Anegada-Leguan

Cyclura pinguis


© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Grossen und die Kleinen Antillen, im Bereich des Karibischen Meers und damit in den Tropen gelegen, sind die Heimat einer formenreichen Fauna mit vielerlei endemischen, also weltweit nur hier anzutreffenden Säugern, Vögeln und Reptilien. Fundstücke, welche im Rahmen archäologischer Grabungen ans Tageslicht kamen, deuten allerdings darauf hin, dass die Tierwelt der Antillen noch weit vielgestaltiger gewesen sein muss, bevor der Mensch in die Karibik vordrang und sich die Natur auch hier Untertan machte. Anhand freigelegter «Küchenabfälle» lässt sich insbesondere nachweisen, dass im Zug der Besiedlung der Antillen, welche vor ungefähr 6000 Jahren durch indianische Stämme eingeleitet wurde, eine ganze Reihe grosswüchsiger Tierformen ein für allemal von der Erdoberfläche verschwand. Ein paar prächtige Vertreter der karibischen Inselfauna sind diesem Schicksal aber glücklicherweise bis heute entronnen. Zu ihnen zählt der bis über einen Meter lange Anegada-Leguan (Cyclura pinguis), welcher auf der namengebenden Insel Anegada ganz im Nordosten der Jungferninseln zu Hause ist.

 

Einer von acht Wirtelschwanzleguanen

Der Anegada-Leguan ist ein Mitglied der mehrheitlich in der Neuen Welt heimischen Familie der Leguane (Iguanidae). Diese setzt sich aus rund 550 verschiedenen Arten zusammen und ist damit eine der grössten Familien innerhalb der Ordnung der Schuppentiere (Squamata), welcher neben den Echsen (Sauria) noch die Schlangen (Serpentes) und die Doppelschleichen (Amphisbaenia) angehören. Innerhalb der Leguanfamilie gehört der Anegada-Leguan zur Gattung der Wirtelschwanzleguane (Cyclura). Diese sind eng verwandt mit dem allbekannten Grünen Leguan (Iguana iguana). Während dieser aber auf der mittelamerikanischen Landbrücke und dem südamerikanischen Halbkontinent eine weite Verbreitung hat, sind die Wirtelschwanzleguane allesamt reine Inselbewohner und leben ausschliesslich im nördlichen Bereich der Antillen und auf den Bahamas.

Man unterscheidet acht Arten von Wirtelschwanzleguanen. Unter ihnen befindet sich der Jamaika-Leguan (Cyclura collei), der seit den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts als ausgestorben galt, 1990 aber erfreulicherweise im südöstlichen Jamaika wieder zum Vorschein kam. Mehrere Arten von Wirtelschwanzleguanen sind jedoch mit Sicherheit ausgestorben, darunter der Puerto-Rico-Leguan (Cyclura portoricensis), der nächste Verwandte des Anegada-Leguans. Er wurde in der vorkolumbianischen Ära durch die frühen indianischen Insulaner ausgerottet, welche Leguane ihres zarten Fleisches wegen gerne bejagten.

Der Anegada-Leguan ist einer der grössten und kräftigsten Wirtelschwanzleguane: Erwachsene Männchen sind mit einer durchschnittlichen Kopfrumpflänge von 54 Zentimeter und einem Gewicht von 7 Kilogramm etwas grösser und schwerer als die Weibchen, welche im Durchschnitt eine Kopfrumpflänge von 47 Zentimeter und ein Gewicht von knapp 5 Kilogramm aufweisen. Bei beiden Geschlechtern ist der Schwanz länger als der Leib, womit grossgewachsene Individuen also eine Gesamtlänge von deutlich über einem Meter aufweisen.

 

8000 Jahre separater Entwicklung

Die Heimat des Anegada-Leguans ist - wie eingangs erwähnt - die zu den Jungferninseln zählende Insel Anegada. Obschon die Jungferninseln ausnahmslos kleine Eilande sind, gehören sie - geologisch gesehen - zu den Grossen Antillen, denn sie sitzen derselben, nur etwa 70 Meter unter dem Meeresspiegel liegenden Erdkrustenplatte auf, von der auch Puerto Rico aufragt. Dagegen sind sie im Osten durch einen rund 2000 Meter tiefen Graben von den «echten» Kleinen Antillen getrennt. Politisch sind die Jungferninseln zweigeteilt: Der südwestliche Bereich befindet sich im Besitz der USA («US Virgin Islands»); der nordöstliche - und damit auch Anegada - gehört zu Grossbritannien («British Virgin Islands»).

Anegada ist die nordöstlichste Insel der Puerto-Rico-Platte. Sie ist in westöstlicher Richtung langgezogen, weist eine Fläche von 34 Quadratkilometern auf und wird von ungefähr 200 Personen bewohnt. Im Gegensatz zu den übrigen Jungferninseln, welche allesamt vulkanischen Ursprungs und deshalb sehr hügelreich sind, ist Anegada eine flache Korallenkalkinsel, deren höchste Erhebung lediglich neun Meter über dem Meeresspiegel liegt. Im Inselwesten ist der felsige Untergrund grossenteils mit Korallensand überdeckt und weist eine Vielzahl salzhaltiger Tümpel, Teiche und Seen auf. In der Inselmitte und im Osten liegt das Kalkgestein hingegen frei und hat eine durch Wind und Wetter stark zerklüftete Oberfläche mit vielerlei Nischen, Höhlen und Gängen.

Da das Niederschlagswasser jeweils rasch im porösen Kalkstein versickert, wächst auf Anegada (sowohl in den sandigen als auch in den felsigen Inselbereichen) lediglich eine schüttere, niedrigwüchsige Trockenbuschvegetation. Nur hier und dort haben sich einige dichtere Baum- und Strauchdickichte zu entwickeln vermocht. Die Anegada-Leguane finden sich heute mehrheitlich im zerklüfteten östlichen Inselbereich, wo sich viele Verstecke finden. Einige von ihnen bewohnen aber auch die kleinen Inselchen innerhalb der Salzwasserteiche im Inselwesten.

Man nimmt im allgemeinen an, dass die Vorfahren der heutigen Leguane gegen Ende des Pleistozäns («Eiszeitalters») nach Anegada gelangten. Da sich zu jener Zeit in den Polargebieten enorme Eiskappen gebildet hatten, lag der Meeresspiegel weltweit beträchtlich tiefer als heute. Viele der heutigen Antilleninseln waren deshalb zu jener Zeit mit ihren Nachbarinseln «verwachsen». So auch diejenigen, welche von der Puerto-Rico-Platte aufragen: Sie bildeten ein einziges «Gross-Puerto-Rico». Vor etwa 8000 Jahren - als gegen Ende der Eiszeiten die polaren Eismassen abschmolzen und der Meeresspiegel allmählich wieder anstieg - löste sich Anegada dann wieder aus diesem «Verband». Zu diesem Zeitpunkt aber hatten die auf Puerto Rico ansässigen Leguane Anegada bereits besiedelt gehabt. Auf dem kleinen Eiland entwickelten sie sich fortan isoliert von ihren «Brüdern» auf Puerto Rico weiter, und ihre Nachfahren bilden nunmehr eine inseleigene Art, den Anegada-Leguan.

 

Sonnenbad am Morgen

Der Anegada-Leguan ist stets nur tagsüber rege. Die Nacht verbringt er in einem sicheren Versteck, dem er manchmal ein Leben lang treu bleibt. Dabei handelt es sich zumeist um eine natürliche, manchmal etwas erweiterte Höhlung im verwitterten Kalkgestein.

Kriecht der Leguan am frühen Morgen, irgendwann nach Sonnenaufgang, aus seinem Unterschlupf hervor, so legt er sich zuerst eine Weile hin, um sich an der Sonne zu wärmen. Er nimmt dabei eine typische Stellung ein, bei der er mit dem Bauch flach auf dem Boden liegt und alle vier Gliedmassen weit von sich streckt. Dieses morgendliche Sonnenbad, das meistens etwa eine Stunde dauert, bildet einen wichtigen Teil des Tagesablaufs, denn wie alle Reptilien ist der Anegada-Leguan wechselwarm, das heisst seine Körpertemperatur hängt weitgehend von der Umgebungstemperatur ab. Durch das Sonnenbad am frühen Morgen erhöht er seine während der Nacht abgesunkene Körpertemperatur auf die bevorzugten 40°C, wodurch erst die volle Funktion seiner Körperorgane gewährleistet ist. In der Folge stöbert er in seinem Wohngebiet umher, um nach Essbarem Ausschau zu halten und vielleicht Kontakt mit Artgenossen aufzunehmen. Während des ganzen Tages wechselt er immer wieder vom Schatten in die Sonne und umgekehrt und hält dadurch seinen Körper gleichmässig warm. Nur über Mittag, wenn die Bodentemperaturen mitunter mehr als 60°C erreichen, ruht er vorübergehend an einem besonders schattigen Ort und schützt sich so vor Überhitzung.

Auf seiner Heimatinsel ernährt sich der Anegada-Leguan hauptsächlich von Blättern, Gräsern, Früchten, Blüten und anderen pflanzlichen Stoffen. Er verschmäht aber auch tierliche Stoffe wie Insekten, Krabben und Aas nicht. In Menschenobhut nahmen Anegada-Leguane sogar schon Hundefutter aus der Dose und Mäuse zu sich.

 

Monogam oder polygam?

Die männlichen Anegada-Leguane sind untereinander unverträglich. Sie besetzen - jeder für sich - klar begrenzte Wohngebiete von etwa 200 bis 1000 Quadratmetern Fläche und dulden das ganze Jahr über keine anderen Männchen in ihrem Wohngebiet.

Michael Carey, ein amerikanischer Reptilienforscher, welcher dem Anegada-Leguan in den sechziger Jahren eine wissenschaftliche Studie widmete, fand heraus, dass stets nur ein einziges Weibchen das Wohngebiet mit einem territorialen Männchen teilte. Auf den ersten Blick schienen die Anegada-Leguane also monogam zu leben. Verdächtig fand Carey jedoch, dass zwischen den Wohngebieten benachbarter Leguanpaare jeweils grössere Lücken klafften. Er vermutete deshalb, dass die monogame Lebensform der Anegada-Leguane lediglich eine Folge der überaus geringen Bestandsdichte der urtümlichen Echsen war. Wir wissen heute, dass in der Tat bei anderen, in dichteren Beständen lebenden Wirtelschwanzleguanen die Territorien der Männchen direkt aneinandergrenzen und dass sich gewöhnlich mehrere Weibchen auf dem Grundstück eines Männchens aufhalten, während besitzlose, schwächere Männchen leer ausgehen. Es dürften also auch die Anegada-Leguane im Grunde genommen polygame Tiere sein.

Über das Fortpflanzungsgeschehen bei den Anegada-Leguanen in freier Wildbahn ist bisher nur bekannt, dass die Weibchen jeweils im Mai, zu Beginn der Regenzeit, ungefähr fünfzehn Eier in eine selbstgegrabene Erdmulde legen, das Gelege anschliessend sorgfältig mit Erdreich zudecken und das Ausbrüten dann den wärmenden Sonnenstrahlen überlassen. Der Zeitpunkt der Eiablage scheint so gewählt zu sein, dass die Eier während der ungefähr dreimonatigen Keimlingsentwicklung nicht austrocknen und dass ein verhältnismässig reiches pflanzliches Nahrungsangebot da ist, wenn die Jungen im August aus dem Nest kriechen.

Die jungen Leguane messen beim Schlüpfen ungefähr zehn Zentimeter und sorgen vom ersten Tag an für sich selbst. Im Gegensatz zu den Erwachsenen ernähren sie sich anfänglich zur Hauptsache von Insekten. Eidechsenartig jagen sie nach Grillen, Heuschrecken und Käfern und nehmen nur hie und da auch einen pflanzlichen «Leckerbissen» zu sich. Erst allmählich, mit zunehmendem Alter, steigt dann der Anteil der pflanzlichen Stoffe in ihrer Kost.

Die Entwicklung der jungen Anegada-Leguane erfolgt recht langsam. Der jährliche Längenzuwachs beträgt nur zwei bis drei Zentimeter, und die Geschlechtsreife tritt erst im Alter von sieben bis neun Jahren ein. Gewissermassen zum Ausgleich scheinen die Inselechsen ein recht hohes Alter von wahrscheinlich über fünfzig Jahren erreichen zu können. Jedenfalls war seinerzeit, als Michael Carey seine Studien auf Anegada durchführte, ein über sechzigjähriger, naturliebender Inselbewohner fest davon überzeut, dass er einzelne Leguane anhand bestimmter Körpermerkmale zweifelsfrei identifizieren könne, die er schon als Kind beobachtet hatte.

 

Nationalpark gefordert

Anegada wurde erst vor ungefähr 300 Jahren vom Menschen besiedelt. Bis zu diesem Zeitpunkt dürften die Anegada-Leguane ein ziemlich ruhiges, sorgenfreies Leben geführt haben. Wohl dürfte den jugendlichen Individuen hie und da Gefahr von seiten eines grossen Greifvogels oder der Puerto-Rico-Schlanknatter (Alsophis portoricensis) gedroht haben. Doch im Erwachsenenalter hatten sie als die grössten einheimischen Landwirbeltiere keinerlei natürlichen Feinde zu fürchten.

Mit dem Eintreffen des Menschen sowie der Rinder, Ziegen, Esel, Schweine, Hunde, Katzen und Ratten, die er mitbrachte, änderte sich diese Situation dramatisch: Hunde, Katzen und Ratten machten Jagd auf jugendliche, Hunde mitunter sogar auf erwachsene Leguane. Schweine betätigten sich als Nestplünderer. Und Rinder, Ziegen und Esel traten in Nahrungswettstreit mit den Echsen.

Das Ergebnis dieser Schadeinflüsse ist die prekäre Lage, in der sich der Anegada-Leguan seit geraumer Zeit befindet: Nicht nur ist die Bestandsdichte auf ein bedenkliches Niveau abgesunken; auch die Nachzuchtrate ist minimal. Auf der Roten Liste der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) wird er deshalb in der Kategorie «vom Aussterben bedroht» geführt. Das einzige Gebiet, in welchem Michael Carey seinerzeit eine verhältnismässig grosse Anzahl Jungtiere fand, war eines der Inselchen in den Salzwasserteichen im Westen Anegadas. Bezeichnenderweise lebten auf jenem Inselchen weder irgendwelche Haustiere noch Ratten oder Mäuse.

Immerhin gibt es neuerdings einen Lichtblick für den arg bedrängten Inselleguan: In den letzten Jahren zeigte sich nämlich, dass die einzigartige Tier- und Pflanzengesellschaft Anegadas von grossem wissenschaftlichem Interesse und deshalb besonders schutzwürdig ist. Verschiedene Organisationen und Institutionen, darunter der britische WWF, setzen sich nun dafür ein, dass auf Anegada ein grossflächiger Nationalpark ausgewiesen wird, um der lokalen Flora und Fauna den nötigen Schutz zukommen zu lassen. Dabei wird Wert darauf gelegt, dass die Wünsche und Interessen der einheimischen Bevölkerung bei der Parkplanung gebührend berücksichtigt werden, damit der Park später von den Inselbewohnern möglichst uneingeschränkt mitgetragen wird. Denn nur so - das hat die Erfahrung gelehrt - besteht Hoffnung, dass der Anegada-Leguan und all die anderen «eingeborenen» Inselkreaturen durch diesen natürschützerischen Schritt eine wirkliche Überlebenschance erhalten.




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