Die Berliner Tatzelwurm-Affäre
1935 veröffentlichte die «Berliner
Illustrirte Zeitung» eine Aufnahme des Fotografen Balkin
und einen ausführlichen Bericht des Journalisten Hans Rudolf
zum Thema «Tatzelwurm». Die sensationelle Geschichte,
die bei Meiringen im Berner Oberland spielt, schlug damals hohe
Wellen - und erwies sich letztlich als Scherz. Allerdings als
sehr gut gemachter, denn der Journalist war über den Tatzelwurm
bestens informiert. Hier das Foto und der lesenswerte Bericht
sowie diverse Folgeberichte und Kommentare.
In: «Berliner Illustrirte Zeitung»,
April 1935, Nr. 16, S. 551-558, und Nr. 17, S. 601-604:
Rätselhafte Begegnung im Schweizer Hochgebirge:
Der Tatzelwurm
Das geheimnisvolle Fabeltier der Alpenwelt zum ersten
Mal fotografiert?
(Foto: Balkin)
In dem Bericht, der auf den folgenden Seiten abgedruckt
ist, wird von dieser rätselhaften Aufnahme erzählt.
Ein Fotograf schickte das Bild an die «Berliner Illustrirte
Zeitung» und berichtete, wie er zuerst ein merkwürdiges
Stück Baumstamm zu erblicken glaubte, bis das Ding sich
nach seiner Angabe als ein angriffslustiges Tier erwies, das
er fotografieren konnte und das dann verschwand. Leute im Berner
Oberland, wo die Aufnahme gemacht wurde, sprachen vom Tatzelwurm,
der dort auch Stollenwurm heisst. Ist es also wirklich gelungen,
dieses Tier, das trotz vieler Berichte aus älterer und jüngerer
Zeit von vielen Menschen für ein Fabeltier gehalten wird,
auf die fotografische Platte zu bringen?
Razzia auf den Tatzelwurm
Ein Bericht von Hans Rudolf
Hier wird über eine Tierfang-Expedition von recht ungewöhnlicher
Art berichtet. Als die «Berliner Illustrirte Zeitung»
aus dem Berner Oberland das Foto erhielt, das auf Seite 551 wiedergegeben
ist, sagte die Schriftleitung sich: Der Fotograf, der diese Aufnahme
gemacht hat, ist bisher stets als zuverlässig erschienen,
aber was er hier fotografiert hat, sieht wie ein Fabeltier aus.
Immerhin, solch ein Fabeltier wollen glaubwürdige Leute
in den letzten Jahren wiederholt gesehen haben. Und so sandte
die «Berliner Illustrirte Zeitung» den bewährten
Mitarbeiter, der im folgenden berichtet, zusammen mit einem erfahrenen
Zoologen auf die Suche.
Teil I
(in Heft Nr. 16)
Ein Geräusch hatte mich geweckt. Aus meiner Schlaftrunkenheit
vermochte ich nur langsam zu klarem Bewusstsein zu kommen. Das
fahle Morgenlicht drang ins Abteil. Der Herr vom unteren Bett
hatte Lärm gemacht, indem er das Fenster zu öffnen
versuchte. Ich sah ihn im Fensterausschnitt stehen, seine weissen
Haare und sein Schlafanzug leuchteten.
Empört rief ich ihn an: «Was, um Himmels
willen, machen Sie da?» «Ich stehe auf», sagte
der alte Herr freundlich, aber bestimmt. «Warum stehen
Sie denn mitten in der Nacht auf? Wir kommen doch erst um zehn
Uhr an.» «Ich stehe immer um sechs Uhr auf. Ich muss
dann meine Zentralheizung in Gang bringen und meine 250 Schlangen
besorgen.» «Aber hier gibt's doch keine Schlangen.
Legen Sie sich nur wieder ins Bett.» «Nein»,
sagte mein Reisegefährte mit Festigkeit, «ich stehe
auf.»
Es ist keine Kleinigkeit, mit einem alterfahrenen
Gelehrten, einem Zoologen, im Schlafwagen von Berlin nach Bern
zu fahren. Und es war keine Kleinigkeit, um derentwillen wir
fuhren.
Gestern vormittag war ich dringend zur «Berliner
Illustrierten Zeitung» gerufen worden. Man empfing mich
mit den Worten: «Lesen Sie diesen Brief, er kommt aus dem
Berner Oberland. Der Briefschreiber ist ein Fotograf, der schon
einige Male für uns gearbeitet hat, wir haben ihn bisher
immer zuverlässig gefunden.»
Der Brief des Fotografen lautete: «Am letzten
Sonnabend hielt ich mich in Meiringen auf. Das trübe Wetter
zwang mich zur Untätigkeit, und ich machte einen planlosen
Spaziergang in der Richtung von Innertkirchen. Halbwegs nach
Innertkirchen ging ich vom Fussweg ab und erkletterte einen kleinen
Berg, um mich in der Gegend umzuschauen. Auf einer kleinen Alm
fiel mein Blick auf ein merkwürdiges Gebilde, das in einer
Erdvertiefung lag und das ich zuerst für einen seltsam geformten
Baumstamm hielt. Als ich auf etwa zehn Meter nahe gekommen war,
begann ich zu zweifeln, ob dieses eigenartige Ding nun wirklich
ein Holzstück oder ein Tier war, das ganz still dalag. Es
sah so aussergewöhnlich aus, dass ich die Kamera, die ich
in der Hand hatte, gegen das «Etwas» richtete und
abdrückte.
Das Knacken des Verschlusses hatte eine überraschende
Wirkung: Der vermeintliche Baumstamm bewegte sich plötzlich
und schaute mich mit sehr hellen, durchdringend blickenden, bösartigen
Augen an. Das Tier machte Miene, auf mich loszugehen, und stiess
dabei zischend-pfeifende Laute aus. Der Anblick war so schrecklich,
dass ich - obwohl ich durchaus nicht ängstlich bin - es
vorzog, mich schleunigst im Laufschritt zu entfernen. Ich kam
auf Glatteis, stolperte und fiel, und als ich mich beim Aufrichten
nach dem Tier umsah, konnte ich noch sehen, wie es mal laufend,
mal springend zu seinem Erdloch zurückeilte, das es zu meiner
Verfolgung verlassen hatte.
Das ganze Erlebnis war so unheimlich, das Aussehen
und die Bewegungen des Tiers so abstossend und bösartig,
das ich es allein und ohne Waffe nicht über mich brachte,
zurückzugehen, und mich schnell auf den Heimweg machte.
Das Tier ist etwa 8o Zentimeter lang und an der breitesten Stelle
etwa 25 Zentimeter im Durchmesser. Der Form nach erinnert es
an eine sehr dicke kurze Schlange, hat aber Vorderfüsse.
Hinterfüsse habe ich nicht gesehen, sie müssen fehlen
oder sehr klein sein. Die Farbe ist braun mit hellen und dunklen
Flecken. Der Körper ist beschuppt, doch sind die Schuppen
nicht glänzend, sondern matt. Auch glaube ich, einen schwachen
Borstenwuchs gesehen zu haben. Auf dem Bild ist ungefähr
ein Drittel des Tiers sichtbar. In der Bewegung ist es ziemlich
schnell und kann laufen sowie springen. Furchterregend sind das
Pfeifen und der Blick. Am Munde hat das Tier eine Reihe von Barten,
es können auch Zähne sein. Der Schwanz ist kurz und
spitz zulaufend.
Unterwegs nach der Begegnung mit dem Tier fragte ich
einen mir entgegenkommenden Bauer, was das für ein Tier
sein könnte, doch konnte ich seine Antwort auf Schweizerdeutsch
nicht gut verstehen, sah seinen verstörten Blick und hörte
etwas von «Wurm» heraus. In Meiringen angekommen,
befragte ich den Hotelwirt. Er war der Meinung, dass ich vor
einem Hasen oder Hund geflohen bin, doch sagte er mir, dass es
in der Gegend ein sagenhaftes Tier gibt, das «Stollenwurm»
genannt wird. Weiteres konnte ich aus dem Manne nicht herausbekommen.
Nachdem ich den Film entwickelt hatte, stellte ich
fest, dass das Tier bestimmt kein Hund oder sonstiges allbekanntes
Tier ist, und zeigte das Bild einem Zoologen. Er war der Meinung,
dass das Tier der sogenannte «Tatzelwurm» oder «Stollenwurm»
ist. Genaues könne er aber nur dann sagen, wenn man ihm
das Tier lebendig oder tot bringe. Dann erst werde sich auch
feststellen lassen, ob der Tatzelwurm ein völlig unbekanntes
Tier oder nur eine unbekannte Abart einer bekannten Tierart ist.»
So schrieb der Fotograf, ich hatte es gelesen, und
ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Man zeigte mir ein Foto: «Und was halten Sie
hiervon?» «Es ist ein schlechter Abzug», erwiderte
ich. «Macht nichts», erhielt ich zur Antwort. «Sie
werden noch einen besseren Abzug erhalten. Die Hauptsache ist:
Hier ist, wenn die Sache stimmt, der Tatzelwurm fotografiert.»
«Und was soll ich dabei tun?» «Sie
sind ein Jäger», sagte man freundlich, «Sie
haben vielen Tieren und allerlei denkwürdigen Ereignissen
nachgejagt. Sie werden jetzt auf den Tatzelwurm Jagd machen.
Heute abend fahren Sie nach Bern, von dort aus begeben Sie sich
zu dem Fotografen. Sie stellen eine Expedition zusammen, Sie
suchen und finden den Tatzelwurm, Sie fangen ihn und bringen
ihn lebendig nach Berlin ins Aquarium, oder Sie erlegen ihn.
Und hier ist Herr Dr. M., ein bekannter Zoologe, der fährt
mit Ihnen, und sobald Sie den Tatzelwurm gefangen haben, wird
er ihn wissenschaftlich beschreiben und klassifizieren. Das alles
natürlich unter der Voraussetzung, dass es den Tatzelwurm
wirklich gibt. Wussten Sie schon bisher etwas über den Tatzelwurm?»
Ich gestand meine Unwissenheit ein und musste mich
bald überzeugen, dass der Tatzelwurm kaum weniger bekannt
ist als die Seeschlange von Loch Ness, deren Rätsel immer
noch ungelöst ist.
«Wir haben Ihnen hier», sagte der wissenschaftliche
Beirat der Schriftleitung, «alles zugängliche Material
über den Tatzelwurm verschafft. Hier sind vor allem aus
den Jahren 1931/34 vier Hefte des «Schlern», das
ist eine alpenländische Zeitschrift für Volkskunde,
sie erscheint in Bozen. Sie werden hier alles finden, was über
den Tatzelwurm berichtet worden ist. Und Sie werden sich davon
überzeugen, dass der Ingenieur Hans Flucher wie auch Professor
Dr. Meusburger, die alle diese Berichte zusammengestellt haben,
aus Überzeugung für die wirkliche Existenz des Tatzelwurms
eintreten.
«Noch aber fehlt uns der direkte Beweis»,
fügt Hans Flucher hinzu. Und Dr. Meusberger erklärt
zum Stand der Tatzelwurmfrage: «Der streng wissenschaftliche,
besonnene Naturforscher wird der Sache, wenn auch nicht von vornherein
ablehnend, so doch etwas skeptisch gegenüberstehen und warten,
bis ein wirklicher Tatzelwurm einem wissenschaftlichen Institut
zur genauen Untersuchung eingeliefert ist.»
Freilich, und das will ich Ihnen nicht verschweigen,
gibt es auch Wissenschaftler, die die angeblichen Begegnungen
mit dem «Tatzelwurm» auf phantastisch ausgestaltete
Begegnungen mit nur dem Beobachter nicht bekannten Tieren, die
vielleicht ausserdem noch irgendwie missgestaltet waren, zurückführen
wollen, mit Fischottern, mit Mardern, oder was sonst.
So stand die Frage, bevor diese Fotografie uns vorlag.
Dies Wesen hier auf dem Bild ist aber weder Marder, noch Fischotter,
noch sonst ein irgendwie bekanntes Tier. Die weiteren Nachforschungen
können nur an Ort und Stelle angestellt werden. Sie sehen
also, was Sie zu tun haben: Sie werden der Wissenschaft, die
zunächst durch unseren zoologischen Mitarbeiter hier vertreten
ist, den Dienst leisten, in Meiringen der Sache nachzugehen,
zu versuchen, das Zustandekommen der Aufnahme aufzuklären
und, wenn möglich, den wirklichen Tatzelwurm einzuliefern.
Sie schütteln den Kopf, Herr Doktor?»
Der Zoologe antwortete: «Der Tatzelwurm ist
ein Fabeltier.» «Das Okapi war auch ein Fabeltier»,
erwiderte ich ihm, «bevor es gefunden wurde, und auch der
Riesenwaran, den man jetzt im Berliner Aquarium sieht, war eines,
und kein Gelehrter glaubte an ihn. Alle paar Jahre wird irgendein
Fabeltier wirklich gefunden.» «Aber nicht in Europa»,
sagte der Zoologe kühl, «nicht in der Schweiz, sondern
in Ländern, die nicht bereits von tausend Zoologen durchforscht,
ja noch nicht einmal von tausend zivilisierten Menschen betreten
sind.»
«Ob wir den Tatzelwurm finden oder nicht»,
sagte ich, «jedenfalls müssen wir herausbringen, wie
das Bild zustande gekommen ist.»
* * *
So kam es, dass ich um sechs Uhr morgens im Schlafwagenabteil
geweckt wurde. Als wir kurz vor Bern im Speisewagen frühstückten,
versuchte ich ein zünftiges Gespräch mit dem Zoologen
anzuknüpfen, um Näheres über den Tatzelwurm zu
erfahren.
«Zu welcher Gattung gehört eigentlich der
Tatzelwurm?» fragte ich.
«Der Tatzelwurm», erwiderte er, «gehört
zur der Gattung «Fabeltiere». Das ist eine Gattung,
die in der Wissenschaft der Zoologie nicht vorkommt, wohl aber
im Volksglauben und daher auch in jener Wissenschaft, die Volkskunde
heisst. Aber darüber dürfen Sie mich nicht befragen,
ich verstehe mich nur auf Tiere, die es wirklich gibt.»
«Und Sie bleiben dabei, dass es den Tatzelwurm
nicht wirklich gibt? Der Fotograf, zu dem wir fahren, hat ihn
ja nicht bloss gesehen, sondern auch fotografiert. Tiere, die
man fotografieren kann, stammen nicht aus dem Fabelreich, denk'
ich, sie müssen doch wohl leibhaftig auf der Erde herumlaufen.»
Der Zoologe wurde ärgerlich: «In einem
Land wie der Schweiz hätte sich kein Tier von Zentimetergrösse
vor der zoologischen Forschung verstecken können. Jede Flohart
ist uns bekannt. Und jetzt soll es im Berner Oberland ein Tier
geben, das fast ein Meter lang ist und das wir nicht kennen?
Es gibt keinen Tatzelwurm, und wenn Sie ihn suchen, machen Sie
sich zum Narren.» Höflich wendete ich ein: «Immerhin,
Herr Doktor, haben Sie sich mit mir auf die Suche nach diesem
Tier begeben. Wie konnten Sie, wenn Sie nicht daran glauben,
seinetwillen Ihre Zentralheizung und 250 Schlangen lieblos im
Stich lassen?»
Der Zoologe blieb hartnäckig: «Das fotografierte
Wesen scheint mir so unorganisch und in keine lebende oder bekannte
ausgestorbene Tierklasse passend, dass ich an seine Existenz
nicht glauben kann. Aber es fesselt mich ausserordentlich, herauszukriegen,
was hinter der Sache steckt.»
Man stelle sich meine Lage vor: diejenige eines Jägers,
der beauftragt ist, ein Tier zu finden, das nach den bündigsten
Erklärungen eines namhaften Vertreters der Wisenschaft nicht
existiert! Stanley, als er den Auftrag erhielt, Livingstone zu
suchen, war nicht so schlimm dran. Denn Livingstone existierte,
da war kein Zweifel: Irgendwo im damals noch ganz dunklen Innern
Afrikas hielt er sich auf. Es war keine Kleinigkeit, einen Mann
ausfindig zu machen, der irgendwo in einem Umkreis von vielen
tausend Quadratkilometer unbekannten Landes leben oder gestorben
sein musste. Aber wenn es den Tatzelwurm nicht gab, war er noch
viel schwerer als Livingstone zu finden, dachte ich.
Der Fotograf, der diese sagenhafte Tier fotografiert
haben wollte, erwartete uns in Bern. Er kam, nachdem man ihm
unsere Ankunft mitgeteilt hatte, in die Halle des Hotels. Er
stand vor uns in guter Haltung, ein schlanker Mann von dreissig
Jahren mit blondem Haar. Er war sicher, er erwarb sich rasch
meine Sympathie und die Antipathie des Zoologen. Wir setzten
uns in tiefe Sessel, tranken Kaffee, und ich forderte den Fotografen
auf, uns von seinem Abenteuer zu erzählen.
«Ich war von Berlin in die Schweiz gefahren»,
erzählte der Fotograf, «um ein paar hübsche Wintermotive,
ein paar veschneite Ortschaften, Schweizer Manöver, Bob-
und Skirennen und Ähnliches zu fotografieren. Eines Tages
kam ich gegen Mittag auf der Suche nach irgendeinem besonders
netten Motiv nach Meiringen. Dieser Ort, etwa sechshundert Meter
hoch, ist von Interlaken aus mit der Bahn zu erreichen, die auf
den Brünigpass hinauffährt. Ich ging zunächst
über die Landstrasse, bog dann ziellos in einen Fussweg
ein, der in der weiteren Umgebung des Orts etwa drei Kilometer
von Meiringen selbst entfernt auf einen Hügel hinaufführt.
Es lag kein Schnee. Ich hatte den Apparat in der Hand, sah auf
die Berge im Kreise herum und ging friedlich dahin. Ich kletterte
ein wenig in die Höhe und kam schliesslich an einen Hang.
Hier blieb ich einen Augenblick stehen und sah mich um. Und da
bemerkte ich in der Entfernung von einigen Metern das merkwürdige
Etwas, das ich zuerst für einen Baumstumpf hielt und das
dann, als ich es durch das Knipsen des Apparats auf mich aufmerksam
gemacht hatte, gegen mich losfuhr. Sie können sich nicht
vorstellen, meine Herren, wie unbeschreiblich abscheulich das
Tier war und wie ich mich entsetzte.»
«Und was taten Sie dann?» fragte ich.
«Dann bin ich nach Meiringen gegangen in das
dem Bahnhof von Meiringen gegenüberliegende Hotel «Zum
Bär», habe mich in die Gaststube gesetzt und einen
grossen Schnaps getrunken. Als mir da allmählich besser
wurde, habe ich den Geschäftsführer des Hotels gefragt,
was für seltsame Tiere in der Nähe des Dorfs Meiringen
ihr Wesen treiben. Ich habe nicht geglaubt, dass es sich dabei
um ein ganz besonderes, sonst unbekanntes Tier handeln könnte.
Ich nahm vielmehr an, dass derartige Tiere in derartigen Gegenden
üblich seien und dass nur ich, der von Zoologie nichts,
aber auch gar nichts verstehe, niemals davon gehört hatte.
Ich beschrieb das Tier. Der Geschäftsführer des Hotels
hörte mir erstaunt zu und sagte schliesslich, nachdem ein
paar Gäste, die in der Gaststube gesessen hatten, gegangen
waren, «Sie sind vielleicht auf den Tatzelwurm gestossen,
bei uns wird er gewöhnlich Stollenwurm genannt».»
«So, so», sagte der Zoologe, «und
was taten Sie dann, Herr Fotograf?» «Dann begab ich
mich nach Bern und entwickelte den Film. Das Bild, das entstanden
ist, kennen Sie. Ich habe inzwischen einen besseren Abzug hergestellt.»
Er legte das Bild auf den Tisch. Der Zoologe sah es geraume Zeit
an, dann streifte er mich mit seinen Blicken, heftete seine Augen
auf den Fotografen und erklärte mit aller Bestimmtheit:
«Ein solches Tier gibt es nicht!»
Der Fotograf lehnte sich etwas erstaunt zurück,
sah den Zoologen an und sagte: «Herr Doktor, was wollen
Sie damit sagen?» «Nichts weiter», antwortete
der Doktor, ohne seine Fassung zu verlieren, «als das eine,
dass es dieses Tier, das Sie fotografiert haben, nicht gibt.»
Als den Fotografen die Zornesadern auf der Stirn anschwollen,
überredete ich die beiden Herren, zum Abendessen zu gehen.
Sie sassen sich friedlich gegenüber und reichten einander
mit höflichen Worten das Brot, das Salz und den Pfeffer.
In ihren Augen aber war wenig Freundschaft.
Der nächste Tag war ein Sonntag. Milde Frühlingssonne
hüllte die Landschaft um den Thunersee in einen goldigen
Schein, als wir hindurch fuhren. Die Kuppe der Jungfrau leuchtete
in den zartesten Farben. Mein Gemüt war heiter. Der Fotograf
sass dem Zoologen gegenüber. Wenn ich hinhörte, vernahm
ich Gesprächsfetzen stets gleichbleibenden Inhalts:
Der Fotograf freundlich: «Er ist etwa ein Meter
lang, vorn hat er Barteln, und seine Nasenlöcher sind auffallend
gross.» Der Zoologe gereizt: «Ein solches Tier gibt
es nicht!» Der Fotograf: «Woher wissen Sie das? Ich
räume Ihnen ein, dass Sie alle Tiere kennen, die bekannt
sind. Dieses Tier aber, das ich fotografiert habe, kennen Sie
nicht. Wie können Sie so unentwegt behaupten, ein solches
Tier gibt es nicht?» Der Zoologe: «Weil es ein solches
Tier nicht geben kann!» Der Fotograf wütend: «Weil,
so schliesst er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein
darf - um mit Christian Morgenstern zu reden.»
Ich verwickelte die beiden in ein Gespräch über
die Schönheit der Natur. Wenn mir nichts mehr einfiel, stritten
sie weiter.
Mittags kamen wir in Meiringen an. Das Hotel «Zum
Bär» nahm uns auf. Der Zoologe begab sich, selbständig
handelnd, auf irgendeine Art von Erkundung. Der Fotograf tat
sasselbe. Sie waren beide tatendurstig und ein wenig erregt.
Ich legte mich für eine Stunde ins Bett.
Es ist ein bei vielen Menschen verbreiteter Irrtum,
dass die Dinge dann besonders gut geraten, wenn man sie mit Hast
und Erregung beginnt. Das Gegenteil ist richtig! Man lege sich
zunächst einmal schlafen! Der Schlaf stärkt das Gemüt
des Manns, der vor grossen Taten steht, er mindert die bösen
und fördert die guten Instinkte - er ist in allem und jedem
dienlich.
Als ich wieder zum Vorschein kam, hatten die beiden
ihre Handlung auf eigene Faust schon beendet, und wir machten
uns jetzt gemeinsam auf, um den Platz zu besichtigen, an dem
der Fotograf das Tier fotografiert hatte. Aber da standen wir
sofort vor einer grossen Schwierigkeit: An dem Tag, an dem die
Aufnahme gemacht worden war, war die Landschaft um Meiringen
vom Schnee frei gewesen, jetzt aber lag eine Schneedecke von
der ansehnlichen Höhe von ungefähr achtzig Zentimeter
und stellenweise noch mehr.
Wir hatten einen Kraftwagen bestellt, der uns so weit
fahren sollte, bis wir gezwungen sein würden, von der Strasse,
die ziemlich bergauf führte, abzubiegen, in einen Fusspfad
hinein. Unmittelbar hinter der Ortschaft sass der Kraftwagen
im Schnee fest. Wir stiegen aus und gingen bergauf. Noch lag
die Sonne über der Schneelandschaft, die Bergriesen standen
im Kreise um uns herum. Wir schwiegen. Die Macht und die Gewalt
dieses Schneebilds liess uns verstummen. So marschierten wir
die Strasse hinauf. Vor uns beengte die grosse hohe Bergwand
den Blick, dort standen die Gipfel bis an die dreitausend Meter
Höhe.
Nach etwa einer Stunde Marsch bogen wir von der Strasse
auf einen Pfad ab. Die Landschaft wurde mit einem Mal fahl. Wir
mussten tüchtig steigen. Ein Wind war aufgekommen, der uns
gelegentlich in heftigen Stössen von der Seite anfiel. Die
Sonne, die noch am Himmel stand, verbreitete nicht mehr das helle
und schöne Licht, das sie am Mittag gespendet hatte. Wir
stiegen mühselig den Pfad hinauf. Der Fotograf ging als
erster, dann kam der Zoologe, dann ich. Manchmal fiel einer von
uns hin, denn der Weg ging über Felsen und Geröll.
Der Pfad war zwar ausgetreten, aber jetzt mit einer spiegelnden
Schickt von Glatteis bedeckt.
Nachdem wir eine Weile schweigend marschiert waren,
blieben wir stehen. Der Fotograf wies mit dem Finger zurück.
Wir drehten uns um. «Der Föhn», sagte er. Über
die Bergwand, die unseren Blick, wenn wir uns jetzt umwandten,
abschloss, kam ein schweres, schwarzes, gewaltiges Etwas gekrochen.
Eine ungeheure Wolkenwand wälzte sich heran. Sie hob sich
augenscheinlich auf der uns abgewandten Seite des Gebirgs an
den Bergen in die Höhe, zog dann in wilder Hast über
die Gipfel, lag schwarz auf dem weissen Schnee der Höhe
und jagte dann in einer langen schwarzen Strähne drohend
den Berghang hinunter. Das Bild war gewaltig und schrecklich.
Der Wind fegte jetzt mit ungeheurer Macht gegen uns.
Nachdem wir eine Weile gestanden hatten, marschierten wir weiter.
Wir kamen über einige kahle Höhen. Ich fühlte
mich immer in der Gefahr, von diesem jagenden Wind erfasst und
hinuntergeworfen zu werden. Schliesslich kamen wir an die Stelle,
an der der Fotograf, wie er sagte, das Tier fotografiert hatte.
Das war ein kahler Platz, im Hintergund durch niedrige Bäume
begrenzt, auf dem einige Felsblöcke aus dem Schnee hervorragten.
Auf diesem Platz war jetzt nichts und gar nichts zu erkennen,
weil der Schnee ihn metertief bedeckte. Im ganzen wäre es
so für die Hexen aus dem «Faust» ein ihnen wohl
zu Gesicht stehender Tanzplatz gewesen.
Über uns jagten die Wolken. Es wurde dunkel.
Der Föhn fiel uns mit Macht an. Schweigend machten wir uns
für heute auf den Heimweg. Ich muss gestehen, dass ich mich
manchmal dabei ertappte, wie ich in die Felsen und ins Gestrüpp
sah, ob nicht das seltsame Tier Tatzelwurm irgendwo in dieser
düsteren Natur lauere.
Als wir in den Ort kamen, war es Abend. Ein Feuerwehrmann
trat uns in tiefem Ernst entgegen und forderte uns auf, unsere
Zigaretten auzulöschen. Das Rauchen im Ort, wenn der Föhnwind
weht, sei verboten, sagte er. Dann erzählte er uns, dass
Meiringen im Föhn schon einige Male abgebrannt sei.
Wir gingen abends zu einem klugen, alteingesessenen
Bürger des Orts, an den wir eine Empfehlung hatten, um uns
mit ihm über die seltsame Geschichte zu besprechen. Wir
sassen in einer prächtigen Schweizer Stube, das Zinngeschirr
des schönen Haushalts leuchtete von den Wänden. Wir
tranken den roten Schweizer Wein aus grossen Gläsern und
berichteten, was uns zu dritt nach Meiringen gebracht hatte.
Wir zeigten das Bild. Der Herr des Hauses betrachtete es kopfschüttelnd.
«Nie», erklärte er, «habe ich ein solches
Tier gesehen.»
Ich sagte, dass wir am nächsten Morgen die Gegend
um den «Ort der Handlung» absuchen lassen möchten.
Er versprach uns seinen Sohn als Führer und als Anführer
einer Schar von im Augenblick arbeitslosen Männern, die
er uns auch beschaffen wollte. Als wir gingen, schüttelte
er noch immer den Kopf. «Ein solches Tier», sagte
er immer wieder, «habe ich noch nie gesehen.»
Durch den brausenden Föhn gingen wir nach Hause.
Am Abend kam ein Gespräch mit dem Wirt des Gasthauses, in
dem wir wohnten, zustande, dann zog ich mich zurück, um
mich in meine Reiselektüre, die Berichte über den Tatzelwurm
(oder Stollenwurm), die man mir mitgegeben hatte, zu vertiefen.
Das erste, was ich mir vornahm, war ein Heft der «Schweizer
Volkskunde», Jahrgang 1925. Da schreibt ein Forscher, unter
der Tierwelt des Haslitals werde in der Literatur über dieses
Gebiet häufig der Stollenwurm (Tatzelwurm) angeführt,
und fährt fort: «Ich erlaube mir, Sie höflich
anzufragen, ob das Tier, das mir als sagenhaftes Geschöpf
erscheint, in Wirklichkeit existiert und wo, oder ob es nur in
der Literatur vorkommt.» Und die Redaktion der «Schweizer
Volkskunde» antwortet: «Der Stollenwurm ist unzweifelhaft
eine mythische Schlangenart mit kurzen stollenartigen Füssen.
Im Volk scheint aber der Glaube an seine Wirklichkeit noch nicht
erloschen zu sein oder doch wenigstens unlängst noch geherrscht
zu haben.» Und dann wird allerlei Schweizer Literatur angeführt,
wobei noch bemerkt wird, dass im Berner Oberland der Glaube an
den Stollenwurm besonders verbreitet ist. Aber die Fotografie
eines Stollen- oder Tatzelwurms hatte niemand in der Schweiz,
ob gläubig oder ungläubig, bisher gesehen. Und uns
lag sie jetzt vor.
Immerhin, sagte ich mir, sehen wir einmal nach, wie
Berichte und Bilder, die offenkundig fabuliert sind, den Tatzelwurm
schildern. Da erscheint er als ein Tier, das Menschen schon durch
seinen blossen Anblick tödlich - im vollen Sinn des Worts
- erschreckt, manchmal sie aber auch geradezu anspringt. So sieht
man ihn auf einigen Votivbildern und Marterln nicht bloss in
der Schweiz, sondern noch mehr in den Österreichischen Alpen.
Eine Art «Springwurm» ist der Tatzelwurm in vielen
Schilderungen, oder einfach der Drache, wie er dem Erzengel Michael
oder in Schillers «Kampf mit dem Drachen» erlegen
ist.
Mit der Erscheinung dieses Fabeltiers Tatzelwurm kündigen
sich oft schwere Unglücksfälle an, besonders Lawinenstürze.
Soll man nicht annnehmen, dass solch ein Fabelwesen im Kopf eines
Mannes entstehen konnte und entstanden ist, der, geängstigt
durch die Düsternis der Landschaft, sich an einem Abend,
an dem der Föhn durch das Tal jagte, verirrt hatte? Wie
unheimlich eine Schweizer Landschaft werden kann, wenn der Föhn
braust, hatten wir ja selbigen Tages erfahren.
Ich liess Hefte und Bücher einen Augenblick liegen
und trat ans Fenster meines stillen Gasthauszimmers. Über
den dunklen Himmel jagten die schwarzen Wolken, und der Wind
heulte, das Gebälk des Hauses stöhnte leise.
Zurück zu meiner Tatzelwurm-Lektüre. Sichten
wir, sagte ich mir, alle vorliegenden Berichte mit grösster
Strenge. Schliessen wir nicht bloss völlig phantastische
Erzählungen aus früheren Jahrhunderten aus und alles,
was in neuerer Zeit abergläubische Menschen und erschrockene
Kinder über ihre Begegnungen mit dem Tatzelwurm mitgeteilt
haben. Auch alles, was noch vor hundert Jahren sonst ernsthafte
Männer, ja Gelehrte gehört oder gesehen haben wollen,
bleibe ausser Betracht.
Unser kritisches Zeitalter weiss nichts anzufangen
mit Berichten wie demjenigen des Schweizer Historikers Georg
von Wyss, der 1826 schrieb, der Stollenwurm sei eine Art Schlange,
die ganz kurze Füsschen hat, und, einem Hirten im Gadmental
zufolge, den er befragt habe, gebe es sogar zweierlei Stollenwürmer,
weisse mit Krönlein auf dem Haupt und schwarze, die häufiger
vorkämen. Auch von der Aussage des gelehrten Botanikers
J.A. Schultes (1773-1831), wonach im Salzkammergut Eidechsen
vorkämen, die geradezu «kleine Alligatoren»
genannt werden könnten, wollen wir absehen. Und ebenso schliessen
wir den Bericht des Schweizer Geologen Prof. Bernhard Studer
über den «scheusslichen Stollenwurm» aus, der
dem Schulmeister Heinrich im Guttannental an einem Maienmorgen
des Jahres 1811 begegnete - das Tier starrte den Schulmeister
mit seinem furchtbaren Blick an, während er zwei Vaterunser
betete, aber dann kam ihn das Grauen an, und er suchte das Weite.
Aber da gibt es in Hülle und Fülle Berichte,
die durchaus nichts Fabelhaftes an sich haben.
Teil II
(in Heft Nr. 17)
Wir wollen auch bei den Augenzeugenberichten, die
auf den ersten Blick durchaus glaubhaft scheinen, noch genauer
unterscheiden: Berichte, die erst viele Jahre nach der wirklichen
oder angeblichen Begegnung mit dem Tatzelwurm entstanden sind,
können nicht als vollwertig anerkannt werden. Was im Jahre
1931 ein nunmehr 82jähriger Förster erzählt, der
1872 einen Tatzelwurm gesehen haben will, halte ich nicht für
wirklich beweiskräftig.
Aber ich sehe keinen Grund, warum man sich von vornherein
weigern sollte, an den Tatzelwurm zu glauben, den der Lehrer
Ritzberger im April 1929 gesehen hat, oder an den, dem der Telegrafenamts-Direktor
Eggenreiter aus Hallstatt Ende August 1929 begegnet ist, oder
an den Tatzelwurm aus den Leoganger Steinbergen (im Salzburgischen),
den im Sommer 1927 drei Holzknechte, zuverlässige Leute,
die der Ingenieur Hans Flucher kannte und einzeln vernahm, gesehen
und übereinstimmend wie folgt beschrieben haben:
«Etwa 50 bis 60 Zentimeter lang und armdick,
Kopf katzenartig, doch ohne sichtbare Ohren, mit kleinen feinen
Zähnen, Hals nicht deutlich abgesetzt, ganz kurze Vorderbeine,
der Körper geht in einen etwa 15 Zentimeter langen Schwanz
aus. Unbehaart, nur am Kopf einige Borsten. Farbe graulich. Die
Haut so glatt wie die einer Eidechse. Hinterbeine wurden auch
beim Wegspringen des Tiers nicht gesehen, scheinen nicht vorhanden
zu sein. Angriffslustiges, furchterregendes Aussehen, besonders
der Blick. Fauchend-pfeifende Laute wie «von einer böse
gemachten Katze».»
Bei der strengsten Sichtung, stellte ich fest, bleibt
reichlich ein Dutzend glaubhafter Berichte über den Tatzelwurm
aus der neusten Zeit übrig. Immer kam danach das Tier in
der Almregion vor, meistens in der Nähe von Felsenklüften.
Ich unterbrach meine Lektüre. Was machte unser
Fotograf? Die Schilderungen, die ich gelesen hatte und mit seiner
Tatzelwurmaufnahme verglich, machten mich neugierig, Näheres
über sein Erlebnis zu erfahren. Ich ging über den Flur
zu seinem Zimmer, klopfte an. Der Fotograf hatte schlaflos dagelegen.
Er sprang aus dem Bett und zog mich ins Zimmer. Er war unruhig.
«Wie freundlich von Ihnen», sagte er, «dass
Sie mich noch aufsuchen. Bitte, nehmen Sie Platz. Sie müssen
mir helfen. Sagen Sie mir: Was soll ich tun?»
«Das Beste», antwortete ich, «wäre
meiner Meinung nach: Sie legen sich nieder und schlafen sich
aus. Zu einem Spaziergang durch den Föhn würde ich
Ihnen nicht raten.» «Nein», sagte der Fotograf,
«Sie müssen es ernst nehmen. Versetzen Sie sich in
meine Lage: Ich habe ein Tier fotografiert. Ich gebe zu, dass
dieses Tier ungewöhnlich aussieht. Sagen Sie meinetwegen
sogar, es sieht unwahrscheinlich aus. Aber ich habe es auf die
Platte gebracht. Was hätte ich sonst noch tun können,
tun sollen? Vielleicht wäre es meine Pflicht gewesen, nicht
davonzulaufen, sondern mich von dem Tier beissen oder sonstwie
beschädigen zu lassen. Aber das eine muss ich doch klären:
Ich habe ein Tier fotografiert, und nun kommt ein Wissenschaftler,
ein Zoologe, und sagt, dieses Tier existiert nicht und kann nicht
existieren. Was habe ich also zu tun? Welchen Beweis muss und
kann ich erbringen? Es ist schrecklich!»
Der Mann war verquält, fast ausser sich. Ich
versuchte, ihn zu beruhigen, indem ich's leicht nahm: «Wissen
Sie, lieber Freund», sagte ich, «solche Meinungsverschiedenheiten...»
«Nein», unterbrach mich der Fotograf, «die
Sache steht klipp und klar so: Entweder existiert das Tier -
denn ich habe es ja gesehen und fotografiert - oder ich habe
eine Fälschung begangen. Im letzten Fall gehöre ich
ins Gefängnis. Aber was geschieht im ersten Fall? Was soll
überhaupt geschehen?»
«Wahrhaftig», fuhr er fort, «die
Sage hat recht, dass der Tatzelwurm Verderben bringt. Ich habe
ihn fotografiert und dafür soll ich nun als Schwindler gelten
- oder am Ende als verrückt. Glauben Sie etwa, dass es eine
Selbsttäuschung war, als ich den Tatzelwurm vor mir sah?
Aber einen Tatzelwurm, den ich mir bloss einbildete, konnte ich
doch nicht auf die Platte kriegen!»
Es gibt noch eine Möglichkeit, mein Guter, dachte
ich: Deine Selbsttäuschung hättest du freilich nicht
fotografieren können. Aber du brauchst weder andere noch
dich selbst getäuscht zu haben - du kannst ja auch getäuscht
worden sein. Die Möglichkeit, dass du irgendeinem schlechten
Scherz aufgesessen bist, ist die dritte - und du sprichst nur
von zweien. Das dachte ich, aber ich hütete mich, es zu
sagen. Welchen Sinn hätte es gehabt, den Mann, der sich
schwer kränkte, noch mehr zu verstören. «Überschlafen
Sie's», sagte ich begütigend, «morgen werden
wir weitersehen. Morgen werden Sie beruhigt sein, hoffe ich.
Gute Nacht.»
Zurück zu meiner Lektüre. Wenn man alle
Berichte über den Tatzelwurm, nach Ausscheidung der rein
phantastischen, zusammenstellt, ergibt sich, dass nicht von einem,
sondern von zwei ganz verschiedenen Tieren darin die Rede ist:
Der «Tatzelwurm Nummer 1» ist ein schlankes
Tier - das wohl auch Springwurm genannt wird - mit einem katzenähnlichen
Kopf, 40 bis 50 Zentimeter lang. Es lässt bisweilen ein
Pfeifen hören. Unser Gastfreund in Meiringen, der uns am
Abend so freundlich aufgenommen hatte und der sein Leben in den
Bergen verbracht hat, weiss für den «Tatzelwurm 1»
eine einleuchtende Erklärung. Sie lautet:
Diesen Tatzelwurm gibt es: Er ist ein nicht nur dem
Zoologen, sondern allgemein bekanntes Tier, aber es heisst nicht
Tatzelwurm, sondern Fischotter. Der Fischotter kommt im Berner
Oberland so selten vor, dass er der einheimischen Bevölkerung
fast unbekannt ist. Wie bekannt, wechselt er gelegentlich die
Wasserläufe, in denen er lebt. Er macht dazu, wie festgestellt
worden ist, kilometerweite Wanderungen über Land. Sein Instinkt
sagt ihm mit Sicherheit, wo er einen anderen Wasserlauf findet.
Er bewegt sich auch über weite Landstrecken dorthin. Er
sieht dann aus wie eine kurze, dicke Schlange, die sich windend
vorwärtsbewegt, seine kurzen Vorderfüsse sehen wie
krallenähnliche Gebilde aus, sein Kopf hat Ähnlichkeit
mit dem einer Katze, und wenn er sich angegriffen fühlt,
zischt und faucht er. In den anderen Teilen der Schweiz erschrickt
man nicht beim Anblick eines Fischotters, bekreuzigt man sich
nicht, wenn man ein solches Tier sieht, und redet nicht vom Tatzelwurm.
Warum nicht? Weil der Fischotter in den anderen Teilen der Schweiz
ein bekanntes, jagdbares Tier ist. Nur im Berner Oberland, das
übrigens auch die Heimat des Tatzelwurmglaubens ist, wird
er zum Tatzelwurm.
Aber nur der kleinste Teil der Beschreibungen eines
Tatzelwurms schildert ein Tier, das höchstwahrscheinlich
einfach der Fischotter ist. Nach der überwiegenden Mehrzahl
der gültigen Berichte ist der Tatzelwurm eine grosse Echse,
nach der volkstümlichen Vorstellung drachenähnlich.
Der Schuldirektor i.R. Jakob Nicolussi hat alle diese Tatzelwurm-Beschreibungen
zusammengestellt und verglichen und ist dabei zu dem folgenden
beachtlichen Schluss gelangt:
«Im allgemeinen geht aus den Berichten hervor,
dass wir uns im Tatzelwurm eine für unsere Gebiete ungewöhnlich
grosse Echse von abstossendem Äusseren vorzustellen haben.
Der Tatzelwurm erscheint zumeist in einer Körperlänge
von 40 bis 60 Zentimeter, mit dem Umfang des Oberarms eines erwachsenen
Menschen.» (In einigen, vielleicht phantastisch übertriebenen
Berichten aus alter Zeit begegnet man riesenhaften Grössen
von ein bis zwei Meter.)
«Fassen wir die Beschreibung kurz zusammen»,
führt Herr Nicolussi im «Schlern» (März
1933) aus: «Der Tatzelwurm gemahnt mit dem plumpen Rumpf,
dem breiten Kopf, dem stumpfen Schwanz und den kurzen Beinen
an unseren Salamander; seine äussere Bekleidung erweist
ihn aber trotzdem als Familienglied der Eidechsen. Seine Haut
ist mit groben, warzenartigen Schuppen bedeckt, die sich in ihrer
engen Vereinigung oft als Krokodilschildern ähnliche Krusten
darstellen. Das Maul ist breit, innen feuerrot, mit spitzen scharfen
Zähnen und mit einer zweispaltigen Zunge ausgestattet. Er
gilt als giftig, und es sollen auch tödliche Folgen seines
Bisses verzeichnet sein. Sein scharfer Blick und seine zornige,
kampfeslustige Haltung erinnern an die Kreuzotter.
Die ganze Erscheinung des Tiers in Körperbau,
Bekleidung und Eigenschaften erinnert lebhaft an die Familie
der giftigen Eidechsen, einzig in ihrer Art, welcher der Tatzelwurm
angehören dürfte: Die Eidechsengattung wird genannt:
Krustenechse, Heloderma (Brehms Tierleben, Kriechtiere,
2.Band, S. 120 ff.)
Zu dieser Gattung von Eidechsen gehören zwei gut bekannte
Tiere: Heloderma horridum, das Escorpion der Mexikaner,
und Heloderma suspectum, das Gilatier der Wüsten
von Arizona, Nordamerika; ferner die wenig bekannte Echse Lanthanotus
borneensis der Insel Borneo.»
Schuldirektor Nicolussi zitiert dann, was in «Brehms
Tierleben» über die Familie dieser Echsen steht: «Der
Leib ist gedrungen, der Schwanz walzenförmig und lang, die
dritte Vorder- und Hinterzehe mit der vierten länger als
die übrigen; das Trommelfell sichtbar; die warzige Körner
darstellenden Schuppen stehen in Querreihen; die Zunge teilt
sich vorn in zwei kurze platte Spitzen und erinnert auch sonst
an die der Blindschleichen; die Zähne sind ähnlich
wie bei den Schlangen gekrümmt, an der Wurzel etwas verdickt,
verhältnismässig lose dem inneren Kieferrande angewachsen
und ohne Höhlung an der Wurzel. Erwachsen erreicht die Krustenechse
eine Länge von 60 Zentimeter. Im Knochenbau steht die Familie
den Schleichen am nächsten; ihrer Gestalt nach kommt sie
mehr mit den Waranen und Ameiven überein, ist aber weit
plumper gebaut und durch den dicken, runden Schwanz hinlänglich
unterschieden. Der platte, vorn abgestumpfte Kopf trägt
auf dem Scheitel erhabene, verknöcherte, im Alter mit dem
Schädel verwachsene Warzen; der Leib und die übrigen
Teile sind mit halbkugeligen Warzenschuppen bedeckt; das ganze
Fell fühlt sich deshalb rauh und körnig an. Die kegelförmigen,
spitzen Zähne haben auf der Vorder- und Hinterseite eine
deutliche Furche, die aber bei Lanthanotus fehlt. Die
Färbung des sehr auffälligen Tiers erinnert an unseren
Feuersalamander. Die dunkel oder erdbraun gefärbte Haut
der Oberseite ist mit kleinen, nach Alter und Spielarten verschiedenen,
von Weissgelb, Orangegelb bis zu Rotbraun abändernden Flecken
gezeichnet; den Schwanz ringeln mehrere gelbe Binden; die Unterseite
zeigt auf hornbraunem Grunde gelbliche Flecke. Bei dem Gilatier
wiegt die helle, bei dem Escorpion die braune Färbung vor.»
Von einer gefangenen Krustenechse erzählt Brehm:
«Durch unangenehmen Geruch und heimtückisches Wesen
(sie ging sogar, wenn sie gestört wurde, unvermutet zum
Angriff über und schnappte wütend nach dem Ruhestörer,
wobei ihr Geifer tropfenweise aus dem Maule lief) verdarb sie
es ganz mit ihrem Pfleger.» Ist das nicht vielleicht das
Gehaben unseres Tatzelwurms?
Weiter heisst es bei Brehm, dass diese Echse an der
Westseite der Kordilleren an den trockenen Orten haust und von
Würmern, Kerfen und kleinen Amphibien und Reptilien lebt.
Sie ist ein Nachttier, bewegt sich langsam und schwerfällig
und schleppt, wenn sie alt geworden ist oder trächtig geht,
den schweren Leib auf dem Boden. Im Alter wird das Tier aschgrau.
«Wenn man die Echse reizt, lässt sie ein
tiefes Zischen oder Fauchen wahrnehmen, und es trieft ihr weisslicher,
klebriger Geifer aus dem Maule, der von den sehr entwickelten
Unterkieferdrüsen, durch die die Unterkiefergegend gleichsam
geschwollen aussieht, abgesondert wird. Der Geifer wird den Furchenzähnen
beim Escorpion durch einen, beim Gilatier durch vier bis fünf
Kanäle aus den Giftdrüsen zugeführt. Die Zähne
selbst sind meist ziemlich weit vom Zahnfleisch bedeckt und ragen
nur mit ihrer glasartig durchscheinenden Spitze daraus hervor.
Beim Biss aber schiebt sich, wie J. Berg mitteilt, das Zahnfleisch
infolge des mechanischen Drucks zurück, so dass die Zähne
fast zentimetertief eindringen können.»
Schuldirektor Nicolussi gelangt durch den Vergleich
der Tatzelwurmberichte mit Brehms Schilderungen zu folgendem
Schluss: «Diese 65 Geschichten (die er genau untersucht
hat) können unmöglich alle aus der Luft und Phantasie
genommen sein. Wenn wir sie nun mit den Ergebnissen der Wissenschaft
auf dem Gebiet der giftigen Eidechsen in Beziehung bringen, so
müssen wir bekennen: Der Tatzelwurm der Alpen und anderer
Gebirge Europas lebt wirklich oder hat wenigstens noch vor wenigen
Jahren gelebt. Der Tatzelwurm ist eine Krustenechse, der man
den Fachnamen Heloderma europaeum geben kann, wenn nicht
bekannt werdende Eigenschaften eine andere Bezeichnung erfordern.»
Die Bilder der Krustenechse aus Brehms Tierleben sind
im «Schlern» bei dem Artikel des Schuldirektors Nicolussi
wiedergegeben. Ich verglich diese Bilder mit der Tatzelwurmaufnahme
unseres Fotografen. Dann legte ich die «Schlern»-Hefte
weg und begab mich über den Flur in das Zimmer des Fotografen.
Er war eingeschlafen. Ich weckte ihn sanft. Er schreckte auf:
«Was gibt es, was wollen Sie?» Ich antwortete: «Gestatten
Sie, mein Herr, diese Mitteilung: Ich halte Sie nicht für
einen Schwindler, ich halte Sie nicht für einen Mann, der
sich selbst getäuscht hat. Ich halte es für nicht ausgeschlossen,
dass Sie vielleicht wirklich das Glück hatten, einen Tatzelwurm
zu fotografieren.» «Ich danke Ihnen», sagte
er gequält und gab mir die Hand.
Meine Lektüre war beendet, ich legte mich schlafen.
Als ich erwachte, war es heller Tag. Welch ein Tag! Die Sonne
lachte, der Schnee schmolz auf den Strassen des Orts langsam
dahin. Verschwunden war die gespenstische Stimmung des gestrigen
Abends. In der Halle des Hotels traten sechs Mann an. Sie stellten
sich im Halbkreis auf. Es waren kräftige Männer, Eingeborene
des Orts Meiringen. Sie hatten sich zur Verfügung gestellt,
um den Tatzelwurm zu suchen. Der junge Sohn unseres Gastfreunds
war ihr Kommandant. Sie standen mit klugen Gesichtern in der
Halle und harrten der Dinge, die nun kommen sollten.
Ich kam in die Halle hinunter. Ich übergab den
Männern die Tatzelwurmaufnahme unseres Fotografen und forderte
sie zunächst auf zu erklären, ob sie ein ähnliches
Tier irgendwo und irgendwann einmal gesehen hätten. Sie
besahen sich die Fotografie lange und aufmerksam, sie staunten
zuerst, dann lächslten sie freundlich, und schliesslich
erklärten sie bestimmt, ein solches Tier noch nie gesehen
zu haben. Der Fotograf, der hinter mir stand, murmelte durch
die Zähne: «Dann freut euch, ihr lieben Kinder!»
Der Zoologe erschien, angetan mit einem weissen Mantel.
Er erklärte, dass er seine Gestalt mit einer Schutzfarbe
bedeckt habe, die sich der Farbe seiner Umgebung, also des Schnees,
anpasse - das Tier erkenne ihn dann nicht so bald. Der Fotograf
sah ihn böse von der Seite an.
Es war deutlich zu merken, dass die Stimmung, in der
wir unseren Marsch zum «Tatort» antraten, nicht ganz
ernst war. Das hätte mich eigentlich verdriessen sollen.
Aber in einer Beziehung war das Verhalten unseres Aufgebots von
jüngeren Eingeborenen für mich höchst aufschlussreich.
Mir wurde klar: Wenn es im Oberland eine «Sage» vom
Tatzel- oder Stollenwurm gibt, so ist sie nur noch unter alten
oder älteren Menschen verbreitet. Die Jüngeren, und
besonders die Jugend, haben niemals etwas darüber gehört.
Ich habe mich mit einigen dieser jungen Leute unterhalten
und bin zu der Überzeugung gekommen: Ihre Phantasie ist
ganz und gar auf Technik gerichtet. Wenn diese Jungen sich ein
unerhörtes, nie gesehenes Tier zusammenphantasieren, wird
es bestimmt keinem alten Saurier oder einem mittelalterlichen
Drachen gleichen. Diese Einsicht war für mich wichtig. Die
ganze Zeit über, seit ich von Berlin abfuhr, hatte mich
die Frage geplagt: Ist unser Fotograf nicht irgendwelchen Spassvögeln
aufgesessen?
Bei der «Berliner Illustrirten Zeitung»
hatte man mir gesagt: Manche kundigen Leute halten es für
denkbar, dass die Aufnahme tatsächlich einen Tatzelwurm
zeigt. Sonst müssen sie herauszubekommen versuchen, was
es denn eigentlich ist. Jetzt wurde ich dessen sicher, dass niemand
aus der Gegend - nur jüngere Menschen wären in Frage
gekommen - dem Fotografen einen Possen gespielt haben konnte.
Denn alle diese Leute hatten nicht die geringste Vorstellung
vom Tatzelwurm, keiner von ihnen wäre imstande gewesen,
etwa eine tatzelwurmähnliche Attrappe herzustellen (die
nächsten Holzschnitzer wohnten weit ab, und eine Filmgesellschaft
war nicht in der Nähe gewesen) und sich damit auf die Lauer
zu legen, um allenfalls einen zufällig Vorübergehenden
zu erschrecken. Überdies liegt die Stelle vom nächsten,
häufiger begangenen Weg ziemlich weit ab. Über diesen
Punkt also beruhigt, der mir viel Kopfzerbrechen verursacht hatte,
begab ich mich ans Werk.
Unsere Kompanie marschierte ab, gelegentlich blieben
einzelne ihrer Mitglieder an den Ecken stehen und berichteten
freundlich den Ortsansässigen, dass ein paar scheinbar ganz
verdrehte Herren aus Berlin angekommen seien. Diese Herren hätten
sie engagiert, um den Tatzelwurm zu suchen. Infolgedessen lag
über dem Dorf, als wir, die Kapitäne dieser Kompanie,
erschienen, eine freundliche, zu Scherzen aufgelegte Stimmung.
Man sah uns gern an diesem Morgen im Ort Meiringen.
Der Zoologe war ruhig in seiner unerschütterlichen
Sicherheit, dass es das Tier, das zu suchen er ausgezogen war,
nicht geben könne. Der Fotograf ärgerte sich, weil
wir nicht sechshundert Mann aufgeboten hatten, weil die Stimmung
der anderen heiter und die seine todernst war. Ich hingegen wanderte
mit erleichtertem Herzen den schwierigen Berg hinauf, allerdings
mit wenig Hoffnung, den Wurm zu finden. Denn der Schnee lag ausserhalb
der Ortschaft immer noch bis zu einem Meter hoch.
Wir kamen zu dem Platz, an dem der Fotograf das Tier
aufgenommen hatte. Es war ein Hang, der an seinem oberen Teil
durch eine Art von hohem Gebüsch abgegrenzt war, nach rechts
und links aber ins Weite ging. Der Platz selbst war keineswegs
eben, sondern felsig und hügelig. Das Ganze war jetzt bedeckt
von Schnee, der hier an einzelnen Stellen noch höher als
ein Meter lag.
Wir fingen an, die Gegend abzustreifen. Die Treiber
liefen in einer Kette daher, trieben durch das Gebüsch,
trieben durch die Ecken und Winkel. Dann fingen wir an, an der
Stelle, an der das Tier gelegen hatte, als der Fotograf es aufnahm,
zu graben. Wir machten uns sehr viel Mühe und Arbeit, aber
schliesslich musste ich die Anweisung geben, die Suche einzustellen.
Sie war unter den herrschenden Witterungsumständen gar zu
aussichtslos. Wir hätten das ganze grosse Gelände vom
Schnee säubern müssen, das sah ich schliesslich ein.
Dann hätten wir vielleicht die Aussicht gehabt, irgendeinen
verborgenen Höhleneingang zu finden, den das Tier benutzt
haben konnte.
Als der Fotograf zum erstenmal auf diesem Gelände
gewesen war, hatte kein Schnee gelegen. Diese Angabe des Fotografen
wurde uns von den Einwohnern des Orts bestätigt. Es hatte
eine Temperatur von über null Grad geherrscht. Als wir von
Berlin abfuhren, waren wir berechtigt anzunehmen, dass auch jetzt
noch kein Schnee liegen werde. Dieser Schnee zerstörte alle
Hoffnungen, die Suche mit Aussicht auf Erfolg weiterzuführen.
Ich überlegte, ob wir vielleicht in Meiringen warten sollten,
bis der Schnee geschmolzen sein würde. Das konnte drei Tage
dauern, aber auch einen Monat. Und dann? Vorausgesetzt, dass
das Tier sich immer noch in der Nähe dieses Berghangs aufhielt
und sich auch nach einem weiteren Monat noch da aufhalten würde,
konnten Nachforschungen im schneefreien Gelände wohl zu
einem Erfolg führen. Aber um solcher Nachforschungen willen
an Ort und Stelle das Schmelzen des Schnees abzuwarten, hätte
keinen Zweck.
Da meinte der Führer unserer Truppe, man solle
doch einmal in einer nahegelegenen Schlucht suchen. Diese Schlucht
liege in der Nähe der weltberühmten Aareschlucht und
stelle das frühere Bett der Aare dar.
«Also gut,» sagte ich. Wir stampften wohl eine Stunde
durch den meterhohen Schnee hügelauf und hügelab und
kletterten dann in einer recht anstrengenden Tour in die Schlucht
hinauf. Diese Schlucht sah wirklich sehr nach geheimnisvollen
Tieren aus. Eng und schmal, mit hochragenden Felsen an beiden
Seiten, die jetzt mit glitzernden Eiskristallen bedeckt waren.
Sie war für die Heimat eines Drachens unserer Art prädestiniert.
Aber wir fanden auch hier keine Spur vom Tatzelwurm.
Und so marschierten wir schliesslich am Ende eines mühsamen
Tagewerks heim. Und am Abend fuhr ich mit dem Zoologen und dem
Fotografen nach Berlin zurück.
In Basel traten wir gegen Mitternacht, weil wir wohl
eine Stunde Aufenthalt hatten, auf die Strasse. Wir blieben erschrocken
stehen. Lauter Männer in Frauenkleidern und Frauen in Männerkleidern,
bunt kostümiert, kamen über den Platz auf den Bahnhof.
Sie gingen ins Bahnhofsgebäude. Sie schlugen uns auf die
Schultern und forderten uns auf, fröhlich zu sein. Wir waren
mitten ins Baseler Karnevalstreiben geraten.
Aber der Fotograf - den Zoologen hatten wir beim Gepäck
im Zug gelassen - war durchaus nicht in Karnevalsstimmung. Er
plagte sich schwer. Als wir mitten unter den Karnevalsleuten
einen Schluck tranken, stellte er mir plötzlich die ernste
Frage: «Zu welcher Ansicht sind Sie gekommen? Habe ich
den Tatzelwurm fotografiert oder habe ich ihn nicht fotografiert?
Ich antwortete ebenso ernst: «Sie hätten den Tatzelwurm
fangen sollen, dann wäre alles viel einfacher. Ich bin nach
allem überzeugt, dass es den Tatzelwurm gibt.»
Dann gingen wir zu unserem Zug zurück. Vor dem
Waggon stand der Zoologe. Ich sprach ihn scherzend an: «Jetzt,
Herr Doktor, wollen wir endlich die volle Wahrheit wissen: Wenn
wir nach der Schneeschmelze wieder nach Meiringen fahren, werden
wir dann den Tatzelwurm finden?» «Die volle Wahrheit»,
erwiderte der Doktor, «habe ich Ihnen schon zu Beginn unserer
Expedition gesagt: Es gibt keinen Tatzelwurm...»
* * *
Drei Wochen später erhielt ich in Berlin Nachricht
aus Meiringen: Gelände schneefrei!
Ich fuhr noch einmal nach Meiringen, ich veranstaltete
eine zweite Suche am «Tatort». Sie blieb ebenso erfolglos
wie die erste. Mein Name wird niemals in die Geschichte der Zoologie
kommen als der des Mannes, welcher als erster den Tatzelwurm
erlegt oder gefangen hat. Aber eine beachtenswerte Nachricht
erwartete mich, als ich zum zweitenmal in Meiringen eintraf.
Bei den Leuten, die unsere erste Suche mitgemacht
hatten, war inzwischen ein Mann erschienen, der eine wichtige
Aussage zu machen hatte. Es war der Bauarbeiter Naegeli aus Aeppigen
bei Innertkirchen. Er erzählte mit allen Einzelheiten, ganz
klar: Vor einem Jahr habe er in der Nähe der Brücke,
die bei Aeppigen über die Aare führt, ein ihm gänzlich
unbekanntes Tier erblickt: ein Tier mit einem plumpen Leib, kleinen
Füssen und einem ganz breiten Kopf. Seine Beschreibung des
Tiers stimmte völlig mit der Aufnahme unseres Fotografen
überein, die er nicht gekannt hatte. Das Tier, erzählte
der Bauarbeiter Nägeli, hatte Miene gemacht, auf ihn zuzukommen,
und er hatte sofort die Flucht ergriffen. Seine Leute berichteten,
dass er ganz bleich und verstört zu Hause angekommen sei.
Der Ort, an dem Naegeli sein Erlebnis mit dem Tatzelwurm gehabt
hatte, ist viereinhalb Kilometer von dem Platz entfernt, den
der Fotograf als den Ort unserer Tatzelwurmaufnahme uns gezeigt
hatte.
Also noch ein weiterer glaubwürdiger Bericht
über den Tatzelwurm aus dem Jahre 1934. Jedoch wiederum
nur ein Bericht. Nun lasst uns Tatsachen sehen, nicht bloss lesen,
werden die Laien sagen, und die Zoologen fordern: Nun liefert
uns den Tatzelwurm leibhaftig!
«Ist das der geheimnisvolle Tatzelwurm? Die
Aufnahme, die der «Berliner Illustrirten Zeitung»
aus den Schweizer Bergen geschickt wurde, geben wir hier nochmals
wieder. Die «Berliner Illustrirte Zeitung» hat eine
Belohnung von 1000 Mark für den ausgesetzt, der als erster
den Tatzelwurm einem wissenschaftlichen Institut zur Untersuchung
einliefert.»
In: «Der Oberhasler» («Wöchentlicher
Gruss aus der Heimat an die Hasler in der Fremde»), Nr.
32, Donnerstag, 18. April 1935:
Das Wunder von Loch Ness in Meiringen?
von H.P.
Ein neues Tierwunder erregt gegenwärtig in der deutschen
Reichshauptstadt grosse Sensation. Laut «Berliner Illustrirte
Zeitung» soll es einem Photographen gelungen sein, in der
Schweiz diesem geheimnisvollen Tier der Alpenwelt begegnet zu
sein und es knipsen zu können. Unter dem Titel «Rätselhafte
Begegnung im Schweizer Hochgebirge» veröffentlicht
die «Berliner Illustrierte Zeitung», die in über
einer Million Exemplaren erscheint, in ihrer jüngsten Nummer
ein fast ganzseitiges Bild dieser rätselhaften Begegnung.
Das Tier, von dem man nur die vordere Hälfte
sieht, kann man schwerlich mit einem anderen bekannten Tier vergleichen.
Es hat ein Maul wie ein Haifisch mit spitzen, furchterregenden
Zähnen, eine Nase ähnlich wie ein Affe und seitwärts
tief im Kopf liegenden, geschlitzten Augen.
In dem Bericht, den der Photograph über dieses
Tierwunder verfasst hat, schildert er folgendes:
In der Gegend von Meiringen, ungefähr halbwegs
nach Innertkirchen, abseits der Strasse, suchte er nach einem
Motiv für seine Kamera. Dabei fiel sein Blick plötzlich
auf ein merkwürdiges Gebilde, welches in einer kleinen Bodenvertiefung
lag, das er für einen seltsam geformten Baumstamm hielt.
Wie er näher kam, zweifelte er jedoch, ob dieses «Ding»
ein Holzstück oder ein Tier sei. Er richtete seinen Apparat
und drückte ab, wobei das Knacken des Verschlusses bewirkte,
dass der vermeintliche Baumstamm sich plötzlich bewegte
und ihn mit durchdringenden, hellen Augen bösartig anstierte.
Das Tier machte Miene, auf ihn loszugehen und zischte dabei wie
eine Schlange. Der Anblick soll so furchterregend gewesen sein,
dass er schleunigst Reissaus nahm. Er schildert das Tier als
unheimlich aussehend, etwa 80 Zentimeter lang, von ca. 25 Zentimeter
Durchmesser und mit Vorderfüssen. Das Tier sei braun mit
hellen und dunklen Flecken. Einwohner von Meiringen, so berichtet
der Verfasser weiter, hätten ihm erzählt, dass im Volksmund
das Fabeltier «Tatzelwurm» noch existiert und man
es früher in der Umgebung beobachtet habe.
Die «Berliner Illustrirte Zeitung» organisierte
auf diese Nachrichten hin eine kleine Expedition nach dem erwähnten
Ort mit einem Zoologen als Leiter. Der Zoologe glaubte zwar nicht
an dieses Tierwunder und es scheint, dass sie dieses Märchentier
nicht gefunden haben, denn die «Berliner Illustrirte Zeitung»
offeriert nun eine Belohnung demjenigen, der den «Tatzelwurm»
tot oder lebendig einem Zoologischen Garten in der Schweiz oder
in Deutschland abliefern könne.
Es wäre tatsächlich ein grosses Verdienst
dieses Wunderphotographen und der «Berliner Illustrirten
Zeitung», wenn dieses neue «Weltwunder» dem
Hasli auch nur einen Bruchteil von dem Reklameerfolg des Loch-Ness-Wunders
bewirken könnte.
In: «Der Oberhasler» («Wöchentlicher
Gruss aus der Heimat an die Hasler in der Fremde») Nr.
33, Dienstag, 23. April 1935:
Vom Tatzelwurm
von Lux.
Zu dem im letzten «Oberhasler» erschienen Artikel
«Das Wunder von Loch Ness in Meiringen?» erlaube
ich mir folgendes bekannt zu geben: Ein vor einigen Jahren verstorbener,
angesehener Mann, höherer Beamter, erzählte mir einmal,
dass er als Junge von fünfzehn Jahren einst im Herbst gegen
Unterstock zu am «strewwenen» gewesen sei, während
seine Geissen in der Nähe weideten. Ich lasse den Mann nun
selbst erzählen:
«Ich habe mich auf ein Mäuerchen gesetzt
und mein mitgebrachtes «Zaben» in Angriff genommen
und liess meine Augen über die nähere Umgebung schweifen.
Da auf einmal sah ich in etwa zehn Meter Entfernung ein merkwürdiges
Geschöpf sich aus einem Steinhaufen herausarbeiten. Es war
ein dickleibiger Wurm, braungelb mit dunklen runden Flecken und
zwei Stumpenbeinen an der Brust. Ein Stollenwurm! fuhr es mir
durch den Sinn.
Seine schrecklichen Augen waren stechend auf mich
gerichtet und ich fühlte eine plötzliche Lähmung
der Glieder und konnte mich nicht mehr erheben. Da polterte ein
von meinen Geissen gelöster grosser Stein herunter, und
wie auf einen Schlag kam wieder Leben in mich, was ich profitierte
und mich zur Flucht wandte. Als ich kurz darauf mit einigen steckenbewaffneten
Kameraden wieder auf der Szene auftauchte, war der Wurm nicht
mehr zu finden, aber auch mein zurückgelassenes «Zaben»
war weg.»
Man hat früher viel von Stollenwürmern gehört,
die dieser oder jener gesehen haben wollte, aber man glaubte
ihnen nur halb. Auch im «Wörterbuch der Landschaft
Hasli» steht unter Buchstabe St.: «Stollenwurm, schlangenähnliches
Tier mit zwei Füssen».
Das «Wunder von Loch Ness» hat sich in
der Folge als Irrtum, wo nicht gar als grober Schwindel herausgestellt,
hingegen an diesen Stollenwurm glauben viele Leute. Oder was
sagen die Guttanner dazu, wo doch einer der ihren vom Schlage
gerührt tot umgefallen sein soll, als er mit Kameraden auf
einer Jagdstreife plötzlich auf mehrere dieser Tiere stiess?
Auf alle Fälle habe ich volles Vertrauen in die Erzählung
meines Gewährsmanns.
Wenn nun die Bekanntgabe dieser Zeilen dazu beitragen
sollte, gleich wie in Loch Ness, einen grossen Zustrom von «Gwundrigen»
ins Hasli zu verursachen, so könnte man sich ja mit dem
Stollenwurm aussöhnen.
In: «Der Oberhasler» («Wöchentlicher
Gruss aus der Heimat an die Hasler in der Fremde»), Nr.
33, Dienstag, 23. April 1935:
Eine Meldung aus Innertkirchen:
Schreckliches Vorkommnis
von S.
Nichtsahnend besuchte letzte Woche eine kleine Gesellschaft die
Aareschlucht. Man erstieg die «trockene Lamm» und
gedachte über den Kirchet hinab nach Meiringen zu gelangen.
Wo der Steg aufhört, ist ein ausgewaschener Kessel, direkt
über der Aare gelegen. Dort wurde Imbisshalt gemacht.
Plötzlich wurde das muntere Geplauder von einem
furchbaren Schrei zerrissen. Alles fuhr auf! Aber viel besser
wäre gar niemand aufgefahren, denn was wir jetzt sahen,
liess uns sogleich schreckensbleich wieder absitzen. Aus dem
Kessel herauf grinste uns teuflisch an - der Tatzelwurm. Aus
dem breiten Maul guckte eine halbe «Berliner Illustrierte»,
wie überhaupt der ganze Boden mit «Berliner Illustrierten»
völlig bedeckt war. Dieses Ungeheuer nährte sich wahrscheinlich
ausschliesslich von «Berliner Illustrierten».
Zum Glück war das Tier von uns durch eine glatte
Felswand getrennt, was uns allmählich zu beruhigen vermochte.
Beherzte Eidgenossen griffen zu Steinen und Knütteln, und
bald prasselte nur so ein Regen in den Kessel hinab. Aber oh
vergebliche Müh! Das Untier stiess Töne von sich, so
unwahrscheinlich es nun klingen mag, die wie ein Gelächter
klangen. Ja, es war wirklich ein satanisches Gelächter!
Nun wurden förmliche Felsblöcke hinabgeschmissen und,
wohlgezielt, traf ein glücklicher Schütze den Wurm
krachend auf den Schädel.
Unser Jubel erstarrte in den Kehlen. Was jetzt geschah,
spottet Jeglichem! Das Ungeheuer lief die glatte Wand empor,
wie wenn es ebener Rasen wäre! Uns blieb nichts anderes
übrig, als ebenfalls die senkrechte Wand hinaufzulaufen,
die uns vom Weg trennte. Leicht hätte das Vieh jetzt einen
von uns erwischen können, aber zu unserem Erstaunen rannte
es fortwährend gegen Steine, so dass es obendrein noch als
kurzsichtig und blindwütig bezeichnet werden muss.
Ob der panischen Flucht hatte jedermann den gefrässigen
Moloch aus den Augen verloren. Es verstrich geraume Zeit, bis
jemand Ausschau zu halten wagte. Lange umsonst! Auf einmal jedoch
deutete einer gen Meiringen: «Seht, dort!» Der Tatzelwurm
strebte in eilendem Lauf der Ruine Resti zu, worin er alsbald
verschwand und wo er sich jetzt noch aufhält. Man möge
nun aber zum Rechten sehen, dass es nicht in nächster Zeit
um das Schloss von Tatzelwürmern wimmelt! Sonst ade, mein
liebes Heimatland!»
In: «Zofinger Zeitung», (18?). Mai
1935:
Was ist mit dem Tatzelwurm?
Vorbemerkung der Redaktion: Vor einigen Wochen veröffentlichte
die «Berliner Illustrierte Zeitung» das Bild eines
merkwürdigen Lebewesens, das dem Reporter bei einem planlosen
Speziergang in der Nähe von Meiringen begegnet sein soll.
Das abscheuliche Tier ist etwa 60 bis 80 Zentimeter lang, gut
armdick, Haut glatt wie eine Eidechse, Kopf katzenartig mit breitem
Maul. Die Hinterbeine fehlen vollständig. Der Fotograf hielt
es zunächst für einen seltsam geformten Baumstamm.
Als er sich aber dem Gebilde näherte und abknipste, soll
die Erscheinung plötzlich pfeifend-zischende Laute ausgestossen
und Miene gemacht haben, auf ihn loszukommen.
Seit den Veröffentlichungen der «Berliner
Illustrierten Zeitung», die in der Behauptung gipfelten,
dass man es wahrscheinlich mit einem Exemplar des sagenhaften
Tatzel- oder Stollenwurms zu tun habe, will die Diskussion nicht
mehr zur Ruhe kommen. Die einen glauben an eine Täuschung,
andere an eine Fälschung, und wieder andere behaupten, die
Haslitaler hätten es - gleich wie die Bewohner von Loch
Ness - trefflich verstanden, ein Heer von «Gwundrigen»
in ihre Gegend zu locken.
Da bereits eine Expedition nach dem Schauplatz der
Aufnahme veranstaltet wurde und neue in Aussicht stehen, haben
wir uns entschlossen, unseren Reporter Peter Valentin nach Meiringen
zu entsenden mit dem Auftrag, der Sache nach Möglichkeit
auf den Grund zu gehen. Wir geben seinen Bericht anschliessend
ungekürzt wieder.
* * *
Es war schon Spätnacht, als wir am Schauplatz
der seltsamen Aufnahme eintrafen, um eine Schlummerstätte
aufzusuchen. Wenn Gäste zu solcher Stunde und dazu noch
zu solch ungewohnter Jahreszeit hier absteigen, dann pflegt die
Wirtin ihre Strumpfkugel hastig im Nähkorb zu versorgen
und mit der Hand über die Stirn zu fahren, als müsste
sie sich erst wieder einmal zurechtfinden.
Heute aber glitt ein verschmitztes Lächeln über
ihr Gesicht. Es begann in den Mundwinkeln und bemächtigte
sich mit Blitzesschnelle der Augen, die uns zu sagen schienen:
«Aha, da sind wieder zwei, die den Lindwurm suchen!»
Was kann man zur Verteidigung seines schweren Berufsstands und
zur allgemeinen Erheiterung des Gemüts Besseres tun, als
gute Miene zum bösen Spiel zu machen? Also sagte ich ja,
bestellte Tatzelwurm-Koteletten nach Berliner Art und trug mich
saison- und standesgemäss ins Hotelbuch ein: «Reiseziel:
Stollenwurm. Beruf: Tatzelwurmforscher».
Man darf die Oberhasler nicht gleich beim Wickel nehmen,
will man etwas aus ihnen herausbringen. Sie sind aufgeweckt und
schlagfertig, und hinter den lebhaft zwinkernden Augen lauert
der Mutterwitz, der schon manchen ernsthaften Besucher in eine
komische Figur verwandelt hat. Zwar trägt man dem Fremdenverkehr
mit allen seinen Neuerungen Rechnung - man ist ja mehr denn je
auf ihn angewiesen - aber im Grunde seines Herzens bleibt der
Haslitaler der alte. Sogar der Stollenwurm kann seiner innerlich
gefestigten, etwas verschlossenen Natur nur wenig anhaben.
Das Allerbeste: Man setzt sich hin und schweigt. Man
schweigt sogar, wenn das Sauerkraut etwas fade schmeckt, und
hustet bloss, wenn der gute Schoppen, den es hier oben allen
Verkehrsschwierigkeiten zum Trotz auch im Winter gibt, zur Neige
geht. Dann regt es sich wieder hinter dem Schanktisch, und mit
einem Mal ist das Gespräch im Gang.
«Das ist eine merkwürdige Sache mit dieser
Fotografie», wandte unsere Wirtin plötzlich ein, sichtlich
bemüht, das Gespräch auf den Tatzelwurm zu lenken.
«Es gibt doch aber Meiringer und Haslitaler, die das Tier
auch schon gesehen haben wollen». «Freilich, freilich;
einer behauptet sogar, er habe den Wurm erschlagen. Das Tier
habe fürchterlich gestunken. Aber wir haben die Geschichte
nicht so ernst genommen, denn wenn es darauf ankam, zur Sache
zu stehen, dann war keiner mehr da, der es bezeugen konnte. Der
Hans will es vom Peter erfahren haben und das Käthi von
der Grossmutter. Man weiss da oben wirklich nicht, was wahr ist
daran und was nicht.»
Mehr konnten wir für heute aus der Wirtin und
den anwesenden Gästen aus der Gegend nicht herausbringen,
als einige Namen und Ortsangaben, wo das Tier angeblich gesehen
oder erschlagen wurde.
Etwas bestimmter und glaubwürdiger klingt schon
der Bericht eines vor einigen Jahren verstorbenen angesehenen
Beamten, der im «Oberhasler» erzählt, dass er
als Junge von fünfzehn Jahren in der Nähe von Unterstock
zum «streuwwenen» einmal die Geissen gehütet
habe:
«Als ich mich auf ein Mäuerchen gesetzt
hatte», berichtet der Gewährsmann, «um meinen
Sack auszupacken, bemerkte ich auf einmal in etwa zwölf
Meter Entfernung ein merkwürdiges Geschöpf, das sich
aus einem Steinhaufen herausarbeitete. Es war ein dickleibiger
Wurm, braungelb mit dunklen Flecken und zwei Stumpenbeinen an
der Brust. «Der Stollenwurm!» fuhr es mir durch den
Sinn. Seine schrecklichen Augen waren stechend auf mich gerichtet,
und ich spürte eine plötzliche Lähmung der Glieder.
Ich konnte mich nicht mehr erheben. Da polterte ein von meinen
Geissen gelöster Stein herunter, und wie auf einen Schlag
strömte wieder Leben durch meine Glieder. Ich benützte
diesen günstigen Augenblick, um mich zur Flucht zu wenden.
Als ich darauf mit einigen steckenbewaffneten Kameraden wieder
auf der Stelle erschien, war der Wurm verschwunden. Mit ihm aber
auch mein im Stich gelassener Imbiss.»
Wir vernahmen noch dies und das, so zum Beispiel von
einem Guttanner, der vom Schlage gerührt tot umgefallen
sein soll, als er mit Kameraden auf einer Jagdstreife plötzlich
mehreren Tatzelwürmern auf einmal begegnete. Was ist Dichtung,
was Wahrheit? Auch in der lebhaftesten Phantasie haben alle diese
Dinge, ehe man sie selbst gesehen und selbst erlebt hat, einen
Hauch des Abstrakten an sich. Begegnet man doch in allen Erzählungen
und Beschreibungen des Haslitales dem sagenhaften Lebewesen,
genannt Tatzelwurm. Und sogar im Wörterbuch der Landschaft
Oberhasli steht unter dem Buchstaben «St» die Notiz:
«Stollenwurm, schlangenähnliches Tier mit zwei Füssen»
- also nicht: «sagenhaftes Lebewesen». Nun kommt
gar einer, der den Drachen geistesgegenwärtig auf die Platte
bannte.
Unter solchen und ähnlichen Gedanken suchten
wir endlich unsere Schlafstätten auf. Mit den Frühesten
waren wir aber schon wieder auf den Beinen. Die ganze Szenerie
war umgewandelt: Statt des erwarteten frischen, funkelnden Morgenglanzes
lag ein aschgrauer, wolkenbehängter Himmel über dem
Haslital. Und kaum hatten wir die Westen zugeknöpft, da
setzte ein feiner Regen ein. Was verschlugs? Wir waren ja nicht
gekommen, um mit Kamera und Film bewaffnet Jagd auf den Tatzelwurm
zu machen, sondern um uns an Ort und Stelle über die Möglichkeiten
der Existenz eines solchen Ungeheuers zu erkundigen.
Unser erster Besuch galt dem «Tatort».
Auf dem Weg zur Aareschlucht, hinter dem «Du Pont»,
führt ein schmaler Pfad rechts hinauf zum Talriegel, der
Meiringen von Innertkirchen trennt. Die Gegend ist sehr bizarr,
die bewaldeten Hänge sind dicht übersät von Felsblöcken,
so recht geeignet, die Phantasie eines «Drachentöters»
zu höchsten Entfaltung zu bringen. Als die ersten Expeditionen
bestehend aus Meiringern, Berliner Herren, einem Zoologen und
dem Fotografen Balkin die Hänge erstiegen, da lag noch über
ein Meter Schnee auf dem Boden. Heute blühen bereits die
Primeln. Da und dort begegneten wir verborgenen Höhleneingängen
und seltsamen Steingebilden, die man aus der Ferne für sonderbare
Lebewesen halten könnte.
Vom Tatzelwurm aber war keine Spur zu sehen. Das hatten
wir ja auch nicht erwartet. Vorsorglicherweise hatte ich zwar
Zucker und Brot mitgenommen. Aber weder dieser Köder noch
die gelegentlichen Rufe «Tatzi, chumm!» lockten den
scheusslichen Moloch aus seinem Versteck hervor.
Zurück von Innertkirchen nach Meiringen, wo der
feinsinnige, nimmermüde Gerichtsschreiber und Festspielinitiant
uns erwartet. Hier erhalten wir endlich gründliche Auskunft
über die Möglichkeiten der Existenz eines Stollenwurms.
Ich will die Ausführungen unseres Gewährsmanns, soweit
sie mir noch im Gedächtnis haften, in kurzen Zügen
wiedergeben:
«Das Wunder von Loch Ness», berichtet
Herr Sch., «hat sich in der Folge als grober Irrtum herausgestellt.
Wir Meiringer haben daher kein Interesse daran, ein ähnliches
Verkehrslockmittel zu unterstützen, denn leicht könnte
der Verdacht aufkommen, dass der Tatzelwurm von Schnitzern hergestellt
worden sei, um ein Heer von Gwundrigen ins Haslital zu locken.
Ich bitte Sie also, uns aus dem Spiele zu lassen, denn der Neid
ist gross und begünstigt die schlimmsten Auswüchse.»
«Aber hören sie doch», unterbrach
ich den Gewährsmann, «das ist mir unverständlich.
Dieser Berliner Fotograf hat Ihnen sicher die grössten Dienste
erwiesen, denn landauf und landab, ja sogar bis Berlin, spricht
man jetzt nur noch von Meiringen und seinem Stollenwurm. Ich
an Ihrer Stelle würde den Mann als Propagandachef engagieren.
Hunderte von Verkehrsvereinen beneiden Sie um diese Sensation.
Ich würde sogar Plakate und Postkarten anfertigen lassen,
ich würde die Stelle, an der das Tier zuletzt gesehen und
fotografiert wurde, einfrieden lassen, ich würde...»
«Gemach, mein lieber Herr», entgegnete
darauf der Sachverständige, «wir können es uns
heute nicht leisten, leeres Stroh zu dreschen oder blosse Sensationspropaganda
zu betreiben. Die Zeiten sind zu ernst. Wenn ein Zuckerbäcker
in Zürich bereits Tatzelwürmer verkauft, so ist das
seine Sache. Hier hat man es mit einer Angelegenheit zu tun,
die füglich mit einem zweischneidigen Schwert verglichen
werden kann: Existiert das Tier oder existiert es nicht? Offen
gestanden: Wir wissen es selbst nicht. Existiert es, dann bekommen
es viele Gäste mit der Angst zu tun. Existiert es nicht,
sind wir also einer Täuschung zum Opfer gefallen, dann kreidet
man uns die Teilnahme an den Nachforschungen als Bluff zur Förderung
des Fremdenverkehrs an.
Nun hat man tatsächlich schon früher viel
von Stollenwürmern gehört und gelesen. Dieser oder
jener will dem Lebewesen auch begegnet sein, aber man glaubte
ihnen nur halb. Ein Bauarbeiter aus Aeppligen bei Innertkirchen
zum Beispiel behauptetet erst kürzlich wieder, er habe das
Tier in der Nähe der Brücke, die über die Aare
führt, letztes Jahr gesehen. Seine Beschreibung stimmt völlig
mit der Aufnahme des Fotografen überein, die er nie zu Gesicht
bekommen hat. Der Wurm habe Miene gemacht, auf ihn loszukommen.
Seine Leute berichten, dass er ganz bleich und verstört
zu Hause angekommen sei. Wir stehen vor einem Rätsel, denn
tatsächlich leben viele Leute im Tal, die den Tatzelwurm
auch schon gesehen haben wollen.»
Nach einigen weiteren Erörterungen nebensächlicher
Natur führte uns der Gewährsmann zum Haus eines bekannten
Jägers, in dem das Verhör des Fotografen Balkin in
Anwesenheit des bereits erwähnten Zoologieprofessors stattgefunden
hatte. Alle, die der Diskussion beiwohnten, erhielten den Eindruck,
dass der Berliner Kameramann nicht gelogen haben konnte. Mehr
als einmal wurde er in die Enge getrieben, aber alle Einwendungen
scheiterten an der Tatsache, dass Balkin einen Film vorweisen
konnte, der keiner Retouche unterzogen war. Die Schweizerischen
Bundesbahnen selbst hatten ihn gemeinsam mit den Landschaftsaufnahmen
in Empfang genommen und entwickelt. Aber kein Naturforscher ist
je einem Stollenwurm, geschweige denn seinen Spuren begegnet.
Eine Frage und eine Überlegung interessierten
uns für heute zur Abklärung des Tatbestands sehr lebhaft.
Die Frage lautet: Wann, das heisst zu welcher Jahreszeit, ist
Balkin dem Tatzelwurm begegnet? Wann wurde die Aufnahme gemacht?
Das Tier liegt im Gras, also muss der Fotograf im Spätherbst
in Meiringen eingetroffen sein. Warum hat er dann so lange zugewartet,
bis er seine Entdeckung bekannt gegeben hat? Und warum ist er
ausgerechnet im Winter auf die Suche nach dem Lebewesen gegangen?
Er musste ja wissen, dass hoher Schnee den Boden bedeckte, die
Auffindung irgend eines Höhleneingangs also schlechterdings
unmöglich war.
Und die Überlegung: Sie nimmt Bezug auf die Überlieferungen
von Ortsansässigen über die Erscheinung des Tatzelwurms.
Mit dem Begriff «Wurm» verbinden die Haslitaler nämlich
die Erscheinung einer Schlange. Wir kennen Nattern, die eine
ansehnliche Länge erreichen und in Höhen bis zu 2000
Meter über Meer leben. Sie sind giftlos, aber sehr angriffslustig,
nach dem Volksglauben sogar mit kleinen Füssen («Stollen»)
ausgestattet. Die Annahme ist daher nicht von der Hand zu weisen,
dass Haslitaler gelegentlich einem ausgewachsenen Natternexemplar
begegnet sind. Man stelle sich dabei vor, welches Entsetzen die
Nachricht auslöste, wenn sie berichteten, dass das Tier
eine Länge von einem Meter erreichte. Es ist nun wohl möglich,
dass die Phantasie aus der langen Natter einen «armdicken
Wurm» machte. Besonders, wenn die Erzählung von der
Begegnung des «Wurmtöters» mit dem «Wurm»
von der Nachwelt übernommen wurde. Man verzeihe diese nüchternen
Reflexionen, die meinem Bericht das Cachet einer Sensation rauben.
Sie waren aber nötig, um die Stimmung wiederzugeben, die
rund um den Tatzelwurm herrscht.
Berichte über das Erscheinen des seltsamen Tiers
sind vorhanden. Sogar Leute, die dem «Drachen» begegnet
sind. Aber keiner kann sagen, ob das Tier wirklich im Haslital
haust oder ob der Fotograf einer Täuschung zum Opfer gefallen
ist. Hunderte, wenn nicht Tausende, werden in diesem Sommer nach
dem Schauplatz der Aufnahme pilgern, um des seltsamen Lebewesens
habhaft zu werden. Wem es gelingt, dem winkt eine schöne
Belohnung. Allen aber empfehle ich guten Humor, heroischen Mut,
sorgfältige Bewaffnung und angenehmen Appetit, denn der
Tatzelwurm ist in Biskuitform auch in Meiringen erhältlich.
Womit ich nicht etwa sagen will, dass der leibhaftige
Tatzelwurm überhaupt nicht existiert. Im Gegenteil: Ich
bin nach allen Berichten, die mir zu Ohren kamen, weniger klug
als wie zuvor. Der Herr Professor wird zwar erklären: Das
Tier existiert nicht, denn es steht nicht in meinem Buche. Gut
so; aber was ist dann mit der Fotografie und mit den zahlreichen
Berichten von Augenzeugen, die dem «Drachen» begegnet
sind?
Peter Valentin, Meiringen, Mitte Mai 1935
In: «Kosmos» Heft Nr. ?? (ca. 1983):
Nicht ausrottbar: der Tatzelwurm
In den Jahren 1931 und 1932 veröffentlichte der «Kosmos»
eine Reihe von Augenzeugenberichten, aber auch Ansichten durchaus
ernstzunehmender Wissenschaftler zum Thema «Tatzelwurm».
In der Rubrik «Zurückgeblättert», im «Kosmos»
10/82, wurde dieses sagenumwobene Tier dann wieder «ausgegraben».
Allerdings nicht, um eine neuerliche Diskussion anzuzetteln.
Wörtlich: «... dennoch würde der «Kosmos»
nicht wagen, die Frage (ob es den Tatzelwurm gibt oder nicht)
heute noch einmal zu wiederholen. Wer weiss, welche Berichte
auch jetzt noch bei uns eintreffen würden!»
Sie kamen dennoch! Unser Leser Karl Neu aus Sindelfingen
zum Beispiel hat für uns anderswo «zurückgeblättert»
und stiess dabei auf eine vergnügliche Artikelserie über
ungewöhnliche Fotoreportagen, die Dr. Otto Croy 1954 herausgebracht
hatte. Darin tauchte auch der Tatzelwurm wieder auf, und wir
möchten unseren Lesern die erstaunliche Geschichte nicht
vorenthalten.
* * *
Dr. Croy berichtete von einem Reporter, nennen wir
ihn Herrn X, der beim Fotografieren eines Baums von einem ihm
unbekannten Tier angefallen und leicht verletzt wurde. Herr X
wandte sich sofort an das Zoologische Institut Zürich, erzählte
dort sein Erlebnis und entnahm seiner verdreckten Kamera die
Filmspule mit der Bitte um weitere Bearbeitung (clever, vor Augenzeugen!).
Als er am anderen Morgen ins Institut kam, war alles
in Aufruhr (sehr verständlich, wie wir nachher sehen werden!).
Das entwickelte Bild zeigte den Baum, dahinter, halb verborgen,
ein Untier mit einer unwahrscheinlichen Anzahl grässlicher
Zähne, das sein riesiges Maul gegen den Betrachter aufsperrte.
Man bestürmte Herrn X mit Fragen, doch er konnte nichts
anderes berichten, als was er schon gesagt hatte.
«Wissen Sie», sagte man ihm, «dass
Sie das unwahrscheinliche Glück hatten, als erster Mensch
ein un völlig unbekanntes Tier aufgenommen zu haben, das
wahrscheinlich mit dem sagenumwobenen Tatzelwurm identisch sein
dürfte? Sie müssen mitkommen und uns suchen helfen.
Wenn wir es finden, wird es nach Ihnen benannt. Sie werden mit
ihm in die Unvergänglichkeit eingehen, denn man wird es
voraussichtlich «Tacitus xensis» benennen.»
Mit Vergnügen beteiligte sich Reporter X an den
Expeditionen, welche bei Tag und Nacht, mit und ohne Suchhunde
durchgeführt wurden. Und er fotografierte, was das Zeug
hielt.
Trotz aller Mühen fand man freilich nichts vom
Tatzelwurm. Was blieb, war ein infolge des Schreckens undeutlich
aufgenommenes Bild - und die anderen Fotos, die einwandfrei das
vergebliche Suchen dokumentierten. Der Bildbericht erschien in
einer grossen Illustrierten und erregte weltweit ungeheures Aufsehen.
Reporter X hatte natürlich ein Höchsthonorar einkassiert.
Da das Ende keinen Schlusspunkt hatte, fügte der Redakteur
das Angebot hinzu, dass die Redaktion einen Tausender für
einen lebenden oder toten Tatzelwurm zu zahlen gewillt sei.
Nun kommt der zweite, der Öffentlichkeit weithin
unbekannte Teil der Geschichte:
Ein Freund von Dr. Croy, der Zoologe und Jagdschriftsteller
Franz Xaver Graf Zedtwitz war misstrauisch und verbrachte einen
ganzen Tag mit der eingehenden Betrachtung des undeutlichen Bilds
des Tatzelwurms. Auch er wusste das Tier nirgends einzureihen
- bis ihm schliesslich der Gedanke kam, die Zähne des Gebisses
nach einem besonderen Schlüssel auszuzählen. Sein Verdacht
bestätigte sich: Dieser Tatzelwurm war überhaupt kein
Land-, sondern ein Wassertier. Genaugenommen war dieses Bild
nichts anderes als die Fotografie eines Knochenfisches mit aufgesperrtem
Maul. Was hatte der aber hinter einem Baum im Hochgebirge zu
suchen?
Zedtwitz war sich seiner Sache gewiss. Aus dieser
Sicherheit heraus hielt er Umfrage bei Naturalienhandlungen nach
präparierten Knochenfischen und bekam auch prompt Angebote.
Nach einiger Zeit hielt er achtzig Offerten für Knochenfische
zu je 200 Mark in Händen. Und jetzt verfasste er einen wohldurchdachten
Brief an die Redaktion:
«Mit Interesse habe ich Ihren Bericht über
die Entdeckung des Tatzelwurms verfolgt. Sie haben Ihr Interesse
an diesem sagenhaften Tier durch das Aussetzen eines Preises
von tausend Mark für einen Tatzelwurm bekundet. Das Bild
eines solchen haben Sie bereits als Dokument veröffentlicht.
Ich bin heute in der angenehmen Lage, Ihr Interesse weitgehend
befriedigen zu können. Ich habe zur Zeit achtzig Tatzelwürmer
zur Hand. Wollen Sie also bitte einen Scheck auf 80 000 Mark
bereitstellen und mir mitteilen, wann ich meine achtzig Tatzelwürmer
in Ihrer Redaktion anliefern kann?»
Selbstverständlich erhielt der dem Redakteur
wohlbekannte Briefschreiber niemals eine Antwort. Und das war
das Ende der Tatzelwurm-Saga!»
In: «Der Bund» vom 2.5.1985 (Nr.
101, 136. Jahrgang); Leserzuschrift als Reaktion auf den am 20.4.1985
veröffentlichten Tatzelwurm-Bericht von Ueli Halder:
Ich betreute Balkin
Vom 21. Februar bis 2. März 1935 betreute ich den Reporter
Balkin. Er erzählte von einem geheimnisvollen Tier, das
in der Schweiz hausen müsse, und das er unbedingt fotografieren
wolle, denn als international bekannter Reporter sei er «scharf»
auf solche Themen.
Er ging während dieser Woche nach Meiringen,
kam am anderen Tag aufgeregt zu mir und sagte, er habe das Tier
gesehen. Es sei auf einer Wiese zwischen Meiringen und Innertkirchen
auf ihn zugekommen. Mit der schussbereiten Leica schoss er ein
paar Aufnahmen. Ich half ihm den Film zu entwickeln. Dann sahen
wir ein unheimlich aussehendes Tier, halb Drache, halb Eidechse.
Es muss zwischen 40 und 80 Zentimeter hoch und ziemlich lang
gewesen sein.
Ich telefonierte mit einem Professor der Universität,
ob ich ihm eine Vergrösserung zeigen könne. Er sagte:
«Wenn Sie mir das Tier tot oder lebendig in mein Büro
bringen, kann ich mich mit der Sache befassen; wenn das nicht
möglich ist, lassen Sie mich bitte aus dem Spiel.»
Ich fragte Balkin, ob es nicht eine Attrappe sei,
was er jedoch ausdrücklich verneinte.
E. Schenker, Bern
Mündl. Mitteilung von Rudolf Wyss aus Interlaken,
ehemals Redaktor und Chronist des Haslitaler Geschehens, an Ueli
Halder am 30.12.1980:
«Vermutlich war die Tatzelwurm-Affäre eine
bewusste Irreführung, ein Scherz, von der Zeitung lanciert,
um in der Schweiz Fuss zu fassen. Das Foto war wahrscheinlich
manipuliert, möglicherweise eine Schnitzerei, eventuell
unter Beteiligung von Einheimischen.»
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