Eurasiatischer Biber

Castor fiber


© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Familie der Biber (Castoridae) umfasst weltweit nur gerade zwei Arten, welche einander überdies bezüglich Aussehen und Verhalten sehr ähnlich sind. Es handelt sich um den Eurasiatischen Biber (Castor fiber) einerseits und um den Nordamerikanischen Biber (Castor canadensis) andererseits.

Innerhalb der Ordnung der Nagetiere (Rodentia), der die Biber angehören, lassen sich keine näheren Verwandten finden. Gewisse Körpermerkmale, so etwa die Anordnung der Kaumuskulatur, deuten aber darauf hin, dass sie von denselben Vorfahren abstammen wie die Hörnchen (Familie Sciuridae). Sie werden deshalb vielfach mit diesen zusammen in der Unterordnung der Hörnchenverwandten (Sciuromorpha) zusammengefasst, obschon sie ein gänzlich anderes, aquatisches Leben führen.

 

Drittgrösstes Nagetier der Welt

Auf der «Rangliste» der grössten Nagetiere der Welt steht der Eurasiatische Biber, von dem hier die Rede sein soll, an dritter Stelle - deutlich hinter dem südamerikanischen Capybara oder Wasserschwein (Hydrochoerus hydrochaeris) und knapp hinter seinem nordamerikanischen «Zwilling». Erwachsene Individuen weisen gewöhnlich eine Kopfrumpflänge von 60 bis 80 Zentimeter auf und wiegen zumeist zwischen 12 und 25 Kilogramm, wobei die Weibchen im Durchschnitt eine Spur grösser und schwerer sind als die Männchen.

Das augenfälligste Körpermerkmal des Bibers ist zweifellos sein paddelförmig abgeflachter, rund 30 Zentimeter langer Schwanz, die sogenannte «Kelle». Sie lieferte im Mittelalter die Begründung dafür, dass das Fleisch des Bibers von der christlichen Kirche als Fastenspeise zugelassen wurde: Weil die Kelle Schuppen trägt, wurde der Biber den Fischen zugerechnet.

Dies ist natürlich Unsinn (und diente lediglich als Vorwand zum geschickten Umgehen der Fastengebote). Wie sich anhand seiner vier meisselförmigen Nagezähne unschwer erkennen lässt, ist der Biber ein echtes Mitglied der Nagetiersippe. Allerdings spielt sich sein Leben vornehmlich im Wasser ab, und deshalb zeigt sein Körper vielgestaltige Anpassungen an das Schwimmen und Tauchen. Dazu gehört nicht nur die besagte Kelle, die beim Tauchen als Steuerorgan zum Einsatz kommt. Auch die schwimmhautbespannten Hinterfüsse, die verschliessbaren Nasen- und Ohrenöffnungen sowie eine transparente, als «drittes Augenlid» das Auge schützende Nickhaut zählen dazu. Ferner fällt das überaus dichte Fell mit bis zu 23 000 feinsten Haaren je Quadratzentimeter (beim Menschen sind es rund 300) hierunter: Gut eingefettet schützt es vorzüglich gegen Wärmeverlust, der ja im Wasser ungleich schneller erfolgt als an der Luft. Nicht zuletzt gehört zu den Anpassungserscheinungen an das Wasserleben auch der Umstand, dass das männliche Begattungsorgan strömungsgünstig im Körperinnern verborgen ist - was dem Biber den noch heute benutzten lateinischen Namen Castor («der Kastrierte») eingetragen hat.

 

Biber bauen Staudämme...

Der aquatisch lebende Biber ist in seinem Vorkommen stark an Gewässer mit bewaldeten Ufern gebunden. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist er ein unvergleichlicher Baumeister, der mit Holz als Werkstoff stattliche Bauten errichtet (und dabei seine Umgebung in einer Art und Weise nach seinen Bedürfnissen verändert, wie es sonst nur noch der Mensch tut). Zum anderen ist er ein strikter Vegetarier, der sich grossenteils von den Rinden, Zweigen, Blättern und Wurzeln diverser Laubbäume ernährt.

Am wohlsten fühlt sich der Biber an stillen Flüssen und Seen, in deren flachen Uferzonen zahlreiche Weiden (Salix spp.), Pappeln und Espen (Populus spp.), Birken (Betula spp.), Erlen (Alnus spp.) und andere laubtragende Weichhölzer wachsen. Solche Bäume vermag er leichter zu fällen als Harthölzer und muss daher bedeutend weniger Zeit und Energie aufwenden, um das von ihm benötigte Bau- und Speiseholz zu beschaffen.

Die Fähigkeit des Bibers, ausgewachsene Bäume zu fällen, ist unter sämtlichen Nagetieren einmalig. Mit Hilfe seiner robusten Nagezähne kann er bei Bedarf Bäume mit einem Stammdurchmesser von bis zu einem Meter «umlegen». Gewöhnlich wählt er aber solche mit deutlich dünnerem Stamm. Ein einzelner Biber kann eine 10 Zentimeter dicke Erle in weniger als einer halben Stunde fällen; eine 40 Zentimeter dicke Birke fällt er in einer einzigen Nacht.

Die gefällten Bäume verwendet der Biber in erster Linie für den Bau und Unterhalt von Staudämmen. Mit deren Hilfe staut er das von ihm bewohnte Fliessgewässer soweit an, dass ein grösserer Stausee entsteht. Hierfür zerlegt er die gefällten Bäume in «handliche» Pfähle und schwimmt mit diesen zur Dammbaustelle. Dort verkeilt er die Holzstücke im Wasser geschickt miteinander, verankert sie mit Steinen am Boden und dichtet das Ganze sodann mit Schlamm sowie kleineren Zweigen, Blättern und Wasserpflanzen ab. Gewöhnlich reichen dem Biber Dämme von weniger als 30 Meter Länge, um «sein» Gewässer wunschgemäss anzustauen. Es sind aber auch schon Dämme von mehreren hundert Meter Länge entdeckt worden.

Bei seiner Bautätigkeit erweist sich der Biber keineswegs als stur: So spart er sich oft die Mühe, überhaupt einen Staudamm anzulegen, wo ihm der Wasserstand von Natur aus genügt. Andererseits baut er an einem verzweigten Fliessgewässer mitunter mehrere Dämme, um einen genügend grossen und ausreichend tiefen Stausee zu erhalten. Beschädigte Dämme bringt er mit dem sprichwörtlichen Biberfleiss wieder in Ordnung. So werden diese Biberbauwerke vielfach über mehrere Generationen hinweg instandgehalten.

 

...und Wasserburgen

Der Nutzen, den der Biber aus dem von ihm angelegten Stausee zieht, ist ein doppelter: Zum einen vergrössert der gedrungen gebaute Nager, der sich an Land nur ungern und eher unbeholfen fortbewegt, auf diese Weise seinen Aktionsradius. Zum anderen schafft er sich einen feindsicheren Ort für den Bau seiner Wohnung. Stets legt er nämlich inmitten des Stausees seine mächtige Wohnburg an.

Es handelt sich um eine hügelförmige Konstruktion, die ähnlich wie ein Staudamm aus Stöcken, Steinen und Schlamm errichtet wird. An der Basis weist die Biberburg gewöhnlich einen Durchmesser von etwa zehn Metern auf, und sie ragt meistens etwa zwei Meter über den Wasserspiegel auf. In ihrem Innern - deutlich oberhalb des Wasserspiegels gelegen und gegen aussen durch meterdicke Holzwände geschützt - befindet sich eine einzelne Nestkammer. Sie ist mit pflanzlichen Stoffen sorgfältig ausgekleidet und deshalb stets trocken, zugluftfrei und wohltemperiert. Erreicht werden kann sie nur tauchend über eine schmale Röhre, deren Einstieg unter Wasser liegt.

Auch hinsichtlich seiner Wohnung erweist sich der Biber durchaus als flexibel: Wo er in seinem Wohngebiet steil abfallende Ufer vorfindet, verzichtet er vielfach auf den Bau einer Wasserburg und gräbt sich stattdessen einen mehrere Meter langen Tunnel mit abschliessender Nestkammer in die Uferwand hinein. Auch bei solchen «Uferwohnungen» befindet sich der Einstieg stets unterhalb des Wasserspiegels, während die Nestkammer deutlich darüber liegt.

Ausser als Bauholz verwendet der Biber die von ihm gefällten Bäume im übrigen als Wintervorrat: Jeweils im Herbst zerlegt der emsige Nager, der keinen Winterschlaf hält, viele der von ihm gefällten Bäume in Stücke von 60 bis 80 Zentimeter Länge und lagert diese auf dem Grund seines Wohngewässers als Wintervorrat ein. Während der frostigen Wintermonate, in der sein Heimatgewässer oft von einer Eisschicht überdeckt ist, verhält er sich dann sehr träge. Er verbringt die meiste Zeit ruhend in seiner Nestkammer und verlässt diese nur kurzfristig, um Nahrung aus seinem «Unterwasserspeicher» zu holen.

 

Zweijährige Lehrzeit

Biber leben monogam. Die erwachsenen Tiere bleiben also ihrem einmal auserwählten Partner ein ganzes Leben lang treu. Jedes Paar zieht jeweils im Frühling zumeist zwei bis vier Junge auf, und diese bleiben in der Regel zwei Jahre lang mit ihren Eltern zusammen. Somit setzt sich eine Biberfamilie im allgemeinen aus sechs bis zehn Tieren zusammen: den Eltern, den diesjährigen Jungen und den Jungen des Vorjahrs. Erst nach Ablauf ihres zweiten Lebensjahrs, bei Erreichen der Geschlechtsreife, werden die Jungen von den Eltern «weggebissen». Sie wandern dann eine Weile in der näheren und weiteren Umgebung umher, bis sie schliesslich ein geeignetes Stück Lebensraum gefunden haben, in welchem sie sich niederlassen und eine eigene Familie gründen können.

Ihr Wohngebiet beansprucht jede Biberfamilie für sich allein. Gegenüber fremden Artgenossen grenzen die erwachsenen Tiere ihr Revier ab, indem sie mit Hilfe des öligen Sekrets aus ihren zwei grossen, beutelförmigen Afterdrüsen immer wieder an auffälligen Uferstellen «abweisende» Duftmarken setzen. Die Grösse des Biberreviers richtet sich nach der Qualität des örtlichen Lebensraums und erstreckt sich gewöhnlich über eine Uferlänge von einem halben bis drei Kilometer bzw. über eine Fläche zwischen 25 und 200 Hektar.

Die Tragzeit dauert beim Biber rund 105 Tage, was für ein Nagetier ausnehmend lang ist. Dementsprechend weit fortgeschritten kommen die Jungen zur Welt: Sie sind vollständig behaart, haben ihre Augen bereits geöffnet und wiegen schon etwa 500 Gramm. Sie werden nahezu drei Monate lang von ihrer Mutter gesäugt, beginnen aber schon im Alter von etwa zwei Wochen, auch feste Nahrung zu sich zu nehmen. Während sie in ihrem ersten Lebensjahr vor allem Schwimmen und Tauchen lernen und daneben kindliche «Narrenfreiheit» geniessen, tragen sie in ihrem zweiten Lebensjahr aktiv dazu bei, die Dämme und die Wohnburg im elterlichen Wohngebiet instandzuhalten sowie Wintervorräte anzulegen. Durch dieses zusätzliche «Lehrjahr» erhalten sie die Gelegenheit, ausreichend Erfahrungen in den verschiedenartigen Biberbautechniken zu sammeln, bevor sie auf eigene Faust losziehen.

 

Bibergeil als Wundermittel

Der Eurasiatische Biber hatte einst ein riesenhaftes Verbreitungsgebiet, das sich über nahezu alle bewaldeten Teile des gemässigten und nördlichen Eurasiens erstreckte. Die masslose Verfolgung durch den Menschen hatte jedoch zur Folge, dass der Biber bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in ganz Europa ausserhalb der ehemaligen Sowjetunion ausgerottet war - mit Ausnahme von drei Restvorkommen an Rhone (Frankreich), Elbe (Deutschland) und in Norwegen. Und auch innerhalb der Sowjetunion - auf europäischem wie auf asiatischem Boden - waren die Biberbestände in weiten Bereichen vollständig vernichtet.

Zum einen wurde der Biber wegen seines aussergewöhnlich dichten Pelzes bejagt, aus dem sich hochwertige Mützen und Mäntel herstellen liessen. Zum anderen war das stark moschusartig riechende Sekret aus den Duftdrüsen des Bibers sehr begehrt. Dieses sogenannte «Bibergeil» oder «Castoreum» galt in der Volksmedizin als Wundermittel, dem nachgesagt wurde, dass es von Kopfweh über Wassersucht und Pest bis hin zu Schreikrämpfen so gut wie alles heilen könne. Entsprechend teuer wurde die Substanz gehandelt. Im übrigen fand auch das schmackhafte Fleisch des Bibers stets guten Absatz, insbesondere natürlich während der alljährlichen Fastenzeit.

Nach der Jahrhundertwende machten dem Biber dann in Mitteleuropa zunehmend auch die vielfältigen «Meliorationen» (Bodenverbesserungen) zu schaffen, die im Dienst der Forst- und Landwirtschaft vorgenommen wurden, namentlich die Begradigung von Flussläufen, die Eindeichung von Stillgewässern und die Trockenlegung von Auenwäldern und anderen Feuchtgebieten. Dadurch verlor der grosse Nager auf breiter Front immer mehr Teile seines einstigen Lebensraums.

Als offensichtlich wurde, dass der Biber in Europa kurz vor dem Aussterben stand, wurden endlich in mehreren Ländern Jagdverbote erlassen und weitere Artenschutzmassnahmen eingeleitet. Ab den zwanziger Jahren wurden auch Wiedereinbürgerungen durchgeführt - zuerst in Finnland, Schweden und Teilen der Sowjetunion, später auch in der Schweiz, im Elsass, in Bayern und in Österreich. Da der Biber vielerorts aufgrund der aktiven Verfolgung und nicht so sehr wegen der Zerstörung seines Lebensraums ausgestorben war, zeitigten diese Wiederansiedlungen mehrheitlich gute Erfolge. So leben heute in Deutschland wieder über 6000 der nagenden Baumeister, bei steigender Tendenz. Und in der Schweiz sind es immerhin etwa 350.

Weissrussland, das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, war mit seiner grossen Zahl von Gewässern, darunter vielen ausgedehnten Seen, Sümpfen und anderen Feuchtgebieten, von alters her ein wichtiges Lebensgebiet des Eurasiatischen Bibers gewesen. Doch auch hier erlitt der interessante Nager durch die Verfolgung seitens des Menschen enorme Verluste. 1925 konnten anlässlich einer Bestandserhebung im ganzen Land nur noch 22 Biberfamilien gefunden werden. Dieser erschütternde Befund war der Auslöser, um die Bejagung des Bibers zu verbieten und diverse Zucht- und Wiedereinbürgerungsprojekte an die Hand zu nehmen. Auch hier mit gutem Erfolg: Heute gibt es in Weissrussland wieder rund 30 000 Biber.

Die wichtigste Biberpopulation Weissrusslands lebt im 762 Quadratkilometer grossen Berezinskij-Reservat, das nördlich von Minsk am Oberlauf der Beresina liegt. Das Reservat war 1925 mit dem ausdrücklichen Ziel eingerichtet worden, für eine grössere, langfristig überlebensfähige Biberpopulation eine sichere Heimat zu schaffen - was in erfreulicher Weise gelungen ist.




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