auch «Bergstutz», «Büffel», «Beiszwurm»,
«Haselwurm» usw. genannt wird, das bis in unsere
Tage immer wieder gesehen und beschrieben wird. Österreichischen
Kriegsgefangenen ist es auch im Kaukasus und andernwärts
begegnet. Die Berichte stammen fast durchwegs von Bauern, Jägern,
Hirten, Holzknechten sowie deren Frauen und Kindern und wurden
in den verschiedensten Zeitschriften und Tagesblättern veröffentlicht.
In der Bozener Zeitschrift «Der Schlern»
1931, 1932 und 1934 haben sich Prof.Dr. K. Meusburger und Ingenieur
K. Flucher der Mühe unterzogen, alle ihnen erreichbaren
Nachrichten zu sichten und 85 mehr oder weniger verlässlich
erscheinende Fälle wiederzugeben, von denen eine Anzahl
einigermassen übereinstimmende Angaben über Aussehen
und Gehaben des Tatzelwurms enthalten, was die Verfasser in der
Annahme seiner Existenz bestärkt.
Schuldirektor J. Nicolussi («Der Schlern»
1933), der auf dem gleichen Standpunkte indirekter Beweisführung
steht und wie jene schliesst, es könnten doch unmöglich
alle diese Berichte nur aus der Luft gegriffen und samt und sonders
zu verwerfen sein, unternahm den Versuch, aus den mehr oder minder
voneinander abweichenden Schilderungen ein einheitliches Tier
zu rekonstruieren, das sich ihm als eine für unser Gebiet
ungewöhnlich grosse Echse von abstossendem Äusseren
dargestellt, einer Echse von meist 40 bis 60 Zentimetern Körperlänge,
mit dem Umfange des Oberarmes eines erwachsenen Menschen, also
mit plumpem Rumpf, weiter mit breitem Kopf, stumpfem Schwanz
und kurzen Beinen («Stollen»), einigermassen erinnernd
an einen Salamander, aber mit grober, warzenartiger Schuppenbedeckung,
mit breitem, innen feuerrotem Maul, spitzen, scharfen Zähnen
und einer zweispaltigen Zunge. Sein giftiger Biss, sein scharfer
Blick und seine zornige, kampfeslustige Haltung sowie das Ausstossen
zischend-pfeifender Laute beim Angriffe erinnern an die Kreuzotter.
Diesen rekonstrierten «Einheits-Tatzelwurm»
ordnet Nicolussi auf Grund der Angaben in Brehms Tierleben in
die nordamerikanische Reptiliengattung der Krustenechsen (Heloderma)
ein, Nachttiere, die tagsüber in selbstgegrabenen Löchern
leben und erst abends hervorkommen, um allerlei Kleingetier zu
jagen und gereizt zischen oder fauchen; ihr Biss wirkt gelegentlich
tödlich (gefurchte Zähne, Giftdrüsen). Nicolussi
gibt ihrem europäischen Vertreter sogar einen wissenschaftlichen
Namen, Heloderma europaeum, ein selbstverständlich
völlig unwissenschaftliches Vorgehen.
Schon Meusburger und Flucher schieden aber bereits
alle jene Erzählungen aus, die von vorneherein den Stempel
der Unwahrheit, der Prahlsucht tragen, ebenso jene, die sich
offensichtlich auf bekannte, in den betreffenden Gegenden dem
Menschen verhältnismässig selten entgegentretende Tiere
wie Kreuzotter, Smaragdeidechse, Wiesel usw. beziehen, und sie
versuchen nach Möglichkeit auch manche der 85 verzeichneten
Fälle in diesem Sinne zu deuten, wobei sie auf mögliche
krankhafte Veränderungen, Aufgedunsensein, Haarlosigkeit,
übelriechenden Ausschlag hinweisen.
Den in Sagen und Legenden eine grosse Rolle spielenden
Tatzelwürmern liegen nachweislich vielfach Drachensagen
zugrunde. So huldigte noch der Schweizer Naturforscher Scheuchzer
dem in der Alpenbevölkerung tief eingewurzelten Glauben
an die Existenz drachenartiger Tiere, was beweist, wie wenig
kritisch seine Einstellung und die seiner Zeit war.
Jüngst hat Prof. Dr. C. Steinböck (Innsbruck)
als zünftiger Zoologe jene älteren und neuen Berichte
überprüft («Der Schlern» 1934) und ist
zu dem begründeten Ergebnis gekommen, dass es sich in den
meisten Fällen, namentlich jenen, die in über 1000
Metern Höhe beobachtet wurden (etwa 45), die Kreuzotter
oft mit grösster Deutlichkeit zu erkennen ist; sie wird
in Salzburg und Obersteiermark wenigstens stellenweise tatsächlich
Tatzelwurm oder Bergstutz genannt (Werner). In anderen Fällen
sind augenscheinlich Nattern oder die Smaragdeidechse oder andere
Eidechsen oder der Alpen-, der Feuersalamander, das Wiesel, der
Marder, der Fischotter, der angegriffen ebenfalls zischt und
faucht, das Murmeltier und andere bekannte Tiere erkennbar. So
liegt auch bei der jüngst aus Kärnten (Klagenfurt-Kreuzbergl,
Lieserschlucht bei Spittal an der Drau) mitgeteilten Fällen
(Blätter für Naturkunde und Naturschutz 1934) eine
Verwechslung mit der Kreuzotter oder der Glattnatter sehr nahe,
zudem sich die Tiere in Gesellschaft von «kleinen Schlangen»
befanden: Sie sind nämlich fast lebend-gebährend (ovovivipar),
die Jungtiere zerreissen knapp nach der Eiablage die zarten Eischalen.
Wie können solche Verwechslungen, jene oft phantastischen
Berichte zustandegekommen sein? Ich sehe von der leicht unterlaufenden
Grössenüberschätzung bei unsichtigem Wetter oder
grosser Entfernung ab, da es hier weniger in Frage kommt. Viele
Tiere aber, so gerade Schlangen, Echsen, Raubtiere, fügen
sich durch einen vor allem auf Färbung, Schattenwirkung
und dieser entgegengesetzter Gegenschattierung des Körpers
bei charakteristischer Ruhestellung beruhenden Unauffälligkeitseffekt
(Schutzfärbung) derart vollkommen in das Bild ihrer natürlichen
Umgebung ein, dass sie der Mensch und vermutlich ebenso die Feinde
und Beutetiere jener bei indirektem Sehen überhaupt nicht
von der Umgebung zu unterscheiden vermögen, dass sie einfach
übersehen werden.
Erst bei genauem Absuchen mit der Stelle des deutlichsten
Sehens treten sie plötzlich scharf in unser Gesichtsfeld.
Dies kann besonders dann geschehen, wenn das in Ruhe befindliche
Tier sich auf einen Reiz hin plötzlich bewegt. Man denke
an einen plötzlich vor uns auffliegenden Vogel (Fasan, Rebhuhn),
an Schlangen, Insekten, die sich in einer uns ungewohnten Form
plötzlich zur Schau stellen, wobei oft verdeckte, grellfarbige
Zeichnungen plötzlich sichtbar werden: Wo vorher «Nichts»
war, ist auf einmal ein Tier aufgetaucht, womöglich in höchst
bizarrer, verdächtiger Haltung, ein Eindruck, der sich mit
psychologisch primitivem, mystischem Schrecken verbindet, wobei
das Erschrecken mit der Grösse des Tieres wächst.
Dass primitive, von vornherein zu abergläubischen
Vorstellungen neigende, wenig kritisch eingestellte Personen
bei ihrem Erschrecken das Grössen- und Formverhalten des
plötzlich in ihr Gesichtsfeld Tretenden nicht scharf erfassen
können, ist die Voraussetzung für ihre zum Teil unrichtige
und übertriebene Berichterstattung. Der hohe Grad ihres
Erschreckens ergibt sich daraus, dass die Leute vor dem Tatzelwurm
meist die Flucht ergreifen.
Nun überrascht uns die «Berliner Illustrirte
Zeitung» vom 17. und 25. April des Jahres mit einem umfangreichen
Aufsatz: «Rätselhafte Begegnung im Schweizer Hochgebirge:
Der Tatzelwurm, das geheimnisvolle Fabeltier der Alpenwelt zum
ersten Male fotografiert? Razzia auf den Tatzelwurm.» Der
von einem der Schriftleitung als zuverlässig bekannten Motivjäger
namens Balkin im Winter 1934/35 nachmittags bei trübem Wetter
auf einer «kleinen Alm» bei Meiringen im Berner Oberland
geknipste Tatzelwurm - es ist nur sein vorderes Drittel sichtbar
- und seine Beschreibung erinnern an jene Rekonstruktion Nicolussis,
bzw. an das dort beigegebene Abbild des Heloderma suspectum,
des Gilatieres der Wüsten Arizonas.
Der Photograph hat das zunächst als seltsam geformten
Baumstamm gehaltene «Etwas» auf etwa 10 Meter Entfernung
aufgenommen; auf das Knacken des Verschlusses bewegte es sich,
sah ihn mit durchdringend blickenden, bösartigen Augen an,
und machte Miene, auf ihn loszugehen, stiess dabei zischend-pfeifende
Laute aus. Beim Davonlaufen stürzend sah Balkin beim Aufrichten
eben noch, wie das Tier «mal laufend, mal springend zu
seinem Erloch zurückeilte, das es zu meiner Verfolgung verlassen
hatte». Die Schriftleitung veranstaltete zwei Razzien unter
Zuziehung eines erfahrenen Zoologen Dr. M., die erste bei Schneebedeckung
und Föhnwetter, die zweite nach Schneefreiwerden. Ergebnis:
Es wurde weder der Tatzelwurm gesehen, noch sein Erdloch, noch
irgendwelche Spuren (Fährten) von ihm gefunden! Das im Lichtbilde
ziemlich unvermittelt auf dem wenig nach felsigem Almboden aussehenden
Grund festgehaltene Tatzelwurmstück lässt an einen
verspäteten Aprilscherz denken.
Was spricht gegen das Vorkommen eines für die
Alpen oder überhaupt für die Wissenschaft noch unbekannten
Tiers von dem Formate des Tatzelwurms?
1. Es lebt nicht in abgelegenen, kaum begangenen Gebieten,
da sich die Hälfte der Fälle in nächster oder
allernächster Umgebung menschlicher Siedlungen abspielt.
2. Es führt weder eine rein nächtliche,
noch eine dauernd verborgene, unterirdische Lebensweise etwa
nach Art der Blindwühlen oder der Nacktmulle der Tropen.
Im Gegenteil, der Tatzelwurm sonnt sich anscheinend gern an trockenen
Plätzen, ausserdem ist eine dauernde subterrane Lebensweise
weder mit seinem Bau, noch mit der Dürftigkeit und der Nahrungsarmut
des Almbodens vereinbar (wie Steinböck mit Recht betont).
3. Die meist hervorgehobene Angriffslust und die stets
wachsende Zahl der Tatzelwurmfälle zeigt, dass es sich nicht
um ein sehr seltenes, im Aussterben begriffenes Tier handeln
kann, wie Meusburger anzunehmen geneigt ist.
4. Es fehlen, von einer einzigen Angabe von Krallenabdrücken
abgesehen, jegliche Spuren von Fährten und Losung, die sonst
auch von Winterschläfern bekannt sind und die bei der Grösse
und dem ihr entsprechenden Gewicht des Tatzelwurmes doch hätten
einmal gefunden werden müssen.
5. Es fehlt jegliche Kenntnis über rezente oder
fossile Skelettreste, die einem Tiere vom Heloderma-Tatzelwurmtypus
zugehören könnten; alle derartigen Funde sind als Irrtum
erwiesen.
6. Die Erforschung der Alpen durch Touristen und Naturwissenschaftler
ist seit über hundert Jahren so weit gediehen, dass es nur
sehr selten glückt, irgend eine kleine neue Tierart, ein
Insekt von Millimetergrösse, verborgen im Humus, unter den
eingebetteten Steinen oder in Höhlen zu entdecken.
7. Wir kennen allerdings Tiergruppen, die heute auf
der Erde nurmehr in vereinzelten Vertretern in Eurasien und in
Nordamerika leben, so von grösseren Tieren die Fischmolche
(Amphiumidae) mit dem Riesensalamander Megalobatrachus maximus
von über 1,5 Metern Länge in Ostasien und zwei Gattungen
(mit je einer Art) in Nordamerika, die Olme (Proteidae) mit dem
Grottenolm des balkanischen Kartsgebietes und dem Furchenmolch
Nordamerikas, so die Hundsfische (Umbra) mit je einer
Art in Ungarn und in Nordamerika, so auch die Krustenechsen (Helodermatidae)
mit Heloderma in Nordamerika und Lanthanotus auf
Borneo. Eine derartige Form hätte sich aber gerade in dem
guterforschten Europa noch weniger der Entdeckung entziehen können
als anderswo!
Anders liegen die Dinge vermutlich bei dem an und
in Gebirgsseen der Südalpen Neuseelands lebenden «Waitoreki»
der Maoris, dem einzigen endemischen Landsäugetier Neuseelands,
das man, wie L. Heck in «Brehms Tierleben» berichtet,
wiederholt gesehen hat, einmal so nahe, dass man ihm einen Peitschenhieb
versetzen konnte, auf den es mit einem schrillen Schrei im Wasser
verschwand. J. van Haast sah 1861 seine Fährten häufig
im Schnee, 3500 Fuss über dem Meere, sie ähneln denen
des Fischotters, wie überhaupt jenes etwa kaninchengrosse,
dunkelbraune Tier ihm äusserlich ähnelt. Man vermutet
aber, dass es sich um einen Vertreter der Kloakentiere handelt,
die heute auf Australien, Tasmanien und Neuguinea beschränkt
sind. Man ist seiner nicht habhaft geworden. Seit 1861 fehlt
jede Nachricht über dieses Tier.
Es besteht schliesslich noch die Möglichkeit
der Begegnung mit aus Terrarien entflohenen Tieren. So wurde
mir einmal eine etwa 40 Zentimeter lange «Kröte mit
Stachelschwanz» bei Graz gemeldet. Wir fingen das Tier,
es war eine Erdagame aus Nordafrika (Uromastix)!
Der Tatzelwurm ist einige Male gefangen, einer von
einem Mittelschüler sogar in einer Schachtel nach Hause
getragen worden (Fall Klagenfurt-Kreuzbergl), alle aber sind
wieder freigelassen worden, keiner gelangte in ein wissenschaftliches
Institut.
Ich schliesse: Es ist als völlig ausgeschlossen
zu betrachten, dass es in unseren Alpen ein für sie bisher
unbekannt gebliebenes oder für die Wissenschaft überhaupt
neues Tier vom Formate des Tatzelwurms gibt. Dessen ungeachtet
wird dieser noch oft gesehen werden. Er wird und möge weiterbestehen
im Glauben der Mutterschicht unseres Volkes als ein allerdings
verkleinerter letzter Nachkomme der grossen Drachen und Lindwürmer
unserer Urahnen, mit den um sie gesponnen Sagen und Märchen.
(in: «Neue Zürcher
Zeitung», 5.6.1935)
Zoologieprofessor Meixners Meinung
erinnert stark an die Meinung des namenlosen Zoologen, der die
von der «Berliner Illustrierten Zeitung» im Frühjahr
1935 durchgeführte Suche nach dem Tatzelwurm begleitet hatte.
Ich zitiere hier den entsprechenden Abschnitt aus Hans Rudolfs
Bericht:
«Der Zoologe antwortete:
«Der Tatzelwurm ist ein Fabeltier.» «Das Okapi
war auch ein Fabeltier», erwiderte ich ihm, «bevor
es gefunden wurde, und auch der Riesenwaran, den man jetzt im
Berliner Aquarium sieht, war eines, und kein Gelehrter glaubte
an ihn. Alle paar Jahre wird irgendein Fabeltier wirklich gefunden.»
«Aber nicht in Europa», sagte der Zoologe kühl,
«nicht in der Schweiz, sondern in Ländern, die nicht
bereits von tausend Zoologen durchforscht, ja noch nicht einmal
von tausend zivilisierten Menschen betreten sind.»
Der Zoologe wurde ärgerlich:
«In einem Land wie der Schweiz hätte sich kein Tier
von Zentimetergrösse vor der zoologischen Forschung verstecken
können. Jede Flohart ist uns bekannt. Und jetzt soll es
im Berner Oberland ein Tier geben, das fast ein Meter lang ist
und das wir nicht kennen? Es gibt keinen Tatzelwurm, und wenn
Sie ihn suchen, machen Sie sich zum Narren.»
Der Fotograf freundlich: «Er
ist etwa ein Meter lang, vorn hat er Barteln, und seine Nasenlöcher
sind auffallend gross.» Der Zoologe gereizt: «Ein
solches Tier gibt es nicht!» Der Fotograf: «Woher
wissen Sie das? Ich räume Ihnen ein, dass Sie alle Tiere
kennen, die bekannt sind. Dieses Tier aber, das ich fotografiert
habe, kennen Sie nicht. Wie können Sie so unentwegt behaupten,
ein solches Tier gibt es nicht?» Der Zoologe: «Weil
es ein solches Tier nicht geben kann!» Der Fotograf wütend:
«Weil, so schliesst er messerscharf, nicht sein kann, was
nicht sein darf - um mit Christian Morgenstern zu reden.»
(aus: Hans Rudolf
«Rätselhafte Begegnung im Schweizer Hochgebirge: Der
Tatzelwurm», «Berliner Illustrirte Zeitung»,
Nr. 16, April 1935)
Noch knapper bringt Peter Valentin
in seinem Beitrag «Was ist mit dem Tatzelwurm?» die
Meinung von Joseph Meixner auf den Punkt:
«Ich bin nach allen Berichten, die mir zu Ohren
kamen, weniger klug als wie zuvor. Der Herr Professor wird zwar
erklären: Das Tier existiert nicht, denn es steht nicht
in meinem Buche. (...) aber was ist dann mit (...) den zahlreichen
Berichten von Augenzeugen, die dem Tatzelwurm begegnet sind?»
(aus: Peter Valentin «Was ist
mit dem Tatzelwurm?», «Zofinger Zeitung», 18.
Mai 1935)
Zum Schluss noch eine unqualifizierte «Drachen»-Aussage
- stellvertretend für viele derartige Wortmeldungen von
Personen, die sich nie näher mit dem Tatzelwurm-Phänomen
befasst haben:
«Es gibt kaum eine Landschaft an Etsch, Eisack
und Rienz, wo nicht Geschichten vom Tatzelwurm im Umlauf waren.
(...) Fassen wir alles zusammen, so dürfte es sich wohl
um einen verblassenden Zug uralter Drachensagen handeln.»
(aus: Hans Fink «Verzaubertes Land - Volkskunst
und Almenbrauch in Südtirol», Tyrolia-Verlag, 196?)
Es finden sich ja in den frühen
Tierbüchern beispielsweise von Konrad Gesner, Johann Jakob
Wagner und Johann Jakob Scheuchzer sehr detaillierte und gut
illustrierte Berichte über das Vorkommen, Aussehen und Verhalten
der vielgestaltigen Drachensippe. Meistens handelt es sich um
Ungetüme mit Längen von «fünfzig Ehlenbogen»,
«fünfzehen Schritt» usw.; die kleinsten haben
laut Gesner «sieben und neun Ellen an der Länge».
Eine halbmetrige, plumpe Schlange
oder Echse, wie es der Tatzelwurm gemäss «unseren»
Augenzeugen ist, passt meines Erachtens überhaupt nicht
in dieses Bild. Und tatsächlich finden sich in den genannten
Werken keinerlei Hinweise auf den Tatzelwurm, weder in den Texten
noch in den Bildern. Wieso trotzdem - immer und immer wieder
- die Drachensagen als Erklärung für das Tatzelwurm-Phänomen
herbemüht werden, ist für mich unverständlich.
Hier eine typische Drachenillustration
aus jener Zeit - um vor Augen zu führen, wovon Meixner,
Fink und andere «Tatzelwurm-Meinungsmacher» überhaupt
sprechen:
(aus: J.J. Scheuchzer «Itinera per Helvetiaer
alpinas regiones», 1717)
Ich habe absichtlich die Abbildung eines
fluglosen, zweifüssigen und verhältnismässig kleinen
- also möglichst tatzelwurmartigen - Drachens gewählt,
der ausserdem im Schweizer Alpenraum sein Unwesen trieb. Hand
aufs Herz: Erkennen Sie auch nur eine entfernte Ähnlichkeit
mit dem Tatzelwurm, den die Augenzeugen beschrieben haben? Würden
Sie umgekehrt beim Anblick einer dicken, hinten abgestutzten
Echse oder Schlange an solch einen mittelalterlichen Drachen
denken? Ich auch nicht...
Ohne Kommentar:
«Bezugnehmend auf den «Schmecketen-Wurm-Hof»
in Wien («Schlern» XII, S. 465) teilt uns Herr Dr.
R. Granichstaedten von dort aus folgendes mit: Der Schmeckende-Wurm-Hof
hat seinen Namen daher, weil ein Spassvogel einem lebensgrossen
Krokodil aus Eisenblech, das über dem Kaufmannsgewölbe
hing, einen Blumenstrauss in den Rachen steckte, so dass das
Reptil zur Blume zu riechen («schmecken») schien
(nachzulesen bei W. Kisch «Wiens alte Strassen und Plätze»,
Bd. I, S. 634). Dies hat also mit dem Tatzelwurm nichts zu tun.
Dagegen gibt es ein Haus «zum Drachen» (Singerstrasse
4), das ein altes Steinbasrelief trägt, welches einen Drachen
oder Lindwurm darstellt. Dieser könnte eher ein Tatzelwurm
sein.»
(in: «Der Schlern», 1932,
S. 71)
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