Otto Steinböcks Meinung:
eine Kreuzotter oder ein Fischotter
Otto Steinböck, Zoologieprofessor
in Innsbruck, steht hier stellvertretend für viele andere
Skeptiker, welche den Tatzelwurm-Augenzeugen unterstellen, sie
seien schlechte Tierkenner und/oder schlechte Beobachter - und
hätten keineswegs einen Tatzelwurm, sondern ein ganz «normales»
Alpenwildtier angetroffen. Vor allem die Kreuzotter (Vipera
berus) und der Fischotter (Lutra lutra) werden immer
wieder als «Sündenböcke» genannt.
Der Originalbericht von Otto
Steinböck liegt mir leider nicht vor, weshalb ich hier die
entsprechende Passage aus Joseph Meixners Bericht in der «Neuen
Zürcher Zeitung» vom 5.6.1935 wiedergebe:
«Jüngst hat Prof. Dr. C. Steinböck
(Innsbruck) als zünftiger Zoologe jene älteren und
neuen Berichte überprüft («Der Schlern»
1934) und ist zu dem begründeten Ergebnis gekommen, dass
es sich in den meisten Fällen, namentlich jenen, die in
über 1000 Metern Höhe beobachtet wurden (etwa 45),
die Kreuzotter oft mit grösster Deutlichkeit zu erkennen
ist. (...) In anderen Fällen sind augenscheinlich Nattern
oder die Smaragdeidechse oder andere Eidechsen oder der Alpen-,
der Feuersalamander, das Wiesel, der Marder, der Fischotter,
der angegriffen ebenfalls zischt und faucht, das Murmeltier und
andere bekannte Tiere erkennbar.»
Ich habe meine Ansicht zur überheblichen
Einstellung Meixners gegenüber den «Bauern, Jägern,
Hirten, Holzknechten sowie deren Frauen und Kindern», d.h.
«primitiven, von vornherein zu abergläubischen Vorstellungen
neigenden, wenig kritisch eingestellten Personen» in der
Einleitung bereits kundgetan und will mich hier nicht wiederholen.
Nur soviel: Ich bin der festen Überzeugung, dass Hirten
und Wilderer die Alpentierwelt sehr genau kennen, und wenn diese
Experten - wie etwa im Augenzeugenbericht Nr. 16 - aussagen,
«nie zuvor ein solches Tier gesehen» zu haben, dann
waren sie gewiss keiner Kreuzotter und keinem Fischotter gegenüber
gestanden.
Gleicher Meinung ist Bernard
Heuvelmans, der in seinem Buch «Sur la Piste des Bêtes
Ignorées» (Paris 1955) zu diesem Thema treffend
festhält:
«Trotz der Einheitlichkeit
und Häufigkeit der Augenzeugenberichte, die es über
den Tatzelwurm gibt, wird dessen Existenz von vielen Leuten bezweifelt.
Ein häufiges Argument der Skeptiker lautet, dass es sich
um Verwechslungen mit umherwandernden Fischottern handle. Ein
Fischotter kann tatsächlich weite Sprünge vollführen,
und er kann «zischen» wie eine Schlange oder eine
Katze. Die Zeugen - unter denen sich viele befinden, welche die
lokale Fauna sehr gut kennen - haben hierauf bloss erwidert,
dass es erbärmlich wäre, wenn sie einen Otter nicht
von einem Tatzelwurm unterscheiden könnten!»
Mit «Verwechslungen»,
soviel ist klar, lässt sich das Tatzelwurm-Phänomen
nicht abtun.
Ich lasse hier zwei Zitate folgen, welche das Thema «Verwechslung»
zum Inhalt haben:
«Wenn man alle Berichte über den Tatzelwurm,
nach Ausscheidung der rein phantastischen, zusammenstellt, ergibt
sich, dass nicht von einem, sondern von zwei ganz verschiedenen
Tieren darin die Rede ist:
Der «Tatzelwurm Nummer 1» ist ein schlankes
Tier - das wohl auch Springwurm genannt wird - mit einem katzenähnlichen
Kopf, 40 bis 50 Zentimeter lang. Es lässt bisweilen ein
Pfeifen hören. Unser Gastfreund in Meiringen, der uns am
Abend so freundlich aufgenommen hatte und der sein Leben in den
Bergen verbracht hat, weiss für den «Tatzelwurm 1»
eine einleuchtende Erklärung. Sie lautet:
Diesen Tatzelwurm gibt es: Er ist ein nicht nur dem
Zoologen, sondern allgemein bekanntes Tier, aber es heisst nicht
Tatzelwurm, sondern Fischotter. Der Fischotter kommt im Berner
Oberland so selten vor, dass er der einheimischen Bevölkerung
fast unbekannt ist. Wie bekannt, wechselt er gelegentlich die
Wasserläufe, in denen er lebt. Er macht dazu, wie festgestellt
worden ist, kilometerweite Wanderungen über Land. Sein Instinkt
sagt ihm mit Sicherheit, wo er einen anderen Wasserlauf findet.
Er bewegt sich auch über weite Landstrecken dorthin. Er
sieht dann aus wie eine kurze, dicke Schlange, die sich windend
vorwärtsbewegt, seine kurzen Vorderfüsse sehen wie
krallenähnliche Gebilde aus, sein Kopf hat Ähnlichkeit
mit dem einer Katze, und wenn er sich angegriffen fühlt,
zischt und faucht er.
In den anderen Teilen der Schweiz erschrickt man nicht
beim Anblick eines Fischotters, bekreuzigt man sich nicht, wenn
man ein solches Tier sieht, und redet nicht vom Tatzelwurm. Warum
nicht? Weil der Fischotter in den anderen Teilen der Schweiz
ein bekanntes, jagdbares Tier ist. Nur im Berner Oberland, das
übrigens auch die Heimat des Tatzelwurmglaubens ist, wird
er zum Tatzelwurm.
Aber nur der kleinste Teil der Beschreibungen eines
Tatzelwurms schildert ein Tier, das höchstwahrscheinlich
einfach der Fischotter ist. Nach der überwiegenden Mehrzahl
der gültigen Berichte ist der Tatzelwurm eine grosse Echse
(...).»
(aus: Hans Rudolf
«Rätselhafte Begegnung im Schweizer Hochgebirge: Der
Tatzelwurm», «Berliner Illustrirte Zeitung»,
Nr. 17, April 1935)
* * *
«In anderen Fällen dürfte es sich um Verwechslungen
mit durchaus bekannten Tierarten gehandelt haben. So interpretierte
Meusburger zahlreiche der von ihm aufgezeichneten Schilderungen
als Begegnungen mit Wieseln, Hermelinen, Mardern oder (den als
wanderfreudig bekannten) Fischottern, und er dachte dabei im
besonderen an veränderte, etwa durch die Hautkrankheit Ichthyosis
haarlos gewordene Individuen.»
(aus: Ueli Halder «Der Tatzelwurm:
Mythos oder Wirklichkeit?», unveröffentl. Manuskript,
1984)
Zur Hauptseite
|