Pilotprojekt «Alp Ergeten»


© 1985 Markus Kappeler
(erschienen im «Schweizer Naturschutz» Nr. 8/1985)



Im Hörnli-Bergland, dem wohl schönsten und intaktesten Teil des Kantons St. Gallen, hat der St. Gallisch-Appenzellische Naturschutzbund (SANB) zusammen mit dem Schweizerischen Bund für Naturschutz (SBN) den 55 Hektar grossen Alpwirtschaftsbetrieb Ergeten gekauft. Damit ist nicht nur ein Schutzgebiet im Zentrum einer Landschaft von nationaler Bedeutung (KLN-Gebiet Nr. 2.29) geschaffen worden. Alp Ergeten soll zum Pilotprojekt dafür werden, wie Berglandwirtschaft im Einklang mit der Natur betrieben werden kann.



Die Landwirtschaft beschäftigt die Naturschutzkreise immer mehr. Auch der SBN hat sich schon wiederholt landwirtschaftlichen Themen gewidmet. Man denke etwa an die Aktionen «Kornblume» und «Trockenrasen», oder an die Problemkreise Wühlmausbekämpfung und Maikäfervernichtung.

Ein grosses naturschützerisches Problem ist die deutliche Tendenz, dass sich die Intensivierung der Landwirtschaft, wie wir sie zur Genüge aus dem Mittelland kennen, in immer höhere Lagen ausdehnt. Sie hat mittlerweile die Berggebiete erreicht, wo bis anhin meist noch extensiv bewirtschaftet wurde und wo die Natur noch eine Chance hatte.

Unter diesem Blickwinkel ist der kürzlich erfolgte Erwerb der Alp Ergeten durch den SANB zu sehen. Hier soll der für die Natur so fatalen Entwicklung Einhalt geboten und eine traditionelle, naturfreundliche Berglandwirtschaft beibehalten werden.

 

Buntes Mosaik reichhaltiger Lebensräume

Alp Ergeten liegt auf rund 1000 Metern Höhe inmitten des Tweralp-Hörnli-Berglands - im Grenzgebiet der drei Kantone St. Gallen Thurgau und Zürich. Es handelt sich bei diesem als Landschaft von nationaler Bedeutung eingestuften Gebiet um den sogenannten «Hörnlischuttfächer», der einst vom Alpennordfuss in das voralpine Becken eingeschwemmt worden ist und hauptsächlich aus Nagelfluh mit schmalen Sandstein und Mergelschichten besteht.

Zahllose Tobel und Gräben durchfurchen die Landschaft. Dazwischen liegen scharf geschnittene Grate und Bergschultern. An diesen Steilhängen verzahnen sich - je nach Hangneigung und Besonnung - Lebensräume unterschiedlichster Art zu einem kleinräumigen und ausserordentlich bunten Mosaik. Als Besonderheit haben sich hier seit der Eiszeit rund 100 alpine Pflanzenarten halten können. Und genauso vielgestaltig wie die Flora ist auch die Kleintierwelt im Tweralp-Hörnli-Bergland.

 

Insel in der Triviallandschaft

Leider ist auch der natürliche und für die Nordostschweiz einzigartige Reichtum des Tweralp-Hörnli-Berglands durch die um sich greifende Intensivierung der Landwirtschaft hochgradig gefährdet. Markus Kaiser, Vorstandsmitglied des SANB, nennt das Gebiet «eine Felseninsel, die zwar derzeit noch hoch aus dem Meer der trivialisierten Landschaft des Mittellands herausragt, die aber ununterbrochen von den Wogen des brandenden Meeres angefressen wird und zweifellos - über kurz oder lang - zerfallen wird».

Auch an der Alp Ergeten ist der «Fortschritt» nicht ganz spurlos vorbeigegangen. So sind beispielsweise bereits einige Flächen durch starkes Düngen verarmt. Immerhin: Das Berggut Ergeten hat noch einen sehr beachtlichen Bestand an Naturwerten bewahren können. Noch verfügt es über blumenreiche Bergweiden, über Waldweiden in Föhrenbeständen. über naturnahe Wegränder und Raine, über Hecken und Feldgehölze, über Relikte alten Obstbaus, über ausgedehnte Wälder in natürlicher Zusammensetzung. Diesen Reichtum gilt es unter allen Umständen zu erhalten. Alp Ergeten soll, so der SANB-Präsident Ruedi Müller-Wenk, «zu einem Hort der an anderen Orten teilweise verschwundenen natürlichen Vegetation des Hörnli-Berglands werden».

 

Beispielhaftes Bewirtschaftungskonzept

Das Ziel des SANB ist aber noch weit höher gesteckt: Auf Alp Ergeten sollen nicht nur die botanisch intakten Flächen erhalten und die bereits gestörten regeneriert werden. In Zusammenarbeit mit Albert Egger, bäuerlichem Betriebsberater und Lehrer an der Kantonalen Landwirtschaftlichen Schule Flawil, will der SANB darüberhinaus ein naturschutzorientiertes Bewirtschaftungskonzept entwickeln. Ein Konzept, das sowohl wirtschaftlich vertretbar als auch ökologisch sinnvoll ist.

Der SANB ist festen Willens, Alp Ergeten zum konkreten Beispiel für ein rentables Bewirtschaftungssystem ohne Zerstörung der Naturwerte zu machen. Denn er ist der Überzeugung, dass das Berggut auf diese Weise einen Bewusstseinsprozess in landwirtschaftlichen Kreisen in Gang setzen und damit eine wichtige pädagogische Aufgabe erfüllen kann. Alp Ergeten ist ein Beitrag zum Dialog zwischen Naturschutz und Landwirtschaft.




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