Azorengimpel

Pyrrhula pyrrhula murina


© 1990 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Spötter sagen von den Azoren, dass sie zwar nicht das Ende der Welt seien, aber dass man das Ende der Welt von da aus sehen könne. Die Azoreaner lächeln nur über diese «Weisheit» und führen ihr einfaches Inselleben inmitten des Nordatlantiks unbeirrt weiter. Etwas abgeschieden fühlen sie sich zwar mitunter schon, beträgt doch die kürzeste Entfernung nach Osten, zur portugiesischen Westküste, 1500 Kilometer und nach Nordwesten, zur Küste Neufundlands, 1800 Kilometer. Selbst der nächste Archipel im Atlantik, die Madeira-Gruppe, ist gegen 900 Kilometer entfernt. Dafür sind sie bis heute von der kontinentalen Betriebsamkeit verschont geblieben, und das entschädigt für manches.

Die Azoren bestehen aus neun bewohnten Inseln mit einer Landfläche von zusammen 2335 Quadratkilometern und einer Gesamtbevölkerung von rund 250.000 Personen. Die Inseln gliedern sich in drei weit auseinanderliegende Gruppen: Die «Zentralgruppe» umfasst Faial (178 km2), Pico (433 km2), Sao Jorge (238 km2), Graciosa (62 km2) und Terceira (397 km2). Zur 240 Kilometer weiter nordwestlich gelegenen «Westgruppe» gehören die beiden Inseln Flores (142 km2) und Corvo (18 km2). Und zur 160 Kilometer weiter südöstlich gelegenen «Ostgruppe» zählen Sao Miguel (770 km2) und Santa Maria (97 km2). Seit 1834 sind die Azoren regulärer Teil des portugiesischen Staatsgebiets und besitzen seit 1980, als die portugiesische Militärdiktatur ihr Ende fand, den Status einer «Autonomen Region» mit eigenem Parlament und eigener Regierung.

Sao Miguel, die grösste Insel des Archipels, wird von mehr als der Hälfte der azoreanischen Bevölkerung bewohnt und ist Sitz der Archipelhauptstadt Ponta Delgada. Und überdies beherbergt sie einen der seltensten und meistbedrohten Singvögel der nördlichen Hemisphäre: den Azorengimpel, von dem auf diesen Seiten die Rede sein soll.

 

Lorbeerwälder haben Seltenheitswert

Die Vegetation der Azoren hatte bis zur Ankunft des Menschen hauptsächlich aus immergrünen Lorbeer äldern bestanden, einer Pflanzengesellschaft mit üppiger Moos-, Kraut- und Strauchschicht und verhältnismässig wenigen, eher kümmerlichen Baumarten, von denen vor allem der namengebende Lorbeerbaum (Laurus azorica) zu erwähnen ist. Schon bald nach der Entdeckung des Archipels im Jahr 1427 begannen die Inselsiedler jedoch damit, die natürliche Pflanzendecke nach ihren Wünschen zu verändern. In den unteren Lagen wurde sie durch Dörfer, Gärten und Äcker ersetzt, in den höher gelegenen Regionen in Weideland und Nutzwälder umgewandelt. Heute sind rund 75 Prozent der auf den Azoren wachsenden Pflanzenarten «Exoten», also vom Menschen eingebürgerte Nutz- und Zierpflanzen. Die «echte» einheimische Flora hat nur in geringen Resten an Feldrainen, steilen Hängen und anderen schwer zugänglichen Stellen überlebt. Man schätzt, dass höchstens noch auf zwei Prozent der ursprünglichen Fläche Lorbeerwald wächst, und leider sind selbst diese letzten Waldreste mancherorts durch frei weidende Ziegen, Schafe und Schweine sowie durch eingeschleppte Pflanzenarten stark verändert und in ihrem Fortbestand bedroht.

Verhältnismässig unversehrte Stücke azoreanischen Lorbeerwalds finden sich heute einzig noch auf den Inseln Sao Jorge, Pico und Faial in der Zentralgruppe sowie auf der ganz im Osten gelegenen Hauptinsel Sao Miguel. Am ursprünglichsten, darin sind sich die Botaniker einig, ist der Lorbeerwald beim 1105 Meter hohen Pico da Vara im Osten von Sao Miguel, obschon er eine Fläche von lediglich vier Quadratkilometern aufweist. Das Waldgebiet ist gekennzeichnet durch ein Wirrwarr schroffer Grate und tief eingeschnittener Schluchten. Und genau dieser Unzugänglichkeit dürfte es zu verdanken sein, dass der Pico-da-Vara-Wald bis heute in seiner Urwüchsigkeit erhalten geblieben ist.

 

36 azoreanische Brutvögel

Insgesamt haben die Ornithologen bislang 180 Vogelarten für die Azoren aufgelistet. Bei den meisten von ihnen, nämlich 154, handelt es sich allerdings um Zugvögel, welche auf ihren Herbst- und Frühjahrswanderungen regelmässig hier vorbeikommen bzw. hin und wieder von ihren weiter östlich verlaufenden Zugrouten abkommen und sich hierher retten. Nur 36 sind einheimische Brutvögel.

Der weitaus häufigste Brutvogel der Azoren ist der Gelbschnabelsturmtaucher (Calonectris diomedea), von dem etwa 500.000 Paare (das sind gut 80 Prozent der Weltpopulation) im Bereich der Inselgruppe brüten. Weitere Meeresvögel mit grösseren Brutpopulationen sind die Rosenseeschwalbe (Sterna dougalli), der Kleine Sturmvogel (Puffinus assimilis) und der Madeira-Wellenläufer (Oceanodroma castro).

Überraschenderweise findet man auf den Azoren keine endemischen Landvogelarten, wie dies auf vielen anderen ozeanischen Inseln der Fall ist. Möglicherweise gab es einstmals eine endemische Taubenart; gewisse Indizien sprechen hierfür. Und nach Ansicht mancher Fachleute sollte der Azorengimpel, dem diese Briefmarkenausgabe gewidmet ist, als endemische Art eingestuft werden. Der Internationale Rat für Vogelschutz (ICBP), dessen Meinung sich der Welt Natur Fonds (WWF) anschliesst, behandelt ihn aber vorderhand noch als lokale Unterart des eurasischen «Festlandgimpels».

Auf jeden Fall vermag der ornithologisch interessierte Besucher der Azoren aber eine ganze Reihe endemischer Vogelunterarten auszumachen. Zu nennen sind etwa die Azorenamsel (Turdus merula azorensis), der Azorenbuchfink (Fringilla coelebs moreletti), die Azorenmönchsgrasmücke (Sylvia atricapilla atlantis), die Azorenwachtel (Coturnix coturnix conturbans) und die Azorengebirgsstelze (Motacilla cinerea patriciae). Vom Wintergoldhähnchen (Regulus regulus) gibt es sogar drei verschiedene Rassen: azoricus auf Sao Miguel, sanctamariae auf Santa Maria und inermis auf Pico. Sie alle stammen von Vorfahren ab, die irgendwann in grauer Vorzeit auf irgendwelchen, zumeist wohl recht abenteuerlichen Wegen vom europäischen Festland her den Archipel erreicht hatten und sich hier erfolgreich anzusiedeln vermochten. Im Laufe langer Zeiträume haben sich aus diesen Vögeln dann aufgrund der Isolation inmitten des Atlantiks und der lokalen Lebensbedingungen die heutigen Rassen herausgebildet, die sich in Färbung, Grösse und Verhalten mehr oder weniger stark von ihren Vettern auf dem Kontinent unterscheiden.

Die bisher genannten Landvogelrassen sind auf den Azoren verhältnismässig häufig vertreten und lassen sich unschwer beobachten. Es gibt aber auch ein paar seltenere Rassen, die schwieriger anzutreffen sind. Zu ihnen zählen beispielsweise die Azorenringeltaube (Columba palumbus azorica) und der Azorenmäusebussard (Buteo buteo rothschildi). Beide standen lange Zeit unter erheblichem Jagddruck und gingen deshalb in ihrem Bestand stark zurück. Die Ringeltaube galt als Leckerbissen in der azoreanischen Küche; der Mäusebussard wurde als «Hühnerdieb» bekämpft und war als Trophäe begehrt. Noch heute ziert er in «Adlerpose» mit ausgebreiteten Schwingen manches azoreanische Wohnzimmer.

Am schlimmsten steht es aber ohne Zweifel um den Azorengimpel oder Azorischen Dompfaff (Pyrrhula pyrrhula murina). Als spezialisierter Lorbeerwaldbewohner hat er unter der Zerstörung der ursprünglichen azoreanischen Pflanzendecke enorm gelitten und kommt heute einzig noch in geringer Zahl in besagtem Lorbeerwald-Rest beim Pico da Vara auf Sao Miguel vor.

 

Anlass für einen «Federkrieg»

Der Gimpel (Pyrrhula pyrrhula) gehört innerhalb der Ordnung der Sperlingsvögel (Passeriformes) zur Familie der Finken (Fringillidae) und ist, wie alle übrigen Mitglieder dieser «Sippe», ein kleiner, hauptsächlich Sämereien essender Vogel mit kurzem, kräftigem Schnabel. Sein Verbreitungsgebiet ist ausserordentlich weit: Es erstreckt sich von den Azoren über ganz Europa und durch Nord- und Zentralasien bis nach China und Japan. Insgesamt zehn Gimpelunterarten werden innerhalb dieses riesigen Areals unterschieden, darunter etwa die britische (pileata), die nordische (pyrrhula), die mitteleuropäische (coccinea) und natürlich die azoreanische (murina).

Bei allen europäischen Festlandrassen sind die Männchen gekennzeichnet durch eine rote Unterseite und einen weissen Bürzel, während die Weibchen (und die Jungvögel) eine graubraune Unterseite mit weissem Bürzel aufweisen. Die azoreanische Gimpelrasse unterscheidet sich hiervon recht deutlich: Die Männchen sind unterseits nicht rot, sondern wie die Weibchen graubraun gefärbt, und bei beiden Geschlechtern ist der Bürzel nicht weiss, sondern ebenfalls graubraun.

Als der englische Ornithologe Du Cane Godman im Jahr 1865 in der sehr angesehenen britischen Ornithologen-Zeitschrift «Ibis» erstmals eine Beschreibung des Azorengimpels veröffentlichte, wurde er sogleich vom portugiesischen Zoologieprofessor Bocage in Lissabon scharf kritisiert. Bocage beschuldigte Godman, er habe das Geschlecht der gesammelten Azorengimpel falsch bestimmt; alle untersuchten Exemplare seien zweifellos Weibchen gewesen. Es entspann sich in der Folge ein bissiger «Federkrieg» zwischen den beiden Wissenschaftlern, der erst durch eine hochoffizielle neuerliche Überprüfung der im Besitz von Godman befindlichen Vögel beigelegt werden konnte.

 

Als Obstbaumschädling verfolgt

Zur Zeit seiner Entdeckung, um die Mitte des letzten Jahrhunderts, scheint der Azorengimpel verschiedenen Berichten zufolge in seiner Inselheimat recht häufig gewesen zu sein. Bereits 1903 stellte jedoch eine vom Britischen Museum in London ausgeschickte Forschergruppe fest, dass der Vogel überaus selten und sein Aussterben «wahrscheinlich eine Sache von wenigen Jahren» sei. Trotz dieses wenig erfreulichen Befunds sammelten die Expeditionsteilnehmer insgesamt zwölf Azorengimpel - wohl in der Überzeugung, dass der Vogel ja ohnehin dem Untergang geweiht sei.

Noch schlimmer wütete ein professioneller Sammler im Jahr 1907: Er entnahm gleich 53 der seltenen (und von Museen und Instituten hochbegehrten) Vögel aus der freien Wildbahn. 1927 wurde der Azorengimpel letztmals lebend gesehen. In der Folge entzog er sich mehr als vierzig Jahre lang den Nachforschungen der Vogelkundler und galt bereits als ausgestorben - bis er 1968 wiederentdeckt wurde.

Hier wäre anzumerken, dass die besagten Museumssammler dem Azorengimpel zwar beinahe den Todesstoss versetzt hätten. Die eigentlichen Ursachen für den Niedergang des hübschen Vogels lagen jedoch woanders, nämlich erstens in der Zerstörung seines Lebensraums, der Lorbeerwälder, und zweitens in seiner Verfolgung als landwirtschaftlicher Schädling.

Der kräftige Schnabel dient dem Gimpel dazu, Sämereien, Körner und Nüsschen aller Art aufzubrechen. Diese Pflanzenteile bilden seine hauptsächliche Kost. Ausgangs Winter, wenn solches Futter in freier Wildbahn immer spärlicher wird, ergänzt der Gimpel seine Nahrung aber auch gern mit fest verschlossenen, nährstoffreichen Blütenknospen, die er von Bäumen und Sträuchern abzwickt. Diese Nahrungsgewohnheit führt ihn in den dicht besiedelten und oft flächendeckend kultivierten Regionen Mitteleuropas regelmässig in die Obstgärten des Menschen, wo er sich «genüsslich» über die Blüten der Fruchtbäume und Beerensträucher hermacht. So ist der Vogel bei manchem Landwirt gar nicht gern gesehen, denn in gewissen Jahren kann er tatsächlich recht erhebliche Ernteeinbussen hervorrufen. Von landwirtschaftlicher Seite angestrengte Studien haben gezeigt, dass ein hungriger Gimpel die Blüten eines Fruchtbaums mit einer Geschwindigkeit von mehr als dreissig Stück pro Minute vertilgt!

Auch der Azorengimpel, der in dieser Hinsicht wohl kaum ungeschickter vorgeht als sein Vetter auf dem Festland, hatte sich im letzten Jahrhundert in seiner Heimat den Ruf eines landwirtschaftlichen Schädlings eingehandelt. Und so richtete sich denn eine Verordnung, welche die Verwaltung der Insel Sao Miguel im Jahr 1843 erliess, um die Schäden an den Obstgärten durch Singvögel zu vermindern, auch gegen ihn: Sie besagte, dass alle Personen, welche Rebland, Waldungen oder Obstgärten besässen, für jeden Morgen Landes (das entspricht ungefähr 40 Hektaren) acht Köpfe oder Schnäbel von schädlichen Vögeln - namentlich von Amseln, Kanarienvögeln, Buchfinken, Mönchsgrasmücken und Gimpeln - abzuliefern hätten.

Unter dieser Verordnung litt der Gimpel in der Folge besonders stark, da er zum einen der zutraulichste der fünf «Schädlinge» war und zum anderen seine Bestände aufgrund der erheblichen Lebensraumverminderung ohnehin stark geschwächt waren.

 

Schutz des Pico-da-Vara-Waldes vordringlich

Der heutige Gesamtbestand des Azorengimpels wird auf etwa 40 bis 80 Paare geschätzt. Nachdem der Vogel 1968 wiederentdeckt worden war, erliess die Inselverwaltung alsbald ein striktes Abschuss und Fangverbot für den seltenen Vogel. Leider steht aber sein letztes und einziges Lebensgebiet, der Lorbeerwald beim Pico da Vara, noch immer nicht unter Schutz. Zwar schlug die Forstbehörde des Archipels 1987 vor, diesen letzten Rest ursprünglichen azoreanischen Waldes auf Sao Miguel als Reservat auszuweisen. Und 1989 setzte der ICBP das Waldstück auf seine Liste der bedeutenden, unbedingt schützenswerten Vogelgebiete. Konkrete Schutzmassnahmen sind jedoch bis heute keine ergriffen worden. Für den Fortbestand des bedrohten Azorengimpels ist dieser Schritt aber unerlässlich. Nicht zuletzt würden damit auch all die anderen bedrängten Vertreter der ursprünglichen azoreanischen Flora und Fauna hier ein sicheres Zuhause finden.




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