Aitutaki
© 1992 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Wer der Ansicht ist, dass Bilder von paradiesischen
Atollen mit traumhaften, türkisfarbenen Lagunen von trickreichen
Fotografen stammen, wird beim Anflug auf Aitutaki eines Besseren
belehrt: Das Wasser der riesigen Lagune ist kristallklar und
türkisfarben, und die von Palmen gesäumten Strände
sind makellos und schneeweiss. Kein Wunder diente dieses «Bilderbuchatoll»
schon als Kulisse für einen Südseefilm.
Vulkaninsel oder Atoll?
Aitutaki ist eine von insgesamt fünfzehn Cook-Inseln,
aus denen der gleichnamige Kleinstaat im Südpazifik besteht.
Rund 225 Kilometer nördlich der Hauptinsel Rarotonga gelegen,
ist Aitutaki die Cook-Insel mit der zweitgrössten Bevölkerung:
2400 Einwohner überwiegend polynesischer Abstammung besiedeln
die 18 Quadratkilometer grosse Insel. Oder müsste man von
einem Atoll sprechen? Schwer zu sagen: Aitutaki ist nämlich
weder eine reine Vulkaninsel noch ein reines Atoll, sondern eine
Kombination aus beidem.
Wie fast alle Pazifikinseln verdankt Aitutaki seine
Entstehung dem Vulkanismus. Vor -zig Jahrmillionen war hier aufgrund
untermeerischer Eruptionen ein rauchender, feuerspeiender Vulkanschlot
aus den Fluten aufgetaucht - um seither langsam unter seinem
eigenen Gewicht wieder abzusinken, pro Jahrhundert um etwa einen
Zentimeter.
Diesen Zentimeter vermögen die Korallenstöcke,
die sich rasch rings um den aus dem Meer aufragenden Vulkangipfel
gebildet hatten und die nur im lichtdurchfluteten, oberflächennahen
Wasser gedeihen, spielend auszugleichen. Während der Berg
allmählich tiefer sinkt, wachsen sie stetig in die Höhe.
Sassen sie anfänglich in unmittelbarer Küstennähe
den Vulkanschultern auf, so entfernt sich nun der abtauchende
Vulkangipfel immer weiter von ihnen weg. Längst bilden sie
ein separates Riff. Und längst hat die immerwährende
Brandung Sand, Korallengeröll und ganze Korallenblöcke
lagunenwärts, hinter dem Riff, zu kleinen Inselchen aufgehäuft.
Wenn die Bergspitze dereinst ganz im Ozean verschwunden sein
wird, werden diese «Motus», wie sie die Polynesier
nennen, allein zurückbleiben - als mehr oder weniger kreisförmiger
Inselkranz, der eine seichte Lagune umschliesst.
Noch ist es aber nicht so weit: Aitutaki ist heute
ein Mittelding zwischen riffgesäumter, hoch aus dem Meer
aufragender Vulkaninsel und flachem, praktisch auf Meereshöhe
liegendem Atoll. Noch ist seine vulkanische Bergspitze nicht
völlig untergetaucht, bereits hat sich aber ein ausgedehntes
Atoll mit mehreren Motus gebildet. Bei einer maximalen Höhe
von 124 Metern beim Mount Maungapu und einer ungefähren
Sinkgeschwindigkeit von einem Zentimeter pro Jahrhundert müsste
Aitutaki theoretisch in rund 1 1/4 Millionen Jahren zu einem
«richtigen» Atoll geworden sein. Vorausgesetzt, es
kommt nichts Unvorhergesehenes dazwischen, etwa eine neuerliche
Eruption oder ein beschleunigter Anstieg des Meeresspiegels infolge
menschgemachten Treibhauseffekts...
Aitutaki besteht heute aus einer etwa 7 Kilometer
langen Hauptinsel, die sich in der nördlichen Hälfte
der Lagune befindet, und ungefähr 15 Motus, die sich mehrheitlich
auf der Ostseite der Lagune gebildet haben - dort, wo die Brandung
aufgrund der vorherrschenden Südostpassatwinde besonders
kräftig gegen das insgesamt 45 Kilometer lange Riff anstürmt.
Abgesehen von einem Hotelkomplex, der sich auf dem nördlichsten
Motu (Akitua) befindet, ist einzig die Hauptinsel bewohnt.
Wer mit dem Flugzeug von Rarotonga nach Aitutaki übersetzt,
landet nach einer Flugzeit von ungefähr einer Stunde auf
dem während des Zweiten Weltkriegs von den Amerikanern angelegten
Flugplatz. Er befindet sich auf einer schmalen Landzunge im Nordosten
der Hauptinsel und verfügt über ein kleines Empfangsgebäude,
dessen Snackbar jeweils bei Ankunft und Abflug der (mehrmals
täglich stattfindenden) Flüge der «Cook Island
Air» und der «Air Rarotonga» geöffnet
ist.
Sechs Kilometer sind es von hier zum Hauptort Arutanga,
der sich an der windgeschützten Westküste der hügeligen
Hauptinsel befindet. Arutanga liegt der einzigen schiffbaren
Öffnung in Aitutakis Korallenriff gegenüber. Deren
geringe Tiefe und tückische Strömungen machen die Passage
für grössere Schiffe allerdings zu einem gefährlichen
Unterfangen. Daher ankern die zwischen den Inseln verkehrenden
Fähren vor dem Riff, und sämtliche Passagiere und Waren
werden mit Leichtern zur Anlegestelle bei Arutanga gebracht.
In Arutanga lebt der Grossteil der Bevölkerung
Aitutakis. Die Ortschaft ist eine lockere Ansammlung von Gebäuden,
deren Zentrum die von zwei mächtigen Bäumen beschattete
Strassenkreuzung beim Schiffsanleger ist. Hier befinden sich
das Verwaltungsgebäude, das Postamt und die katholische
Kirche. Auch das Spital, die Schule, die protestantische Kirche
und ein Hotel sind nicht weit. Und drum herum gruppieren sich
ein paar Geschäfte, in denen man alles Notwendige zum Leben
kaufen kann, eine Anzahl kleinerer Pensionen, zwei, drei Imbissstuben
und die Wohnhäuser der Insulaner.
Aufgrund des vulkanischen Untergrunds und des tropisch-maritimen
Klimas ist Aitutakis Hauptinsel sehr fruchtbar. In den Gärten
wuchern Nutz- und Ziergewächse aller Art. Und zwischen den
sanften Hügeln, besonders im flacheren Inselsüden,
findet man Pflanzungen von Bananenstauden, Kokospalmen, Kaffee-,
Orangen- und Mangobäumen sowie allerlei Gemüsesorten.
Sie gehören hauptsächlich jenen Bewohnern Aitutakis,
welche ausserhalb Arutangas in den kleinen Ansiedlungen entlang
der inselumrundenden Strasse wohnen.
Captain William Bligh ...
Rätselhaft wird es immer bleiben, warum die Polynesier
mit ihren tiefliegenden Doppelrumpf-Segelbooten zu ihren kühnen
Fernfahrten in die blaue Unendlichkeit des Pazifiks aufbrachen.
Es fehlte ihnen jegliches Wissen um das Vorhandensein von Inseln
jenseits des Horizonts. Und dennoch taten sie es.
Ursprünglich aus dem südostasiatischen Raum
stammend erreichten sie schon etwa um 1500 v.Chr. Fidschi, um
500 v.Chr. Samoa und Tonga, um 300 n.Chr. das heutige Französisch-Polynesien,
um 400 n.Chr. Hawaii, um 500 n.Chr. die Cook-Inseln und um 900
n.Chr. Neuseeland. Zu einer Zeit, als sich die europäischen
Seefahrer noch kaum aus der Sichtweite der Küsten herauswagten,
navigierten sie traumwandlerisch über offene Meeresstrecken
von mehreren tausend Kilometern. Und lange, bevor die Europäer
überhaupt von der Existenz des Pazifiks wussten, hatten
sie sich auf praktisch allen bewohnbaren Inseln dieses gigantischen
Ozeans niedergelassen. Die Hochsee-Expeditionen der Polynesier
gehören zweifellos zu den grössten Leistungen der Menschheit.
Ohne die Verdienste von Kapitän James Cook schmälern
zu wollen, ist es unter diesem Aspekt eigentlich ein Hohn, dass
die Cook-Inseln heute seinen Namen tragen. Richtigerweise müssten
sie Tanglianui-Inseln» oder «Karika-Inseln»
heissen, also zu Ehren einer der frühen polynesischen Helden
benannt sein, die den Legenden der Insulaner zufolge die abgeschiedenen
Eilande entdeckt und die ersten Siedlungen gegründet hatten.
Dies umsomehr, als der britische Kapitän lediglich 5 der
15 Cook-Inseln für die westliche Welt entdeckt hatte und
sowohl an Rarotonga als auch an Aitutaki nichtsahnend vorbeigesegelt
war.
Der erste Europäer, der in der Weite des Pazifiks
über Aitutaki «stolperte», war der britische
Kapitän William Bligh mit seinem Schiff «Bounty»
gewesen. Auf dem Weg von Tahiti nach Tonga tauchte am 11. April
1789, keine drei Wochen vor der berühmten Meuterei seiner
Mannschaft, die Insel vor dem Bug seines Schiffs auf. Hier (leicht
gekürzt) der entsprechende Abschnitt aus seinem lesenswerten
Reisebericht:
«Früh am 11. April erblickten wir im Südwesten
in einer Entfernung von fünf Seemeilen eine Insel, die von
neun Klippeninseln umgeben war, alle mit Bäumen bewachsen.
Die grosse Insel schien sehr fruchtbar zu sein, aber da der Wind
schwach und ungünstig war, bemühten wir uns vergeblich,
dem Lande näher zu kommen.
Am 12. April befanden wir uns nachmittags drei Meilen
von dem südlichsten der kleinen Eilande entfernt und sahen
innerhalb des Riffs eine Menge Menschen. Kurz darauf kam ein
Kanu mit vier Mann herangerudert, die ohne ein Zeichen von Furcht
oder Staunen am Schiff anlegten. Ich gab ihnen einige Glasperlen,
und sie stiegen an Bord. Einer von ihnen, dem die anderen zu
gehorchen schienen, sah sich neugierig auf dem Schiff um. Auf
die Mitteilung, dass ich der «Eri» (Herr) des Schiffs
sei, kam er zu mir und legte seine Nase an die meinige, wobei
er mir eine grosse Perlmuttschale überreichte, die er an
einer Schnur aus geflochtenem Haar um den Hals gehängt hatte.
Die Eingeborenen sprachen Tahitisch mit geringen Abweichungen,
soweit ich es beurteilen konnte. Sie sagten, auf der Insel gebe
es weder Hunde noch Schweine und Ziegen, auch keine Taro- und
Yamswurzeln, dagegen Bananen, Kokosnüsse, Brotfrüchte
und Hühner in grossem Überfluss. Da sie die Schweine
mit dem tahitischen Namen nannten, schöpfte ich Verdacht,
dass sie mich hintergehen wollten, doch überliess ich ihnen
einen jungen Eber und eine Sau, dazu ein Quantum Yams- und Tarowurzeln,
die wir entbehren konnten. Ausserdem beschenkte ich jeden mit
einem Messer, einem Beil, einigen Nägeln und Glasperlen
sowie einem Spiegel, der am meisten ihre Neugier weckte. Das
Eisen aber schien ihnen bekannt zu sein. Ehe sie davonruderten,
gaben sie mir noch einen Spiess, der aber nichts als ein gewöhnlicher
Stab mit einer Spitze aus Keulenholz war.
Die Eingeborenen dieser Insel waren auf den Armen
und Beinen tätowiert, aber nicht wie die Tahitier auf den
Lenden und Hinterbacken.»
... und Reverend John Williams
Nun kam all das über die Bewohner von Aitutaki,
was das Entdecktwerden damals mit sich brachte: Verteufelung
der alten Götter, Zerstörung der kulturellen Werte,
Ausbeutung, Unterdrückung, Krankheiten. Bereits 1821 suchte
ein Abgesandter der protestantischen Londoner Missionsgesellschaft,
Reverend John Williams, Aitutaki auf und siedelte zwei bekehrte
Polynesier von Tahiti als Laienprediger an. Die beiden bewährten
sich bestens. Von der polynesischen Kultur der nunmehr christianisierten
Insulaner war bald kaum mehr etwas übrig: Schreine und Götzenbilder
wurden zerstört, die Polygamie ebenso wie aufreizende Tänze
verboten, das Tätowieren und sogar das Schmücken mit
Blumen abgeschafft. Die Missionare wurden mit der Zeit zu beinahe
unumschränkten Herrschern, die bestimmten, was zu tun und
was zu lassen war. (Peinlicherweise sickerte später durch,
dass sie anfangs nichts von der Datumsgrenze gewusst hatten und
deshalb während der ersten sechzig Jahre ihrer Tätigkeit
auf der Insel die Sonntagsdienste stets am falschen Tag abgehalten
hatten...)
Glücklicherweise nahm gegen Ende des 19. Jahrhunderts
der selbstherrliche Einfluss der Missionare allmählich ab,
als mehr und mehr «gewöhnliche» Weisse nach
Aitutaki kamen, darunter Walfänger, Händler, Fischer,
Pflanzer und Abenteurer aller Schattierungen. Bis zum heutigen
Tag sind die Bewohner Aitutakis aber gläubige Christen geblieben.
Jeden Sonntagmorgen kurz vor zehn Uhr kann man die Frauen der
Insel in weissen Kleidern und die Männer in ihren besten
Hosen zur Kirche streben sehen, wo sie aufmerksam der Predigt
des Pfarrers folgen und mit Inbrunst ihre wunderschönen
mehrstimmigen polynesischen Lieder singen.
Die am südlichen Ausgang Arutangas gelegene protestantische
Kirche ist mit Baujahr 1821 die älteste Kirche der Cook-Inseln.
Vor dem Gotteshaus steht in Erinnerung an John Williams, Papeiha
und Vahapata, den frühen Missionaren der Londoner Missionsgesellschaft,
ein Gedenkstein.
Sinnlich knisternde Tanzvorführungen
In mindestens einer Hinsicht waren die eifrigen Missionare
des 19. Jahrhunderts auf Aitutaki überhaupt nicht erfolgreich
gewesen: bei der Unterdrückung der polynesischen Volkstänze.
Zwar waren die lebensfrohen, teils erotisch gefärbten Tänze
lange Zeit aus dem Leben der Inselbewohner verbannt gewesen,
aber glücklicherweise nie in Vergessenheit geraten. Mit
dem Wiedererwachen des rassischen Selbstbewusstseins und der
Besinnung auf die traditionellen Werte hat die polynesische Tanzkunst
in unserem Jahrhundert eine erfreuliche Wiederbelebung erfahren.
Getanzt wird auf Aitutaki gewöhnlich in Gruppen.
Männer und Frauen können gemischt oder abwechselnd
auftreten, wobei jeweils alle Bewegungen der Frauen bzw. der
Männer synchron aufeinander abgestimmt sind. Es gibt unzählige
Arten von Tänzen, denn zu den traditionellen werden ständig
neue kreiert. Der «Otea» ist von Legenden inspiriert,
der «Apariva» erzählt Geschichten aus dem Alltag,
und beim «Tamure» wirbt ein Mann um eine Frau. Es
sind Variationen der immer gleichen Themen, die tänzerisch
umgesetzt werden: Götter und Legenden, Mann und Frau und
Liebe, Trennung und Sehnsucht, Blumen und Vögel, Seereisen
und Fischfang, Arbeit und Kampf.
Die Tanzgruppen von Aitutaki sind für ihre eindrucksvollen
Tanzdarbietungen weitherum bekannt und zählen unbestritten
zu den begabtesten des Pazifiks. Im Gegensatz zur Situation auf
manch anderer pazifischen Insel ist hier das Tanzen noch weit
mehr als blosse Touristenattraktion: Die Tanzkunst wird - als
traditionelles Mittel, Episoden aus der polynesischen Geschichte
und aus dem polynesischen Alltag künstlerisch darzustellen
- sehr ernst genommen. Die Gruppen trainieren oft mehrmals in
der Woche, und mit den Grundformen der polynesischen Tänze
werden schon die Kinder in der Schule vertraut gemacht. So kommt
es, dass die Tanzgruppen von Aitutaki beim alliährlich in
der zweiten Aprilwoche stattfindenden Wettkampf auf Rarotonga,
wo Einzeltänzer und Gruppen nach ihrer Choreografie, ihrer
Gestik und auch ihrem Kostüm prämiert werden, immer
besonders gut abschneiden. Wer Aitutaki besucht, sollte sich
keinesfalls eine der (allwöchentlich stattfindenden) temperamentgeladenen
und sinnlich knisternden Tanzvorführungen der Einheimischen
entgehen lassen.
Die «Coral Route»
Am 15. Dezember 1951 startete in Auckland auf Neuseeland
das Flugboot «Aparima» der Tasman Empire Airways
(heute Air New Zealand) zum Eröffnungsflug nach Tahiti.
50 Stunden betrug die reguläre Reisezeit für die 5760
Kilometer lange Strecke, und Zwischenlandungen zwecks Nachtankens
waren auf Suva (Fidschi) und auf Aitutaki vorgesehen. Diese sogenannte
«Coral Route» war lange Zeit die erste regelmässige
Flugverbindung im südpazifischen Raum - und eine der extravagantesten
Flugreisen, die man in den fünfziger Jahren unternehmen
konnte. Sie verhalf Aitutaki zum Ruf, eines der bezauberndsten
Inselparadiese der Südsee zu sein.
Geflogen wurde zunächst einmal, dann zweimal
im Monat mit einer «Mark III Solent», einem in England
gebauten Wasserflugzeug mit vier kräftigen Propellertriebwerken.
Die Maschine bot 45 Passagieren Platz. Und nicht weniger als
11 Besatzungsmitglieder waren nötig, denn die Crew hatte
vielfältige Aufgaben: Der Navigator, der am Heck des Flugzeugs
in einer Plastikkuppel sass, musste jeweils nach der Wasserung
durch das Gepäckabteil kriechen, um das Flugzeug an einer
Boje festzumachen. Die Piloten führten kleinere Reparaturen
selbst aus. So dichteten sie einmal ein Loch im Rumpf des Flugboots
mit Beton ab. Das Kabinenpersonal wiederum musste auf Bestellung
kochen. Ob Steaks oder Eier - alles wurde in der Bordküche
frisch zubereitet.
Der reizvollste Stopp auf der Coral Route war zweifellos
die Landung auf der Lagune von Aitutaki. Während der Kraftstoff
aus Kanistern, die in Booten herangerudert wurden, in die leeren
Tanks gefüllt wurde, was etwa zweieinhalb Stunden dauerte,
wateten die Passagiere zum Inselchen Akaiami hinüber. Unter
Palmen servierten die Stewards dann Tee oder bereiteten frisch
gefangenen Fisch zu, begleitet von Tänzen und Gesängen
der Bewohner Aitutakis.
Bisweilen zog sich der Aufenthalt unfreiwillig in
die Länge. Einmal bescherte ein Defekt am Steuersystem des
Flugzeugs den Passagieren eine Nacht am glasklaren Wasser der
Lagune, im Schein des Monds und des Lagerfeuers. Nicht wenige
von ihnen plädierten nachher begeistert dafür, die
Übernachtung regulär in den Flugplan einzubauen.
Die «Aparima» wurde 1954 verschrottet.
Danach übernahm die «Aranui» den Service auf
der «Coral Route». Bis zum 15. September 1960. An
diesem Tag endete die Ära der Flugboote im Pazifik, und
mit ihnen die Romantik auf der legendären «Coral Route».
Überall im Südpazifik - so auch auf Aitutaki - waren
mittlerweile ehemalige Militärflugplätze renoviert
und neue Landepisten angelegt worden, welche nun für «normale»,
schnellere Flugzeuge zugänglich waren.
Der «Aparima» und der «Aranui»,
welche heute im «Museum of Transport and Technology»
in Auckland steht, hat Aitutaki viel zu verdanken. Denn der während
ihrer Einsatzzeit entstandene Ruf eines Südseeparadieses
ist Aitutaki bis heute erhalten geblieben. Er hat wesentlich
dazu beigetragen, dass die Einheimischen inzwischen hauptsächlich
vom Tourismus leben können und es dem kleinen Inselterritorium
wirtschaftlich recht gut geht. Glücklicherweise hält
sich der Fremdenverkehr auf Aitutaki bislang in einem angenehmen
Rahmen: Noch sind die Gästehäuser überwiegend
klein und gemütlich, und noch sind die Inselbewohner Gästen
gegenüber sehr freundlich, offen und hilfsbereit.
Wer sich auf Aitutaki nicht einfach in den Schatten
einer Kokospalme setzen will, um die überwältigende
Stille des Südseeidylls in sich aufzunehmen und frische
Kräfte für die hektische Welt daheim zu sammeln, kann
eine ganze Menge unternehmen: Er kann beispielsweise einen Bootsausflug
zu einem der entfernteren Motus unternehmen und dort nach Herzenslust
schwimmen und sonnenbaden. Er kann auch eine Runde auf dem 9-Loch-Golfplatz
bei der Flugpiste spielen. Oder sich ein Fahrrad mieten und die
Insel auf einer Rundfahrt erkunden. Er kann ein Windsurfbrett
mieten und sich über die Lagune gleiten lassen. Einen Spaziergang
auf den Mangapu machen und von dessen Gipfel den herrlichen Blick
über die Lagune geniessen. Er kann mit einem kundigen Führer
auf die Suche nach den alten, im Busch versteckten polynesischen
Kultstätten gehen und sich die alten Legenden erzählen
lassen. Oder mit einem professionellen Tauchführer die farbenprächtigen
Korallengärten am Aussenriff besuchen. Er kann sich zu Fuss
gemächlich durch die Dörfer treiben lassen und die
Inselbewohner um ihr heiteres, gelassenes Leben beneiden. Aitutaki
lässt keine Wünsche offen.
Legenden
«Motus» heissen auf polynesisch die kleinen
Inselchen, die sich hauptsächlich im Osten von Aitutakis
Lagune auf den Riffschultern gebildet haben. Wer einen Bootsausflug
zu einem dieser Motus unternimmt, um dort im glasklaren, türkisfarbenen
Wasser zu schwimmen und unter schattigen Palmwedeln zu picknicken,
der nimmt ein Urlaubserlebnis mit nach Hause, das er so schnell
nicht wieder vergessen wird.
In der Rangliste der schönsten Inselparadiese
der Südsee steht Aitutaki ganz weit oben. Die Hauptinsel,
im Norden der Lagune gelegen und als einzige bewohnt, gipfelt
im 124 Meter hohen Maungapu, der - so erzählen sich die
Insulaner - eigentlich die Spitze des Raemaru im Westen Rarotongas
ist, den die mutigen Krieger Aitutakis einst als Siegesprämie
abgehauen und hierher gebracht hatten.
Die Bewohner Aitutakis leben teils vom Fischfang und
vom Früchte- und Gemüseanbau, hauptsächlich aber
vom Tourismus. Metuatane Taeta ist Fremdenführerin und eine
moderne junge Frau. Dennoch ist sie, wie alle Inselbewohner und
-bewohnerinnen, weiterhin stark mit der polynesischen Kultur
verwachsen. So trägt sie stets Blumen, hier rosa Frangipani-Blüten,
im Haar - als Schmuck und Duftspender und als Ausdruck des polynesischen
Lebensstils.
Mehr noch als der Blütenschmuck ist der Tanz Ausdruck der
Lebensart und -freude der polynesischen Bevölkerung Aitutakis.
Zum pulsierenden Rhythmus der Trommeln werden dabei alte Legenden
ebenso wie Alltägliches künstlerisch umgesetzt. Jeden
Freitag findet im Hotel Rapae in Arutanga die «Island Night»
statt -eine mitreissende Tanz- und Musikveranstaltung, welche
für die Einheimischen den Höhepunkt einer jeden Woche
bildet.
Den letzten grossen Sprung bei der Eroberung der pazifischen
Inselwelt machten die Polynesier um 900 n.Chr., als sie von den
Cook-lnseln aus mit ihren Doppelrumpf-Segelbooten Neuseeland
erreichten. In der Tat leitet die Urbevölkerung Neuseelands,
die Maori, ihre Herkunft von den Cook-Insulanern ab, und diese
wiederum bezeichnen ihre Sprache als «Cook Islands Maori».
Dass der geistige Horizont der Bewohner Aitutakis heute wie früher
weit über die eigene Insel hinausreicht, beweist eindrücklich
dieser «Wegweiser» beim Flugplatz (Angaben in Meilen).
Fünfzehn Meeresvogelarten kommen im Bereich Aitutakis
vor, darunter der Rotschwanz-Tropikvogel (oben), dessen zwei
blutrote verlängerte Schwanzfedern einst bei den Dorfhäuptlingen
als Kopfschmuck sehr begehrt waren. Auf polynesisch heisst der
elegante Vogel «Tavake», und auf diesen Namen hat
die Cook lsland Air ihr 19plätziges «Twin Otter»-Flugzeug
(unten) getauft, das täglich zweimal zwischen Rarotonga
und Aitutaki hin und her fliegt.
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