Bartgeier

Gypaetus barbatus


© 1999 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)



Der Bartgeier oder «Lämmergeier» (Gypaetus barbatus) hat ein ausserordentlich grosses Verbreitungsgebiet: Er kommt in vielen Gebirgsregionen Europas, Asiens und Afrikas vor. Drei Bartgeier-Rassen werden im allgemeinen unterschieden: Gypaetus barbatus barbatus bewohnt das Atlasgebirge in Marokko, Algerien und Tunesien; Gypaetus barbatus aureus ist in den Gebirgen Südwest- und Zentralasiens sowie Südeuropas zu Hause; und Gypaetus barbatus meridionalis besiedelt in zwei getrennten Populationen das nordöstliche und das südliche Afrika.

Mit einer Flügelspannweite von bis zu 270 Zentimetern gehört der Bartgeier zu den grössten flugfähigen Vögeln der Erde. Trotz seiner Grösse wiegt er allerdings nur fünf bis sieben Kilogramm, weshalb die Belastung der Flügel je Flächeneinheit sehr gering ist. Dies macht den Bartgeier zu einem ausgezeichneten Segelflieger. Im Gegensatz zu anderen Geiern ist er hierfür nicht auf Warmluftströmungen angewiesen, sondern es genügen ihm schon die leichtesten Aufwinde, wie sie beim Zusammentreffen bewegter Luftmassen in Berggebieten ständig und überall vorhanden sind.

Hinsichtlich seiner Ernährung ist der Bartgeier hoch spezialisiert: Seine Kost setzt sich zu 80 bis 90 Prozent aus den für andere Aasfresser unverdaulichen Knochen frisch toter Tiere zusammen. In Körperbau und Verhalten ist der grosse Vogel an die Nutzung dieser ungewöhnlichen Nahrungsnische bestens angepasst: So verfügt er über eine aussergewöhnlich grosse Mundspalte, die es ihm erlaubt, bis 18 Zentimeter lange und 3 Zentimeter dicke Knochen unzerkleinert zu verschlucken. Ferner erzeugt sein Magen besonders scharfe Magensäfte, welche die Knochensubstanz restlos abzubauen vermögen. Und nicht zuletzt besitzt er im Unterschied zu den übrigen Geierarten keine reinen Schreitfüsse, sondern sehr bewegliche Greiffüsse, welche das arttypische Verhalten des «Knochenbrechens» zulassen: Grosse Knochen nimmt der Bartgeier oft in seine kräftigen Fänge und lässt sie im Flug aus fünfzig bis achtzig Metern Höhe auf Felsen fallen, so dass sie in «mundgerechte» Stücke zersplittern. Dabei wird auch das sehr nährstoffreiche Knochenmark freigelegt.

Bartgeier nisten in steilen Felswänden. Ihre aus Ästen bestehenden Horste legen sie in überdeckten Felsnischen an. Es handelt sich oft um riesenhafte Gebilde: Ältere Nester können durchaus eine Breite von drei Metern und eine Höhe von zwei Metern aufweisen.

Die Brutsaison der Bartgeier beginnt jeweils im Frühjahr mit einer eindrucksvollen Flugbalz und dem Bau eines neuen oder dem Ausbessern eines alten Nests. Im Juni werden im Abstand von vier bis fünf Tagen meistens zwei Eier gelegt. Männchen und Weibchen bebrüten die Eier abwechselnd, und nach etwa acht Wochen schlüpfen die jungen Geier. In der Regel überlebt nur das ältere der beiden Geschwister, da es den grössten Teil der Nahrung, welche die Eltern herbeitragen, für sich beansprucht.

Das Junge bleibt etwa vier Monate lang im Nest. Dann unternimmt es erste, zaghafte Flugversuche, bewegt sich dabei immer weiter vom Nest weg und begleitet schliesslich seine Eltern auf ihren Suchflügen durch das Wohngebiet. Es bleibt noch mehrere Monate lang von seinen Eltern abhängig und löst sich erst mit Beginn der neuen Brutsaison von ihnen. In freier Wildbahn können Bartgeier bis über dreissig Jahre alt werden.

In Europa kam der Bartgeier ursprünglich in allen Gebirgen des Südens vor. Im Verlauf der letzten zweihundert Jahre wurde der als «Lämmerdieb» zu Unrecht in Verruf geratene Vogel jedoch in den meisten Regionen unter Einsatz von Giftködern und Schrot ausgerottet. Nur in den Pyrenäen, auf Korsika, auf dem Südbalkan und auf Kreta haben kleine Restbestände zu überleben vermocht.

In Europa unterstützt der Welt Natur Fonds (WWF) seit 1978 Jahren ein breit angelegtes Programm zur Erhaltung des Bartgeiers. Es umfasst einerseits den Schutz seines Lebensraums (insbesondere seiner letzten Nistplätze) in Spanien und in Italien, andererseits seine Zucht und Wiedereinbürgerung im Alpenraum, wo 1913 das letzte Exemplar umgebracht worden war. Über neunzig in europäischen Zoos nachgezüchtete Junggeier sind inzwischen im Rahmen dieses Projekts an veschiedenen Stellen in den Alpen ausgesetzt worden. Sie haben sich über den ganzen Alpenbogen ausgebreitet, und seit 1997 pflanzen sich die ersten Paare erfolgreich im Freiland fort. Die Chancen stehen gut, dass damit - nach Steinbock und Luchs - eine weitere vom Menschen ausgerottete Grosstierart in die Alpen zurückgekehrt ist.




ZurHauptseite