Afrikanischer Manati
Trichechus senegalensis
© 1987 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die Seekühe (Ordnung Sirenia) sind wasserbewohnende
Säugetiere. Sie sind ferne Verwandte der Elefanten und der
Schliefer und werden mit diesen zusammen in die stammesgeschichtlich
alte Überordnung der Fast-Huftiere (Paenungulata) gestellt.
Im Eozän - vor rund 45 Millionen Jahren - waren
die Seekühe eine in mehrere Sippen aufgeteilte, artenreiche
Tiergruppe gewesen. Von den vielen verschiedenen Seekuharten
jener Zeit haben sich jedoch nur vier in die Gegenwart herüber
retten können. Die Seekühe werden - wie die Elefanten
- als ein absterbender Ast der Säugetierverwandtschaft angesehen.
Der Ordnungsname der Seekühe deutet an, dass
diese wasserlebenden Tiere wahrscheinlich als Grundlage für
die griechischen Sagen von den Sirenen - betörenden Meerjungfrauen
- gedient haben. «Tiervater» Alfred Brehm scheint
allerdings von ihrem Äusseren wenig begeistert gewesen zu
sein. In seiner Enzyklopädie von 1864 schreibt er: «Wer
bei den Seekühen an jene Märchengestalten des Altertums
denken wollte, welche - halb Weib, halb Fisch - den armen Erdensohn
durch wunderbaren Gesang und noch wunderbarere Gebärden,
durch Neigen des Hauptes und glühende Blicke der Augen einluden,
zu ihnen hinabzusteigen, mit ihnen zu spielen, zu kosen und -
zu verderben, würde sich irren. Mit dem schönen Leib
des Menschenweibes haben die plumpen, ungeschlachten Tiere bloss
insofern etwas gemein, als die Zitzen auch bei ihnen an der Brust
liegen und nach Art von Brüsten mehr als bei anderen Säugern
hervortreten. Es gehört lebhafte Einbildungskraft dazu,
in diesen Tieren Seejungfrauen zu erblicken.»
Die vier heutigen Seekuharten werden in zwei Familien
unterteilt: Der Afrikanische Manati (Trichechus senegalensis),
der Nagel-Manati (Trichechus manatus) und der Fluss-Manati
(Trichechus inunguis) bilden die Familie der Rundschwanz-Seekühe
oder Manatis (Trichechidae). Der Dugong (Dugong dugon)
ist der einzige Vertreter der Familie der Gabelschwanz-Seekühe
oder Dugongs (Dugongidae).
Eine fünfte Seekuhart - die riesenhafte Stellersche
Seekuh (Hydrodamalis gigas) aus der Familie der Gabelschwanz-Seekühe
- ist erst vor verhältnismässig kurzer Zeit ausgestorben.
Im Gegensatz zu seinen Verwandten besiedelte dieses bis acht
Meter lange und vier Tonnen schwere Tier nicht tropische oder
subtropische Gewässer, sondern war im kalten Beringmeer
zu Hause. Nach ihrer Entdeckung im Jahr 1741 wurde die Stellersche
Seekuh von Seefahrern und Robbenjägern ihres Fleischs wegen
erbarmunglos abgeschlachtet. 1768 - nach nur 27 Jahren - war
dieses eindrucksvolle Lebewesen bereits für immer von unserem
Planeten verschwunden.
An Land völlig hilflos
Seekühe wiegen 600 bis 1000 Kilogramm und werden
bis vier Meter lang. Wie die Wale sind sie vollständig an
das Leben im Wasser angepasst und können sich auf dem Land
nicht mehr fortbewegen. Für das Leben unter Wasser sind
sie hingegen perfekt ausgerüstet: Die Vordergliedmassen
sind zu paddelförmigen Flossen umgewandelt. Die Hintergliedmassen
sind bis auf geringe Reste des Beckens verschwunden. An ihrer
Stelle übernimmt ein grosses, waagrecht liegendes Schwanzruder
den Antrieb der Tiere unter Wasser. Der Körper ist länglich
und stromlinienförmig. Eine dicke Fettschicht schützt
die massigen Säugetiere vor Unterkühlung und dient
gleichzeitig als Notvorrat bei saisonal ungenügendem Nahrungsangebot.
Seekühe sind ziemlich träge Kreaturen mit
einer ausgesprochen niedrigen Stoffwechselrate. Der Sauerstoffverbrauch
für die verschiedenen Körperfunktionen ist so gering,
dass die Tiere bis dreissig Minuten lang unter Wasser bleiben
können, ohne Atem zu schöpfen. Die verschliessbaren
Nasenöffnungen liegen auf der Oberseite der Schnauze, weshalb
die Seekühe zum Atmen ihren Kopf nicht aus dem Wasser zu
strecken brauchen. Für den Luftwechsel benötigen sie
lediglich zwei Sekunden.
Die Lungen zeigen ebenfalls besondere Anpassungen
an das Wasserleben. Sie sind schlank und langgezogen und besitzen
verzweigte Luftröhren. Wahrscheinlich können die Seekühe
- ähnlich wie die Meeresschildkröten - die Verteilung
der Luft in ihren Lungen willkürlich verändern und
so ihre Lage im Wasser beeinflussen.
Pflanzenesser mit grossem Appetit
Im Gegensatz zu den Walen meiden Seekühe die
Hochsee. Sie halten sich ausschliesslich in seichten Küstengewässern
sowie in Flüssen und Seen auf, welche einen dichten Pflanzenbewuchs
aufweisen. Hier ernähren sie sich von Wasserpflanzen aller
Art und verspeisen auch gern an der Oberfläche treibende
Pflanzenteile sowie das Laub von Ästen, welche ins Wasser
hängen. Wenn sie im Flachwasser Uferpflanzen beweiden, ragen
sie gelegentlich mit Kopf, Nacken und Vorderrücken aus dem
Wasser heraus.
Seekühe können täglich 25 bis 50 Kilogramm
Nahrung zu sich nehmen. Mit ihrer grossen, sehr beweglichen und
mit Tasthaaren ausgestatteten Oberlippe reissen sie Pflanzen
aus und zermahlen die faserige Kost mit ihren querhöckerigen
Backenzähnen. Wie ihre entfernten Verwandten, die Elefanten,
zeigen die Seekühe eine bemerkenswerte Anpassung an den
raschen Verschleiss der Zähne, den der Verzehr grosser Mengen
pflanzlichen Materials mit sich bringt: Ihre Backenzähne
werden laufend durch neue ersetzt. Die frischen Zähne erscheinen
am hinteren Ende der Zahnreihe jeder Kieferseite und drängen
die ganze Reihe langsam nach vorn. Am vorderen Ende angelangt
lockern sich die alten abgenutzten Zähne und fallen früher
oder später aus.
Über die Gesellschaftsform der Seekühe herrscht
noch Unklarheit. Einige Wissenschafter glauben, dass die Tiere
ganzjährig in kleinen Familiengruppen leben. Andere sind
der Ansicht, dass Seekühe sich zwar gerne - zum Beispiel
an günstigen Nahrungsplätzen - zu lockeren Verbänden
sammeln, dabei aber keine festen Beziehungen untereinander eingehen.
Begattungen scheinen das ganze Jahr über stattzufinden,
da man zu jeder Zeit Jungtiere aller Altersstufen antrifft. Nach
einer Tragzeit von rund zwölf Monaten wird ein einzelnes
Junges geboren. Die Geburt erfolgt unter Wasser, weshalb das
Neugeborene sofort an die Oberfläche zum Atmen schwimmen
muss. Es nimmt schon bald pflanzliche Nahrung zu sich, saugt
aber trotzdem bis zum Alter von etwa 18 Monaten an den brustständigen
Zitzen des Muttertiers. Mit rund fünf Jahren erreicht es
die Geschlechtsreife. Die lange Abhängigkeit des Seekuhkalbs
von seiner Mutter hat zur Folge, dass diese nur alle drei bis
fünf Jahre ein Junges zur Welt bringen kann.
Nur in Binnengewässern zu Hause
Die Heimat des Afrikanischen Manatis sind die Flüsse
und Seen Westafrikas zwischen Senegal und Angola. Während
man früher allgemein der Ansicht war, dass er auch die küstennahen
Gewässer bewohnt, weiss man heute, dass er ausschliesslich
in den Binnengewässern vorkommt. Wahrscheinlich hatten fälschlicherweise
für Seekühe gehaltene Delphine oder Haie zu der früheren,
irrigen Meinung Anlass gegeben. Der Lebensraum des Afrikanischen
Manatis entspricht somit demjenigen des Fluss-Manatis, der die
Süssgewässer des Amazonasbeckens besiedelt. Der Nagel-Manati
dagegen bewohnt sowohl das küstennahe Meer als auch die
Flüsse und Seen der Karibik. Und der Dugong ist sogar ein
reiner Meeresbewohner; er lebt in den seichten Küstengewässern
zwischen Ostafrika und Australien.
Eine in den Jahren 1980/81 durchgeführte wissenschaftliche
Studie über die Verbreitung der Afrikanischen Manatis hat
ergeben, dass die massigen Tiere am häufigsten im weiten
Niger, seinen Seitenarmen und den angrenzenden Sumpfregionen
vorkommen. Grössere Bestände leben zudem in Gabun und
Kamerun.
Über Eigenheiten im Verhalten der freilebenden
Afrikanischen Manatis ist so gut wie nichts bekannt.
Anfällig auf die menschliche Bejagung
Die Bestände des Afrikanischen Manatis - wie
auch diejenigen seiner drei Verwandten - sind im 20. Jahrhundert
stark zurückgegangen. An dieser Entwicklung ist vor allem
die Bejagung durch den Menschen schuld. Das Fleisch des Manatis
wird in den westafrikanischen Ländern sehr geschätzt.
Die traditionelle Jagd erfolgt mit der Harpune von einer über
dem Wasser angebrachten Plattform aus. Ein Bündel frischer
Gräser dient als Köder.
Im Gegensatz zu vielen anderen Säugetierarten
schwinden die Bestände der Manatis schon durch leichte Bejagung.
Diese besondere Empfindlichkeit der friedfertigen Tiere dürfte
auf ihre ausgesprochen geringe Vermehrungsrate zurückzuführen
sein. Offenbar sind Manatis, die in ihrem Lebensraum vor Land-
und grossen Meeresraubtieren weitgehend sicher sind, nur auf
ein Ersetzen altershalber, nicht aber durch Bejagung ausfallender
Tiere eingerichtet.
Wie rasch eine lokale Population vernichtet werden
kann, zeigt das folgende Beispiel: Nigerianische Fischer hatten
einst eine grosse Falle aus Pfählen für den Seekuhfang
erstellt. Im ersten Jahr fingen sie vierzig Manatis darin. Im
zweiten waren es nur noch sechs Tiere. Und bereits im dritten
Jahr konnten sie keinen einzigen Manati mehr erbeuten.
Immer häufiger fallen heutzutage Manatis dem
Menschen unbeabsichtigt zum Opfer. Eine grosse Gefahr bildet
der weit verbreitete Fischfang mit preisgünstigen, reissfesten
Nylon-Netzen, welcher viele traditionelle Fischfangmethoden verdrängt
hat. Manatis verfangen sich infolge ihres schlechten Sehvermögens
oft in den feinen Netzen, werden am Atemholen gehindert und ertrinken.
Die Motorisierung des Schiffsverkehrs sowie die zunehmende
Industrialisierung der westafrikanischen Nationen bergen ebenfalls
grosse Gefahren für die Manatis. Altöl und mit Chemikalien
belastete Abwässer schädigen die Wasserpflanzen und
beeinträchtigen so die Nahrungsgrundlage der grossen Säugetiere.
In den vergangenen Jahren dürften auch die verheerenden
Dürrekatastrophen im nördlichen Verbreitungsgebiet
(Gambia, Senegal) stark zum Rückgang des Manatis beigetragen
haben. Viele Wasserläufe und Seen versumpften während
dieser extremen Trockenzeiten oder trockneten gar aus, was zum
Zusammenbruch zahlreicher lokaler Seekuhbestände führte.
Schutz auf dem Papier
In fast allen westafrikanischen Ländern steht
der Afrikanische Manati als bedrohte Tierart unter gesetzlichem
Schutz. Zudem verlangt das 1969 von 39 afrikanischen Nationen
unterzeichnete Afrikanische Naturschutzbbkommen den vollständigen
Schutz der Art. Im internationalen Artenschutzübereinkommen
CITES mit bereits 88 Unterzeichnerstaaten ist der Afrikanische
Manati in Anhang II aufgeführt. Dies bedeutet, dass der
Handel mit lebenden Manatis sowie mit Manatiprodukten der Bewilligungspflicht
unterliegt und international überwacht wird.
Leider nehmen die Bestände des Afrikanischen
Manatis trotz des guten gesetzlichen Schutzes in den meisten
westafrikanischen Ländern weiterhin ab. Die personellen
und finanziellen Mittel für den wirksamen Vollzug der Gesetze
fehlen. Gut geschützt sind die Tiere lediglich in ein paar
gut geführten Nationalparks und Schutzgebieten - so zum
Beispiel im Sine-Saloum-Nationalpark in Senegal, im Gambia-River-Nationalpark
in Gambia und in den nigerianischen Wildreservaten Pandam und
Obodu. Ob der durch Parks und Reservate gewährte Schutz
ausreicht, den Afrikanischen Manati auf lange Sicht zu erhalten,
ist ungewiss.
Eine Möglichkeit, den Schutz des Manatis in Westafrika
zu verbessern, wäre sein Einsatz als natürlicher «Pflanzenvertilger»
in Stauseen von Wasserkraftwerken. Stauseen gibt es in Westafrika
zahlreiche, und in vielen von ihnen sind die Wasserhyazinthe
(Eichhornia crassipes) und andere üppig wuchernde
Pflanzen eine Plage, da sie Wasserleitungen und Turbinen zu blockieren
vermögen. Gegenwärtig wird dem Problem mit chemischen
Pflanzengiften (Herbiziden) begegnet, was sowohl teuer als auch
umweltschädigend ist. In den südamerikanischen Staaten
Guyana und Brasilien leisten Fluss-Manatis seit längerer
Zeit gute Dienste beim Abweiden der «Wasserurwälder»
in Stauseen. Es spricht nichts dagegen, dass die Westafrikanischen
Manatis dies auch in ihrer Heimat tun würden.
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