Bienenesser - Merops apiaster


© 1988 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Bienenesser oder «Bienenfresser» (Familie Meropidae), welche mit den Eisvögeln, Racken und Wiedehopfen verwandt sind, gehören zu den farbenprächtigsten Vögeln der Welt. 24 Arten umfasst die Familie insgesamt. Die meisten von ihnen sind in Afrika, Asien und Australien beheimatet.

Manche Bienenesser-Arten bevorzugen als Lebensraum den dichten Wald. Diese «Waldarten» leben meistens paarweise und besitzen feste Eigenbezirke. Andere Arten sind Bewohner der offenen Landschaft. Sie bilden in der Regel volkreiche Kolonien mit grossen, gemeinsam genutzten Wohngebieten.

Zu den Offenlandbewohnern zählt auch der europäische Bienenesser (Merops apiaster). Seine Brutgebiete befinden sich vornehmlich im südlichen Europa. Gelegentlich kann man dem farbenprächtigen Vogel aber auch in Mitteleuropa begegnen.

In den meisten europäischen Ländern bezieht sich der volkstümliche Name des Bienenessers auf seine Hauptbeutetiere, die Bienen, welche er im Flug erhascht. Auf Holländisch beispielsweise heisst er Bijeneter, auf Schwedisch Biatare, auf Englisch Bee-eater und auf Deutsch Bienenesser. Interessanterweise wird er jedoch in Frankreich Guêpier genannt, was soviel wie Wespenesser bedeutet...

 

Ein farbenprächtiger Vogel

Beim Durchblättern eines Vogelbuches fällt der Bienenesser mit seiner türkisfarbenen Brust, der gelben Kehle, dem kastanienbraunen Rücken, den blauen Flügeln, dem grünen Schwanz, der schwarzen Gesichtsmaske, der weissen Stirn und dem roten Auge als der wohl bunteste Vogel Europas auf. Ebenso unverkennbar wie die Farbenpracht seines Gefieders ist seine Stimme: Der Bienenesser verfügt über eine ganze Reihe unterschiedlicher Triller-Laute, die er je nach aktueller Situation einsetzt: Alarmrufe bei Gefahr, aggressive Laute beim Wettstreit mit Artgenossen, Begrüssungslaute am Nest, Konktaktrufe im Flug usw. Solch vielfältige Lautäusserungen sind für Arten mit komplexer Gesellschaftsstruktur, wie sie der koloniebrütende Bienenesser aufweist, typisch.

Der Bienenesser ist kleiner und vor allem leichter, als die meisten Leute auf den ersten Blick vermuten. Ausgewachsene Individuen werden nur etwa 28 Zentimeter lang und 60 Gramm schwer. Das geringe Körpergewicht ist - zusammen mit der ausgeprägten Stromlinienform - für einen Vogel, der seiner Beute ausschliesslich in der Luft nachjagt, von grosser Bedeutung. Immerhin ist aber der europäische Bienenesser der grösste Vertreter seiner Familie.

 

Sie erobern neue Gebiete

Europäische Bienenesser kommen im Sommerhalbjahr in den meisten ans Mittelmeer angrenzenden südeuropäischen und nordafrikanischen Ländern vor, ferner in Teilen Mitteleuropas und der Sowjetunion. Hier brüten die lebhaft gefärbten Vögel und ziehen ihre Jungen gross. Im Herbst, wenn aufgrund des zunehmend kühleren Wetters die Insektenfülle im Mittelmeerraum abnimmt, ziehen sie ins westliche und östliche Afrika südlich der Sahara. Dort führen sie ein nomadisches Leben und lassen sich bei ihren Streifzügen weitgehend vom Nahrungsangebot leiten.

Im Verlauf der letzten hundert Jahre gelang der Art mancherorts eine Ausdehnung ihres Verbreitungsgebiets. So begannen die Bienenesser in den zwanziger und dreissiger Jahren unseres Jahrhunderts erstmals im österreichischen March-Tal zu nisten, und in den späten vierziger Jahren besiedelten die Vögel auch Niederösterreich. Im vergangenen Jahrzehnt eroberten die Bienenesser weitere Gebiete Österreichs und flogen ausserdem nach Deutschland und Polen ein.

Die wohl erstaunlichste Ausweitung des Brutareals ereignete sich aber im späten 19. Jahrhundert, als Bienenesser plötzlich auch in Südafrika zur Brut schritten. Diese Vögel mussten nicht nur ihre Zugrichtung um 180 Grad gedreht haben; sie hatten überdies ihre Brutzeit um ein halbes Jahr verschoben, denn sie brüteten fortan im südlichen Sommer.

 

Bienen werden zuerst entwaffnet

Nur wenige Vogelarten fangen und verzehren Bienen, denn zweifellos ist die Jagd auf diese wehrhaften Insekten nicht ganz ungefährlich. Bienenesser praktizieren im allgemeinen die Ansitzjagd: Auf einer Warte sitzend halten sie nach Beute Ausschau. Fliegt ein Insekt in ihrer Nähe vorbei, so schiessen sie blitzschnell darauf zu, packen es im Flug und kehren mit dem Opfer auf ihre Warte zurück, um es zu verspeisen. In besonders insektenreichen Gebieten bleiben die geschickten Jäger aber mitunter auch für mehrere Minuten in der Luft und fangen und verzehren dort mehrere Beutetiere nacheinander.

In solchen Fällen dürfte es sich jedoch kaum um Bienen handeln, denn mit diesen fliegen die Bienenesser in aller Regel auf ihren Ansitz zurück, um sie vor dem Verzehr zu «entwaffnen». Dazu wird die Biene quer in der Schnabelspitze gehalten und solange auf den Sitzast geschlagen, bis ihr Stachel beseitigt ist oder zumindest der Stechapparat nicht mehr arbeiten kann. Dann erst wird das Insekt verschlungen. Schon nestjunge Bienenesser zeigen ansatzweise dieses charakteristische Giftstachel-Entfernen. Ganz offensichtlich ist dieses Verhalten für das Überleben der Tiere dermassen wichtig, dass es angeboren - also im Erbgut verankert - ist.

Bienen bilden zwar einen wesentlichen Teil der Bienenesser-Nahrung. Sie sind aber bei weitem nicht die einzigen Insekten, die der bunte Vogel verzehrt. So weiss man beispielsweise aus Frankreich, dass Libellen einen recht beachtlichen Teil der Nahrung ausmachen. Daneben stehen Käfer aller Art, Fliegen, Wespen, Hummeln, Schmetterlinge, Heuschrecken, Grillen usw. auf dem Speisezettel. Gerne halten sich Bienenesser bei der Nahrungssuche in der Nähe von Viehherden auf, da die weidenden Tiere viele Insekten aufscheuchen.

Seine Vorliebe für Bienen bringt den Bienenesser zuweilen in Konflikt mit dem Menschen, denn selbstverständlich sieht es kein Imker gerne, wenn der Vogel seine «Schützlinge» verzehrt. Probleme hat es beispielsweise in der Ukraine (Sowjetunion) gegeben, wo besonders viel Honig produziert wird und - vermutlich gerade wegen des besonders grossen Bienenvorkommens - eine grosse Bienenesser-Population lebt.

Viele Versuche wurden unternommen, um die im Bereich der Bienenstöcke jagenden Vögel zu vernichten oder zumindest zu vertreiben. Neuere Untersuchungen haben nun aber gezeigt, dass Bienenesser zwar viele Bienen erbeuten, dass sie aber daneben auch viele Raubinsekten vertilgen, welche sich ihrerseits von Bienen ernähren. Möglicherweise ist der Einfluss der Bienenesser auf die Bienenvölker daher nicht ganz so schädlich, wie man immer angenommen hat.

 

Kinderstube in selbstgegrabenen Erdhöhlen

Gegen Ende April und im Laufe des Mai kehren die Bienenesser aus ihren Winterquartieren südlich der Sahara ins nördliche Afrika und südliche Europa zurück. Der relativ späte Zeitpunkt ihrer Rückkehr in die Brutgebiete ist eine Anpassung an das hiesige Nahrungsangebot: Erst ab Mai sind nämlich die Wetterbedingungen so gut, dass die Altvögel genügend Fluginsekten für sich und ihre Jungen finden.

Bienenesser brüten in Kolonien, welche wenige Paare bis mehrere hundert Vögel umfassen können. Wie ihre Verwandten, die Eisvögel, legen die Bienenesser für das Brutgeschäft selbstgegrabene Erdhöhlen an steilen Ufern sowie in Sandgruben und dergleichen an. Die Brutröhre ist rund einen Meter lang und weist an ihrem Ende eine Nestkammer auf. Dorthinein legt das Weibchen bis zu sieben Eier. Während rund drei Wochen wechseln sich die Altvögel beim Bebrüten des Geleges ab. Nach dem Schlüpfen werden die Jungen vorerst mit kleineren Insekten wie Fliegen und Bienen gefüttert. Später werden ihre Schnäbel mit grösseren Tieren wie Libellen und Heuschrecken gestopft.

Die Eltern bringen ihren Jungen tagtäglich bis zu 600 Insekten. Bei einem solch grossen Futterbedarf können natürlich rasch «Nachschub-Probleme» auftreten - beispielsweise während Schlechtwetter-Perioden, wenn die Insekten weniger aktiv und deshalb weit schwieriger zu erjagen sind. Dann kann es leicht geschehen, dass der eine oder andere Nestling verhungert. Gewöhnlich trifft es die jüngsten, schwächsten Jungvögel, da sie beim Gerangel um das von den Eltern herbeigetragene Futter den älteren Geschwistern unterlegen sind.

Im Alter von etwa 28 Tagen verlassen die jungen Bienenesser bereits das Nest, werden dann allerdings noch mehrere Wochen lang von den Eltern mit Futter versorgt. Sobald die Jungvögel selbständig sind, verlassen sie das Wohngebiet der Kolonie und machen sich auf die weite Wanderung in den Süden.

 

Bienenesser unterstützen ihre Verwandten

In ihren Brutkolonien sind die Bienenesser verschiedenen Raubtieren ausgesetzt, und zwar die ausgewachsenen Vögel ebenso wie ihre Jungen und ihre Gelege. Zu den gefährlichsten Fressfeinden gehören Wiesel und Sperber sowie verschiedene Schlangenarten. Treten Raubtiere in einer Bienenesser-Kolonie auf, so schliessen sich sämtliche Vögel zu einem gemeinsamen Gegenangriff zusammen. Dennoch sind viele räuberische Angriffe erfolgreich, da sich die meisten Feinde von den zarten Bienenessern wenig beirren lassen.

Hat ein Bienenesser-Paar seine Brut verloren, so unternimmt es mitunter eine Zweitbrut. Dies vor allem dann, wenn der Fehlschlag früh in der Saison erfolgt ist. In vielen Fällen verzichten die Vögel aber auf einen weiteren Brutversuch. Besonders die Männchen solcher «erfolglosen» Paare setzen sich dann oft als Helfer bei der Jungenaufzucht anderer Paare in der Kolonie ein: Sie unterstützen diese bei der Futterbeschaffung für die Jungen und vermindern dadurch deren Arbeitsaufwand.

Das Verhalten solcher Helfervögel ist im Verlauf der letzten zwanzig Jahre eingehend untersucht worden. Dabei wurde unter anderem festgestellt, dass die Helfer in aller Regel ihren nächsten Verwandten (Eltern, Kindern) beistehen. Dies erklärt unter anderem, warum es sich bei den helfenden Bienenessern mehrheitlich um Männchen handelt: Im Gegensatz zu den Weibchen bleiben diese nämlich nach der Geschlechtsreife in der elterlichen Kolonie, also im Verband mit ihren nächsten Verwandten. Die Weibchen hingegen wandern nach der Geschlechtsreife häufig zu anderen Kolonien ab, wo sie keine näheren Verwandten besitzen.

Die Tatsache, dass Helfer zumeist ihre Verwandten unterstützen, gibt letztlich auch die Antwort auf die Frage, wie sich wohl dieses scheinbar uneigennützige Verhalten im Verlauf der Stammesgeschichte der Bienenesser hat herausbilden können. Individuen, welche ihren Artgenossen helfen, dürften ja im Laufe ihres Lebens eher weniger Nachkommen hervorbringen als solche, die nach einem Brutmisserfolg jeweils einen zweiten Versuch unternehmen. Früher war man daher der Ansicht gewesen, das Helfen sei eine fehlgeleitete Verhaltensweise. Heute weiss man es besser. Bedenkt man nämlich, dass 1. die von Helfern unterstützten Paare einen deutlich grösseren Bruterfolg zu verzeichnen haben als «normale» Paare, und dass 2. ihre verhältnismässig zahlreichen Nachkommen dasselbe Erbgut aufweisen wie die helfenden Vögel, so wird der tiefere Sinn der ungewöhnlichen Verhaltensweise klar: Das biologische Ziel jedes Lebewesens ist es, sein Erbgut möglichst vielfach weiterzugeben. Und dieses Ziel wird von den Helfervögeln via ihre Verwandten mindestens ebenso gut - wenn nicht besser - erreicht wie von Individuen, welche dieses Verhalten nicht zeigen.

 

Die Zukunft ist ungewiss

Der Artbestand des europäischen Bienenessers wird gegenwärtig auf rund zwei Millionen Paare geschätzt. Dennoch gilt die Art aufgrund ihrer speziellen Nistplatz- und Futterbedürfnisse als im europäischen Raum stark gefährdet. Zum einen werden nämlich ungestörte, natürliche Uferbänke, in denen ganze Vogelkolonien ihre Niströhren anlegen können, wegen der allgegenwärtigen Flussufer-Begradigungen sowie des überhandnehmenden Erholungstourismus' in Gewässernähe zusehends seltener. Zum anderen gehen die Vorkommen grosser Fluginsekten wegen der in der modernen Landwirtschaft im grossen Stil eingesetzten Schädlingsbekämpfungsmittel (Pestizide), der überall stattfindenden Flurbereinigungen sowie der Trockenlegung von Feuchtgebieten stark zurück. Darüberhinaus werden die Bienenesser vielerorts von Bienenhaltern direkt verfolgt, wenn sie im Bereich von deren Bienenstöcken jagen. Und schliesslich werden alljährlich viele Tausende der bunten Vögel entlang ihrer Zugrouten - so besonders auf Malta, auf Zypern und in Ägypten - aus «kulinarischen» Gründen umgebracht.

Haben die Bienenesser einmal Afrika erreicht, so bleiben sie von diesen Schadeinflüssen weitgehend verschont. Mit der rasch fortschreitenden Entwicklung und der enorm anwachsenden menschlichen Bevölkerung in den meisten afrikanischen Ländern dürften die Tiere aber schon bald auch in ihren Winterquartieren denselben Gefahren gegenüberstehen wie in ihren nördlichen Brutgebieten. Obschon der europäische Bienenesser sein Verbreitungsgebiet in Europa langsam ausdehnt, ist darum seine Zukunft ziemlich ungewiss.

Ein Teil der Verantwortung für das langfristige Überleben des hübschen Vogels liegt zweifellos bei der europäischen Bevölkerung. Entscheidend für das zukünftige Sein oder Nichtsein des Bienenessers dürfte aber letztlich die Umweltsituation in den sich rasch entwickelnden Ländern Afrikas sein, in welchen der Bienenesser zwei Drittel des Jahrs verbringt. Unsere Aufgabe muss es darum auch sein, die vorwärtsstrebenden afrikanischen Nationen bei ihren Bemühungen zur Erhaltung der einheimischen Fauna und Flora wirkungsvoll - fachlich wie finanziell - zu unterstützen.




ZurHauptseite