Äskulapnatter

Elaphe longissima


© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der aufrecht gehende Mensch scheint eine tiefsitzende Abneigung gegen alles Kriechende zu haben. Tiere mit senkrechter Körperhaltung (wie die Pinguine unter den Vögeln oder die Seepferdchen unter den Fischen) sowie alle Tiere, welche «Männchen» machen (wie die Bären unter den Säugetieren), sind uns durchwegs viel sympathischer als solche mit waagrechter Körperhaltung. Letzteres ist in extremer Weise für die «beinlosen Kriechtiere», die Schlangen, kennzeichnend, und so liegt wohl hier jene biologische Wurzel der gefühlsmässigen Ablehnung, mit welcher der Mensch den Schlangen gewöhnlich begegnet.

Nicht immer und überall war dies allerdings der Fall. Hervorzuheben ist etwa die Äskulapnatter (Elaphe longissima), welche sowohl bei den alten Griechen als auch bei den alten Römern als heilig galt. Wie ihr Name verrät, war sie Äskulap, dem Gott der Heilkunde, geweiht. Auf Abbildungen trägt er stets einen Stab bei sich, um den sich eine oder zwei Schlangen winden. Dieser «Äskulapstab» wird noch heute von den Ärzten und den Apothekern als ihr Symbol verwendet. Man könnte deshalb die Äskulapnatter als die meistabgebildete Schlange der Welt bezeichnen.

 

1500 Nattern weltweit

Die Äskulapnatter ist ein Mitglied der Familie der Nattern (Colubridae), welcher über 1500 der insgesamt rund 2400 Schlangenarten unseres Planeten angehören. Nattern gibt es (von der Antarktis einmal abgesehen) sozusagen in allen Winkeln der Erde - vom Nordpolarkreis südwärts bis zu den Südspitzen von Südamerika, Afrika und Australien sowie auf ungezählten Ozeaninseln. Und zudem findet man sie innerhalb dieses riesenhaften Areals in einem breiten Spektrum unterschiedlichster Lebensräume - vom Hochgebirge bis zur Mangrovenküste, vom immergrünen Regenwald bis zur dürren Sandwüste.

Es wurde immer wieder versucht, die artenreiche Familie der Nattern in besser überschaubare Einheiten zu gliedern, und dabei gab es etwa ebensoviele verschiedene Vorschläge wie Forscher, die sich mit dieser Frage befassten. Ein heute allgemein akzeptiertes Konzept, dem wir uns hier anschliessen wollen, unterscheidet sechs Natterngruppen: 1. die Äthiopischen Nattern (Lamprophiinae) mit etwa 185 Arten in Afrika, Madagaskar und Südostasien; 2. die Ungleichzähnigen Nattern (Xenodontinae) mit über 600 Arten hauptsächlich in Süd- und Mittelamerika, teils aber auch in Nordamerika; 3. die Warzenschlangen (Acrochordinae) mit knapp 40 Arten in Asien und Australien; 4. die Wassernattern (Natricinae) mit ungefähr 140 Arten, welche über die gesamte nördliche Erdhalbkugel sowie südwärts über Asien bis nach Nordaustralien verbreitet sind; 5. die Land- und Baumnattern (Colubrinae) mit etwa 550 Arten hauptsächlich auf der nördlichen, teils aber auch auf der südlichen Erdhalbkugel; 6. die Sandrenn-Nattern (Psammophiinae) mit knapp 40 Arten hauptsächlich in Afrika, teils aber auch in Südeuropa und in Asien. Die Äskulapnatter gehört bei dieser systematischen Gliederung der Natternfamilie zur Gruppe der Land- und Baumnattern (Colubrinae).

Ungefähr 18 Natternarten sind in Europa heimisch, darunter die grössten Schlangen des Kontinents: die Pfeilnatter (Coluber jugularis), welche eine Länge von bis zu drei Metern erreicht, und die Vierstreifennatter (Elaphe quatuorlineata), welche bis 2,5 Meter lang wird. Die Äskulapnatter ist nicht ganz so gross: Sie kann eine Körperlänge von bis zu zwei Metern erreichen. Die meisten Individuen sind allerdings kleiner und messen zwischen 1,4 und 1,8 Metern, wobei zwischen Männchen und Weibchen kein Grössenunterschied zu bestehen scheint.

Die Äskulapnatter ist eine schlank gebaute Schlange. Ihr schmaler, verhältnismässig langer Kopf weist eine stumpfe Schnauze auf und ist nur undeutlich vom restlichen Körper abgesetzt. Das Auge weist eine rundliche Pupille auf. Männchen wie Weibchen sind oberseits gewöhnlich ziemlich düster - graugelb bis olivbraun - gefärbt, wobei einzelne Schuppen an den Rändern kleine weisse Striche aufweisen. Hie und da können aber auch strohgelbe, graue oder schwärzliche Individuen angetroffen werden. Die Körperunterseite ist stets einheitlich hellgelb bis weisslich gefärbt.

Im Kopfbereich der Äskulapnatter finden sich gelbe Flecken und dunkle Streifen, welche bei den Jungtieren markanter sind als bei den Erwachsenen. Auch die Körperfärbung ist bei den jungen Äskulapnattern verschieden von derjenigen der Alttiere: In Längsrichtung des Körpers sind vier bis sieben Reihen dunkler Flecken erkennbar.

 

Wärmebedürftig und trockenheitsliebend

Die Äskulapnatter ist in Europa sowie im westlichen Asien weit verbreitet. In Europa findet man sie in den meisten Teilen Frankreichs, ferner in Nordostspanien, in ganz Italien sowie auf Sizilien und Sardinien, nicht aber auf Korsika. In der Schweiz und in Österreich ist ihr Verbreitungsgebiet stark zerstückelt, und in Deutschland kommt sie nur isoliert an ein paar wenigen Stellen vor. Auf der Balkanhalbinsel ist sie sozusagen überall anzutreffen, fehlt jedoch auf den Inseln im Ägaischen Meer und auf Kreta. In Osteuropa kommt sie in Ungarn, in Tschechien, in der Slowakei, im südöstlichen Polen sowie in Rumänien, Moldawien und der südwestlichen Ukraine vor. Dort endet ihr Verbreitungsgebiet kurz vor dem Dnjepr. Südlich des Schwarzen und des Kaspischen Meers dehnt es sich hingegen noch weiter nach Osten aus: Man begegnet der Art vielerorts auf der Kleinasiatischen Halbinsel, im Kaukasus und im nördlichen Iran.

Die inselartige Verbreitung der Äskulapnatter nördlich der Alpen gab schon früh zu Spekulationen Anlass, denn mehrere Bestände finden sich auffälligerweise in der Nähe ehemaliger römischer Thermalbäder. Lange Zeit glaubte man deshalb, die Römer hätten seinerzeit diese heilige Schlange in ihren mitteleuropäischen Bad- und Tempelanlagen eingebürgert und die heutigen Bestände seien das Ergebnis dieser Ansiedlungen. In Wirklichkeit erklärt sich das inselartige Vorkommen der Äskulapnatter wohl eher damit, dass sie sich nördlich der Alpen nur an klimatisch günstigen Plätzen aufhält. Vermutlich war sie einst während wärmerer Erdepochen von Süden her nach Mitteleuropa eingewandert und hat später, als sich das Klima abkühlte, nur dort überlebt, wo die Umweltbedingungen ihren Bedürfnissen entsprachen.

Als Lebensraum bevorzugt die Äskulapnatter gebüschreiches oder mit Gehölzen durchsetztes Gelände sowie sonnige Waldränder und Lichtungen. Gerne hält sie sich auch im Fels sowie an alten Mauern und in Ruinen auf, wenn dort genügend Spalten vorhanden sind. Sie kommt fast ausschliesslich in trockenem Gelände vor und meidet feuchte oder gar sumpfige Stellen. Im allgemeinen ist sie auf tiefe Lagen beschränkt, kommt aber in einigen Gegenden auch bis in 1800 Metern Höhe vor. In hügeligen Gebieten findet man sie stets nur an windgeschützten Orten, im nördlichen Verbreitungsgebiet zudem nur an warmen Südhängen.

Die Äskulapnatter ist generell eine sehr wärmebedürftige Schlange. Sie verbringt viel Zeit damit, ihren Körper an der Sonne zu wärmen, wobei sie typischerweise den Kopf waagrecht vom Boden abhebt. Übermässige Hitze - besonders während der Tagesmitte - meidet sie jedoch und zieht sich dann unter Steine oder in dichtes Gebüsch zurück.

Die Bewegungen der Äskulapnatter sind im allgemeinen ruhig und gemessen. Die meiste Zeit hält sie sich am Boden auf, doch klettert sie auch geschickt und ausdauernd. Selbst an senkrechten Mauern und Bäumen vermag sie mühelos emporzusteigen. Dabei sind ihr die seitlich gekielten Bauchschilder sehr dienlich, denn sie vermitteln ihr auch an winzigen Unebenheiten einen guten Halt. Obschon man die Äskulapnatter in freier Natur gewöhnlich nicht am Wasser trifft, vermag sie notfalls vorzüglich zu schwimmen.

 

«Natternhemd» wird abgestreift

Wie bei allen Schlangen ist die Oberhaut der Äskulapnatter ein einheitliches Gebilde aus totem Material. Um wachsen zu können, muss sich die hübsche Schlange deshalb von Zeit zu Zeit häuten, das heisst ihre alte Haut abstreifen. Die neue, darunterliegende Haut ist dann jeweils ein wenig grösser als die abgeworfene. Naturgemäss müssen sich die schnell wachsenden Jungtiere häufiger häuten als die Erwachsenen, bei denen das Wachstum langsamer vor sich geht, jedoch bis zum Lebensende nie ganz zum Stillstand kommt. Bei der durch Hormonwirkung gesteuerten Häutung kriecht die Äskulapnatter aus der an den Mundrändern einreissenden Haut heraus und stülpt diese dabei um. Solche umgedrehte «Natternhemden» - durchsichtige, hinfällige Gebilde - kann man in der freien Natur gelegentlich finden.

Eine bevorstehende Häutung lässt sich jeweils anhand einer milchigen Trübung des sonst so klaren Auges der Äskulapnatter erkennen, denn mit dem ganzen «Natternhemd» werden auch die beiden Augenbedeckungen mitgehäutet. In dieser für die Äskulapnatter kritischen Zeit, die einige Tage dauert, zieht sie sich gewöhnlich in ein Versteck zurück. Nach «überstandener» Häutung erstrahlt die Schlange dann in den schönsten Farben - und es stellt sich bei ihr zumeist ein starker Appetit ein.

Vorwiegend ernährt sich die Äskulapnatter von Wühl-, Wald-, Haus- und anderen Mäusen. Auch Maulwürfe, Vögel (vor allem Nestlinge) und Frösche sind vor ihr nicht sicher. Die Jungnattern scheinen sich dagegen überwiegend von Eidechsen zu ernähren.

Um ihre Beute zu fangen, setzt die Äskulapnatter kein Gift ein. Sie packt ihre Opfer mit einem gezielten Biss, umschlingt sie dann augenblicklich mit ihrem Körper und tötet sie durch Erdrücken oder verspeist sie bei lebendigem Leib.

 

Komposthaufen als Kinderstube

Die Paarungszeit der Äskulapnatter fällt in die Zeit zwischen Mitte Mai und Mitte Juni. Die beiden Partner verflechten bei der Paarung ihre Schwänze zu einem «Zopf», während sie die vordere Körperpartie S-förmig erheben und die Köpfe einander zuwenden. In dieser Stellung, bei der die beiden Schlangen wie eine Lyra aussehen (bzw. so, wie sie gewöhnlich an Äskulaps Stab dargestellt sind), verbleiben sie oft über eine Stunde lang.

Ende Juni oder im Juli legt dann das Weibchen seine gewöhnlich fünf bis acht länglichen, weissschaligen Eier in Baummulm oder anderes vermoderndes (und dabei Wärme erzeugendes) Pflanzenmaterial ab. Auch Komposthaufen werden manchmal benützt. Die Eier messen 35 bis 45 Millimeter in der Länge und 19 bis 24 Millimeter in der Dicke.

Gewöhnlich im September schlüpfen die Jungen und weisen dann eine Körperlänge von 14 bis 25 Millimetern auf. Sie sind vom ersten Augenblick an auf sich selbst gestellt und fangen auch alsbald an zu jagen. Etwa einen Monat lang nehmen sie noch möglichst viel Nahrung zu sich. Dann ziehen sie sich für den Winterschlaf in ein sicheres Versteck zurück.

Wie die Erwachsenen erscheinen die Jungtiere erst etwa im Mai wieder aus ihren Unterschlüpfen. Sie wachsen in der Folge rasch heran: Wenn sie ein Jahr alt sind, weisen sie bereits eine Länge von etwa 35 Zentimetern auf. Die Geschlechtsreife erreichen sie allerdings erst in ihrem vierten oder fünften Lebensjahr.

 

Intensivlandwirtschaft zerstört Lebensraum

Obschon die Äskulapnatter als ungiftige Schlange für den Menschen harmlos, ja als «Mäusevertilgerin» unter Umständen sogar nützlich ist, hat sie überall in ihrem Verbreitungsgebiet unter jener direkten Verfolgung durch den Menschen gelitten, die alle Schlangen gleichermassen trifft und die aus der eingangs erwähnten Abscheu vor diesen Kriechtieren entspringt.

Weit stärker geschädigt wurden die Bestände der Äskulapnatter allerdings durch die in unserem Jahrhundert erfolgte Umwandlung ganzer Landschaften in intensiv genutzte Kultur- und Siedlungsgebiete. Denn dadurch wurden ihre bevorzugten Lebensräume auf weiten Flächen zerstört. Nirgendwo scheint die Äskulapnatter heute mehr häufig zu sein, und leider schrumpft das Verbreitungsgebiet der Art weiterhin auf breiter Front.

Über die Verbreitung der Äskulapnatter in Moldawien, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken und mit 33 700 Quadratkilometern der zweitkleinsten ehemaligen Sowjetrepublik, ist kaum etwas bekannt. Dennoch gilt sie innerhalb der Grenzen des Lands als sehr selten und in ihrem Fortbestand bedroht. Denn durch die in den letzten Jahrzehnten stattgefundene Entwicklung Moldawiens zu einem intensiv genutzten Agrarland ist ihr Bestand zweifellos erheblich beeinträchtigt worden. Mehr als achtzig Prozent der moldawischen Landesfläche werden heute landwirtschaftlich genutzt. Ausgedehnte Gemüse-, Obst- und Tabakpflanzungen sowie endlose Rebberge überziehen das Land im Wechsel mit grossflächigen Mais-, Weizen- und Sonnenblumenfeldern. Viele der moldawischen Felder sind über hundert Hektar gross, denn erst auf solch weitläufigen Monokulturen lohnte sich der Einsatz der riesigen sowjetischen Landmaschinen. Raum für natürliche oder naturnahe Lebensräume von jener Art, wie sie die Äskulapnatter zum Leben braucht, ist da kaum übriggeblieben.

Die jetzt durch die politischen Umwältzungen in Gang gekommene Reprivatisierung des moldawischen Bodens dürfte die Felder im Durchschnitt wieder kleiner, die Kulturfläche abwechslungsreicher und die Landnutzung weniger intensiv werden lassen. Das wird sich ohne Zweifel günstig auf die bedrängte Äskulapnatter auswirken. Es gibt im übrigen zwei strikte Naturreservate in Moldawien. Allerdings sind beide sehr klein (weniger als 60 Quadratkilometer Fläche) und es ist nicht bekannt, ob sie grössere Bestände der Äskulapnatter beherbergen.




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