Adlerfregattvogel - Fregata aquila
© 1990 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die Heimat des Adlerfregattvogels ist die mitten im
südlichen Atlantik gelegene Insel Ascension - oder, genau
genommen, das winzige Inselchen Boatswainbird, das der Küste
Ascensions im Osten vorgelagert ist und eine Fläche von
lediglich drei Hektaren aufweist. Weltweit brütet dieser
mächtige Meeresvogel nur an diesem abgeschiedenen Ort. Die
extreme Begrenztheit seines Vorkommens macht ihn - obschon seine
Population ungefähr 10 000 Vögel umfasst - natürlich
sehr verletzlich. In der Tat wird es weitgehend von der Rücksichtnahme
des Menschen abhängen, ob der Adlerfregattvogel auch in
Zukunft im eleganten Segelflug über die Weiten des südlichen
Atlantiks ziehen wird.
Ascension - Stützpunkt der britischen Armee
und der südatlantischen Meeresvögel
Der Atlantische Ozean hat ein lebhaftes Bodenrelief:
In nordsüdlicher Richtung wird er vom «Mittelatlantischen
Rücken» durchzogen, einem untermeerischen Gebirgszug,
der in den Höhenunterschieden den Alpen nicht nachsteht.
Der Mittelatlantische Rücken markiert die Grenze zwischen
der amerikanischen Kontinentalplatte im Westen und der eurasischen
sowie der afrikanischen im Osten. Da sich die Platten noch heute
voneinander wegbewegen, und zwar um jährlich einige Zentimeter,
reisst an dieser Nahtstelle die Erdkruste immer wieder auf und
basaltische Lava dringt aus dem Erdinnern bis zum Meeresboden
hoch. An einigen Stellen hat sich das so entstandene untermeerische
Gebirge im Laufe der Zeit bis zum Meeresspiegel erhoben, und
seine höchsten Spitzen schauen sogar als Inseln darüber
hinaus: Wir kennen diese «Berggipfel» als Island,
die Azoren, Ascension, Sankt Helena, Tristan da Cunha und Gough.
Ascension, von Südamerika und Afrika gleichermassen
über 2000 Kilometer entfernt, weist eine Fläche von
97 Quadratkilometern und eine Bevölkerung von etwas mehr
als 1000 Personen auf. Politisch ist Ascension Sankt Helena unterstellt,
welches etwa 1100 Kilometer weiter südöstlich liegt
und seinerseits britisches Territorium ist.
Sankt Helena ist jene abgeschiedene Insel, auf die
Napoleon Bonaparte, seines Zeichens Kaiser der Franzosen, nach
seiner Niederlage bei Waterloo 1815 verbannt wurde (er verstarb
dort 1821). Schon damals war auf dem zuvor unbewohnten Ascension
eine ganze britische Garnison stationiert worden, um etwaige
militärische Aktionen der Franzosen zur Befreiung Napoleons
abwehren zu können. Nach dem Falklandkrieg im Jahr 1982
zwischen Argentinien und Grossbritannien erhielt Ascension abermals
militärische Bedeutung: Hier wurde ein wichtiger Stützpunkt
der britischen Luftwaffe eingerichtet - die letzte Möglichkeit
zum Auftanken der britischen Militärflugzeuge auf dem Weg
zu den Falklandinseln.
Seit jeher bilden die südatlantischen Inseln
aber auch einen wichtigen «Stützpunkt» der verschiedenen
auf der südlichen Erdhalbkugel vorkommenden Meeresvögel.
Fünfzehn von ihnen brüten hier insgesamt, zehn davon
allein auf Ascension und Boatswainbird. Es sind dies der Adlerfregattvogel
(Fregata aquila; ca. 10 000 Individuen), der Madeira-Wellenläufer
(Oceanodroma castro; 1500 Brutpaare), der Maskentölpel
(Sula dactylatra; ca. 1250 Paare), der Brauntölpel
(Sula leucogaster; 700 Paare), der Rotschnabel-Tropikvogel
(Phaeton aethereus; 600 Paare), der Weissschwanz-Tropikvogel
(Phaeton lepturus; 1050 Paare), die Feenseeschwalbe (Gygis
alba; 1000 Paare), die Noddiseeschwalbe (Anous stolidus;
mehrere tausend Paare), die Kleine Noddiseeschwalbe (Anous
minutus; 75 000 Paare) und die Russeeschwalbe (Sterna
fuscata; schätzungsweise 1 Million Vögel).
Das Katzenproblem
Ursprünglich brüteten alle genannten Meeresvögel
in riesigen Kolonien auf der Insel Ascension. 1815 nahm jedoch
ihr friedliches Leben in der Abgeschiedenheit ein jähes
Ende: Zum einen wurden für die Ernährung der britischen
Garnison massenhaft Meeresvogeleier verwendet; nach Aufzeichnungen
aus jener Zeit sollen bis 120 000 Eier pro Woche eingesammelt
worden sein! Zum anderen wurden 1815 Hauskatzen auf der Insel
freigelassen, um der lästigen Rattenplage Herr zu werden.
Die Katzen hatten jedoch rasch erkannt, dass die Meeresvögel
eine viel leichtere Beute sind als die schlauen und wehrhaften
Nager. Schon bald richteten sie enormen Schaden innerhalb der
Brutkolonien an.
Noch heute leben auf Ascension unzählige streunende
Hauskatzen. Sie sind dafür verantwortlich, dass neun der
zehn ansässigen Meeresvogelarten nur noch auf unzugänglichen
Felsklippen und dem benachbarten Boatswainbird-Inselchen brüten
und schlafen. Als einzige Meeresvogelart haben es die Russeeschwalben
geschafft, sich auf Ascension zu halten. Ihr «Erfolg»
ist darauf zurückzuführen, dass sie jeweils nach Abschluss
des Brutgeschäfts allesamt die Insel für ungefähr
drei Monate verlassen. Sobald dies geschieht, fällt die
Ernährungsgrundlage der Katzen weitgehend dahin, und viele
von ihnen verhungern in der Folge. Kehren die Russeeschwalben
wieder an ihre Brutplätze zurück, so hat sich die Katzenpopulation
zwischenzeitlich so stark verringert, dass die von ihr verursachten
Ausfälle nicht allzu stark ins Gewicht fallen. Immerhin
dürften aber auch heute noch alljährlich etwa 20 000
Russeeschwalben den auf Ascension herumstreunenden Katzen zum
Opfer fallen.
Das Felseninselchen Boatswainbird, Rückzugsgebiet
der neun Meeresvogelarten, welche mit dem Katzenproblem nicht
fertig geworden sind, liegt etwa 250 Meter von Ascension entfernt
und ragt steil aus dem Meer auf. Sein Plateau befindet sich etwa
90 Meter über der Meeresoberfläche und ist selbst für
den Menschen sehr schwer zu erreichen. Katzen und andere Säugetiere
haben es glücklicherweise bis heute nicht geschafft, sich
hier niederzulassen. Zwar sind die Meeresvögel auf Boatswainbird
nicht durch Raubsäuger gefährdet; es herrscht jedoch
akuter Platzmangel, was sich in ständigen Zänkereien
um geeignete Brutplätze äussert. So setzt heute das
knappe Platzangebot den Beständen der hier heimischen Meeresvögel
eine unverrückbare obere Grenze.
Fregattvögel sind Luftpiraten
Es gibt weltweit fünf verschiedene Arten von
Fregattvögeln. Sie leben alle in den tropischen Regionen
der Erde: Der Weissbauch-Fregattvogel (Fregata andrewsi)
ist auf der Weihnachtsinsel im Indischen Ozean zu Hause; der
Prachtfregattvogel (F. magnificens) kommt an den Küsten
der Neuen Welt vor; der Bindenfregattvogel (F. minor)
und der Kleine Fregattvogel (F. ariel) bewohnen die äquatorialen
Zonen des Indischen und des Pazifischen Ozeans; und der Adlerfregattvogel
ist wie gesagt auf Ascension im Südatlantik beheimatet.
Fregattvögel sind mächtige Meeresvögel.
Der grösste von ihnen, der Prachtfregattvogel, erreicht
eine Spannweite von bis zu 230 Zentimetern! Das Gefieder aller
Fregattvögel ist überwiegend schwarz; bei den Weibchen
und den Jungvögeln finden sich teilweise artspezifische
weisse Flecken auf Körperunterseite sowie an Kopf und Hals.
Sehr charakteristisch ist der tief gegabelte Schwanz der Fregattvögel.
Auffälligstes Körpermerkmal ist aber zweifellos der
rote Kehlsack der Männchen, der bei der Balz zu einem riesigen
roten «Ballon» aufgeblasen werden kann und offensichtlich
die Weibchen zu beeindrucken vermag.
Die Fregattvögel sind erstaunliche Flugkünstler,
die einen Grossteil ihres Lebens in der Luft verbringen. Von
ihrem Gesamtgewicht wiegen Brustmuskeln und Federn - also «Motor»
und «Tragflächen» - fast die Hälfte, und
die Flächenbelastung der überlangen Schwingen ist ausserordentlich
gering. Fregattvögel gelten nicht nur als die leistungsfähigsten
Segelflieger in der Vogelwelt; sie besitzen auch eine aussergewöhnliche
Manövrierfähigkeit und Reaktionsschnelligkeit. Dies
zeigt sich besonders dann, wenn sie Jagd auf Fliegende Fische,
ihre Lieblingsbeute, machen. Zielsicher stossen sie nach unten
und packen blitzschnell ihre Beute unmittelbar über der
Wasseroberfläche, ohne jedoch wassern zu müssen oder
ihr nur wenig eingefettetes Gefieder zu benetzen.
Auf ähnliche Weise picken sie auch allerlei essbare
Stoffe von der Meeresoberfläche, erbeuten angeschwemmte
Fische oder frisch geschlüpfte Meeresschildkröten vom
Strand und rauben unbeaufsichtigte Küken mitten aus einer
Meeresvogel-Brutkolonie.
Die Ernährungsweise der Fregattvögel erfordert
neben ausserordentlichem Fluggeschick viel Erfahrung und grosse
Geduld. Nicht selten kommt es darum vor, dass die schwarzen Vögel
zwischendurch eine einfachere Form der Nahrungsbeschaffung wählen
und sich als «Piraten» betätigen: Sie greifen
andere Meeresvögel (besonders Tölpel) an, welche vom
Fischfang zurückkehren, und zwingen sie durch ihre überlegene
«Luftakrobatik» dazu, die Beute fallen zu lassen.
Diese wird dann von den Piraten im Sturzflug verfolgt und noch
im Fall aufgefangen.
Die Jungenaufzucht dauert ein volles Jahr
Der Adlerfregattvogel weist eine Länge von 89
bis 96 Zentimetern und eine Flügelspannweite von 196 bis
201 Zentimetern auf, wobei die Weibchen durchschnittlich etwas
grösser sind als die Männchen. Die erwachsenen Männchen
sind vollständig schwarz gefärbt. Die Weibchen sind
ebenfalls überwiegend schwarz, weisen aber auf der Brust
ein breites bräunliches Querband auf. Die Jungvögel
haben anfänglich beigefarbene Köpfe und einen braun
gesprenkelten Hals. Ihr Leib ist oberseits braun, unterseits
weiss, die Flügel sind oberseits schwarzbraun, unterseits
schwarz mit einigen weissen Flecken an den Rändern.
Von den anderen Fregattvögeln unterscheidet sich
der Adlerfregattvogel dadurch, dass er sein Nest nicht auf Bäumen
oder Sträuchern anlegt, sondern direkt auf dem Boden. Auf
Boatswainbird bleibt ihm auch gar keine andere Wahl...
Bruten erfolgen zwar das ganze Jahr über, treten
jedoch gehäuft im Oktober auf. Das Gelege umfasst im allgemeinen
ein einzelnes Ei und wird abwechslungsweise von beiden Altvögeln
während sechs bis acht Wochen bebrütet. Die Jungen
sind erst im Alter von sechs bis sieben Monaten flügge und
bleiben dann noch für weitere drei bis vier Monate weitgehend
von den Altvögeln abhängig. Die Aufzucht eines einzigen
Nachkommen beschäftigt das Adlerfregattvogel-Paar somit
ein ganzes Jahr lang.
Ihre Nahrung suchen die Adlerfregattvögel zumeist
im engen Umkreis Ascensions, denn hier befindet sich eine Zone
besonders nährstoffreichen Wassers und demzufolge umfangreicher
Fischbestände. Nur ausnahmsweise streifen einzelne, wahrscheinlich
jüngere («ledige») Individuen bis an die Küste
Afrikas im Bereich des Golfs von Guinea.
Die Hauptnahrung der schwarzen Vögel besteht
aus Fischen, die sie auf dem offenen Meer erbeuten. Manchmal
überfallen sie aber auch frisch geschlüpfte Suppenschildkröten
(an den Stränden Ascensions legen jährlich etwa 2000
Suppenschildkröten-Weibchen ihre Eier ab) oder schnappen
sich ein Russeeschwalben-Küken. Nahrungspiraterie wurde
bisher nur bei ein paar erwachsenen Weibchen und einigen Jungvögeln
beobachtet.
Ist der Adlerfregattvogel bedroht?
Beobachtungen zeigen, dass sich die Adlerfregattvögel
auf Boatswainbird ausreichend fortpflanzen und ihr Bestand mehr
oder weniger stabil ist. Die letzte exakte Zählung liegt
zwar schon drei Jahrzehnte zurück: Sie wurde in den fünfziger
Jahren durch die Britische Ornithologen-Union durchgeführt
und ergab einen Bestand von 9000 bis 12 000 Vögeln. Diese
Zahl dürfte aber auch heute noch gelten.
Man möchte eigentlich annehmen, dass eine Vogelart,
deren Bestand etwa 10 000 Tiere umfasst, die sich ausreichend
fortpflanzt und die zudem ein abgelegenes Eiland mitten im weiten
Meer bewohnt, nicht gefährdet ist. Trotzdem steht der Adlerfregattvogel
auf der Roten Liste des Internationalen Rats für Vogelschutz
(ICBP), eingestuft als «seltene Art». Dieser Kategorie
werden Vogelarten mit verhältnismässig kleiner Population
zugeordnet, die zwar nicht akut vom Aussterben bedroht sind,
jedoch aufgrund eines bestimmten Umstands sehr rasch in eine
missliche Lage geraten könnten. Dieser Umstand ist im Falle
des Adlerfregattvogels das extrem kleine Verbreitungsgebiet:
Gelänge es beispielsweise den Katzen, Boatswainbird zu erreichen,
so würde diese bemerkenswerte Vogelart wohl innerhalb kürzester
Zeit ausgelöscht.
In der Tat blieben die Vögel Boatswainbirds im
Verlauf unseres Jahrhunderts auf ihrem kleinen Felseneiland keineswegs
unbehelligt: Von 1923 bis 1926 liess die English Bay Company
auf Boatswainbird die meterdicken Guanoablagerungen für
die Produktion landwirtschaftlicher Düngemittel abtragen.
Noch heute sind Geleisestücke und sogar Feldbetten der Arbeiter
aus jener Zeit sichtbar - ihrerseits schon wieder von einer dicken
Schicht Guano überzogen.
Zwischen 1966 und 1972 besuchten mehrfach ornithologisch
interessierte Touristengruppen das Inselchen. Diese Besuche haben
mittlerweile wieder aufgehört, nicht zuletzt deshalb, weil
Landung sowie Auf- und Abstieg ausserordentlich gefährlich
sind.
Seit 1982, das heisst seit der neuerlichen Zunahme
der militärischen Aktivitäten auf Ascension, erfahren
die Meeresvögel auf Boatswainbird wiederum massive Störungen:
Bei Sirenenalarm auf dem benachbarten Ascension fliegen oftmals
sämtliche brütenden Vögel panisch auf und überlassen
ihre Gelege und Nestlinge ungeschützt der sengenden Sonne
und dem Zugriff weniger schreckhafter «Gelegenheitsdiebe».
Es ist unabdingbar, dass die Boatswainbird-Insel als
überaus wichtiger Brutplatz der südatlantischen Meeresvögel
zukünftig vor sämtlichen Störungen durch den Menschen
geschützt wird. Zudem sollten regelmässig Zählungen
der brütenden Vögel auf der Insel durchgeführt
werden, um etwaige Bestandsrückgänge frühzeitig
erkennen und rechtzeitig Hilfsmassnahmen einleiten zu können.
Im übrigen wäre es für alle auf Boatswainbird
brütenden Meeresvögel von grösster Bedeutung,
wenn die auf Ascension herumstreunenden Katzen vollständig
ausgerottet würden, damit sie auch ihre «alte Heimat»
wieder als Brutplatz nutzen könnten.
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