4 Wirbellose des Ärmelkanals:

Seenelke - Metridium senile
Strandseeigel - Psammechinus miliaris
Siebenarmiger Seestern - Luidia ciliaris
Europäische Languste- Palinurus elephas


© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Wer jemals mehr als nur einen flüchtigen Blick auf die Unterwasserwelt im Küstenbereich eines Meeres wirft, der kommt kaum umhin, von all den bizarren tierlichen Lebewesen, denen er dabei begegnet, fasziniert zu sein. Insbesondere im Bereich felsiger Küstenabschnitte ist die Formen- und Farbenvielfalt der Meeresfauna enorm. Dies deshalb, weil - anders als bei Sandküsten - der felsige Untergrund vielerlei Versteckmöglichkeiten bietet, und weil zudem viele Pflanzen im Fels sicheren Halt finden und ihrerseits grösseren und kleineren Tieren Deckung geben. Die im Ärmelkanal gelegene, acht Quadratkilometer grosse Insel Alderney, welche die vorliegenden Briefmarken verausgabt, ist fast rundherum von Felsküsten umsäumt - und erweist sich deshalb in marinbiologischer Hinsicht als wahre Schatztruhe. Aus dem breiten Spektrum verschiedenartiger Tierformen, welche in Alderneys Küstengewässern heimisch sind, wollen wir im folgenden vier Arten von Wirbellosen etwas näher betrachten: die Seenelke (Metridium senile), den Strandseeigel (Psammechinus miliaris), den Siebenarmigen Seestern (Luidia ciliaris) und die Europäische Languste (Palinurus elephas).

 

Die Seenelke

Die Seenelke ist ein Mitglied des Stamms der Nesseltiere (Cnidaria), zu denen die Seeanemonen, die Korallen und die Quallen gehören. Die Nesseltiere sind recht urtümliche Tiere. Zwar handelt es sich um mehrzellige Lebewesen, doch besteht ihre Körperwand nur aus zwei Zellschichten (mit einer gallertartigen Stützschicht dazwischen), und eine Organentwicklung hat kaum stattgefunden. Der Urtümlichkeit im Körperbau zum Trotz bilden die Nesseltiere eine sehr erfolgreiche Tiersippe: Mit etwa 9400 Arten sind sie weltweit über alle Meere verbreitet, und einige Arten, darunter «unsere» mitteleuropäischen Süsswasserpolypen (Hydra spp.), kommen sogar in Süssgewässern vor. Ausserdem gehören gewisse Nesseltiere, namentlich die koloniebildenden Steinkorallen, unbestrittenermassen zu den tüchtigsten Architekten im ganzen Tierreich: Sie zeichnen etwa für die Bildung des zweitausend Kilometer langen Great-Barrier-Riffs vor Australiens Ostküste verantwortlich, und ohne ihr unermüdliches Wirken gäbe es auch die vielen tausend Atolle der Südsee nicht.

Zum Erfolg der Nesseltiere trägt massgeblich die Tatsache bei, dass sie über eine wirkungsvolle «Waffe» verfügen, die sie bei der Verteidigung ebenso wie beim Beutefang einzusetzen wissen: die namengebende Nesselzelle. Es handelt sich dabei um eine Zellkapsel, welche mit Gift gefüllt und durch einen umgestülpten, in der Kapsel zusammengerollten «Schlauch» verschlossen ist. Bei der Entladung - anlässlich der Berührung mit einem Feind oder einem Beutetier - wird der Schlauch mit Wucht aus der Kapsel herausgeschleudert. Er stülpt dabei seine Innenseite nach aussen, durchdringt dank kleiner Stilette die Haut des Opfers und ermöglicht dadurch die Injektion des Gifts in dessen Körper. Das freigesetzte Gift ist gewöhnlich hochwirksam und bewirkt recht schnell die Lähmung oder gar Tötung des Opfers. Selbst dem Menschen können einige Nesseltiere gefährlich werden: So sind etwa den Nesselstichen der zu den Quallen gehörenden, in australischen Gewässern anzutreffenden Seewespe (Chironex fleckeri) schon mehrfach Menschen zum Opfer gefallen, weil deren Gift ziemlich rasch das Atemzentrum lähmt. Der Grossteil der Nesseltiere ist jedoch für den Menschen harmlos. Sie vermögen bei einer hautnahen Begegnung schlimmstenfalls eine unangenehm brennende Rötung der Haut zu bewirken.

Die Seenelke gehört innerhalb des Stamms der Nesseltiere zur Klasse der Blumentiere (Anthozoa) und da zur Ordnung der Seeanemonen (Actinaria). Beim Betrachten dieser Tiere versteht man schnell, weshalb sie ihren Namen tragen. Bei den Anhängen am oberen Ende des zylinderförmigen Körpers handelt es sich allerdings nicht um Blütenblätter, sondern um muskulöse, nesselzellenbestückte Fangarme, welche kranzförmig die Mundöffnung umgeben. Bei der Seenelke sitzen auf dem bis zu 30 Zentimeter hohen Leib oft mehrere hundert solcher Tentakel dicht nebeneinander und bilden eine Krone von bis zu 20 Zentimetern Durchmesser. Stehen einige Seenelken eng beieinander, so entsteht unwillkürlich der Eindruck eines prächtigen Nelkenstrausses - daher der Name dieser Tierart.

Die Seenelke ist im Mittelmeer, im östlichen Nordatlantik, in der Nordsee und im Ärmelkanal weit verbreitet. Man findet sie von den oberflächennahen Küstengewässern bis in Tiefen von etwa 100 Metern. Wie alle Blumentiere ernährt sie sich von tierlicher Kost. Im Gegensatz zu vielen ihrer Verwandten fängt sie aber nicht aktiv Fische, sondern erbeutet eher passiv freischwebende Kleinlebewesen, die an ihre Tentakel stossen. Diese Planktonteilchen werden alsdann in Schleim gepackt und durch die Bewegung unzähliger winziger Wimpern zum Mund transportiert.

 

Der Strandseeigel

Seeigel werden im System der Tiere dem Stamm der Stachelhäuter (Echinodermata) zugeordnet, zusammen mit den Seesternen, den Seegurken und den Seelilien. Weltweit gibt es rund 6000 Arten von Stachelhäutern. Sie sind allesamt Meeresbewohner und halten sich als Erwachsene stets auf dem Meeresgrund auf, während ihre Eier und die daraus schlüpfenden Larven frei im Wasser driften. Je nach Art wandeln sich die Larven nach einer Periode von wenigen Tagen bis zu mehreren Wochen um und lassen sich dann als «jugendliche» Stachelhäuter auf dem Meeresboden nieder.

Anatomisch gesehen gehören die Stachelhäuter sicherlich zu den ungewöhnlichsten Tierformen, denn sie weisen einen kreisförmigen Bauplan mit fünf Achsen auf. Diese Fünfstrahligkeit bezieht sich nicht nur auf die äussere Form (besonders augenfällig im Falle der Seesterne), sondern auch auf die inneren Organe, von denen bei den Stachelhäutern alle wichtigen in fünffacher Ausführung vorhanden sind. Der Sinn der Fünfstrahligkeit ist bis heute nicht geklärt, doch vermuten einige Zoologen, dass diese anatomische Besonderheit eine grössere Festigkeit des aus Kalkkristallen zusammengesetzten Aussenskeletts bewirkt.

Einzigartig ist auch die Fortbewegungsweise der Stachelhäuter, die mit Hilfe von «Schlauchfüsschen» erfolgt. Es handelt sich hierbei um Ausstülpungen eines speziellen Wassergefässsystems, das sich im Körperinnern befindet. Durch hydraulische Druckregulierung können die aus Poren im Aussenskelett hervortretenden Füsschen willentlich ausgedehnt oder zusammengezogen und dank feinster Muskelfasern auch bewegt und für schreitende Bewegungen eingesetzt werden: Die Füsschen greifen jeweils weit aus, heften sich fest und holen dann durch ihr Zusammenziehen den Körper nach.

Der Strandseeigel ist mit einem Durchmesser von etwa 5 Zentimetern ein eher kleingewachsenes Mitglied der Klasse der Seeigel (Echinoidea). Sein Körper weist typische «Apfelform» auf und ist mit stumpfen, bis 1 Zentimeter langen Stacheln übersät.

Die Heimat des Strandseeigels ist der östliche Nordatlantik, die Nordsee, der westliche Bereich der Ostsee und der Ärmelkanal. Hier hält er sich von der Gezeitenzone bis in Tiefen von 100 Metern auf. Wie die meisten Seeigel ernährt er sich von Algen und organischen Abfällen, die er von den Felsen abschabt. Dabei ist ihm die sogenannte «Laterne des Aristoteles» sehr dienlich - ein nur bei Seeigeln anzutreffender, hochkomplizierter Kieferapparat, welcher der Bedienung der fünf harten Zähne dient, deren Spitzen aus der Mundöffnung hervorragen.

 

Der Siebenarmige Seestern

Mit einer Spannweite von bis zu 40 Zentimetern gehört der Siebenarmige Seestern zu den auffälligeren Wirbellosen der europäischen Küstengewässer. Man findet den stattlichen Stachelhäuter, der sich mit seinen sieben Armen scheinbar über die «fünfstrahligen» Gesetze seiner Verwandtschaft hinwegsetzt, sowohl im Mittelmeer als auch im östlichen Nordatlantik, in der Nordsee und im Ärmelkanal, und zwar vom Küstenbereich bis hinunter in Tiefen von 400 Metern.

Wie die meisten Seesterne ernährt sich der Siebenarmige Seestern von tierlicher Nahrung, ja er gilt sogar als besonders «grimmiger» Räuber. Seine Beutetiere - Würmer, Schnecken, Krebstiere, andere Stachelhäuter usw. - kann er mit dem Geruchssinn, das heisst anhand von im Wasser gelösten, von den Beutetieren ausgeschiedenen Stoffen, wahrnehmen. Er bewegt sich dann zielsicher auf sie zu und geht, wenn er sie erreicht hat, sofort zum Angriff über.

Auch Muscheln sind wichtige Beutetiere des Siebenarmigen Seesterns. Um sie zu überwältigen, klammert er sich jeweils mit einigen seiner saugnapfbesetzten Schlauchfüsschen auf jeder Schalenhälfte fest. Durch kräftigen und beharrlichen Zug vermag er dann die Schalenhälften allmählich zu öffnen, da der Schliessmuskel der Muscheln im Laufe der Zeit ermüdet. So verschafft sich der siebenarmige Räuber Zugang zum weichen Leib der Muscheln - und hinterlässt schliesslich vollkommen saubere, leere Schalen.

 

Die Europäische Languste

Die Europäische Languste ist eines der grössten Mitglieder der Klasse der Krebstiere (Crustacea), welche weltweit rund 39 000 verschiedene Arten umfasst: Ältere Individuen können bis 50 Zentimeter lang und bis 8 Kilogramm schwer sein.

Man findet die Europäische Languste sowohl im Mittelmeer als auch im östlichen Atlantik, in der Nordsee und im Ärmelkanal. Vom ähnlich grossen Europäischen Hummer (Homarus gammarus) unterscheidet sie sich deutlich durch ihre mehr als Körperlänge aufweisenden Antennen, durch das Fehlen grosser Greifscheren und - zumindest in lebendem Zustand - durch ihre Färbung: Während der Hummer blau bis blauschwarz gefärbt ist, weist die Languste einen rotbraunen Panzer auf.

Die Europäische Languste kommt gewöhnlich nur in tieferem Wasser vor, deutlich unterhalb der Gezeitenzone, und erweist sich dort als lichtscheues, zurückgezogen lebendes Tier. Die meiste Zeit verbringt sie in einer Höhle. Hervor kommt sie nur nachts, um dann im Dunkeln Schnecken, Würmer und allerlei tote Tiere zu verzehren. Nach ihren nächtlichen Ausflügen kehrt sie stets wieder zu einem ihrer Verstecke innerhalb ihres Nahrungsreviers zurück, was von einer beachtlichen Orientierungsfähigkeit zeugt.

Wie alle Krebse besitzt die Europäische Languste ein hartes, chitinhaltiges Aussenskelett, das mit den Wachstumsschüben jeweils abgesprengt («gehäutet») und neu gebildet wird. Die vier stabförmigen Brustbeinpaare, auf denen sie sich im Stelzgang fortbewegt, sind durch Gelenke verbundene Fortsätze dieses Panzers. Sie erfüllen zwar durchaus ihren Zweck und erlauben der Languste die gezielte Fortbewegung in ihrem untermeerischen Lebensraum. Doch sind sie hinsichtlich ihrer Beweglichkeit niemals mit den Gliedmassen etwa der Säugetiere oder der Kriechtiere vergleichbar. Dies zeigt sich besonders dann, wenn die Languste mit einem ihrer acht Beine in eine Felsspalte gerät und sich dasselbe festklemmt. Sie verfügt dann nicht über die Möglichkeit, es wieder «herauszuwinden» und bleibt deshalb verhältnismässig schnell einmal stecken. Um nicht auf solche Weise zu Tode zu kommen, vermag sie ihre Beine willentlich zu «amputieren» - ähnlich wie es Eidechsen in Notfällen mit ihrem Schwanz tun können. Und wie jene vermag die Languste ihren verlorenen Körperteil später (im Laufe der nächsten Häutungen) wieder nachwachsen zu lassen.

 

Chemische Lösung als Lebenselement

Die zarte Seenelke, der algenraspelnde Strandseeigel, der grimmige Siebenarmige Seestern und die lichtscheue Europäische Languste - die vier doch sehr verschiedenartigen Wirbellosen haben eines gemeinsam: Ihr Fortbestand hängt weitgehend von der Beschaffenheit des Meerwassers ab, in welchem sich ihr Leben abspielt. Denn Meerwasser ist nicht einfach «Salzwasser». Meerwasser ist eine komplexe Flüssigkeit, in der eine grosse Anzahl chemischer Substanzen in einem ganz bestimmten Mischverhältnis gelöst sind. An dieses Mischverhältnis haben sich die vielgestaltigen tierlichen Meeresbewohner im Laufe ihrer Stammesgeschichte bestens angepasst...

...weshalb schon geringfügige Änderungen der Wasserbeschaffenheit verheerende Auswirkungen auf ihre Biologie haben können. Genau dies lässt sich aber heute der Mensch zu Schulden kommen: Bedenkenlos und in ständig zunehmendem Mass behandelt er das Meer als «Kehrichteimer», dem er seine sämtlichen unerwünschten Abfallstoffe übergibt. Einige Formen der Meeresverschmutzung, so etwa die durch Öltankerhavarien hervorgerufenen, sind zwar recht spektakulär und erhalten deshalb viel Publizität. Langfristig weit verheerender als solche lokal begrenzten Verunreinigungen ist jedoch die unablässige Befrachtung sämtlicher Meere unseres Planeten mit unsichtbaren Schadstoffen aller Art, darunter etwa - in gelöster Form - die gefährlichen Schwermetalle Quecksilber, Cadmium und Blei. Von diesen Substanzen bleibt keine Meereskreatur verschont. Sie dringen unweigerlich in ihre Körpergewebe ein, wo sie dann unter Umständen schwerwiegende Folgen beispielsweise hinsichtlich der Fruchtbarkeit haben können.

Zwar wissen wir erst sehr wenig über diese ungemein komplexen Zusammenhänge. Gewiss aber ist, dass all die einzigartigen Tierformen der Ozeane, von denen vier auf diesen Seiten vorgestellt wurden, nur dann eine Überlebenschance haben, wenn es uns bald gelingt, der globalen Meeresverschmutzung Einhalt zu gebieten oder sie zumindest drastisch einzuschränken.




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