Bartgeier im südlichen Afrika

Gypaetus barbatus meridionalis


© 1986 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



«Geier» ist kein exakter zoologischer Begriff. Er bezeichnet einfach einen grossen Greifvogel, der sich zur Hauptsache von Aas ernährt, ohne dass dabei körperbauliche Merkmale oder die Stammesgeschichte der Tiere berücksichtigt werden. So kommt es, dass die Altweltgeier in der Unterfamilie Aegypiinae zum Teil nur fern miteinander verwandt sind. Und von den Neuweltgeiern in der Familie Cathartidae glaubt man heute gar, dass sie überhaupt nicht zu den Greifvögeln gehören, sondern Verwandte der Störche sind.

Auch der Bartgeier (Gypaetus barbatus) ist unter den 15 Arten von Altweltgeiern ein rechter Sonderling und wird darum in eine eigene Gattung gestellt. Sein nächster Verwandter ist wahrscheinlich der Schmutzgeier (Neophron percnopterus), mit welchem er eine Reihe besonderer Körpermerkmale teilt.

Früher waren über den Bartgeier als «Lämmergeier» ausserordentlich viele Fabeln und Schauermärchen im Umlauf. Man dichtete dem mächtigen Vogel selbst den Raub von Kleinkindern an. Um ihn von diesem falschen Ruf als Lämmerdieb und Kinderräuber und der dadurch ausgelösten Verfolgung zu befreien, wird heute der Name «Lämmergeier» möglichst vermieden.

 

In Europa, Asien und Afrika zuhause

Der Bartgeier hat ein ausserordentlich grosses Verbreitungsgebiet. Er kommt in sehr vielen Gebirgsregionen Europas, Asiens und Afrikas vor. Der Gesamtbestand der Art wird auf etwa 50.000 Tiere geschätzt.

Es werden drei Bartgeier-Rassen unterschieden:

1. Gypaetus barbatus barbatus bewohnt das Atlasgebirge in Marokko, Algerien und Tunesien.

2. Gypaetus barbatus aureus ist in den Gebirgen Südwest- und Zentralasiens sowie der Mongolei und Zentralchinas zuhause. Ausserdem kommt G. b. aureus in den Pyrenäen und ein paar weiteren Bergregionen Südeuropas vor. Einst war diese Unterart in allen südeuropäischen Gebirgen weit verbreitet, doch ist sie im Lauf der letzten hundert Jahre aus vielen Gegenden infolge übermässiger Bejagung verschwunden. Der Bartgeier ist heute mit lediglich 75 bis 90 Paaren der seltenste Geier Europas.

3. Gypaetus barbatus meridionalis kommt in zwei getrennten Populationen im nordöstlichen und im südlichen Afrika vor. Der Gesamtbestand der Rasse wird auf 12.000 bis 16.000 Tiere geschätzt. Die grosse nordöstliche Population ist über Nordtansania, Kenia, Uganda, Äthiopien, den Sudan und Südwestarabien verbreitet und kommt stellenweise - so vor allem in Äthiopien - recht häufig vor. Das Verbreitungsgebiet der kleinen südlichen Population, von der hier hauptsächlich berichtet werden soll, erstreckt sich hauptsächlich auf die Berge von Lesotho (etwa 200 Paare). Einige wenige Tiere leben am Rand dieser Population in verschiedenen Provinzen der Republik Südafrika (ungefähr 30 Paare).

Während der Bartgeier in Europa ein ausgesprochen scheuer Vogel ist, welcher möglichst abgeschiedene Gegenden bewohnt, kann er in Ostafrika und Zentralasien regional sehr zutraulich sein und sich durchaus in der Umgebung menschlicher Siedlungen aufhalten. In Äthiopien beispielsweise besuchen die mächtigen Vögel zur Nahrungsaufnahme gerne Kehrichthalden in der Nähe von Städten und Dörfern.

 

Geier mit Falkengestalt

Mit seiner Flügelspannweite von bis zu 2,7 Metern gehört der Bartgeier zu den grössten flugfähigen Vögeln der Erde. Er ist ein besonders schlanker Geier, der mit seinen langen, spitzen Flügeln und seinem langen, spatelförmigen Schwanz im Flug eher einem riesigen Falken als einem Geier ähnlich sieht.

Trotz seiner Grösse wiegt der Bartgeier nur fünf bis sieben Kilogramm, sodass also die Belastung der Flügel pro Flächeneinheit sehr gering ist. Dies macht den Bartgeier zu einem ausgezeichneten Segelflieger, der im Gegensatz zu anderen Geierarten nicht auf Warmluftströmungen angewiesen ist, um in mühelosem Gleitflug seine Kreise zu ziehen. Ihm genügen hierzu schon die leichtesten Aufwinde wie sie beim Zusammentreffen bewegter Luftmassen dauernd und überall vorhanden sind. So vermittelt ihm sein geringes Gewicht den Vorteil, dass er auch vor und nach Sonnenuntergang - wenn thermische Aufwinde fehlen - aktiv sein kann. Im Vergleich zu anderen Geierarten ist der Bartgeier auch ein besonders gewandter und schneller Flieger.

Bei freilebenden Bartgeiern sind Brust und Bauch rostrot gefärbt, während sie bei gefangen gehaltenen Tieren weisslich sind. Auch im Freileben sind die Federn der Körperunterseite nach der Mauser bleich und nehmen die rostrote Farbe erst allmählich an. Die Herkunft dieser Farbe war lange Zeit ein Rätsel. Heute wissen wir, dass die Färbung auf Eisenoxid zurückzuführen ist, wie es bei der Verwitterung eisenhaltigen Gesteins entsteht. Beim Ruhen oder Nisten in Felsnischen aus solchen Gesteinen vermag sich diese farbige Substanz im Bauchgefieder des Bartgeiers, welches offenbar besonders empfänglich dafür ist, einzulagern.

 

Knochenfresser - Knochenbrecher

Die Nahrung des Bartgeiers besteht hauptsächlich aus Aas, das heisst den Knochen, dem Fleisch und den Eingeweiden frisch toter Säugetiere, Vögel und Kriechtiere. Deren Kadaver findet er auf ausgedehnten Suchflügen durch sein weites Wohngebiet. Dabei streicht er in vollendetem Segelflug in etwa 50 Metern Höhe über die Geländeformen.

Lebende Tiere scheint der Bartgeier selten anzugreifen. Es ist jedoch schon beobachtet worden, wie Bartgeier versucht haben, Beutetiere - Gemsen zum Beispiel - durch Scheinangriffe über Felskanten hinaus in Abgründe zu drängen. Selbst Menschen sind auf diese Weise schon angefallen worden.

In Lesotho kommen mehrere Geierarten vor, welche dem Bartgeier körperlich überlegen sind. In der Regel muss er diesen beim Fressen den Vortritt lassen und sich am Schluss mit den übrigbleibenden Knochen und Hautstücken begnügen.

Der Verzehr von Knochen ist denn auch eine Spezialität des Bartgeiers. Zum einen besitzt er eine aussergewöhnlich grosse Mundspalte, welche ihm erlaubt, Knochen mit einer Länge von bis zu 18 Zentimetern und einer Dicke von bis zu 3 Zentimetern unzerkleinert zu schlucken. Sie werden von den besonders scharfen Magensäften des Bartgeiers restlos abgebaut. Zum andern besitzt er im Unterschied zu den übrigen Geierarten keine reinen Schreitfüsse, sondern sehr bewegliche Greiffüsse mit spitzen Krallen. Sie ermöglichen ihm das interessante Verhalten des «Knochenbrechens»: Grosse Knochen nimmt der Bartgeier oft in seine kräftigen Fänge und lässt sie im Flug aus ziemlich grosser Höhe auf Felsen fallen, sodass sie in «mundgerechte» Stücke zerschellen. Dabei wird auch das sehr nährstoffreiche Knochenmark freigelegt. Aus einer Höhe von 80 Metern trifft der Vogel einen Fels von etwa dreissig Quadratmetern Grösse sehr zielsicher. Bricht ein Knochen beim Aufschlag nicht entzwei, so wiederholt er den ganzen Vorgang so lange, bis er damit Erfolg hat. Jeder Bartgeier benutzt regelmässig dieselben Abwurfplätze. Solche «Bartgeierschmieden» sind übersät mit Tausenden ausgebleichter Knochensplitter.

Das Knochenbrechen hat schon früh die Aufmerksamkeit des Menschen erregt. So erzählt der griechische Chronist Plinius der Ältere (525-456 v.Chr.) in seinen Aufzeichnungen die Geschichte des Tragödiendichters Äschylus. Diesem war prophezeit worden, dass er seinen Tod dadurch fände, dass ein Haus auf ihn fallen würde. Um diesem unliebsamen Schicksal aus dem Weg zu gehen, hielt sich Äschylus fortan nur noch im Freien auf. Eines Tages aber flog ein Bartgeier mit einer Schildkröte in seinen Fängen vorbei - einem Tier, das sein «Haus» mit sich herumträgt. Er war auf der Suche nach einem Felsen, um seine Beute aufzubrechen. Da sah er den kahlen Kopf des Äschylus in der Sonne glänzen, hielt das ehrwürdige Haupt für einen Stein, liess die Schildkröte gut gezielt fallen und tötete auf diese Weise den grossen Dichter. (Tatsächlich ernährt sich der Bartgeier im Mittelmeerraum zu einem guten Teil von Landschildkröten, die er durch Abwerfen auf Felsen tötet und aufbricht.)

 

Bruterfolg nur zehn Prozent

Bartgeier nisten in steilen Felswänden. Ihren Horst legen sie in Höhlungen oder überdeckten Felsnischen an. In den südafrikanischen Drakensbergen liegen die Bartgeiernester zwischen 1800 und 3000 Meter über Meereshöhe und sind durchschnittlich 6,5 Kilometer voneinander entfernt.

Bartgeiernester sind riesenhafte Gebilde: Ältere Nester können durchaus eine Breite von drei Metern und eine Höhe von zwei Metern aufweisen. Es sind massive Asthaufen, welche mit einer dicken Schicht Federn, Kot und oft auch Lappen und Papier ausgepolstert werden.

Die Brutsaison beginnt im südlichen Afrika im Mai mit einer eindrücklichen Flugbalz und dem Bau eines neuen oder dem Ausbessern eines alten Nests. Im Juni werden im Abstand von vier bis fünf Tagen meistens zwei Eier gelegt. Männchen und Weibchen bebrüten die Eier abwechselnd, und nach etwa acht Wochen schlüpfen die jungen Geier. In der Regel überlebt nur das ältere der beiden Geschwister. Zwar kommen nur wenige offene Zänkereien zwischen den beiden vor, doch ist das ältere dem jüngeren körperlich stark überlegen und beansprucht den grössten Teil der Nahrung, welche die Eltern herbeitragen, für sich allein, sodass das jüngere Geschwister im allgemeinen schon nach wenigen Tagen eingeht.

Das überlebende Junge bleibt etwa vier Monate lang im Nest. Dann unternimmt es erste, zaghafte Flugversuche, bewegt sich dabei immer weiter vom Nest weg und begleitet schliesslich seine Eltern auf ihren Suchflügen durch das Wohngebiet. Es bleibt noch mehrere Monate lang von seinen Eltern abhängig und löst sich erst mit Beginn der neuen Brutsaison von ihnen.

Meist schliessen sich die jugendlichen Bartgeier Gruppen von Fahlgeiern (Gyps coprotheres) an, oder sie bilden mit Altersgenossen zusammen kleine Trupps, welche oft weit herumstreifen. In Lesotho ist festgestellt worden, dass lediglich etwa zehn Prozent aller geschlüpften Bartgeierjungen die Geschlechtsreife, welche im Alter von fünf Jahren eintritt, erreichen.

 

Zuwenig Abfall, zuviel Gift

Das Verbreitungsgebiet der Bartgeierpopulation im südlichen Afrika ist im Laufe des 20. Jahrhunderts stark zusammengeschrumpft. Dieser Rückgang hat zwei Hauptursachen: Nahrungsverknappung und Gift.

Unter natürlichen Umständen ist das Nahrungsangebot der begrenzende Faktor für den Bartgeierbestand. Nun haben in Lesotho und in Südafrika entscheidende Verbesserungen bei der Viehhaltung sowie die zunehmende Tendenz, den menschlichen Abfall nicht mehr offen herumliegen zu lassen, das Nahrungsangebot für den Bartgeier stark vermindert. Dies - so wird angenommen - hat beispielsweise den kleinen Bartgeierbestand in den Bergen der südafrikanischen Kapprovinz zum Erlöschen gebracht.

Beschleunigt wurde der Rückgang des Bartgeiers noch durch Giftköder, welche von den Bauern und Viehzüchtern zum Töten von Schakalen ausgelegt werden. Mindestens acht Bartgeier sind in den letzten Jahren erwiesenermassen an solchen Ködern gestorben.

In seinem heutigen Verbreitungsgebiet scheint die südafrikanische Bartgeierpopulation nun aber ziemlich stabil zu sein. Die Situation des schlanken Geiers wird nicht als besorgniserregend angesehen. So wird er denn in der Roten Liste der bedrohten Vögel Südafrikas nur als «selten» und nicht als «gefährdet» eingestuft.

 

Internationaler Bartgeier-Schutz

Zwischen 1980 und 1983 wurde in Südafrika ein Projekt zur Erforschung des Bartgeiers durchgeführt. 23 der mächtigen Vögel wurden in Netzen und Schlingen gefangen und markiert: Einige wurden mit Sendern versehen. Anderen wurden «Fenster» in ihre Flügelschwingen geschnitten, welche die Flugfähigkeit der Tiere nicht negativ beeinflussten, sie jedoch beim Segelfliegen individuell erkennbar machten. So liessen sich die Bewegungen der gekennzeichneten Bartgeier verfolgen und ihre Wohngebiete ermitteln. Die Befunde aus diesem Bartgeierprojekt werden derzeit ausgewertet und sollen wirksame Massnahmen zur Erhaltung der Art ermöglichen.

Bereits im Jahr 1967 waren im Giant-Castle-Wildreservat in der südafrikanischen Provinz Natal Versuche zur Förderung des Bartgeiers unternommen worden: Es waren künstliche Futterstellen errichtet worden, wie sie zuvor schon für die Erhaltung des seltenen Fahlgeiers von Bedeutung gewesen waren. Genaue Rückschlüsse auf den Erfolg jener Versuche lassen sich zwar nicht ziehen. Die Tatsache aber, dass heute die meisten südafrikanischen Bartgeier im Giant-Castle-Gebiet beheimatet sind, scheint den Erfolg der Aktion zu bestätigen.

In Europa unterhält der World Wildlife Fund (WWF) seit mehreren Jahren ein breitangelegtes Programm zur Erhaltung des Bartgeiers. Es umfasst den Schutz seines Lebensraums und im besonderen seiner Nistplätze in Spanien und in Italien sowie seine Zucht und Wiedereinbürgerung im Alpenraum. Siebzehn Zoologische Gärten beteiligen sich an der Bartgeier-Zucht. Der Bruterfolg ist zufriedenstellend: 1979 kamen die ersten drei Jungvögel in Gefangenschaft zur Welt, 1980 weitere sieben. Die Suche nach den geeignetsten Wiedereinbürgerungsorten ist mittlerweile abgeschlossen, und noch im Jahr 1986 sollen die ersten Tiere freigelassen werden.




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