Bezoarziege

Capra aegagrus


© 1996 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Gegen Ende der Steinzeit, vor rund zehntausend Jahren, lernte der Mensch, wildes Getreide wie Weizen und Gerste anzupflanzen. Fortan musste er nicht mehr als «Sammler» durch die Wildnis ziehen: Er baute sich Hütten und wurde sesshaft. Dies geschah zuerst im westlichen Asien. Und da hat der Mensch dann auch begonnen, wildlebende Tiere zu «domestizieren», das heisst an seine Nähe zu gewöhnen und sie durch gezielte Zucht zu Haustieren für verschiedenartige Nutzungszwecke umzuformen. Eine Wildtiersippe, aus der besonders wichtige Nutztiere hervorgegangen sind, ist die Familie der Hornträger (Bovidae) in der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla): Ihr entstammen unsere Hausrinder, Hausschafe und Hausziegen.

Diese drei bedeutsamen Nutztierformen haben heute dank dem Menschen eine weltweite Verbreitung. Gegenteilig ist es ihren wildlebenden Verwandten ergangen: Sie sind vom Menschen immer weiter zurückgedrängt worden. Während die Stammform der Hausrinder, der Auerochse (Bos primigenius), vor gut drei Jahrhunderten endgültig ausgerottet wurde, existieren die beiden Wildformen, aus denen die Hausschafe und die Hausziegen abstammen, zwar noch, doch sind ihre Bestände arg ausgedünnt. Es handelt sich um den Mufflon (Ovis musimon) im Falle der Hausschafe und um die Bezoarziege (Capra aegagrus) im Falle der Hausziegen. Von letzterer soll auf diesen Seiten die Rede sein.

 

Eng mit den Steinböcken verwandt

Über die Zahl der Arten, aus denen sich die Gattung der Wildziegen (Capra) insgesamt zusammensetzt, gibt es in der Fachwelt recht unterschiedliche Ansichten. Die meisten Experten sprechen aber heute von sechs, allenfalls sieben «echten» Arten. Alle diese Wildziegen sind Gebirgstiere und in der Alten Welt zu Hause.

Die westlichste Wildziegenart ist der Iberiensteinbock (Capra pyrenaica), welcher in den Bergregionen der Iberischen Halbinsel vorkommt. Östlich hiervon lebt der «eigentliche« Steinbock (Capra ibex), der von den Alpen ostwärts bis in die Mongolei und südwärts bis auf die Arabische Halbinsel und nach Äthiopien verbreitet ist. (Der Äthiopische Steinbock wird oftmals nicht als Unterart des «eigentlichen» Steinbocks betrachtet, sondern als eigene Art namens Capra walie.) Den Westkaukasischen Tur (Capra caucasica) und den Ostkaukasischen Tur (Capra cylindricornis) findet man - wie die Artnamen besagen - ausschliesslich in der Kaukasusregion zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer. Die Heimat der Schraubenziege (Capra falconeri) sind der Hindukusch und einige weitere Gebirgsregionen im Westen des Himalajas. Die Bezoarziege schliesslich ist vom südöstlichen Europa ostwärts bis nach Pakistan verbreitet.

Aufgrund der jahrtausendelangen Nachstellungen seitens des Menschen ist das Vorkommen der Bezoarziege innerhalb ihres Verbreitungsgebiets längst nicht mehr zusammenhängend, sondern in viele weit verstreute, inselartige «Fetzchen» aufgespalten. In Europa ist die Lage am schlimmsten: Hier findet man die Art heute reinblütig nur noch auf Kreta und ein paar benachbarten Inselchen. (Auf dem Balkan konnte man der Bezoarziege noch vor verhältnismässig kurzer Zeit begegnen, so beispielsweise in Bulgarien bis fast zur Jahrhundertwende; inzwischen sind aber alle diese Restbestände erlöscht oder haben sich mit Hausziegen vermischt.) In Asien kommt die Bezoarziege in der südlichen und östlichen Türkei und in diversen Berggebieten des Irans vor, ferner in Afghanistan, wo sie auf die Grenzregionen zum Iran im Westen und zu Pakistan im Osten beschränkt ist, sowie in Pakistan, wo sie in den Hügelzonen der Belutschistan-Hochebene im Südwesten des Landes anzutreffen ist.

Die nördlichsten Ausläufer des Artverbreitungsgebiets befinden sich im Bereich der ehemaligen Sowjetunion: im südlichen Turkmenistan einerseits und in der Kaukasusregion andererseits. In der Kaukasusregion kommt die Bezoarziege nicht nur im Grosskaukasus vor (in den russischen Republiken Tschetschenien und Dagestan sowie in Georgien und im nördlichen Aserbaidschan), sondern auch im Kleinen Kaukasus (im südwestlichen Aserbaidschan und in Armenien, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken).

 

Ein bergtüchtiges Huftier

Die Bezoarziegen weisen innerhalb ihres weiten Verbreitungsgebiets erhebliche Grössen- und Färbungsunterschiede auf. So sind die im Kaukasus heimischen Individuen deutlich grösser, jedoch weniger kontrastreich gefärbt als diejenigen auf Kreta. Im Kaukasus erreichen die kräftigen Männchen eine Schulterhöhe von einem Meter und ein Gewicht von 60 bis 70 Kilogramm. Sie tragen als geschlechtstypisches Merkmal einen buschigen, schwarzbraunen Kinnbart und zwei mächtige, säbelförmig nach hinten geschwungene und seitlich abgeflachte Hörner. Entlang der Krümmung gemessen können die Hörner eine Länge von über einem Meter, in Ausnahmefällen sogar bis 140 Zentimeter aufweisen.

Die weiblichen Bezoarziegen sind wesentlich kleiner als die Männchen: Ihre Schulterhöhe beträgt gewöhnlich nur etwa 70 Zentimeter, und ihr Gewicht liegt zumeist um 30 Kilogramm, ist also fünfzig bis sechzig Prozent geringer als das der Männchen. Auch die Hörner sind - mit einer Länge von meist weniger als 30 Zentimetern - wesentlich kürzer und zudem leichter gebaut als die der Männchen, und das Fell ist im Unterschied zu dem der Männchen nur undeutlich gezeichnet.

Wie die anderen Mitglieder der Wildziegengattung zeigt die Bezoarziege hinsichtlich ihres Lebensraums eine deutliche Vorliebe für steile, felsige Berghänge. An das Leben in solchem Gelände, das für die meisten anderen Pflanzenesser tückisch bis lebensgefährlich ist, ist sie dank erstaunlicher Trittsicherheit und «Körperbeherrschung» bestens angepasst. Sie vermag dadurch eine «Nahrungsnische» zu nutzen, welche für kaum einen anderen Pflanzenesser zugänglich ist.

Obschon man der Bezoarziege hier und dort in bemerkenswerten Höhenlagen - gut oberhalb der Baumgrenze - begegnen kann, bevorzugt sie als Lebensraum felsenreiche Gebiete in mittleren Lagen, welche von Waldstücken und Gebüschgruppen durchsetzt sind, und meidet nach Möglichkeit baumlose Hänge. Ihre Kost stellt sich die strikte Vegetarierin aus einer breiten Vielfalt von Gräsern, Kräutern, Stauden, Büschen, Sträuchern und Jungbäumen zusammen, die sie in ihrem Wohngebiet zwischen den Felsen vorfindet. Wie die meisten Huftiere besucht sie zudem regelmässig sogenannte «Salzlecken», das sind lehmige oder kalkige Stellen, welche reich an Kalzium- und Natriumsalzen sind, und sichert sich so eine ausgewogene Ernährung.

Gewöhnlich ist die Bezoarziege tagsüber unterwegs. An den heissen Sommertagen verbringt sie jedoch die Mittagszeit gerne unter schattigen Bäumen oder Felsüberhängen und verlagert ihre Aktivitäten auf die kühleren «Randzeiten»: Sie geht jeweils von der Morgendämmerung bis um neun oder zehn Uhr auf Futtersuche und hält anschliessend ausgiebig Siesta; erst am späten Nachmittag, eine oder zwei Stunden vor Sonnenuntergang, wird sie dann wieder rege und widmet sich in der Folge oft bis in die dunkle Nacht hinein der Nahrungsaufnahme.

Die Bezoarziege führt im übrigen ein recht sesshaftes Leben: Sie bleibt ihrem Wohngebiet im allgemeinen zeitlebens treu. Vielerorts führt sie allerdings - bedingt durch das rauhe, von schneereichen Wintern geprägte Gebirgsklima - jahreszeitlich gebundene vertikale Wanderungen durch: Dem fallenden Schnee ausweichend steigt sie im Winter jeweils in tiefere Lagen hinab; im Frühling, wenn die winterliche Schneedecke abschmilzt, klettert sie dann auf der Suche nach frischer Weide allmählich wieder höher.

 

Kindersegen im Mai

Die meiste Zeit des Jahres streifen die Bezoarziegen auf der Suche nach guten Weideplätzen gemächlich in ihren Wohngebieten umher. Manche erwachsenen Tiere verhalten sich dabei einzelgängerisch. Die meisten bilden jedoch mit ihresgleichen Trupps von drei bis sieben, manchmal auch bis über zwanzig Individuen. Dabei handelt es sich ausserhalb der Brunftzeit stets entweder um reine Männchengruppen oder um Weibchen-Jungen-Gruppen.

Die ruhige, friedliche Phase im Bezoarziegenjahr wird jeweils von einer aufregenden Phase unterbrochen, wenn die Weibchen brünftig werden, was in der Kaukasusregion zwischen Mitte November und Mitte Dezember der Fall ist. Dann schliessen sich die Männchen den Weibchen-Jungen-Gruppen an, so dass man vorübergehend gemischte Bezoarziegenverbände mit Tieren beiderlei Geschlechts und aller Altersklassen antrifft. Und weil das Vorrecht zur Paarung mit den brünftigen Weibchen stets nur den ranghöchsten Männchen zusteht, entbrennen nun heftige Zweikämpfe, durch welche die Böcke die Rangordnung untereinander ausmachen. Zwar kommt es bei diesen ritualisierten Stirnwaffenkämpfen selten zu ernsthaften Verletzungen. Trotzdem sind die Kämpfe nicht ungefährlich, denn obschon die Bezoarziegen unglaublich trittsichere Tiere sind, verliert doch hin und wieder ein Männchen in der «Hitze des Gefechts» den Halt und bricht sich beim Sturz über Felsen ein paar Knochen oder gar das Genick. Solchen Ausfällen zum Trotz sind die alljährlich wiederkehrenden Kampfhandlungen für die Art eine sehr wertvolle Einrichtung, denn so wird dafür gesorgt, dass allein die geschicktesten und kräftigsten Böcke ihr Erbgut weiterzugeben vermögen.

Im Kaukasus kommen die jungen Bezoarziegen gewöhnlich im Mai, nach einer Tragzeit von gut fünf Monaten, zur Welt, und zwar als Einzelkinder oder Zwillinge, sehr selten auch als Drillinge. In dieser Jahreszeit spriesst überall frisches Grün und bietet den Geissen, die ihre Kitze säugen, reichlich nährstoffreiche Nahrung.

Das hochträchtige Weibchen zieht sich kurz vor dem Werfen an eine gut geschützte, unzugängliche Stelle im Fels zurück. Dort bleiben die Jungen nach der Geburt während zwei oder drei Tagen liegen und verharren völlig reglos, wenn Gefahr droht. Zum Säugen werden sie regelmässig von ihrer Mutter besucht. Nach dieser kurzen «Abliegephase» folgen sie ihrer Mutter auf den Streifzügen durch das Wohngebiet überallhin nach und steigen alsbald ebenso trittsicher im felsigen Gelände umher wie die Erwachsenen.

Mit ihrer Mutter bleiben die Kitze gewöhnlich sieben bis zwölf Monate lang zusammen, das heisst entweder bis zur nächsten Brunftzeit oder noch durch den Winter hindurch bis zur Geburt der nächstjüngeren Geschwister. Obschon sie schon im Verlauf ihres zweiten Lebensjahrs geschlechtsreif werden, pflanzen sich die jungen Weibchen gewöhnlich erst im dritten Lebensjahr fort. Die Männchen müssen sich noch länger gedulden, denn sie sind erst im Alter von etwa fünf Jahren völlig ausgewachsen und somit in der Lage, sich in der Rangordnung nach oben zu kämpfen. In freier Wildbahn - und unter natürlichen Verhältnissen - liegt ihre Lebenserwartung bei zehn bis zwölf Jahren.

 

Bezoare als Wundermedizin

Die Bezoarziege wurde, wie wir aufgrund archäologischer Grabungen wissen, bereits im siebten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zum Haustier gemacht. Seitdem dient die Hausziege dem Menschen als Lieferant von Fleisch und feinem Leder (z.B. Chevreau, Glacé, Nappa), vor allem aber als Milchlieferant. Zwar ist die Hausziege mit einem geschätzten Globalbestand von 450 000 Individuen deutlich weniger zahlreich als die beiden anderen domestizierten Hornträger Hausrind und Hausschaf. Ihre Genügsamkeit, Wetterfestigkeit und Trittsicherheit macht die «Kuh des kleinen Mannes» aber zu einem sehr wichtigen Nutztier in Gegenden, wo das Klima hart, die Weide spärlich und das Gelände zerklüftet ist.

Leider hat sich der Mensch zu keiner Zeit auf die Nutzung der Hausziege allein beschränkt, sondern hat stets auch ihre wildlebende Stammform, die Bezoarziege, wegen ihres Fleischs, ihres Fells und ihrer (als Jagdtrophäe beliebten) Hörner bejagt. Noch begehrter als Fleisch, Fell und Hörner waren zu gewissen Zeiten allerdings die sogenannten «Bezoare», von denen die Wildziege ihren deutschen Namen hat. Diese rundlichen «Magensteine» sind festverfilzte Ballen aus abgeleckten Haaren, die unverdaulich im Magen liegen und mit der Zeit an ihrer Oberfläche steinhart und glatt werden. Der Volksaberglaube hielt sie besonders im Mittelalter für eine Wundermedizin, welche gegen Vergiftungen und allerlei Gebrechen hilft. Aufgrund dieser unsinnigen Vorstellungen wurde die Bezoarziege vielerorts erbittert verfolgt.

So wie das Wasser nach einem sommerlichen Gewitterregen auf einer Asphaltstrasse schnell verdampft und immer kleinere, voneinander getrennte Pfützen bildet, so ist die Gesamtpopulation der Bezoarziege durch den anhaltenden, massiven Jagddruck seitens des Menschen immer weiter geschrumpft. Übriggeblieben sind kleine, isolierte Restbestände - und diese leiden heute zusätzlich darunter, dass ihr bevorzugter Lebensraum durch übermässigen Holzeinschlag immer mehr schwindet und dass ihnen überdies Hausziegenherden selbst in entlegenen Rückzugsgebieten die Weide streitig machen.

Wo sie nicht wirksam in Reservaten geschützt leben, nehmen die letzten Bestände der Bezoarziege deshalb weiter ab. So auch in der Kaukasusregion: Hier stand die Bezoarziege zwar unter gesetzlichem Schutz, als die Region noch Teil der Sowjetunion war; ihr gegenwärtiger Schutzstatus in Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Dagestan und Tschetschenien ist hingegen alles andere als klar. Klar ist einzig, das in Armenien ebenso wie in den anderen Kaukasusrepubliken ein dringender Bedarf nach einem möglichst grenzüberschreitenden Netz von Schutzgebieten besteht, welches von Jägern und Holzfällern sowie von Nutztieren aller Art verschont bleibt. Auf dass die Bezoarziege - mitsamt all den anderen Wildtierarten, die in dieser felsenreichen Erdregion ihre Heimat haben - wieder einer gedeihlichen Zukunft entgegenblicken kann.




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