Afghanfuchs
Vulpes cana
© 2000 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Rund ein Fünftel der gesamten Landfläche
unseres Planeten ist von Trockenwüsten bedeckt, in denen
jährlich weniger als zwanzig Zentimeter Niederschlag fällt.
Weil Wasser für jegliches Leben auf der Erde unverzichtbar
ist, stellen diese Regionen für Pflanzen und Tiere überaus
unwirtliche Gegenden dar. Es überrascht deshalb nicht, dass
die Flora und die Fauna der Trockenwüsten vergleichsweise
artenarm sind. Diejenigen Arten aber, die sich ausgerechnet diese
«wüsten Gegenden» als Lebensraum ausgesucht
haben, sind ausnahmslos sehr faszinierende Geschöpfe. Sie
haben im Laufe ihrer Stammesgeschichte eine Vielzahl von Anpassungen
in Körperbau und Verhalten entwickelt, um trotz des praktisch
rund ums Jahr herrschenden Wassermangels in der Einöde ein
Auskommen zu finden.
Die grössten Trockenwüsten der Erde erstrecken
sich in einem breiten Gürtel von Mauretanien im Westen quer
durch das nördliche Afrika sowie das südliche und zentrale
Asien bis zur Mongolei im Osten. Dieser afrikanisch-asiatische
Wüstengürtel beherbergt eine Vielzahl spezialisierter
Wüstentiere, darunter eine ganze Reihe von Raubtieren (Ordnung
Carnivora). Allein aus der Familie der Hunde (Canidae) sind es
neun Arten. Eine davon ist der Afghanfuchs (Vulpes cana),
von dem auf diesen Seiten berichtet werden soll.
Ein katzenartiger Wildhund
Der Afghanfuchs ist eines der kleinsten der weltweit
34 Mitglieder der Hundefamilie. Die Kopfrumpflänge bemisst
sich auf lediglich 40 bis 45 Zentimeter, die Schulterhöhe
auf knapp 30 Zentimeter, und das Gewicht erwachsener Tiere liegt
bei nur rund einem Kilogramm. Der Körperbau des Afghanfuchses
ist grazil, fast katzenartig, und auch seine Haltung und seine
Bewegungen erinnern stark an die einer Katze. Auffällige
Körpermerkmale sind einerseits die übergrossen «Fledermausohren»
und andererseits der bis zu 40 Zentimeter lange, buschige Schwanz,
der aus der Entfernung gesehen fast ebenso gross wirkt wie das
Tier selbst.
Im allgemeinen wird der Afghanfuchs der Gattung Vulpes
zugeordnet, welche weltweit neun Arten umfasst, darunter unser
allbekannter Rotfuchs (Vulpes vulpes). Neueste molekularbiologische
Untersuchungen des Erbguts (DNS-Analysen) haben nun aber gezeigt,
dass der Afghanfuchs weit näher mit dem kleinsten aller
Füchse, dem in den Sandwüsten Nordafrikas und der Arabischen
Halbinsel heimischen Fennek oder Wüstenfuchs (Fennecus
zerda), verwandt ist als mit den anderen Füchsen der
Gattung Vulpes. Afghanfuchs und Fennek sind erst vor drei
bis vier Millionen Jahren als separate Arten aus einem gemeinsamen
Vorfahren hervorgegangen. Hingegen hat sich dieser Vorfahr schon
vor vielen Jahrmillionen vom Rest der Hundefamilie und damit
auch von der Gattung Vulpes abgespalten. Über kurz
oder lang dürfte deshalb der Afghanfuchs von den Wissenschaftlern
aus der Gattung Vulpes entfernt und der Gattung Fennecus
zugeteilt werden.
Noch vor ungefähr zwanzig Jahren war man im Übrigen
der Ansicht gewesen, dass sich die Verbreitung des Afghanfuchses
auf den Mittleren Osten den nördlichen Iran, Afghanistan,
das nordwestliche Pakistan, das südliche Turkmenistan und
das südliche Usbekistan beschränken würde.
Inzwischen hat sich aber gezeigt, dass sich das Artverbreitungsgebiet
erheblich weiter nach Süden und nach Westen ausdehnt. Afghanfüchse,
das wissen wir heute, kommen auch auf der Arabischen Halbinsel
in Oman und Saudi-Arabien sowie im Nahen Osten
in Jordanien, Israel und Ägypten (Sinai-Halbinsel)
vor. Dass dies erst in jüngster Zeit bekannt geworden ist,
lässt erahnen, welch heimliche Lebensweise dieses zierliche
Mitglied der Hundefamilie führt.
In Israel, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken,
konnte der Afghanfuchs bisher in der Wüste Judäa und
in den zentralen und südlichen Bereichen der Wüste
Negev nachgewiesen werden. In letzterer hat der israelische Biologe
Eli Geffen von der Universität Tel Aviv eine mehrjährige
Freilandstudie über sein Verhalten durchgeführt. Dank
dieser Studie können wir uns heute ein recht detailliertes
Bild von der Lebensweise dieses zuvor praktisch unbekannten Wildhunds
machen.
Tagesverstecke unter Felsblöcken
Der Afghanfuchs ist in seinem ganzen Verbreitungsgebiet
ein Bewohner dürrer, felsenreicher Berggebiete. Dort hält
er sich vor allem in den tieferen Lagen (unterhalb von etwa 2000
Metern ü.M.) auf.
In der Wüste Negev besteht der Lebensraum der
Afghanfüchse überwiegend aus Felswänden, Geröllhalden,
steinigen und sandigen Hängen sowie ausgetrockneten Bachbetten.
In diesem Gelände bewohnen die Tiere paarweise Streifgebiete,
welche eine durchschnittliche Fläche von 1,6 Quadratkilometern
aufweisen. Die Streifgebiete benachbarter Paare überlappen
gegenseitig kaum, was darauf schliessen lässt, dass jedes
Fuchspaar das von ihm bewohnte Grundstücke für sich
allein beansprucht, sich also territorial verhält.
Innerhalb seines Wohngebiets verfügt das Afghanfuchspaar
über zahlreiche Verstecke, die sich in der Regel unter Anhäufungen
von Felsblöcken befinden. Es benutzt ausschliesslich solche
natürlichen Höhlungen, um sich zurückzuziehen,
gräbt sich also seine Baue niemals selbst, wie es viele
andere Mitglieder der Hundefamilie tun. Die Verstecke dienen
dem Paar während des ganzen Jahres als Tagesschlafplätze
und jeweils im Frühling auch als Kinderstube für seine
Jungen. Im Winter und im Frühling halten sich die beiden
Partner oftmals im selben Bau auf. Im Sommer und im Herbst schlafen
Männchen und Weibchen hingegen meistens an verschiedenen
Orten innerhalb des Reviers.
In Israel wie anderswo sind die Afghanfüchse
ausschliesslich nachts rege. Sie kommen jeweils kurz nach Sonnenuntergang
aus ihrem Tagesversteck hervor, um auf Nahrungssuche zu gehen.
Acht bis neun Stunden lang streifen sie in der Folge umher, durchstöbern
dabei eine Fläche von etwa einem Quadratkilometer und legen
eine Gesamtstrecke von ungefähr zehn Kilometern zurück.
Männchen und Weibchen gehen bei der Pirsch mehrheitlich
getrennte Wege, denn erstens konkurrenzieren sie sich so nicht
gegenseitig und zweitens ist die Aussicht auf Jagderfolg im Alleingang
grösser.
Von Ameisen bis Melonen
Wie die meisten Füchse ist der Afghanfuchs ein
Allesesser. Der Grossteil seiner Kost besteht zwar aus Insekten,
vor allem aus Käfern, Heuschrecken, Ameisen und Termiten.
Daneben nimmt er aber auch allerlei pflanzliche Stoffe zu sich.
Die in Israel untersuchten Individuen zeigten eine besondere
Vorliebe für die saftigen Früchte zweier Kapernsträucher
(Capparis cartilaginea und Capparis spinosa). In
anderen Regionen des Verbreitungsgebiets wagt sich der Afghanfuchs
mitunter in vom Menschen bestellte Felder und Äcker vor
und tut sich da an saftigen Früchten wie Melonen und Trauben
gütlich. Wirbeltiere vor allem Mäuse und andere
Nagetiere, ferner Eidechsen, kleine Schlangen und Jungvögel
finden sich zwar ebenfalls auf den Speiseplan des Afghanfuchses,
machen aber einen sehr geringen Teil seiner Nahrung aus.
Auf seinen Fresswanderungen wendet der Afghanfuchs
verschiedene Jagdtechniken an. Häufig spürt er seine
Beute anhand von deren Geruch auf: Ständig schnüffelt
er auf seinen Streifzügen irgendwo herum. Oft setzt er aber
auch sein empfindliches Gehör ein: Immer wieder macht er
mit aufgestellten Ohren vor einem Busch oder einer Felshöhlung
Halt und lauscht aufmerksam nach etwaigen «verdächtigen»
Geräuschen. Hat er ein Beutetier ausgemacht, so überfällt
er es meistens mit einem gut gezielten Satz, drückt es mit
seinen Vorderpfoten zu Boden und beisst es sogleich tot. Gelegentlich
eilt er aber auch «wieselflink» einem aufgescheuchten
Insekt oder Nagetier hinterher.
Auf das Trinken von Wasser vermag der Afghanfuchs
vollständig zu verzichten. Die für seinen Stoffwechsel
benötigte Flüssigkeit gewinnt er allein aus seiner
Nahrung, insbesondere aus saftigen Früchten und Insektenlarven.
Möglich wird dies unter anderem dadurch gemacht, dass er
durch Aufsuchen eines kühlen Verstecks der Tageshitze ausweicht
und somit den Verlust von Flüssigkeit vermeidet, die zum
Abkühlen des Körpers benötigt würde.
Die Paarungszeit der Afghanfüchse fällt
in Israel in die Monate Januar und Februar. Nach einer Tragzeit
von 50 bis 55 Tagen bringt das Weibchen zumeist im April zwei
bis drei Welpen zur Welt. Letztere wiegen bei der Geburt etwa
50 Gramm und sind mit einem weichen schwarzen Fell bedeckt.
Im Unterschied zu vielen anderen Fuchseltern trägt
das Afghanfuchspaar seinen Jungen im Bau kein Futter zu. Die
Jungfüchse beginnen im Alter von etwa zwei Monaten von sich
aus, im Umfeld des Baus nach Nahrung zu suchen. Zu Beginn werden
sie dabei stets von einem Elternteil begleitet und überwacht,
und sie werden weiterhin vom Weibchen gesäugt. Im Alter
von drei bis vier Monaten, wenn sie ungefähr 800 Gramm wiegen,
können sie aber bereits für sich selbst sorgen und
ziehen dann auf eigene Faust los. Zunächst halten sie sich
noch innerhalb des elterlichen Territoriums auf. Gewöhnlich
im Oktober oder November lösen sie sich aber auch hiervon
und machen sich auf die Suche nach einem unbesetzten Stück
Lebensraum, um sich ihr eigenes Territorium einzurichten.
Die jungen Afghanfüchse pflanzen sich im allgemeinen
im Alter von einem Jahr erstmals selbst fort. Ihre Lebenserwartung
in freier Wildbahn dürfte bei drei bis fünf Jahren
liegen. Das Höchstalter in Menschenobhut beträgt sechs
Jahre.
Unklare Bestandssituation
Die Bestandssituation des Afghanfuchses ist nach wie
vor ungeklärt. Jahrzehntelang galt der feingliedrige Wildhund
als ziemlich seltene Tierart mit beschränktem Verbreitungsgebiet
und wurde deshalb als «möglicherweise in seinem Fortbestand
gefährdet» eingestuft. In «Grzimeks Enzyklopädie»
von 1987 heisst es beispielsweise: «Häufigkeit unbekannt;
offenbar selten.» Die Entdeckung, dass sich sein Verbreitungsgebiet
auch auf die Arabische Halbinsel und den Nahen Osten erstreckt,
sowie die Studie von Eli Geffen in Israel lassen seinen Status
aber heute in einem anderen Licht erscheinen. So scheint der
Afghanfuchs zumindest in Israel ein recht häufiges Raubtier
zu sein. Die Bestandsdichte liegt in den Studiengebieten zwischen
0,5 und 2 Individuen je Quadratkilometer. Die Population in Israel
allein dürfte also mehrere hundert Individuen umfassen.
Und sie ist stabil, denn zum einen steht die Art hier unter striktem
gesetzlichem Jagdschutz und zum anderen geniesst ihr Lebensraum
im 400 Quadratmeter grossen Elat-Mountains-Reservat, im 28 Quadratkilometer
grossen Ein-Gedi-Reservat und wahrscheinlich noch in weiteren
Naturschutzgebieten vollständigen Schutz.
In vielen anderen Bereichen seines Verbreitungsgebiets
ist der Afghanfuchs weniger gut geschützt, und tatsächlich
wird ihm gebietsweise wegen seines hübschen Fells nachgestellt.
Zwar ist er in Anhang II der Konvention über den internationalen
Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten (CITES) aufgeführt.
Dies bedeutet, dass der grenzüberschreitende Handel
mit lebenden Afghanfüchsen ebenso wie der mit Afghanfuchsfellen
weltweit überwacht wird und nur in beschränktem Ausmass
erlaubt ist. Der Handel mit Afghanfuchsfellen innerhalb
der einzelnen Länder, in denen die Art vorkommt, wird so
allerdings nicht erfasst, weshalb die Bestandssituation des zierlichen
Fuchses beispielsweise in Afghanistan oder im Iran weiterhin
völlig unklar ist.
Das recht grosse Verbreitungsgebiet des Afghanfuchses,
sein für den Menschen wenig attraktiver Lebensraum und seine
überaus heimliche Lebensweise geben aber Anlass zur Hoffnung,
dass die Art insgesamt ganz gut über die Runden kommt. Dass
es dem Afghanfuchs gelungen ist, in wissenschaftlich gut untersuchten
Gebieten wie der Wüste Negev bis vor wenigen Jahren unentdeckt
zu bleiben, zeigt auf jeden Fall, wie geschickt der zierliche
Fuchs dem Menschen auszuweichen weiss.
Legenden
Der Afghanfuchs (Vulpes cana) gehört zu den
kleinsten Mitgliedern der Hundefamilie (Canidae): Seine Kopfrumpflänge
bemisst sich auf lediglich 40 bis 45 Zentimeter, seine Schulterhöhe
auf knapp 30 Zentimeter. Vergleichsweise riesig erscheint hingegen
sein buschiger, bis 40 Zentimeter langer Schwanz. Aus der Entfernung
gesehen wirkt letzterer fast ebenso gross wie das Tier selbst.
Der Afghanfuchs ist ein echtes Wüstentier:
In seinem ganzen Verbreitungsgebiet, das sich über weite
Teile des Nahen und Mittleren Ostens erstreckt, bewohnt er dürre
Berggebiete. Im israelischen Ein-Gedi-Reservat (Bild) besteht
sein Lebensraum überwiegend aus Felswänden, Geröllhalden,
Sandhängen und ausgetrockneten Bachbetten.
Insekten (im Bild eine Fangschrecke) bilden die
Hauptnahrung des Afghanfuchses. Auf seinen nächtlichen Streifzügen
verspeist er aber auch allerlei pflanzliche Stoffe. Insbesondere
saftige Früchte und Beeren sind zur Deckung seines Flüssigkeitsbedarfs
von Bedeutung.
Die jungen Afghanfüchse kommen nach einer
Tragzeit von 50 bis 55 Tagen zumeist in einer Höhlung unter
Felsblöcken zur Welt. Im Alter von etwa zwei Monaten beginnen
sie bereits, im Umfeld ihres Baus selbstständig nach Nahrung
zu suchen, und mit drei bis vier Monate lösen sie sich bereits
von ihren Eltern, halten sich aber noch eine Weile in deren Territorium
auf.
Der israelische Biologe Eli Geffen hat eine mehrjährige
Freilandstudie über das Verhalten des Afghanfuchses durchgeführt.
Hier untersucht er ein mit einem Senderhalsband ausgestattetes
Individuum im Ein-Gedi-Reservat. Dank Geffens Arbeit können
wir uns heute ein recht detailliertes Bild von der Lebensweise
dieses zuvor praktisch unbekannten Wildhunds machen.
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