Amazonasmanati

Trichechus inunguis


© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der UN-Briefmarkensammlung «Gefährdete Tierarten»)



Verschiedene Säugetiersippen haben im Laufe ihrer Stammesgeschichte dem Land den Rücken gekehrt und sich zu Wasserlebewesen zurück- oder vielmehr weiterentwickelt. Nur zwei Sippen haben es allerdings geschafft, den Kontakt zum Land vollständig abzubrechen und fortan ein rein aquatisches Leben zu führen. Es sind dies zum einen die Waltiere und zum anderen die Seekühe, von denen es weltweit nur vier Arten gibt. Zu ihnen gehört der Amazonasmanati (Trichechus inunguis), der - wie sein Name sagt - im riesenhaften Amazonas-Flusssystem im nördlichen Südamerika zu Hause ist.

Mit einer Länge von bis zu 280 Zentimetern und einem Gewicht von bis zu einer halben Tonne ist der Amazonasmanati ein recht imposantes Tier. Der beleibte Wasserbewohner, der die meiste Zeit den Eindruck erweckt, als bewege er sich in Zeitlupe fort, ernährt sich von Wasserpflanzen aller Art und verzehrt auch gern an der Oberfläche treibende Pflanzenteile sowie das Laub von Ästen, welche ins Wasser hängen. Da solche Kost von ziemlich geringem Nährwert ist, muss er enorme Mengen davon zu sich nehmen, um seinen massigen Körper mit genügend Nährstoffen und Energie zu versorgen - täglich etwa zehn Prozent seines Eigengewichts!

Der Verzehr derart grosser Mengen faseriger Pflanzenkost hat für den Amazonasmanati die unangenehme Folge, dass seine Zähne sehr rasch abgenutzt werden. Dass er dennoch nicht schon nach wenigen Jahren zahnlos dem Hungertod entgegenblicken muss, hat er einer speziellen Form des Zahnwechsels zu verdanken: Die Backenzähne verharren beim Amazonasmanati nicht an Ort und Stelle wie bei den meisten Tieren, sondern bewegen sich langsam, um etwa einen Millimeter im Monat, vom hinteren Bereich der Kiefer nach vorn. Vorne angelangt sind sie stark abgewetzt und fallen gelegentlich aus - während sich hinten ständig neue bilden. So erneuern sich die Backenzähne fortlaufend und versorgen den bleigrauen Süsswasserbewohner sein ganzes Leben lang mitt frischen, einsatzfähigen «Mahlwerkzeugen».

Amazonasmanatis haben eine ziemlich lockere Gesellschaftsform. Gewöhnlich leben sie weit verteilt als Einzeltiere und gehen keine festen Beziehungen untereinander ein, selbst wenn sie sich an günstigen Nahrungsplätzen zu kleinen Grüppchen versammeln. Die einzige längerfristige Bindung ist die zwischen Mutter und Kind.

Kommt ein Weibchen in Hitze, so lockt es oft zahlreiche Männchen an, die ihm etwa zwei Wochen lang überallhin folgen. Das Weibchen paart sich dann mit mehreren der Männchen - und bringt rund ein Jahr später ein einzelnes Junges zur Welt.

Die Geburt erfolgt unter Wasser, so dass das Neugeborene sofort zum Atmen an die Oberfläche auftauchen muss. Es nimmt schon bald pflanzliche Nahrung zu sich, saugt aber trotzdem bis zum Altcr von etwa anderthalb Jahren an den brustständigen Zitzen seiner Mutter und bleibt noch bis zum Alter von zwei bis drei Jahren mit ihr zusammen.

Obschon der Amazonasmanati ein recht weites Verbreitungsgebiet aufweist und kaum natürliche Feinde hat, ist er sehr selten geworden und gilt als in seinem Fortbestand gefährdet. Kein Wunder: Sein schmackhaftes Fleisch, seine beachtliche Körpergrösse und seine behäbige Wesensart machen ihn zu einer begehrten und leichten Beute des Menschen.

Schon die indianischen Ureinwohner des Amazonasbeckens hatten den Amazonasmanati seines Fleisches wegen gern bejagt. Die mit traditionellen Mitteln betriebene und wenig planmässige Nutzung dürfte die Bestände allerdings kaum merklich geschädigt haben. Dies änderte sich dramatisch, als die Europäer im 16. Jahrhundert damit begannen, sich die Natur auch in der «Neuen Welt» untertan zu machen. Ein massloses Abschlachten der wehrlosen Wassersäugetiere war die Folge und führte zum raschen Zusammenbruch der Amazonasmanatibestände in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets.

Heute steht der Amazonasmanati in seinem ganzen Verbreitungsgebiet
unter gesetzlichem Schutz. In kleinerem Rahmen mag zwar hier und dort noch immer eine gewisse (illegale) Bejagung des friedfertigen Pflanzenessers stattfinden. Dies allein könnte die Art aber wahrscheinlich verkraften.

Bedauerlicherweise drohen dem Amazonasmanati heute jedoch weitere, schwerwiegendere Gefahren, heraufbeschwört durch dle rasant voranschreitende, auf menschlicher Profitgier basierende Rodung der Amazonasregenwälder. Erhebliche klimatische Umwälzungen im Bereich des Amazonas - insbesondere eine Verminderung der regionalen Niederschlagsmengen, verbunden mit einem saisonalen Austrocknen von Fliess- und Stillgewässern - dürften auf lange Sicht unabwendbar sein. Dies wird zweifellos nicht nur für den Amazonasmanati, sondern für die gesamte südamerikanische Flora und Fauna mitsamt dem Menschen schlimme Folgen haben.




Amazonasmanati
Trichechus inunguis

Systematik
Klasse: Säugetiere
Ordnung: Seekühe
Familie: Manatis

Körpermasse
Kopfrumpflänge: bis 280 cm
Gewicht: 350-500 kg

Fortpflanzung
Wurfgrösse: 1 Junges
Tragdauer: 12 Monate
Geschlechtsreife: ca. 5 Jahre
Höchstalter: ca. 60 Jahre

Bestandssituation
Bestand: nicht erfasst
Rote Liste: «gefährdet»
CITES: Anhang I




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