Grosser Ameisenbär - Myrmecophaga tridactyla

Riesengürteltier - Priodontes giganteus


© 1985 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Grosse Ameisenbär (Myrmecophaga tridactyla) und das Riesengürteltier (Priodontes giganteus) scheinen zwar auf den ersten Blick sehr verschiedenartige Tierformen zu sein. Sie sind jedoch nah miteinander verwandt und werden vom Zoologen in der Ordnung der Zahnlosen (Edentata) zusammengefasst. Diese ursprüngliche Säugetier-Ordnung umfasst insgesamt vier Familien: die Ameisenbären (Myrmecophagidae) mit vier Arten, die Gürteltiere (Dasypodidae) mit etwa zwanzig Arten, die Zweifinger-Faultiere (Choloepidae) mit zwei Arten und die Dreifinger-Faultiere (Bradypodidae) mit drei Arten. Alle Vertreter der Ordnung leben in der Neuen Welt.

Die Bezeichnung «Zahnlose» ist etwas irreführend. Sie geht zurück auf fehlerhafte Vorstellungen über die Gliederung des Tierreichs aus dem 18. Jahrhundert. Tatsächlich sind nur die Ameisenbären völlig zahnlos. Das Riesengürteltier hingegen hat bis zu hundert Zähne und zählt zu den zahnreichsten Säugetieren überhaupt. Allerdings sind seine besonders kleinen Zähne wurzellos und zeigen ebenfalls deutliche Merkmale der Rückbildung.

 

Ausgestorbene Riesenformen

Die Ordnung der Zahnlosen hat sich vor etwa 60 Millionen Jahren in Südamerika entwickelt und war einst viel artenreicher als heute. Man kennt zehnmal mehr ausgestorbene Zahnlosen-Gattungen als lebende. Darunter befanden sich auch Tiere mit Riesenwuchs wie zum Beispiel die nashorngrossen Gürteltiere der Gattung Glyptodon. Der aussergewöhnlichste Riese war aber zweifellos das fast vier Meter grosse bodenlebende Faultier Mylodon listai, welches als Pflanzenesser die damaligen Strauchsavannen des südlichen Argentiniens bewohnte. Dieses elefantengrosse Faultier starb erst vor 10 000 bis 12 000 Jahren aus und war noch Zeitgenosse des Menschen. In einer von Menschen abgemauerten Höhle bei Ultima Esperanza in Patagonien fand man Knochen, Fellstücke und Dungreste der Tiere. Man vermutet deshalb, die Riesentiere seien von den südamerikanischen Indianern als Haustiere gehalten worden.

Der Rückgang der Zahnlosen-Vielfalt in der neueren Geschichte lässt sich aus den geografischen Verhältnissen ihres Heimatkontinents verstehen: Südamerika war während vieler Jahrmillionen von Mittelamerika - und damit vom Rest der Welt - getrennt. In dieser Abgeschiedenheit hatte sich die Ordnung der Zahnlosen prächtig entfaltet. Während der jüngsten Tertiärzeit - vor einer guten Million Jahren - bildete sich dann aber die Landbrücke von Panama und ermöglichte einen Austausch der Tierwelt zwischen Süd- und Nordamerika. Nun traten die «modernen», weltweit sehr erfolgreichen Raub- und Huftiere als Fressfeinde und Nahrungskonkurrenten im Lebensraum der Zahnlosen auf und drängten diese mehr und mehr zurück. Schliesslich überlebten lediglich ein paar Spezialisten unter den «Ureinwohnern» - zum Beispiel der Grosse Ameisenbär und das Riesengürteltier.

 

Das Riesengürteltier - ein gepanzerter Säuger

Mit einer Körperlänge von über einem Meter und einem Gewicht von etwa 60 Kilogramm ist das ausgewachsene Riesengürteltier der weitaus grösste Vertreter seiner Familie. Wie alle Gürteltiere weist es eine unter den heute lebenden Säugetieren einzigartige Besonderheit auf: Seine Oberseite ist mit einem sehr widerstandsfähigen Hornpanzer bedeckt, der einen wirkungsvollen Schutz gegen Fressfeinde darstellt. Der Panzer des Riesengürteltiers ist nicht starr, sondern wird in der Körpermitte durch mehrere querliegende Hautfalten unterbrochen und besitzt daher eine gewisse Beweglichkeit.

Als weiteres eindrucksvolles Körpermerkmal weist das Riesengürteltier an den beiden Vordergliedmassen je eine riesige, gebogene Kralle auf. Tatsächlich sind dies die grössten Krallen im ganzen Tierreich! Sie dienen dem Riesengürteltier zum Aufbrechen von Termitenhügeln und Ameisennestern, von deren Bewohnern es sich hauptsächlich ernährt. Ausserdem eignen sich die Krallen gut zum Graben der Wohnhöhlen, in denen sich das gepanzerte Tier tagsüber aufhält. Und schliesslich kann das Riesengürteltier seine massiven
Vorderkrallen in Notwehr als gefährliche Waffen einsetzen. Fühlt es sich in die Enge getrieben, so erhebt es sich auf seine Hinterbeine, lehnt sich auf seinem muskulösen Schwanz zurück und schlägt mit seinen Krallen auf den Angreifer ein. Solchen direkten Begegnungen mit Fressfeinden entzieht es sich aber nach Möglichkeit durch Flucht.

Mit seinen kleinen Augen sieht das Riesengürteltier nicht besonders gut. Zum Auffinden seiner Nahrung dient ihm wahrscheinlich in erster Linie sein Geruchssinn, der sehr empfindlich ist. Es kann im übrigen eine Reihe von Lauten äussern, die für das menschliche Ohr wie lautes Schnarchen oder Grunzen tönen.

Über die Lebensweise der eigentümlichen Riesengürteltiere ist noch recht wenig bekannt. Sie sind im allgemeinen nachts rege, verlassen aber oft während mehrerer Tage ihre Wohnhöhle nicht und sie scheinen ausserhalb der Fortpflanzungszeit als Einzelgänger zu leben.

 

Bejagung des Fleischs wegen

Die Heimat des Riesengürteltiers ist das nördliche und zentrale Südamerika östlich der Anden. Hier bewohnt es die ausgedehnten Gras- und Buschländer. Die genaue Verbreitung und der Bestand der Tiere sind wegen ihrer heimlichen Lebensweise schwierig festzustellen. Hinweise auf ihr Vorkommen in einer Gegend geben einzig ihre gut erkennbaren Wohnhöhlen, welche oft in der Nähe von Termitenhügeln angelegt sind. Diese lassen eine ungefähre Bestandsschätzung zu.

Lange Zeit war man der Meinung, das Riesengürteltier sei direkt vom Aussterben bedroht. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Art noch immer ein recht weites Verbreitungsgebiet aufweist. Unzweifelhaft aber nehmen die Bestände der eigenartigen Säu ger vielerorts ständig ab. Als Hauptgrund dafür ist die Bejagung der Tiere durch den Menschen zu nennen. Die Versorgung mancher Bevölkerungsteile Südamerikas mit Fleisch aus der Viehzucht ist ungenügend. Dementsprechend gross ist der Jagddruck auf sämtliche freilebenden Tierarten. Und da sich die anwachsende Bevölkerung immer weiter ausdehnt und immer mehr Land für Ackerbau und Viehwirtschaft erschliesst, werden zunehmend auch die Tierbestände in den abgelegeneren Gegenden gefährdet. Verständlicherweise ist es sehr schwierig, die mit Fleisch unterversorgten Menschen für den Naturschutz zu gewinnen.

Demgegenüber stellt der Tierhandel keine Gefährdung des Riesengürteltiers dar. Soweit bekannt ist, wurden im Laufe der letzten zehn Jahre lediglich fünf Exemplare aus Südamerika ausgeführt. Die Tiere sind schwer zu fangen und noch schwieriger in Gefangenschaft zu halten. Als vor ein paar Jahren in Paraguay durch Zufall ein ausgewachsenes männliches Riesengürteltier gefangen worden war, brachte man es - mangels eines passenden Käfigs - in einem leeren Schwimmbecken unter. Tags darauf war das Tier bereits entwichen: Es hatte in der Nacht mit seinen kräftigen Krallen sämtliche Plättchen von der Schwimmbeckenwand gelöst und sich schliesslich einen Fluchtweg durch den Beton ins Freie gegraben.

 

Der Grosse Ameisenbär - ein unersättlicher Termitenvertilger

Im Gegensatz zur vielgestaltigen Familie der Gürteltiere umfasst die Familie der Ameisenbären nur vier Arten: den winzigen Zwergameisenbären (Cyclopes didactylus), den nördlichen und den südlichen Tamandua (Tamandua mexicana und Tamandua tetradactyla) sowie den Grossen Ameisenbären. Letzterer ist - wie sein Name sagt - der grösste Vertreter der Familie: Er kann 130 cm lang und über 50 kg schwer werden. Sein Schwanz erreicht eine Maximallänge von 90 cm und ist mit bis zu 40 cm langen Borstenhaaren bewachsen.

Der Grosse Ameisenbär hat sich auf dieselbe Nahrung spezialisiert wie das Riesengürteltier: Termiten und Ameisen. Dies hat zur Ausbildung ähnlicher «Werkzeuge» geführt. So bricht auch der Ameisenbär die Termitenbauten mit den kräftigen, spitzhackenartigen Krallen seiner Vorderbeine auf. Und er besitzt ebenfalls eine lange, wurmförmige Zunge, mit welcher er die kleinen Insekten mühelos aufnehmen kann. Wie an einer Leimrute werden sie durch den zähen, klebrigen Speichelüberzug der rund 60 cm langen Zunge festgehalten. Bis zu 160 mal in der Minute kann die Zunge aus der kleinen Mundöffnung herausgepresst und wieder eingezogen werden. In der zahnlosen Schnauze werden die Termiten und Ameisen an scharfen, nach hinten gerichteten Hornpapillen abgestreift und gelangen unzerkleinert in den Magen des Ameisenbären. Dort zerreiben starke Muskelwände und die verhornte Magenauskleidung die Nahrung. Oft nimmt der grosse Zahnlose pro Mahlzeit mehrere Kilogramm Termiten zu sich.

Das Ameisenbär-Weibchen bringt nach einer Tragzeit von ungefähr sechs Monaten ein einzelnes Junges zur Welt. Das Jungtier wiegt bei der Geburt etwa 1,5 kg und ist das genaue Abbild seiner Eltern: Es ist dicht behaart, weist bereits die typische Fellzeichnung auf und besitzt sogar ausgebildete Krallen. Während der ersten sechs Monate lässt sich das Junge bei allen Wanderungen von seiner Mutter auf dem Rücken tragen, obwohl es schon nach vier Wochen zu einem leichten Galopp fähig ist. Hier ist es vor natürlichen Fressfeinden - Jaguar und Puma - weitgehend sicher, denn die Mutter weiss sich mit ihren scharfen Krallen energisch zur Wehr zu setzen. Tatsächlich sollen schon Jaguare im Klammergriff von Ameisenbären umgekommen sein. Ob und in welcher Form das Ameisenbär-Männchen bei der Jungenaufzucht eine Rolle spielt, ist nicht bekannt.

Der Grosse Ameisenbär besitzt kein festes Lager und scheint auch wenig ortsgebunden zu sein. Auf seinen Streifzügen durch das hohe Gras der Savanne führt er ständig seine lange Nase dicht über dem Boden, bis er schliesslich auf ein Ameisen- oder Termitennest trifft.

 

Stiefel, Fliegenwedel und Besen

Der Grosse Ameisenbär ist ein Bewohner der buschbestandenen Savannen und lichten Waldgebiete Süd- und Mittelamerikas. Früher kam er von Belize und Guatemala im Norden bis nach Uruguay und Argentinien im Süden vor. Im nördlichen Bereich seines Verbreitungsgebiets - in Belize, Guatemala und El Salvador - ist er aber heute ausgerottet. Im restlichen Verbreitungsgebiet scheint er zum Teil noch ziemlich häufig vorzukommen. Freilandforschungen im Hochland Südost-Brasiliens haben eine Bestandsdichte von zwei Tieren je Quadratkilometer ergeben, und in Venezuela hat man Dichten von 0,2 Tieren je Quadratkilometer festgestellt. Solche Schwankungen in der Verteilung einer Tierart sind nichts Aussergewöhnliches. Sie hängen in der Regel mit Unterschieden in der Qualität des Lebensraums und besonders des Nahrungsangebots zusammen.

Leider nehmen die Bestände des Grossen Ameisenbären ebenfalls zusehends ab. Auch in seinem Fall bildet die Bejagung durch die sich rasch ausbreitende Bevölkerung Südamerikas die Hauptgefahr. Zwar wird das Fleisch des grossen Termitenfressers wenig geschätzt. Sehr begehrt ist hingegen seine Haut. Sie ist ausgesprochen dick und widerstandsfähig, weshalb sie sich als Leder für Schuhe und Stiefel ausgezeichnet eignet. Die grossen Vorderkrallen des Ameisenbären sind als Halsschmuck beliebt. Und die borstenartigen Schwanzhaare werden zu Fliegenwedeln und Besen verarbeitet. Ein Handel mit lebenden Ameisenbären scheint gegenwärtig nicht zu bestehen.

 

Zahnlosen-Spezialistengruppe

Sowohl das Riesengürteltier als auch der Grosse Ameisenbär stehen im Rahmen des Washingtoner Artenschutz-Übereinkommens (CITES) unter internationalem Schutz: Das Riesengürteltier ist in Anhang I des Abkommens aufgeführt; der Handel mit den Tieren oder mit aus ihnen hergestellten Waren ist damit strikt untersagt. Der Grosse Ameisenbär ist in Anhang II enthalten; der Handel ist somit bewilligungspflichtig und wird auf internationaler Ebene überwacht.

Zusätzlich sind beide Tierarten in mehreren Ländern Südamerikas durch nationale Gesetze geschützt. So sind beispielsweise Jagd, Fang und Ausfuhr des Grossen Ameisenbären in Peru, Kolumbien und Brasilien gänzlich verboten. Leider ist jedoch der Vollzug dieser Naturschutzgesetze in vielen Fällen ungenügend, weil die dazu notwendigen Geldmittel fehlen. Auch das Vorkommen der beiden Tierarten in Nationalparks und Naturreservaten bietet keine Gewähr für ihr langfristiges Überleben, denn die Bewachung der Schutzgebiete ist oft mangelhaft.

Die Artenschutzkommission der Internationalen Union zur Erhaltung der Natur (IUCN) hat vor kurzem eine Zahnlosen-Spezialistengruppe gegründet. Ihre Aufgabe besteht darin, die Situation der verschiedenen Gürteltiere, Ameisenbären und Faultiere genau zu erfassen und geeignete Schutzprogramme für die verschiedenen Arten zu erarbeiten. Auf diesem Weg soll das Überleben dieser aussergewöhnlichen Tierformen gesichert werden.

 

Die Situation in Paraguay

In Paraguay kommen das Riesengürteltier und der Grosse Ameisenbär im 7800 Quadratkilometer grossen Defensores-del-Chaco-Nationalpark - einem der grössten Nationalparks Südamerikas - vor. Die Erhaltung dieses schwer zugänglichen und noch beinahe unberührten Gebiets ist nicht allein für die beiden zur Ordnung der Zahnlosen gehörenden Tiere von grosser Bedeutung, sondern ebenso für viele weitere charakteristische Tierarten Südamerikas, beispielsweise den Jaguar (Panthera onca), den Ozelot (Felis pardalis) und das Chaco-Pekari (Catagonus wagneri) - eine Schweineart, welche lange Zeit als ausgestorben galt und 1975 hier wiederentdeckt wurde.

In Paraguay findet man den Grossen Ameisenbären überdies im 400 Quadratkilometer grossen Teniente-Encisco-Nationalpark und das Riesengürteltier im 2800 Quadratkilometer grossen Tinfunque-Nationalpark. Alle drei Gebiete bedürfen dringend eines verstärkten Schutzes.




ZurHauptseite