Delphine des Atlantiks
Spinnerdelphin - Stenella longirostris
Atlantischer Fleckendelphin - Stenella frontalis
Blauweisser Delphin - Stenella coeruleoalba
Gewöhnlicher Delphin - Delphinus delphis
© 1990 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Unter einem Wal stellen wir uns im allgemeinen ein
mächtiges Tier vor, das gemächlich durch die Fluten
der Meere zieht. Längst nicht alle Wale sind jedoch solche
«Ungetüme» wie der Blauwal, der Pottwal oder
der Buckelwal. Von den weltweit rund 80 Waltieren sind manche
nicht viel grösser als ein Schulkind, und die meisten von
ihnen erweisen sich als überaus schnittige Schwimmer und
Taucher. Diese kleineren Vertreter der Wale, die wir als Delphine
oder Tümmler zu bezeichnen pflegen, wollen wir uns hier
etwas näher ansehen.
Beutesuche mittels Ultraschallpeilung
Die Gruppe der Delphinartigen gehört innerhalb
der Ordnung der Waltiere (Cetacea) zur Unterordnung der Zahnwale
(Odontoceti) und setzt sich aus ungefähr 40 Arten in drei
Familien zusammen: Die Familie der Schweinswale (Phocoenidae)
besteht aus sechs Arten, welche zumeist in Küstennähe
leben und sich von den übrigen Delphinen durch ihre etwas
pummelige Gestalt und ihre spatelförmigen Zähne unterscheiden.
Zur Familie der Gründelwale (Monodontidae) gehören
nur zwei Arten, nämlich der Weisswal oder Beluga und der
Narwal, welche beide in der arktischen Treibeiszone zu Hause
sind. Die Familie der Eigentlichen Delphine (Delphinidae) schliesslich
umfasst die restlichen 32 Arten dieser Gruppe, deren bekanntere
Vertreter der Gewöhnliche Delphin, der Grosse Tümmler
und der Schwertwal sind.
Die Aufzählung zeigt, wie unübersichtlich
die Bezeichnung der Waltiere im deutschen Sprachraum gehandhabt
wird. In erster Linie entscheidet die Grösse eines Waltiers,
ob es nun als «Wal», «Delphin» oder «Tümmler»
angesprochen wird. Der Gestalt, welche ja Ausdruck der verwandtschaftlichen
Beziehungen ist, wird dagegen kaum Beachtung geschenkt. Die drei
Begriffe überschneiden sich deshalb mit der systematischen
Einteilung der Tiere in so verwirrender Weise, dass dem Laien
ein Zurechtfinden überaus schwer fällt. Kommt hinzu,
dass die Systematik der heute lebenden Waltiere in Fachkreisen
noch dermassen umstritten ist, dass man neuerdings sogar in «Grzimeks
Enzyklopädie», also in ein und demselben Nachschlagewerk,
auf zwei verschiedene Darstellungen der verwandschaftlichen Beziehungen
der Waltiere trifft...
Um sich im Wasser zu orientieren, verfügen die
Delphine über ein Präzisionsortungsverfahren nach dem
Echolotprinzip. Dabei senden sie Ultraschallwellen, das heisst
sehr hohe und für das menschliche Ohr höchstens als
«Klicks» oder schnelles «Rattern» hörbare
Töne aus und horchen, ob diese von etwaigen im Wasser vorhandenen
Objekten als Echo zu ihnen zurückkehren. Die Auswertung
solcher Echos ermöglicht es den Delphinen dann, Entfernung,
Grösse, Bewegungsrichtung usw. der betreffenden Objekte,
seien es nun Beutetiere, Artgenossen, Feinde oder Hindernisse,
exakt zu bestimmen.
Obschon der Lauterzeugung und Lautwahrnehmung bei
Delphinen schon zahlreiche Studien gewidmet wurden, sind immer
noch viele Fragen in diesem Zusammenhang unbeantwortet. Man vermutet
aber heute, dass die Delphine ihre Hochfrequenztöne nicht
im (stimmbandlosen) Kehlkopf erzeugen, sondern in speziellen,
hinter der Stirn liegenden Nasenluftsäcken. Ferner glaubt
man, dass die Töne in der Folge durch das dem Oberkiefer-Stirn-Bereich
aufgelagerte Polster aus Fett und Bindegewebe, die sogenannte
«Melone», wie durch eine «akustische Linse»
zu einem schmalen, nach vorn gerichteten Peilstrahl mit grosser
Reichweite gebündelt werden. Und man ist der Ansicht, dass
das von einem Objekt zurückkehrende Echo von den Delphinen
nicht durch das Ohr aufgenommen wird, sondern durch besondere
ölgefüllte «Empfangskanäle» im Unterkiefer,
von wo sie via Mittelohr zum akustischen Auswertungszentrum des
Grosshirns gelangen.
Die Ultraschallpeilung der Delphine arbeitet für
uns Menschen unvorstellbar präzis. Offensichtlich vermögen
die Tiere mittels unterschiedlicher Klangbündel zwischen
100 und 200 000 Hertz ein fragliches Objekt «haargenau»
abzutasten und sich mit Hilfe der vielfältigen Echos im
Gehirn ein naturgetreues «Bild» davon zu machen.
Bei Experimenten in Gefangenschaft konnten Delphine Objekte mit
Grössenunterschieden von wenigen Millimetern auseinanderhalten,
frische und weniger frische Fische unterscheiden, mit verbundenen
Augen Ringe einsammeln, quer durch ihr Bassin gespannten Fäden
ausweichen und noch viele weitere «Kunststücke»
ausführen.
«Musterbilder» der Delphinfamilie
Ausgesprochen rassige Hochleistungsschwimmer der offenen
Meere - und damit sozusagen «Musterbilder» der Delphinverwandtschaft
- sind die Schmalschnabeldelphine der Gattung Stenella
aus der Familie der Eigentlichen Delphine:
Der Spinnerdelphin (Stenella longirostris)
schwimmt nicht nur begeistert mit schnellen Schiffen um die Wette,
sondern springt auch häufig mit dem ganzen Körper aus
dem Wasser und dreht sich in der Luft mehrfach um die eigene
Längsachse, bevor er wieder ins Wasser eintaucht. Bis zu
sieben Umdrehungen sind bei einem einzigen Sprung schon gezählt
worden! Der Sinn dieses akrobatischen Verhaltens ist nicht bekannt;
wahrscheinlich geschieht es einfach nur aus «Spass an der
Freud». Auf jeden Fall aber verdankt ihm der Spinnerdelphin
seinen Namen (engl. spin = wirbeln, drehen).
Eine Länge von 1,8 bis 2 Metern und ein Gewicht
von 75 Kilogramm weist der Spinnerdelphin im Durchschnitt auf.
Seine Heimat sind die tropischen und wärmeren gemässigten
Zonen sämtlicher Ozeane der Erde. Vorzugsweise geht er auf
offener See in den tieferen Wasserschichten (bis 200 Meter unter
der Oberfläche) auf Fisch- und Tintenfischfang.
Der Spinnerdelphin gilt als recht häufige Delphinart.
Allein im östlichen Pazifik, wo man ihn in riesigen Schulen
von weit über 1000 Individuen antreffen kann, wird sein
Bestand auf 1,3 Millionen Tiere geschätzt. Da er gerne Thunfischschwärme
«begleitet», gerät er leider leicht als «Beifang»
in die Netze der Thunfischfänger. Gezielte Jagd auf den
Spinnerdelphin wird zudem vor einigen Südseeinseln und in
grösserem Ausmass auch bei Japan ausgeübt.
Der Atlantische Fleckendelphin (Stenella
frontalis) verdankt seinen Namen dem Tupfenmuster seiner
Haut, das der Fellzeichnung des Seehunds ähnelt. Er ist
etwas grösser und «stämmiger» gebaut als
der Spinnerdelphin und bringt bei einer Körperlänge
von ungefähr 2,3 Metern ein Gewicht von 110 Kilogramm auf
die Waage.
Das Verbreitungsgebiet des Atlantischen Fleckendelphins
umfasst die tropischen und gemässigten Bereiche des Atlantischen
Ozeans, wo er bevorzugt die Hochsee bewohnt und nahe der Oberfläche
nach Heringen, Sardellen und anderen Fischen jagt. Auf der «amerikanischen»
Seite des Atlantiks scheint der Atlantische Fleckendelphin nicht
selten zu sein; Schätzungen seines Gesamtbestands liegen
jedoch keine vor. Der Atlantische Fleckendelphin scheint im übrigen
kaum Verluste durch Menschenhand zu erleiden.
Der Blauweisse Delphin (Stenella coeruleoalba)
ist mit einer durchschnittlichen Länge von 2,4 Metern zwar
etwas grösser als der Atlantische Fleckendelphin, mit seinem
schlankeren Rumpf wiegt er jedoch im Durchschnitt nur etwa 100
Kilogramm. Gekennzeichnet ist er durch einen hinter dem Auge
gegabelten schwarzen Streifen, der die blaugraue Oberseite von
der weissen Unterseite trennt. Er wird deshalb auch «Streifendelphin»
genannt.
In oftmals riesigen, bis 3000 Individuen zählenden
Schulen bewohnt der Blauweisse Delphin die tropischen und gemässigten
Zonen sowohl des Atlantischen als auch des Pazifischen Ozeans
und ernährt sich dort von allerlei Fischen und Krustentieren.
Der Blauweisse Delphin scheint in seinem ganzen Verbreitungsgebiet
noch recht häufig vorzukommen. Schaden durch den Menschen
erleidet er hauptsächlich bei Japan, wo alljährlich
viele tausend Tiere wegen ihres in der lokalen Küche sehr
geschätzten Fleisches gefangen werden. Ferner verunfallen
im Mittelmeer jedes Jahr etwa 2000 Blauweisse Delphine in den
Netzen der italienischen Schwertfisch- und Thunfischfänger.
Ein sehr naher Verwandter der Schmalschnabeldelphine
ist der Gewöhnliche Delphin (Delphinus delphis).
Aufgrund geringfügiger Abweichungen in seinem Zahn- und
Schädelbau wird er jedoch in eine eigene Gattung gestellt.
Der Name lässt keinen Zweifel, dass wir es beim
Gewöhnlichen Delphin mit dem Delphin schlechthin zu tun
haben. Obschon sich sein Verbreitungsgebiet über die tropischen
und gemässigten Regionen sämtlicher Ozeane der Erde
erstreckt, ist er uns vor allem als «Mittelmeerdelphin»
geläufig. Schon die alten Griechen und alten Römer
erzählten sich allerlei phantasievolle Geschichten über
den zutraulichen Meeressäuger, und sein Abbild schmückt
etruskische Vasen ebenso wie phönizische Mosaike.
Mit einer Länge um 2 Meter und einem Gewicht
von durchschnittlich 75 Kilogramm ist der Gewöhnliche Delphin
ein verhältnismässig zierliches Mitglied der Delphinfamilie.
Auf der Flanke besitzt er eine charakteristische sanduhrförmige
Zeichnung, welche in der vorderen Hälfte cremefarben, in
der hinteren gräulich ist. Seine Nahrung besteht aus einer
breiten Vielfalt von Fischen, Tintenfischen, Garnelen und anderen
Meerestieren. Er ist im übrigen ein sehr geschickter Schwimmkünstler,
der Fliegende Fische bis in die Luft verfolgt.
Der Gewöhnliche Delphin gilt als einer der häufigsten
Delphine. Im östlichen Pazifik, wo sein Bestand auf 1,4
Millionen Individuen geschätzt wird, bildet er oftmals Schulen
von mehreren hundert oder sogar einigen tausend Tieren. Leider
hält er sich gerne in Gesellschaft von Thunfischschwärmen
auf und verunglückt darum in grosser Zahl in den Netzen
der Thunfischfänger.
Gefahr durch Beutelnetze und Schadstoffe
Die Zahl der Delphine, die vom Menschen teils gezielt,
teils unabsichtlich getötet werden, hat in jüngerer
Zeit stark zugenommen. Schätzungsweise 250 000 Delphine,
vielleicht sogar noch mehr, dürften derzeit im Jahr dem
Menschen zum Opfer fallen. Mehrere Arten, so etwa der Pazifische
Schweinswal, sind deshalb heute vom Aussterben bedroht.
Jagd auf Delphine zur Nahrungsbeschaffung wird in
den Küstengewässern der Färöer und Grönland
sowie im Bereich von Sri Lanka, Venezuela, Chile und besonders
Peru und Japan gemacht. Der Fang von Delphinen in Peru scheint
erst begonnen zu haben, nachdem die lokalen Fischbestände
erschöpft waren und sich die peruanische Fischerei nach
anderer Beute umsehen musste. Die in jüngerer Zeit erfolgte
massive Ausdehnung des Delphinfangs in den japanischen Gewässern
mag ähnliche Gründe haben.
Die Hauptgefahr für die Delphine geht heute aber
keineswegs mehr von Harpunen und Gewehren aus, sondern paradoxerweise
von Fischnetzen, die gar nicht für sie ausgelegt werden.
So kommen beispielsweise Jahr für Jahr mehrere zehntausend
Delphine in den kilometerlangen Wandnetzen um, welche besonders
im Pazifik von den Flotten der hochindustrialisierten westlichen
Nationen zum Fang von Tintenfischen und Lachsen eingesetzt werden.
Die modernen synthetischen einfaserigen Netze scheinen die Klicklaute
der Delphine nicht oder ungenügend zu reflektieren, weshalb
sich die Tiere häufig in den Maschen der Netze verfangen,
dadurch am Luftholen gehindert werden und kläglich ertrinken.
Noch verheerender sind die Auswirkungen des seit den
späten fünfziger Jahren betriebenen Fangs von Gelbflossen-Thunfischen
mittels Beutelnetzen im östlichen Pazifik. Aus nicht genau
bekannten Gründen vergesellschaften sich Gelbflossen-Thunfischschwärme
und Delphinschulen gerne. Möglicherweise handelt es sich
dabei um Zweckgemeinschaften, bei denen die Thunfische von den
hervorragenden Fähigkeiten der Delphine bei der Beutefischortung
profitieren und die Delphine ihrerseits von den tieferschwimmenden
Thunfischen durch deren Auseinanderstieben frühzeitig vor
Hochseehaien und anderen etwaigen Fressfeinden gewarnt werden.
Das Schicksal will es nun, dass zum einen Thunfische
zu sehr begehrten Speisefischen des Menschen geworden sind und
dass zum anderen der Mensch Thunfisch-Delphin-Schwärme besonders
leicht auszumachen vermag, weil die Delphine zum Atmen immer
wieder auftauchen müssen. Gerade um die Thunfisch-Delphin-Gesellschaften
legen die menschlichen Thunfischfänger daher besonders häufig
ihre Beutelnetze, schliessen den Netzboden und ziehen das Netz
vom Schiff aus ein - ungeachtet der für sie «wertlosen»
Delphine, die dabei in grosser Zahl getötet werden. Zwischen
80 000 und 120 000 Delphine verlieren nach offiziellen Angaben
alljährlich auf solch unglückselige Weise ihr Leben.
Um diese unnötigen Delphinverluste herabzusetzen,
versuchen die Naturschutzorganisationen der USA seit geraumer
Zeit, in ihrem Land, wo einer der grössten Märkte für
Thunfischfleisch besteht, ein Gesetz zu erwirken, wonach die
Produzenten von Thunfischkonserven auf ihren Etiketten vermerken
müssen, ob beim Fang der betreffenden Thunfische Delphine
zu Schaden kamen. Der Konsument könnte dann zwischen «delphinschädlichen»
und «delphinunschädlichen» Thunfischkonserven
wählen. Anfang 1990 haben diese bemerkenswerten Anstrengungen
einen ersten Erfolg erzielt, als sich mehrere Thunfischkonserven-Hersteller
unter dem zunehmenden Druck der Öffentlichkeit dazu bereit
erklärten, zukünftig keine Thunfische mehr zu verwerten,
bei deren Fang Delphine umkamen. Im übrigen wurden in den
letzten Jahren Beutelnetze mit «Notausgängen»
für Delphine und spezielle Fangvarianten entwickelt, wodurch
das Ausmass der Delphintötungen deutlich vermindert werden
konnte.
Es sei hier zum Schluss noch darauf hingewiesen, dass
den Delphinen in jüngerer Zeit eine zwar wenig augenfällige,
dafür aber besonders mächtige Gefahr durch all die
giftigen Substanzen erwächst, welche der Mensch in immer
grösseren Mengen in die Meere entlässt. Betroffen gemacht
hat unlängst eine Abklärung der Faktoren, welche zum
massiven Rückgang einer Weisswal-Population im nordamerikanischen
St. Lorenz-Golf geführt haben. Die Studie ergab, dass die
Weisswale unglaubliche Mengen menschgemachter Schadstoffe in
ihrem Körper eingelagert haben, und dass dies wohl in erster
Linie für den Bestandszerfall verantwortlich ist. Der St.
Lorenz-Weisswal wurde darauflhin zum «meistverseuchten
Säugetier der Welt» erklärt.
Den anderen Delphinbeständen dürfte es nicht
viel besser ergehen. Als grossgewachsene Unterwasserjäger
stehen sie an der Spitze vieler mariner Nahrungsketten, in denen
sich über mehrere Glieder hinweg die im Wasser vorhandenen
Schadstoffe in hoher Konzentration ansammeln. Das Überleben
der Delphine wird darum in entscheidendem Masse davon abhängen,
ob und wie bald es uns gelingt, der verheerenden Verschmutzung
der Meere ein Ende zu bereiten und für die Gesunderhaltung
der (auch für den Menschen überlebenswichtigen) marinen
Ökosysteme zu sorgen.
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