Afrikanischer Wildhund

Lycaon pictus


© 1987 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Afrikanische Wildhund (Lycaon pictus) gehört innerhalb der Ordnung der Raubtiere (Carnivora) zur Familie der Hundeartigen (Canidae). Mit seinem derben Schädel, welcher durch kräftige Knochenkämme und weit abstehende Jochbögen geprägt ist, ähnelt der Afrikanische Wildhund etwas den Hyänen. Er wird deshalb im Volksmund auch «Hyänenhund» genannt. Man sollte diese Bezeichnung jedoch vermeiden, da es sich um einen echten Wildhund handelt, der verwandtschaftlich mit den Hyänen nichts zu tun hat. Ausgewachsene Afrikanische Wildhunde erreichen eine Schulterhöhe von 60 bis 70 Zentimetern und ein Gewicht von 15 bis 30 Kilogramm.

Der wissenschaftliche Name des Afrikanischen Wildhunds, Lycaon pictus, bedeutet «Bemalter Wolf» und bezieht sich auf die unregelmässige gelb-braun-schwarz-weisse Fleckenzeichnung der Tiere. Diese Zeichnung ist ausserordentlich veränderlich; kaum zwei Individuen besitzen dasselbe Farbmuster. Die Welpen sind nach der Geburt schwarz mit unregelmässigen weissen Flecken. Erst im Alter von etwa sechs Wochen kommen gelbbraune Farbtöne hinzu.

Unter den Sinnesorganen des Afrikanischen Wildhunds nimmt das Auge den wichtigsten Platz ein. Aber neben dem Geruchssinn ist auch das Gehör gut ausgebildet. Die grossen, abgerundeten Ohren lassen das äusserlich erkennen. Tatsächlich vermögen sich die sehr stimmbegabten Wildhunde über beträchtliche Distanzen durch verschiedenartige Laute untereinander zu verständigen. Eigenartig klingt besonders der während der Jagd ausgestossene Jagdruf, den man mit fernem Glockenläuten vergleichen kann. Bei Angst und Zorn lassen die Tiere ein hartes Bellen hören, das oft von einem Knurren begleitet wird. Ihre Jungen locken die erwachsenen Tiere mit einem Jaulen, das sie meistens mit geschlossenen Lippen hervorbringen.

 

Ausgeprägte Rudeltiere

Afrikanische Wildhunde können sehr unterschiedliche Lebensräume nutzen. Vertreter der Art wurden schon auf dem Kilimandscharo im Bereich der Schneegrenze wie auch in den überaus dürren Randzonen der Sahara gesehen. Vorzugsweise bewohnen sie aber die busch- und baumbestandenen Savannen, von denen weite Teile des afrikanischen Kontinents bedeckt sind.

Der Mittelpunkt im Leben eines jeden Afrikanischen Wildhunds ist sein Rudel. Üblicherweise setzt sich ein Wildhund-Rudel aus sieben bis acht erwachsenen Tieren und deren Nachkommen zusammen. Man hat aber auch schon dreissig bis sechzig und in einem Fall sogar über neunzig Wildhunde beisammen gesehen. Das Wildhund-Rudel bildet eine enge Ernährungs- und Fortpflanzungsgemeinschaft, in der sich alle Mitglieder gegenseitig Hilfe leisten.

Jedes Rudel streift in einem grossflächigen Wohngebiet umher. In der offenen Savanne der Serengeti (Nordtansania) messen die Reviere der Wildhund-Rudel durchschnittlich 1500 Quadratkilometer. Im viel stärker mit Büschen durchsetzten Krüger-Nationalpark (Südafrika) sind sie etwas kleiner. Die Wohngebiete benachbarter Rudel überlappen gegenseitig stark. Treffen zwei Wildhund-Rudel unverhofft aufeinander, so schlägt im allgemeinen das an Mitgliedern stärkere das schwächere in die Flucht.

Das Jahr der Afrikanischen Wildhunde verläuft nicht gleichmässig, sondern ist in zwei verschiedene Phasen unterteilt: Neun Monate lang streifen die Rudel auf der Suche nach Beutetieren unablässig im Wohngebiet umher und übernachten jeweils dort, wo sie gerade ein Beutetier erlegt haben. Die restlichen drei Monate entsagen sie diesem Nomadenleben: Sie lassen sich bei einem günstigen Erdbau nieder, ziehen dort ihre Jungen auf und kehren nach der Jagd immer wieder zu dieser Stelle zurück.

 

Das Nomadenleben

Afrikanische Wildhunde ernähren sich ausschliesslich von frischem Fleisch. Sie müssen daher Tag für Tag Beute aufspüren und erlegen. Zumeist beginnt der Jagdzug in den frühen Morgenstunden. Die Tiere haben die kühle Nacht zusammengerollt in kleinen Gruppen verbracht, strecken nun ihre klammen Glieder und begrüssen einander freudig. Dann machen sie sich auf. Im allgemeinen übernehmen die älteren, erfahreneren Tiere die Führung. Während kleinere Rudel täglich meistens nur einmal auf Jagd gehen, müssen grössere Rudel oft nach der Mittagsrast noch ein zweites Mal aufbrechen, damit alle Rudelmitglieder ihren Hunger stillen können. Mitunter jagen Afrikanische Wildhunde auch in mondhellen Nächten.

Wie alle Hundeartigen sind die Afrikanischen Wildhunde meisterhafte und ausdauernde Läufer. Wo die Dichte der Antilopenbestände gering ist, kann das Aufspüren eines geeigneten Beutetiers leicht über eine Strecke von zwanzig bis dreissig Kilometern führen. Dies scheint die Wildhunde keineswegs zu ermüden. Ein besonderer Stoffwechsel sorgt dafür, dass sich ihr Körper selbst nach harten Hetzjagden innerhalb weniger Minuten wieder abkühlt und sich von der Anstrengung erholt.

Hauptbeutetiere der Afrikanischen Wildhunde sind kleinere und mittelgrosse Antilopen. Im südlichen Afrika sind es meistens Impalas (Aepyceros melampus), in Ostafrika hauptsächlich Thomsongazellen (Gazella thomsoni), die den Windhunden zum Opfer fallen. Die tüchtigen Jäger verschmähen allerdings auch Hasen, Nager, Jungvögel und andere Kleintiere nicht, auf die sie bei ihren Streifzügen stossen.

Antilopen sind sich ihrer Gefährdung durch Raubtiere durchaus bewusst und überwachen darum ihre Umgebung ständig sehr aufmerksam. Aus diesem Grund nehmen sie die Wildhunde normalerweise schon wahr, bevor diese mit der eigentlichen Jagd begonnen haben. Gehen die Wildhunde schliesslich zum Angriff über, so sind die Antilopen längst zur Flucht bereit und zerstreuen sich sekundenschnell in alle Richtungen.

Das scheinbare Durcheinander der flüchtenden Antilopen vermag die Afrikanischen Wildhunde allerdings nicht zu verwirren. Anhand kleinster Zeichen erkennen sie, welches die etwas schwächeren und darum am leichtesten zu erbeutenden Individuen sind, und alsbald verfolgt das ganze Rudel wie auf ein geheimes Kommando hin ein ganz bestimmtes Tier. Bei der nun folgenden Hetzjagd können die Hunde mit Leichtigkeit ein Tempo von 65 Kilometern je Stunde halten.

Dank der gut eingespielten Zusammenarbeit im Rudel gibt es für das verfolgte Beutetier in der Regel kein Entrinnen. Während es einen einzeln jagenden Geparden unter Umständen durch geschickte Ausweichmanöver abzuhängen vermag, so gelingt ihm dies bei den Wildhunden kaum. Weicht es einem der Jäger aus, so ist sogleich der nächste zur Stelle, der die Verfolgung übernehmen kann. Schliesslich - nach selten mehr als fünf Kilometern - gelingt es einem der Hunde, sich in die Flanke oder die Hinterbeine des Opfers zu verbeissen und es zum Stehen zu bringen. Sogleich kommen die restlichen Rudelmitglieder herbei und töten es.

Beim anschliessenden Mahl der Wildhunde kommen interessanterweise Futterneid und Zänkereien, wie sie für Löwen und Hyänen typisch sind, nicht vor: Alle Rudelangehörigen fressen einträchtig Seite an Seite. Sind Welpen im Rudel, so lassen die erwachsenen Tiere diesen gar den Vortritt und warten geduldig ab, bis sich die Jungen sattgefressen haben. Das friedliche Einvernehmen an der Beute ist der beste Ausdruck für das überaus harmonische Leben, das die Afrikanischen Wildhunde im Rudel führen.

 

Die Wochen beim Bau

Innerhalb jedes Wildhund-Rudels gibt es eine feste Rangordnung sowohl unter den Männchen als auch unter den Weibchen. Dies hat zur Folge, dass jedes Rudel ein Leitpaar besitzt. Diese beiden dominanten Tiere halten eng zusammen. Beide zeigen auf den Streifzügen durch das Revier immer wieder ein ritualisiertes Harnmarkieren, bei dem eines der Hinterbeine hochgehoben wird. Durch dieses Verhalten lassen sich die beiden Leittiere eindeutig von den untergeordneten Rudelangehörigen, welche niemals Harnmarken setzen, unterscheiden.

Leithund und Leithündin sind auch die einzigen Tiere im Rudel, die sich fortpflanzen. Das dominante Weibchen bringt seine Jungen jeweils nach einer Tragzeit von rund zehn Wochen in einem Erdbau zur Welt. Hierbei handelt es sich meistens um einen Erdferkel- oder einen Hyänenbau, den das Weibchen durch heftiges Graben noch weiter ausgebaut hat. Sobald das weibliche Leittier mit den Geburtsvorbereitungen beginnt, gibt das Rudel das Nomadenleben auf. Für die nächsten drei Monate hält es sich in der Umgebung des Baus auf und widmet sich der Jungenaufzucht.

Die Jungenzahl je Wurf ist beim Afrikanischen Wildhund ausgesprochen gross: Durchschnittlich werden zehn, manchmal sogar bis 16 Welpen geboren. Die ersten drei Wochen ihres Lebens halten sich die Jungen ständig im schützenden Bau auf. In der vierten Woche machen sie dann ihre ersten vorsichtigen Erkundungsausflüge zum Baueingang und in dessen nähere Umgebung. Sofort werden sie zum Mittelpunkt des Rudels: Alle erwachsenen Tiere zeigen grosses Interesse an den dickbäuchigen Jungtieren, lecken sie zärtlich und folgen ihnen überall hin nach.

Anfänglich sind die verspielten Welpen allem Neuen gegenüber ausserordentlich vorsichtig und stürzen schon beim geringsten Anzeichen einer Gefahr - so etwa angesichts des Schattens eines vorbeistreichenden Geiers - sofort zum Bau. Schon bald macht aber die Furcht der Neugier Platz. Nun beginnt ein unermüdliches Erkunden sämtlicher Gegenstände und Lebewesen in ihrer noch kleinen Welt. Spielerisch setzen sie sich mit allem auseinander, was sie antreffen. Dabei üben sie immer wieder einzelne Elemente des Jagd- und Beutefangverhaltens, was für ihren zukünftigen Erfolg als Jäger von grosser Bedeutung ist. Der erbitterte Kampf, den die Welpen manchmal mit Fellstücken ausfechten, spiegelt beispielsweise das Niederzerren eines Beutetiers wieder.

Die Welpen wachsen rasch heran. Im Alter von zehn Wochen sind sie bereits entwöhnt und ernähren sich ausschliesslich von Fleisch, welches die von der Jagd zurückkehrenden Rudelmitglieder auf ihr eindringliches Betteln hin hochwürgen. Allmählich zeigen sie nun auch Interesse an den Jagdausflügen der erwachsenen Tiere, und eines Tages begleiten sie schliesslich das Rudel erstmals auf die Jagd. Dies ist gleichsam das Ende des sesshaften Lebens des Rudels; ab diesem Tag fängt wieder das Nomadenleben an.

 

Das seltenste Grossraubtier Afrikas

Der Afrikanische Wildhund gilt heute als das seltenste Grossraubtier Afrikas. Einst war die Art über weite Bereiche des afrikanischen Kontinents verbreitet gewesen. Heute ist sie bald nur noch in grossen Wildparks anzutreffen. Einer kürzlich durchgeführten Schätzung zufolge dürfte der Gesamtbestand der Art auf unter 10 000 Tiere gefallen sein. Die Internationale Union für Naturschutz (IUCN) hat den Afrikanischen Wildhund daher auf die Liste der gefährdeten Tierarten gesetzt.

Am schlimmsten hat sich auf die Bestände des Afrikanischen Wildhunds die Bejagung durch die afrikanischen Farmer und Viehzüchter ausgewirkt. Die gefleckten Raubtiere waren lange Zeit als blutrünstige Bestien verschrien gewesen und darum unbarmherzig abgeschossen worden, wo immer sie sich zeigten. Zwar hat sich der Ruf des Afrikanischen Wildhunds in den letzten Jahren etwas gebessert, nachdem Wissenschaftler das ungemein harmonische Rudelleben der Tiere publik gemacht hatten. Leider kommt es aber weiterhin zu Abschüssen der gefleckten Wildhunde, und auch Fallen und Schlingen fordern zahlreiche Opfer.

Glücklicherweise war aber den Anstrengungen der internationalen Naturschutzorganisationen zur Erhaltung des Afrikanischen Wildhunds auf politischer Ebene Erfolg beschieden: Tansania beispielsweise hat 1987 ein striktes Abschussverbot für Wildhunde erlassen. Und in Simbabwe ist heute für Jagd und Fang von Wildhunden eine spezielle Lizenz erforderlich.

Gefahr droht den Afrikanischen Wildhunden leider auch durch Krankheiten, die von Haushunden übertragen werden. Auf ihren weiten Streifzügen durch das Revier kommen die Wildhunde immer wieder einmal mit Haushunden in Kontakt und stecken sich dabei leicht mit Staupe oder Tollwut an.

Nicht zuletzt führt natürlich der fortschreitende Lebensraumverlust zum Rückgang des Afrikanischen Wildhunds. Durch die ständige Ausdehnung der Siedlungen und landwirtschaftlichen Nutzflächen und die damit verbundene Abnahme der Beutetierbestände sind die Wildhunde mehr und mehr dazu gezwungen, sich in die vom Menschen noch unberührten Reservate und Nationalparks zurückzuziehen. Bereits zeichnet sich ab, dass die grossen afrikanischen Naturschutzgebiete über kurz oder lang die letzten Zufluchtsstätten der Tiere darstellen werden. Gerade die Isoliertheit in den Schutzgebieten kann aber verhängnisvoll sein: Der Austausch von Erbmaterial ist stark eingeschränkt und kann zu Inzuchterscheinungen führen.

Dem Afrikanischen Wildhund wird heute grosse Schutzbedürftigkeit zuerkannt. Auf die Bedürfnisse der Art abgestimmte Projekte sollen demnächst in Kenia, Tansania, Simbabwe, Botswana und Südafrika anlaufen. Die Koordination dieser Projekte obliegt der IUCN-Expertengruppe für Hundeartige. Bleibt zu hoffen, dass diese Anstrengungen zur Erhaltung des tüchtigen afrikanischen Jägers noch zur rechten Zeit kommen.




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