Pinguine und Robben der Antarktis
Kaiserpinguin - Aptenodytes forsteri
Adeliepinguin - Pygoscelis adeliae
Weddell-Robbe - Leptonychotes weddelli
Ross-Robbe - Ommatophoca rossi
© 1992 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Antarktika ist mit einer Fläche von rund 14 Millionen
Quadratkilometern der viertgrösste Kontinent der Erde und
wohl die letzte grosse Wildnis unseres Planeten. Der «jungfräuliche»
Zustand dieses Erdteils ist darauf zurückzuführen,
dass er zu den lebensfeindlichsten Gebieten der Erde zählt.
Nur die Küsten sind an manchen Stellen eisfrei; sonst liegt
der Kontinent zu etwa 98 Prozent unter einer permanenten Eisdecke
begraben, welche gebietsweise mehr als drei Kilometer dick ist.
Die tiefste, jemals auf der Erde festgestellte Temperatur wurde
mit -82° Celsius in der Antarktis wie die Region insgesamt
heisst gemessen, und dasselbe gilt für die höchste
Windgeschwindigkeit von 322 Kilometern je Stunde.
Obschon vermutet wird, dass der geologische Untergrund
der Antarktis reiche Lagerstätten beispielsweise von Erdöl,
Kohle, Titan, Chrom, Eisen und Kupfer enthält, und obwohl
mehrere Staaten Gebietsansprüche geltend gemacht haben,
ist ein Rohstoffabbau bislang unterblieben. Der frostige Kontinent
wird einzig für wissenschaftliche Forschungen genutzt, zu
welchem Zweck mehr als zehn Staaten, darunter auch Deutschland,
insgesamt drei bis vier Dutzend Forschungsstationen unterhalten.
Es ist kaum überraschend, dass sich nur wenige
Landlebewesen an die überaus harten Lebensbedingungen in
der Antarktis anzupassen vermochten. Immerhin haben es ein paar
wirbellose Tiere, zwei Blütenpflanzen und über 300
Flechten geschafft, in der gefrorenen Landschaft eine magere
Lebensgrundlage zu finden.
Ganz im Gegensatz zur «Leere» des Lands
überquellen die Gewässer im Umfeld der Antarktis förmlich
von Leben. Ein breites und farbiges Spektrum von Krebstieren,
Tintenfischen und anderen Wirbellosen sowie von Fischen, Seevögeln
und Meeressäugetieren lässt sich in den küstennahen
Gewässern beobachten. Die meisten dieser Tiere sind vollständig
wasserlebend, verlassen also das Meer zeitlebens nicht. Zwei
Tiergruppen haben jedoch den Kontakt zum Festland nicht völlig
aufgegeben: die Meeresvögel und die Robben. Beide verbringen
zwar einen Grossteil ihrer Zeit im Wasser und beschaffen sich
dort ihre Nahrung. Für die Aufzucht ihrer Jungen suchen
sie aber stets das Land bzw. Eis auf. Sie haben im Laufe ihrer
Stammesgeschichte das Kunststück fertiggebracht, sich gleich
an zwei der problematischsten Lebensräume der Erde anzupassen:
an die antarktische Hochsee mit ihren vielen Nahrungswettstreitern
und Fressfeinden einerseits und an das antarktische Festland
mit seinem frostigen Klima andererseits.
Im folgenden sollen vier dieser antarktischen Überlebenskünstler
vorgestellt werden, nämlich der Kaiserpinguin (Aptenodytes
forsteri), der Adeliepinguin (Pygoscelis adeliae),
die Weddell-Robbe (Leptonychotes weddelli) und die Ross-Robbe
(Ommatophoca rossi).
Der Kaiserpinguin
Mit einer Höhe von etwa 110 Zentimetern und einem
Gewicht um 30 Kilogramm ist der Kaiserpinguin der grösste
aller siebzehn Pinguine (Familie Spheniscidae), wobei die Männchen
im Mittel etwas grösser sind als die Weibchen. Der Kaiserpinguin
ist besonders gedrungen gebaut. Das ist daraus ersichtlich, dass
er zwar nur 20 Zentimeter grösser ist als der in der Subantarktis
heimische Königspinguin (Aptenodytes patagonicus),
jedoch fast das doppelte Gewicht auf die Waage bringt. Dies ist
auf die besonders dicken, wärmedämmenden Fettschichten
zurückzuführen, welche dieser «Extremist»
unter den Pinguinen für seine «hochantarktische»
Lebensweise benötigt.
Auf die Nahrungssuche geht der Kaiserpinguin auf offener
See. Dort bejagt er Fische, Tintenfische und in geringem Ausmass
auch Krebstiere, so vor allem Krill, jene daumenlangen, schwarmbildenden
Krebse der Gattung Euphausia, welche die wichtigste Gruppe
der freischwebenden antarktischen Planktontiere bilden. Er ist
ein hervorragender Taucher, der bei der Jagd auf seine Beutetiere
Tiefen von bis zu 265 Metern - Rekord für sämtliche
Meeresvögel - erreicht.
Der Kaiserpinguin brütet von allen Vogelarten
der Erde mit Abstand unter den lebensfeindlichsten Bedingungen:
Zum einen befinden sich seine Brutplätze ausnahmslos auf
dem antarktischen Kontinent selbst und auf dem angrenzenden Schelfeisgürtel,
während die meisten anderen Pinguine hierfür die subantarktischen
Inseln benützen. Und zudem führt er sein Brutgeschäft
nicht im etwas milderen antarktischen Sommer durch, sondern mitten
im Winter, wenn die Lufttemperaturen im Durchschnitt -20°
Celsius betragen und die Winde häufig mit 75 Kilometern
je Stunde über die Eiswüste fegen.
Im südlichen Spätherbst, etwa Mitte Mai,
versammeln sich die Vögel an ihren traditionellen Brutplätzen,
um sich zu paaren und sich auf das bevorstehende Brutgeschäft
einzustimmen. Ungefähr zwei Monate dauert diese «Brutvorbereitungsphase»,
während der die Kaiserpinguine keine Nahrung mehr zu sich
nehmen. Danach legt das Weibchen ein einzelnes Ei und gibt es
sogleich in die Obhut des Männchens. Dieses beginnt mit
dem Bebrüten des Eis, indem es dasselbe auf seine Füsse
rollt und dort durch eine Hautfalte, die vom Bauch herunterhängt,
vor der Kälte schützt. Das Weibchen kehrt nach der
Eiablage ins Meer zurück, um sich ausgiebig der Ernährung
zu widmen und seine Körperkräfte wieder aufzubauen.
Die brütenden Männchen rücken zu dichten
Verbänden von manchmal mehreren tausend Individuen zusammen
und trotzen gemeinschaftlich Wind und Wetter. Diese Kolonien
sind ständig in langsamer Bewegung, da stets die Tiere auf
der windexponierten Seite langsam der windgeschützten Seite
zustreben, indem sie Schrittchen für Schrittchen mit ihrem
kostbaren Ei auf den Füssen dorthin «rutschen».
Nach einer Brutzeit von zwei Monaten schlüpft
der junge Kaiserpinguin aus dem Ei. Ist das Weibchen zu diesem
Zeitpunkt noch nicht zur Kolonie zurückgekehrt, so füttert
das Männchen den Jungvogel vorerst mit einem hochgewürgten
Sekret, das reich an Fetten und Eiweissen ist. Gewöhnlich
kehrt das Weibchen aber rechtzeitig zur «Geburt»
des Jungen zurück und erlöst das Männchen von
seiner schweren Aufgabe. Dieses hat im Verlauf der nunmehr rund
viermonatigen Fastenzeit bis zu 45 Prozent seines Körpergewichts
verloren und strebt nun seinerseits dem Meer zu, wo es in etwa
drei Wochen wieder sein altes Gewicht erreicht.
Die beiden Altvögel wechseln einander in der
Folge beim Wärmen und Füttern des Jungen partnerschaftlich
ab, bis dieses im Alter von etwa fünf Monaten so weit herangewachsen
ist, dass es für sich selbst sorgen kann. Es taucht dann
ohne Begleitung seiner Eltern ins Meer ein, um sein Gewicht vor
Anbruch des Winters noch möglichst stark anzuheben.
Der Adeliepinguin
Der Adeliepinguin ist wie der Kaiserpinguin in seiner
Verbreitung weitgehend auf den antarktischen Kontinent beschränkt.
Mit einer Höhe von etwa 70 Zentimetern und einem Gewicht
von ungefähr 4 Kilogramm ist er aber von deutlich kleinerem
Wuchs. Arttypische Kennzeichen des Adeliepinguins sind die auffällige
weisse Färbung der Augenlider und die Tatsache, dass sein
kurzer, schwarzroter Schnabel bis über die Hälfte befiedert
ist.
Im Gegensatz zum Kaiserpinguin ist der Adeliepinguin
kein eifriger Taucher, sondern sucht sich seine Nahrung vorzugsweise
im oberflächennahen Wasser des Meers. Krillkrebse bilden
meistenorts seine Hauptspeise; hier und dort scheinen aber auch
kleinere Fische und Tintenfische für die Ernährung
von Bedeutung zu sein.
Wie der Kaiserpinguin ist der Adeliepinguin ein ausgeprägter
Koloniebrüter, doch verhält er sich dabei etwas «konventioneller»,
indem er seine Jungen während der südlichen Sommermonate
aufzieht und jedes Paar ein einfaches Nest aus Steinchen baut.
Vom Zeitpunkt des Aufsuchens der Brutplätze bis zur Eiablage
vergehen beim Adeliepinguin 17 bis 24 Tage. Wie beim Kaiserpinguin
kehrt dann das Weibchen zum Meer zurück, während das
Männchen fürs erste das Bebrüten der gewöhnlich
zwei Eier übernimmt. Wenn das Weibchen nach 14 bis 17 Tagen
zurückkehrt, um die zweite Schicht beim Brutgeschäft
anzutreten, hat das Männchen eine Fastenzeit von über
einem Monat hinter sich und dabei über 30 Prozent seines
Körpergewichts eingebüsst.
Die jungen Adeliepinguine entwickeln sich bedeutend
schneller als die Jungen des Kaiserpinguins: Sie schlüpfen
nach ungefähr vier Wochen aus dem Ei, und schon im Alter
von etwa acht Wochen verlassen sie die Brutplätze und ziehen
auf eigene Faust Richtung Meer los. Das Nest verlassen sie allerdings
schon früher: Da sie an Land stets in Gefahr stehen, Raubmöwen
(Catharacta spp.) und Riesensturmvögeln (Macronectes
giganteus) zum Opfer zu fallen, schliessen sie sich im Alter
von zwei bis drei Wochen zu kopfstarken «Kindergärten»
zusammen, in denen sie vor ihren Fressfeinden besser geschützt
sind.
Die Weddell-Robbe
Die Weddell-Robbe gehört mit einer Länge
von etwa 2,5 Metern und einem Gewicht um 370 Kilogramm zu den
grössten Mitgliedern der Familie der Hundsrobben (Phocidae),
wobei die Weibchen etwas grösser sind als die Männchen.
Die Weddell-Robbe ist ein leistungsfähiger Taucher,
ja wahrscheinlich der Rekordhalter unter allen Robben, denn sie
stösst in Tiefen von bis zu 600 Metern hinab und kann mehr
als 70 Minuten unter Wasser bleiben. Sie ernährt sich hauptsächlich
von Fischen, wobei der Antarktische Zahnfisch (Dissostichus
mawsoni) ihre bevorzugte Beute zu sein scheint.
Die meisten Weddell-Robben kommen im Bereich des Schelfeisgürtels
der antarktischen Küstengewässer vor. Sie verbringen
die meiste Zeit im Wasser, häufig unter dem festen Eis,
und unterhalten an Orten, wo die Eisdecke dünn ist, Atemlöcher,
die sie mit Hilfe ihrer Zähne anfertigen. Kleinere Bestände
der Weddell-Robbe finden sich ferner im Bereich der Südshetland-,
der Südorkney- und anderer subantarktischer Inseln.
Die weiblichen Weddell-Robben bringen ihre Jungen
gewöhnlich zwischen Mitte Oktober und Mitte November, nach
einer Tragzeit von ungefähr 11 Monaten, auf dem Eis zur
Welt. Es handelt sich um «Einzelkinder», welche bei
der Geburt etwa 30 Kilogramm wiegen, aber schon im Alter von
zwei Wochen ihr Geburtsgewicht verdoppelt haben. Etwa 6 Wochen
lang werden sie von der Mutter gesäugt, unternehmen aber
bereits im Alter von etwa 4 Wochen die ersten Ausflüge ins
Wasser.
Im Wasser scheint die Weddell-Robbe mitunter dem Schwertwal
(Orcinus orca) zum Opfer zu fallen. An Land hat sie jedoch
keinen Feind zu fürchten. Man kann das furchtlose Tier deshalb
anfassen, ohne dass es sich vom Fleck rührt.
Die Ross-Robbe
Ist die Weddell-Robbe eines der bestbekannten antarktischen
Säugetiere, so gilt für die Ross-Robbe genau das Gegenteil:
Sie ist die grosse Unbekannte. Erst verhältnismässig
wenige Individuen wurden bislang von Forschern lebend gesehen.
Die Körperlänge der Ross-Robbe liegt bei etwa 200 bis
210 Zentimetern und das Gewicht gewöhnlich etwas unter 200
Kilogramm.
Anhand der wenigen Beobachtungen, welche vorliegen,
scheint sich die Ross-Robbe vornehmlich im Bereich der antarktischen
Treibeiszone aufzuhalten. Ihre Nahrung scheint sich hauptsächlich
aus Tintenfischen zusammenzusetzen, und man glaubt, dass sie
ausgezeichnet tauchen kann.
Wie die Weddell-Robbe zeigt die Ross-Robbe dem Menschen
gegenüber bemerkenswert wenig Furcht und lässt ihn
recht nahe an sich heran kommen, ohne zu fliehen. Allerdings
zeigt sie in solchen Fällen ein höchst eigenartiges
Verhalten: Sie hebt den Vorderkörper an, öffnet ihren
Mund und erzeugt ein ganzes Spektrum unterschiedlichster Töne,
darunter Zirpen, Zwitschern, Glucksen und Gurren. Die Funktion
dieses Verhaltens ist ungeklärt. Eine Hypothese besagt,
dass sich die Ross-Robbe unter Wasser solcher Töne bedient,
um sich nach dem Echolotprinzip zurechtzufinden.
Umweltchemisierung und Treibhauseffekt auch in
der Antarktis
Es ist zwar sehr schwierig, die Bestandszahlen der
vier vorgestellten Tierarten einigermassen präzis abzuschätzen.
Es gibt aber derzeit keinerlei Hinweise auf besorgniserregende
Bestandsschwankungen; alle vier scheinen in gesunden Beständen
in der Antarktis vorzukommen.
Man darf allerdings nicht denken, dass die frostigen
Eiswüsten und die kühlen Gewässer der Antarktis
ihre Bewohner automatisch vor dem Menschen schützen. Selbst
dieser unwirtliche und abgeschiedene Teil der Erde ist vor der
Neu- und Habgier des Menschen nicht sicher: Robbenfänger
hatten in der Vergangenheit die Bestände der antarktischen
Robben geplündert. Aufgrund internationaler Abmachungen,
die dem Schutz der Robben dienen, werden sie aber heute nicht
mehr wirtschaftlich genutzt. Die ausgedehnten Krillschwärme
der Antarktis bilden seit langem eine verlockende, aber glücklicherweise
noch weitgehend unangetastete Beute für verschiedene Fischfangnationen.
Ihre Ausbeutung könnte das gesamte antarktische Ökosystem
aufs schwerste schädigen. Auch die in der Antarktis vermuteten
Bodenschätze wecken natürlich seit langer Zeit die
Begierde des Menschen. Zweifellos wäre ihr Abbau mit grösseren
Störungen der in der Antarktis brütenden Pinguin- und
Robbenkolonien verbunden.
Glücklicherweise kamen die auf der südlichen
Erdhalbkugel operierenden Nationen schon 1959 im sogenannten
«Antarktisvertrag» überein, ihre Gebietsansprüche
und Nutzungsrechte in der Antarktis für dreissig Jahre zurückzustellen
und den kalten Kontinent vorerst nur der wissenschaftlichen Porschung
zu öffnen. 1991 beschlossen die inzwischen 26 stimmberechtigten
Konsultativstaaten des Antarktisvertrags, den Abbau von Rohstoffen
aller Art während weiterer fünfzig Jahre zu unterlassen.
Dieser höchst erfreuliche Beschluss schützt die Antarktis
also weiterhin vor den direkten Einflüssen des Menschen
und bildet eine feste Grundlage für die von den internationalen
Umweltschutzorganisationen geforderte Einrichtung eines «Weltnaturparks»
in der Antarktis.
Von den global wirksamen Umweltschädigungen bleibt
allerdings auch diese letzte grosse Wildnis unseres Planeten
nicht verschont. Zu nennen sind vor allem die Chemisierung der
Meere, deren langfristige Auswirkungen wir überhaupt nicht
kennen, und der durch masslose Kohlendioxidabgaben in die Atmosphäre
verursachte «Treibhauseffekt», welcher zweifellos
auch der Antarktis massive Veränderungen bringen wird.
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