Bärenmaki
Arctocebus calabarensis
© 1997 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Hamster- bis gorillagrosse, an ein Kletterleben auf
Bäumen angepasste Säugetiere sind die Primaten (Ordnung
Primates), von denen es weltweit rund 230 Arten gibt. Die meisten
von ihnen - rund 180 Arten oder 80 Prozent - gehören einer
der beiden neuweltlichen Familien der Krallenaffen (Callitrichidae)
und der Kapuzinerartigen (Cebidae) oder einer der drei altweltlichen
Familien der Meerkatzenverwandten (Cercopithecidae), der Gibbons
(Hylobatidae) und der Menschenverwandten (Hominidae) an.
Diesen «echten» Primaten stehen rund 50
Arten altweltlicher Primaten in acht Familien gegenüber,
welche gewöhnlich als «Halbaffen» bezeichnet
werden. Sie sind mit ersteren stammesgeschichtlich eher fern
verwandt, und tatsächlich haben viele von ihnen spitzschnäuzige
Köpfe, welche gar nicht affenähnlich sind. In ihrem
Aussehen erinnern sie eher an Füchse oder Katzen, zumal
sich ihre Nasenöffnungen wie bei diesen und den meisten
anderen Säugetieren in einem zweigeteilten, feuchten «Nasenspiegel»
(Rhinarium) befinden. Bezugnehmend auf dieses Merkmal werden
die «Halbaffen» - um diesen abwertenden Begriff zu
vermeiden - heute im allgemeinen als «Primaten mit Nasenspiegel»
(Strepsirhini) bezeichnet, während die Mitglieder der eingangs
erwähnten fünf Familien als «Primaten ohne Nasenspiegel»
(Haplorhini) zusammengefasst werden.
Ein wenig bekanntes Mitglied der Strepsirhini ist
der Bärenmaki oder Angwantibo (Arctocebus calabarensis),
ein bedächtiger Greifkletterer, der in den tiefliegenden
Regenwäldern Zentralafrikas zwischen dem Niger im Westen
und dem Zaire im Osten - also in den Ländern Nigeria, Kamerun,
Äquatorialguinea, Gabun, Kongo und Zaire - heimisch ist.
Von ihm soll hier berichtet werden.
Calabarpotto und Goldpotto
Der Bärenmaki gehört innerhalb der Sippe
der Strepsirhini zur Familie der Loris (Loridae; früher
«Lorisidae»), die sich aus nur fünf Arten zusammensetzt.
Sein nächster Verwandter ist der ebenfalls in Äquatorialafrika
heimische Potto (Perodicticus potto). Bei den anderen
drei Arten handelt es sich um Asiaten: den Schlanklori (Loris
tardigradus) von Sri Lanka und Südindien, den Plumplori
(Nycticebus coucang), der in Südostasien weitverbreitet
ist, und den Kleinen Plumplori (Nycticebus pygmaeus) von
Laos, Kambodscha und Vietnam.
Mit seinen grossen, nach vorn gerichteten «Knopfaugen»,
den kleinen, abgerundeten Ohren, dem kurzwolligen, plüschartigen
Fell, dem Stummelschwanz und seinem ruhigen Wesen wirkt der Bärenmaki
auf uns Menschen ausgesprochen «niedlich». Er erinnert
irgendwie an einen «Teddybären» - daher ja auch
sein Name. Ausgewachsene Individuen weisen eine Kopfrumpflänge
von 23 bis 30 Zentimetern auf und wiegen zwischen 250 und 500
Gramm, was unter den Primaten mit Nasenspiegel etwa Mittelmass
bedeutet.
Aufgrund der Fellfärbung und des geografischen
Vorkommens sind zwei verschiedene Unterarten des Bärenmakis
beschrieben worden: erstens Arctocebus calabarensis calabarensis,
dessen Fell graubraun gefärbt ist und der im Westen des
Verbreitungsgebiets, zwischen den Flüssen Niger und Sanaga
(in Kamerun), vorkommt; zweitens Arctocebus calabarensis aureus,
dessen Fell rotgold leuchtet und der im Osten des Verbreitungsgebiets,
zwischen den Flüssen Sanaga und Zaire/Ubangi, anzutreffen
ist. Einige Fachleute betrachten diese beiden Rassen sogar als
eigene Arten namens «Calabarpotto» und «Goldpotto».
Faultierartige Zeitlupenbewegungen
Ein gemeinsames Merkmal aller Primaten ist ihre Fähigkkeit,
beim Klettern die Unterlage mit den Händen fest zu ergreifen,
wobei der den restlichen Fingern gegenüberstellbare Daumen
eine sehr wichtige Rolle spielt. Dieses Klettertalent liegt gewissermassen
an der Wurzel der Primatenordnung: Die Primaten entstanden nämlich
in den Bäumen, entwickelten sich und gediehen dort. Dadurch,
dass sie einen Ast mit den Händen umklammerten, statt wie
andere Säuger ihre Krallen hineinzuschlagen, wurden sie
zu den unumstrittenen Herren der Bäume - und nur ein lebendes
Mitglied der Primatenordnung hat das Geäst für immer
verlassen: der Mensch.
Nicht so der Bärenmaki: Er ist ein echter Baumbewohner,
dessen Hände kräftige «Greifwerkzeuge»
abgeben. An den Händen ist der zweite Finger stark zurückgebildet,
und da der Daumen weit abgespreizt werden kann, bildet die Hand
eine «Zange» mit besonders grosser Griffspannweite.
Die Füsse sind sehr ähnlich gebaut wie die Hände.
Allerdings ist die Rückbildung des zweiten Zehs weniger
stark ausgeprägt als die des zweiten Fingers.
Mit diesen Händen und Füssen vermag der
Bärenmaki erstaunlich fest zuzugreifen und sich im Geäst
zu verankern. Für einen einzelnen Menschen ist es kaum möglich,
ihn zu lösen. Man braucht beide Hände, um eine Bärenmakihand
oder einen Bärenmakifuss vom Ast zu trennen. Sobald man
jedoch die nächste Hand des kleinen Affen losmachen will,
hat die erste schon wieder festen Halt gefunden.
Zwar ist der Bärenmaki ein ausgeprägter
Baumbewohner. Er hält sich jedoch niemals im Kronendach
des Regenwalds auf, sondern bevorzugt als Lebensraum Waldbereiche
mit dichtem Unterholz, wie man sie auf Lichtungen aller Art oder
auch entlang von Gewässern findet. Dort, im üppigen
Gewirr von Sträuchern, Jungbäumen, Kletterpflanzen
und Lianen, bewegt er sich gewöhnlich in nur 3 bis 10 Metern
Höhe umher.
Wie die anderen Mitglieder der Lorifamilie bewegt
sich der Bärenmaki in seinem Lebensraum nicht etwa in «affenartigem»
Tempo umher, sondern mit faultierartigen Zeitlupenbewegungen.
Bedächtig klettert er dahin, stets darauf bedacht, möglichst
mit drei Gliedmassen fest verankert zu sein. Sprünge von
Ast zu Ast sind ihm völlig fremd. Hingegen vermag er dank
seines überaus festen Griffs ebensogut auf Ästen
zu gehen wie unterhalb derselben.
Nächtlicher Raupenesser
Unterwegs ist der Bärenmaki ausschliesslich nachts.
Den Tag verbringt er versteckt im dichten Blattwerk. Dort hängt
er sich unter einen Ast, klammert sich mit Händen und Füssen
fest und rollt sich ein, indem er seinen Kopf an die Brust zieht.
Erst deutlich nach Sonnenuntergang wacht der zierliche
Tagschläfer auf, putzt sich und gähnt. Dann geht er
auf die Nahrungssuche. Er wandert dabei viel umher und macht
vor allem Jagd auf Insekten. Die zeitlupenhaften, «fliessenden»
Bewegungen bieten ihm dabei einen grossen Vorteil: Unbemerkt
kann er sich nahe an seine Beutetiere heranpirschen und diese
dann mit einem plötzlichen - überraschend schnellen
- Zugriff packen. Eine Freilandstudie in Gabun hat gezeigt, dass
tierliche Bissen - vor allem Raupen, aber auch Käfer, Nachtfalter
und andere Insekten - rund 85 Prozent der Bärenmakikost
ausmachen. Den Rest bilden reife Früchte aller Art. Beim
Auffinden der Nahrung hilft dem Bärenmaki sein hervorragender
Geruchssinn, mit welchem er Raupen aus anderthalb Metern mühelos
aufzuspüren vermag. Zielsicher dreht er Blätter um
oder reisst Rindenstücke los, unter denen sich Insekten
verbergen - und zeigt damit, dass er die «Leckerbissen»
längst gerochen hat.
Durch seine bedächtigen Bewegungen ist der Bärenmaki
im übrigen vor einer Entdeckung durch Feinde gut geschützt:
Bei Annäherung einer Gefahr (in der Hauptsache Schleichkatzen)
erstarrt er sofort in seiner Vorwärtsbewegung. Wie versteinert
verharrt er minutenlang an Ort und bleibt dadurch oft unbemerkt
und unbehelligt.
Sollte ein Bärenmaki doch einmal von einem Feind
entdeckt und angegriffen werden, so ist er keineswegs wehrlos:
Er rollt sich beim Angriff zu einer Kugel zusammen, wobei er
den Kopf fest an die Brust zieht. Aus dieser Kugel ragt dann
nur noch der Schwanzstummel hervor, dessen Haare der Bärenmaki
sträubt. Beginnt der Angreifer, neugierig dieses Gebilde
zu untersuchen, so beisst der Bärenmaki blitzschnell unter
seinem Arm hervor mit seinen scharfen Zähnen zu und vermag
dadurch oftmals den Feind zu erschrecken und von seinem Vorhaben
abzubringen.
«Baby Parking»
Die erwachsenen Bärenmakis führen die meiste
Zeit des Jahres ein einzelgängerisches Leben. Nur zum Zweck
der Fortpflanzung kommen Männchen und Weibchen vorübergehend
zusammen, wobei wie bei den meisten Tropenwaldbewohnern keine
feste Paarungszeit besteht.
Nach einer Tragzeit von etwa 135 Tagen bringt das
Bärenmakiweibchen jeweils ein einzelnes Junges zur Welt,
das bei der Geburt 25 bis 30 Gramm wiegt. Während seiner
ersten drei Lebensmonate klammert sich das Junge fast ständig
an den Bauch seiner Mutter und wird in dieser Stellung von ihr
herumgetragen. Zwischendurch wird es aber von seiner Mutter auch
an einem sicheren Ort zurückgelassen, damit sie «unbeschwert»
auf Nahrungssuche gehen kann. Dort bleibt es dann an einen Ast
festgeklammert, bis die Mutter wieder zurückkehrt, was oftmals
Stunden dauern kann. Die Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang
von «baby parking».
Im Alter von drei bis vier Monaten wird das Bärenmakijunge
entwöhnt und nimmt fortan nur noch feste Nahrung zu sich.
Es begleitet seine Mutter weiterhin auf deren Streifzügen,
wobei es sich teils selbst fortbewegt, streckenweise aber noch
von ihr auf dem Rücken getragen wird. Ausgewachsen und geschlechtsreif
ist es im Alter von acht bis zehn Monaten. In dieser Phase löst
es sich von seiner Mutter und geht eigene Wege. Über die
Lebensdauer der Bärenmakis in freier Wildbahn ist nichts
bekannt; in Menschenobhut gehaltene Individuen sind bis dreizehn
Jahre alt geworden.
«Buschfleisch» für die Städter
Wie bei vielen regenwaldbewohnenden und speziell bei
einzelgängerisch und nachtaktiv lebenden Tierarten wissen
wir nur wenig über die Bestandssituation des Bärenmakis
innerhalb seines Verbreitungsgebiets. Die bislang vorliegenden
Erhebungen deuten jedoch darauf hin, dass er in weit geringerer
Populationsdichte vorkommt als andere Mitglieder der Lorifamilie,
wurden doch in ursprünglichem Regenwald Dichten von nur
zwei bis sieben Tieren je Quadratkilometer festgestellt. Ausserdem
ist das Vorkommen des Bärenmakis innerhalb seines Artverbreitungsgebiets
ausgesprochen fleckenhaft: In vielen Regenwaldbereichen ist der
bedächtige Kletterer nicht anzutreffen, obschon der Lebensraum
seinen Ansprüchen eigentlich genügen sollte.
Weder für die geringe Dichte noch für die
«Löchrigkeit» des Bärenmakibestands konnten
bislang ausreichende Erklärungen gefunden werden. Beides
macht die Art jedoch besonders empfindlich für Schadeinwirkungen,
insbesondere die im ganzen Verbeitungsgebiet massiv betriebene
Wildtierjagd und die auf breiter Front stattfindende Waldzerstörung.
Die Gefahr, welche den Regenwaldtieren Äquatorialafrikas
aus der Bejagung durch die ansässige menschliche Bevölkerung
erwächst, ist von den Naturschützern lange Zeit stark
unterschätzt worden. Wohl konnten die Tiere früher,
als die menschliche Besiedlungsdichte noch gering und die eingesetzten
Waffen technisch sehr einfach waren, die so verursachten Ausfälle
über ihre natürliche Nachzuchtrate wieder wettmachen.
Dies ist aber längst nicht mehr der Fall. Vielerorts wird
die Wildtierjagd inzwischen sehr intensiv betrieben, ganz besonders
im Bereich der schiffbaren, als Verkehrswege wichtigen Regenwaldflüsse,
wo die ansässige Bevölkerung sowohl für den Eigenbedarf
als auch für den Bedarf der durchziehenden Menschen jagt,
ja das «Buschfleisch» teils sogar per Schiff in die
weiter entfernten Städte liefert. Die Wildtierbestände
sind heute in diesen Regionen massiv ausgedünnt oder gar
vollständig vernichtet. Obschon entsprechende Erhebungen
fehlen, ist davon auszugehen, dass dies auch für den Baerenmaki
gilt, denn er ist nachweislich eine beliebte Beute der lokalen
Jäger und Fallensteller.
Lebensraumverlust, hauptsächlich in Form von
Waldrodungen für landwirtschaftliche Zwecke, heisst die
zweite, langfristig mindestens ebenso grosse Gefahr für
den Fortbestand des Bärenmakis. Im dichten Sekundärwuchs,
der nach der Gewinnung der kommerziell interessanten Regenwaldbäume
durch professionelle Unternehmen aufkommt, könnte er zwar
durchaus gedeihen. In solche Waldgebiete wandern jedoch im allgemeinen
über kurz oder lang landhungrige Pflanzer ein, welche die
Restvegetation brandroden, um ihre Pflanzungen anzulegen. So
schrumpft der für den Bärenmaki verfügbare Lebensraum
schnell und unwiederbringlich.
So hängt der Fortbestand des Bärenmakis
- wie der all seiner tierlichen Leidensgenossen - längerfristig
wohl einzig davon ab, ob genügend Regenwaldareale als Naturschutzgebiete
vor dem zerstörerischen Zugriff durch den Menschen geschützt
werden können.
Leider ist die Lage in den zentralafrikanischen Ländern
diesbezüglich wenig ermutigend. Am Beispiel der Republik
Kongo, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, ist das
klar ersichtlich: Kongo hat zwar bereits mehrere ausgedehnte
Waldgebiete unter Schutz gestellt, darunter den 1266 Quadratkilometer
grossen Odzala-Nationalpark im Nordwesten des Landes, das 6300
Quadratkilometer grosse Wildreservat Lefini im zentralen Süden
und das rund 3000 Quadratkilometer grosse Conkouati-Wildreservat
an der Atlantikküste. Leider fehlt den zuständigen
Regierungsstellen aber das Geld und das Personal, um den Vollzug
der vorhandenen Naturschutzgesetze durchzusetzen. Der Schutz
der genannten Naturlandschaften existiert demzufolge nur auf
dem Papier. Da sich diese unerfreuliche Situation aller Voraussicht
nach vorerst nicht ändern wird, ist die Zukunft der einzigartigen
Regenwälder des Landes und der vielgestaltigen Wildtiere,
welche darin ihre Heimat haben, leider höchst unsicher.
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