Karl Meusburgers Bericht über den Tatzelwurm


Karl Meusburger veröffentlichte 1928 auf den Seiten 189 und 190 in Heft 9 des «Schlern» den nachfolgenden Bericht. Er brachte damit die «Tatzelwurm-Lawine» der 1930er Jahre ins Rollen.




Etwas vom Tazzelwurm

von Dr. Karl Meusburger


Manche Orte unseres Landes, so erzählt die Sage, waren einst voll von Schlangen, die mannigfachen Schaden anrichteten. Da erscheint eines Tages ein fremdes Männlein und macht sich erheischig, das ganze giftige Gewürm mit einem Schlag zu vernichten. Vorher aber erkundigt es sich eingehend, ob unter den Schlangen wohl keine weisse sei. Da das in Abrede gestellt wird, zündet es ein grosses Feuer an und beginnt mit seiner Beschwörung. Und siehe da! Jetzt kommen die Schlangen von allen Seiten ganz haufenweise herbei, stürzen sich in die Flammen und verbrennen. Doch auf einmal hört man von den Bergen her einen gellenden unheimlichen Pfiff: Der Schlangenbeschörer erschrickt, denn er weiss, das ist die weisse Schlange, die kann er nicht ins Feuer hineinzwingen. Da ringelt sich der weisse Wurm auch schon heran, umschlingt den Beschwörer und stürzt sich mit ihm in die Gluten, wo beide, Mann und Schlange, zugrunde gehen.

So die Sage, die an verschiedenen Orten mit nur ganz geringfügigen Abweichungen wiederkehrt.

Nun behaupten aber heute noch lebende Jäger und Hirten fest und steif, so eine weisse Schlange wirklich gesehen zu haben. Sie sei kurz, aber dick gewesen und habe fast so ähnlich ausgeschaut wie ein Wickelkind. Natürlich liegen auch aus früheren Zeiten und aus anderen Alpengebieten ähnliche Beobachtungen und Beschreibungen vor. Genannt wird dieses sagenhafte Tier bald Haselwurm, bald wegen der kurzen Füsse, die manche bei ihm beobachtet haben wollen, Tazzel- oder Stollenwurm, dann auch Bergstutz wegen seiner gedrungenen, hinten gleichsam abgestutzten Gestalt.

Zeitungen und auch wissenschaftliche Zeitschriften brachten öfters Aufsätze über diesen Tazzelwurm, und die Folge war, dass von verschiedenen Seiten Preise ausgeschrieben wurden für den, der ein solches Tier lebend oder tot einliefern würde.

Joseph Victor von Scheffel hat ihm ein eigenes Gedicht gewidmet, worin es unter anderem heisst: «Doch weise Männer sah'n noch nie den Tazzelwurm.» Das ist eben das Merkwürdige an der Geschichte, dass einerseits Hirten und Jäger wiederholt dieses Tier gesehen haben wollen und es ziemlich übereinstimmend beschreiben, dass aber andererseits, obschon heute so viele naturgeschichtlich Gebildete unsere Alpen bereisen, doch noch kein «weiser Mann» je einen Tazzelwurm zu Gesicht bekommen hat.

Da traf ich neulich einen mir recht vertrauenswürdig erscheinenden Mann, der einen solchen Tazzelwurm wirklich gesehen haben will. Es war Mitte Juli des heissen Jahres 1921, da ging er in Begleitung eines Hirten auf die Sennerbergalpe im hintersten Ridnaunertal. Etwa um zwei Uhr nachmittags sahen sie nun, durch das Davonlaufen der Schafe aufmerksam gemacht, in den Steinlammern einen etwa armdicken, 60 bis 70 Zentimeter langen, schmutzig-weissen Wurm liegen, der sich, als sie näher kamen, sofort im Kampfstellung aufrichtete, sie starren Blickes scharf ansah und einige Mal einen langgezogenen Pfiff hören liess. Der Kopf des Tiers war etwas plattgedrückt; Ohrmuscheln bemerkten sie keine, wohl aber sahen sie, wie es einige Mal eine schmale, dunkle, zweigespaltene Zunge herausstreckte. Füsse sahen sie keine. Hinten war der Wurm dicker, er hatte nach ihrer Beschreibung fast eine birnenförmige Gestalt. Näher als auf etwa zwanzig Schritt wagten sie sich nicht heran, da sie, ihre Bergstöcke ausgenommen, keinerlei Waffen bei sich hatten. Lange hielten sie sich bei diesem ihnen unheimlich erscheinenden Tier nicht auf, sondern machten, dass sie bald wieder weiterkamen. Trotzdem betrachteten sie aber auf etwa fünfzig Schritt Entfernung den Wurm nochmals mit ihrem Fernrohr, nahmen aber dabei nichts Neues mehr wahr.

Dieser Tazzelwurm scheint also bei uns in den Alpen eine ähnliche Rolle zu spielen wie auf dem Meer die Seeschlange. Um nun der Sache eher auf den Grund kommen zu können, werden die geehrten Leser höflichst ersucht, alle diesbezüglichen Beobachtungen, seien es nun eigene oder von glaubwürdigen Personen mitgeteilte, der Schriftleitung des «Schlern» einzusenden. Verschiedenes liegt schon vor und soll dann später einmal zu einem Aufsatz im «Schlern» über die Tazzelwurmfrage verarbeitet werden.




Verschiedene aufgrund dieses Berichts beim «Schlern» eingegangene Zuschriften sind auf der Seite «Augenzeugenberichte» wiedergegeben.






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