Keeling-Bindenralle

Rallus philippensis andrewsi


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Familie der Rallen (Rallidae) ist mit weltweit rund 140 Arten eine recht formenreiche Vogelsippe. Auf allen Kontinenten und auf ungezählten Ozeaninseln sind Rallen heimisch; einzig in den Polargebieten fehlen sie.

Die Bindenralle (Rallus philippensis) ist eine der weitestverbreiteten Rallenarten: In nicht weniger als 26 verschiedenen Unterarten kommt sie auf mehreren Inseln des Indischen Ozeans, in Indonesien, auf den Philippinen, in Australien, auf Neuguinea, im nördlichen Melanesien, auf diversen Inseln des südwestlichen Pazifiks, auf Neuseeland und sogar auf einigen benachbarten subantarktischen Inseln vor.

Die ursprüngliche Heimat der Art ist Australien. Von dort hat sie sich im Laufe langer Zeiträume in alle Richtungen ausgebreitet. Nach ihrer Absonderung auf den neu kolonisierten Inseln und Eilanden haben sich dann lokal unterschiedliche Änderungen im Körperbau entwickelt, wodurch die heutige Formenfülle entstanden ist. So weisen beispielsweise die Bindenrallen auf Neuseeland einen längeren, schlankeren Schnabel und die Bindenrallen des östlichen Neuguineas ein dunkleres Gefieder auf als ihre Verwandten in Australien. Sehr variabel ist im übrigen die Grösse der Bindenrallen aus den verschiedenen Bereichen des Artverbreitungsgebiets.

Die Keeling-Bindenralle (Rallus philippensis andrewsi) ist eine besonders hübsche Unterart der Bindenralle. Ihr Kopf ist sehr markant gefärbt mit schwarzem Scheitel, weissem Überaugen- und braunem Augenstreifen. Die Kehle ist weiss, die Halsunterseite hellgrau. Flügeldecken und Schwanz sind schwarz-braun gescheckt und weisen weisse Punkte auf. Schultern, Brust und Bauch sind schwarz-weiss quergestreift, und über die Brust zieht sich jene charakteristische zimtbraune Querbinde, auf die der Artname zurückgeht. Die Männchen der Keeling-Bindenralle sind geringfügig grösser als die Weibchen: Ihr Körper misst 30 Zentimeter, der Schwanz 7 Zentimeter, die Flügel 14 Zentimeter und der Schnabel 4 Zentimeter.

Wie alle Rallen ist die Keeling-Bindenralle ein an das Leben im dichten Pflanzenwuchs - hauptsächlich im Übergangsbereich zwischen Land und Wasser - gut angepasster Bodenbewohner. Um ohne Schwierigkeiten durch das Dickicht schlüpfen zu können, ist ihr Körper seitlich zusammengedrückt und die Wirbelsäule verfügt über eine grosse seitliche Biegsamkeit. Die Beine wie auch die Zehen sind besonders lang, was die Fortbewegung in sumpfigem Gelände erleichtert.

Wie alle ihre Verwandten hat die Keeling-Bindenralle im übrigen kurze, abgerundete Flügel und ist ein verhältnismässig schwacher Flieger. Gefahren versucht sie sich wenn immer möglich durch rasches Verschwinden im Pflanzendickicht zu entziehen. Nur selten entschliesst sie sich zum Auffliegen, und dann sieht man, wie kraftlos ihr Flug ist und wie ihre langen Beine ungelenk unter dem Körper baumeln. Gerade in der beschränkten Flugtüchtigkeit dürfte aber das Geheimnis des Ausbreitungserfolgs der Bindenrallen liegen: Als verhältnismässig schwache Flieger werden sie leicht von Sturmwinden auf das offene Meer geweht und erreichen auf diese passive Weise (und mit viel Glück) «Neuland».

 

2 Atolle, 27 Inseln

Die Heimat der Keeling-Bindenralle sind die zu Australien gehörenden Kokosinseln im östlichen Bereich des Indischen Ozeans. Etwa 1000 Kilometer liegen sie von Java und Sumatra und über 2000 Kilometer von Australien entfernt. Sie bestehen aus zwei Atollen, die sich im Abstand von 24 Kilometern auf den Spitzen zweier untermeerischer Vulkane gebildet haben, weisen eine Gesamtfläche von etwa 14 Quadratkilometern auf und ragen am höchsten Punkt lediglich 9 Meter aus den Fluten des Meers auf.

Das nördliche, kleinere Atoll, North Keeling, umfasst nur eine einzige, C-förmige Insel. Das südliche Atoll besteht aus 26 Inseln, welche eine birnenförmige Lagune mit einem Durchmesser von etwa 9 Kilometern umschliessen. Permanent bewohnt sind einzig die beiden Inseln Home Island und West Island. Auf Home Island befindet sich ein Dorf mit ungefähr 450 Einwohnern vorwiegend malaiischer Abstammung. Sie sind die Nachkommen von Kokosplantagen-Arbeitern. Auf West Island befinden sich die Büros der Inselverwaltung und locker verstreut die Wohnhäuser der weissen, zumeist vom australischen Festland stammenden Staatsangestellten und ihren Familien. Etwa 250 Personen leben derzeit auf West Island.

Entdeckt hatte die Inseln 1609 der britische Kapitän William Keeling, als er im Auftrag der Ostindien Handelsgesellschaft mit einer Ladung Gewürze von Java nach England zurücksegelte. Ihm verdanken North Keeling und die Keeling-Bindenralle ihren Namen. Besiedelt wurden die Kokosinseln jedoch erst 1826/27 durch die beiden Briten Alexander Hare und John Clunies-Ross. Zusammen mit einer Anzahl Arbeiter von Java und anderen Inseln des indomalaiischen Raums gingen sie daran, die Inselgruppe für die Kokosnuss- bzw. Kopraproduktion zu entwickeln. So wurde innerhalb kurzer Zeit die gesamte ursprüngliche Pflanzendecke der Kokosinseln, die aufgrund des nährstoffarmen Korallenkalk-Untergrunds hauptsächlich aus einer schütteren Waldform mit zahlreichen Pisonia-Bäumen bestand, durch Kokosplantagen ersetzt.

Erhalten blieb die ursprüngliche Gehölzvegetation einzig auf North Keeling, weil dieser «Aussenposten» der Kokosinseln nur schwer zugänglich ist. Es gibt lediglich eine Landungsstelle für Boote, und auch dort ist das Anlegen nur während weniger Wochen im Jahr einigermassen gefahrlos möglich. Da auf North Keeling überdies kein Trinkwasser vorhanden ist, wurde diese Insel von jeher nur sporadisch und nie für längere Zeit von den Kokosinselbewohnern besucht.

Die Inselsiedler veränderten auf der Hauptgruppe nicht nur die Vegetation, sondern machten - um ihre Mahlzeiten mit Fleisch anzureichern - auch eifrig Jagd auf die Vögel, welche auf den Kokosinseln in grosser Zahl brüteten. Dadurch gingen die Vogelbestände rasch zurück, umsomehr, als auch die vom Menschen eingeschleppten Ratten und mitgebrachten Hauskatzen den brütenden Vögeln, ihren Eiern und Küken nachstellten. Heute sind die ursprünglich auf den Kokosinseln heimischen Brutvögel von der Hauptgruppe praktisch vollständig verschwunden. (Die einzigen Vögel, die noch regelmässig und in grösserer Zahl dort brüten, sind verwilderte Haushühner.) Glücklicherweise fanden sie aber auf North Keeling ein einigermassen sicheres Rückzugsgebiet.

Mit über 50 000 nistenden Vögeln ist North Keeling heute einer der wichtigsten Stützpunkte der Meeresvögel im Indischen Ozean. 11 verschiedene Meeresvogelarten brüten auf dem 110 Hektaren grossen Eiland, darunter der Rotfusstölpel (Sula sula), die Feenseeschwalbe (Gygis alba), der Arielfregattvogel (Fregata ariel) und der Weissschwanz-Tropikvogel (Phaeton lepturus). Nicht zuletzt ist North Keeling aber auch das letzte Rückzugsgebiet der einzigen endemischen Vogelart der Kokosinseln: der Keeling-Bindenralle. Noch zu Beginn unseres Jahrhunderts scheint sie auf den meisten Inseln der Hauptgruppe in grösseren Beständen vorgekommen zu sein. In den vierziger Jahren war sie dann zumindest auf den bewohnten Inseln Home Island und West Island bereits selten. Und seit 1984 scheint sie auf dem Hauptatoll ausgestorben zu sein. Jedenfalls wurden seither keine lebenden Keeling-Bindenrallen mehr gesichtet. Und, was vielleicht noch aussagekräftiger ist, es konnten auch trotz Abhörens der in Frage kommenden Habitatstücke durch Fachleute nirgendwo mehr Rufe dieses recht stimmfreudigen Vogels gehört werden.

Der Restbestand der Keeling-Bindenralle auf North Keeling wird auf mindestens 40 und höchstens etwas über 100 Individuen geschätzt.

 

Ein heimlicher Gemischtköstler

Über die Lebensweise der Keeling-Bindenralle wissen wir erst wenig. Wie die meisten Rallen ist sie ein überaus heimlich lebender Vogel, der sich fast ständig in dichter, schattenreicher Vegetation aufhält. Sie ist deshalb nicht nur ein ziemlich «undankbares» Studienobjekt, sondern es gibt auch kaum Notizen über zufällige Beobachtungen.

Auf North Keeling scheint die Keeling-Bindenralle in allen Teilen der Insel vorzukommen. Zu sehen ist sie aber am ehesten, wenn sie in der Gezeitenzone am Strand der Lagune auf Nahrungssuche geht. Dort stöbert sie emsig im angeschwemmten Seetang umher, erbeutet dabei allerlei Krebstiere und Insekten und findet wohl auch den einen oder anderen pflanzlichen «Leckerbissen». Auch auf dem Waldboden sieht man sie gelegentlich sehr beschäftigt umherschreiten und nach Ameisen und anderen wirbellosen Kleintieren picken. Dass sie auch die Reiskörner nicht verschmähte, die ihnen unser Fotograf Peter Goh vorlegte, zeigt, dass sie wie die meisten Rallen ein sehr anpassungsfähiger Gemischtköstler ist.

Ihr Nest, eine sehr einfache Konstruktion aus Blättern, Zweigen und Meeresvogelfedern, baut die Keeling-Bindenralle gewöhnlich in etwa einem Meter Höhe in den Blattachseln junger Kokospalmen, auf umgestürzten Pisonia-Bäumen und an ähnlichen Orten. Das Gelege besteht gewöhnlich aus 3 bis 6 rundlichen Eiern, welche auf beigefarbenem Grund rotbraun gesprenkelt sind. Während des Schlüpfens der Jungrallen halten sich die Eltern unterhalb des Nests am Boden auf. Die Jungen springen, sobald ihr Daunengefieder trocken ist, aus dem Nest und schliessen sich ihren Eltern an. Sie können zu diesem Zeitpunkt bereits überraschend schnell rennen und retten sich bei Beunruhigung unverzüglich in den nächsten Schatten im Unterholz. Dort sind sie mit ihrem mattschwarz-flaumigen Gefieder vorzüglich getarnt. Als Signale im Verkehr zwischen Eltern und Jungen sowie mit den anderen Artgenossen äussern die Keeling-Bindenrallen im dichten Pflanzenwuchs verschiedenartige Laute. Demselben Zweck scheint auch das auffällige Schwanzzucken zu dienen, mit welchem die Vögel jegliche Erregung anzeigen.

 

North Keeling - eine ornithologische Kostbarkeit

1984 fand auf den Kokosinseln - im Rahmen der weltweiten Entkolonisierungs-Bestrebungen - der kleinste, jemals von der UNO beobachtete «Akt der Selbstbestimmung» statt. Dabei sprachen sich von den 261 stimmberechtigten Inselbewohnern 229 dafür aus, dass ihr kleines Territorium nicht zu einem unabhängigen Ministaat, sondern zu einem integralen Teil Australiens werden soll. Die australische Regierung zeigte sich über diesen Entscheid sehr erfreut, war nun aber dazu verpflichtet, den Lebensstandard auf den Kokosinseln so rasch wie möglich demjenigen auf dem Festland anzugleichen, was sie in den Jahren seither auch mit grossem finanziellem Aufwand getan hat. Dies führte zu einem plötzlichen, überraschenden Wohlstand der Inselbevölkerung - unter anderem mit der Folge, dass heute praktisch jeder Haushalt ein eigenes Motorboot besitzt, während es noch 1980 erst ein oder zwei Schnellboote in privater Hand gab. Nun war plötzlich North Keeling für alle viel besser erreichbar als zuvor mit den kleinen, selbstgebauten Holzsegelbooten. Schlagartig gerieten deshalb die Meeresvögel auf North Keeling, die auch heute noch bei den «Kokosmalaien» als grosse Delikatesse gelten und eine wichtige Speise bei manchen Zeremonien sind, unter enormen Jagddruck, und über kurz oder lang hätte dies wohl den Untergang der dortigen Brutkolonien bedeutet.

Glücklichweise wurde diese Gefahr von der Inseladministration rasch erkannt, und in Absprache mit dem Inselrat wurde 1986 der Jagd auf North Keeling vorerst ein Riegel vorgeschoben. 1987 wurde dann ein Naturschutzbeamter auf den Kokosinseln in sein Amt eingesetzt, ohne dessen Einverständnis seither niemand mehr North Keeling aufsuchen darf. Die kleine Insel geniesst derzeit den Status eines Naturschutzgebiets, obschon die rechtlichen Voraussetzungen hierfür erst noch zu schaffen sind.

Diverse Studien wurden inzwischen auf North Keeling durchgeführt, und es wurde ein detaillierter Management-Plan erarbeitet. Dieser sieht vor, dass die traditionelle Nutzung zumindest der beiden häufigsten Meeresvögel, des Rotfusstölpels und des Arielfregattvogels, auch in Zukunft für die Kokosmalaien möglich sein soll, dass dabei aber noch festzulegende jährliche Quoten nicht überschritten werden dürfen, damit der Fortbestand der Vögel nicht in Frage gestellt wird. Auch Touristen sollen die Möglichkeit erhalten, die ornithologische «Kostbarkeit» North Keeling zu besuchen, doch gilt es in diesem Zusammenhang sämtliche Vorkehrungen zu treffen, damit keine Ratten, Katzen oder anderen Raubsäuger auf die Insel gelangen können. Andernfalls wäre der Niedergang besonders der selteneren und weniger wehrhaften Vogelarten, darunter der Keeling-Bindenralle, unausweichlich.

Die Inselbewohner werden derzeit umfassend informiert über die ökologische Bedeutung von North Keeling, aber auch über den potentiellen wirtschaftlichen Wert der Insel als Attraktion für Vogelliebhaber aus aller Welt. So wird versucht, ihren Willen zum Schutz dieser einzigartigen Insel zu wecken, ohne den die Erhaltung von North Keeling als Vogelparadies langfristig wohl kaum möglich sein dürfte.

In Bezug auf die Keeling-Bindenralle wurden zusätzliche Schutzmassnahmen eingeleitet. So werden seit 1989 regelmässige Bestandszählungen durchgeführt, um etwaige Bestandsschwankungen frühzeitig erkennen zu können. Ferner wird auf einzelnen Inseln des Hauptatolls versucht, die Populationen der Ratten und der verwilderten Hauskatzen auszumerzen. Dies im Hinblick auf eine spätere Wiedereinführung der Ralle auf dem Hauptatoll. Denn solange dieser hübsche Vogel nur in einer einzigen kleinen Population auf einem einzigen kleinen Eiland vorkommt, solange bleibt er vom Aussterben bedroht. Schon eine kleine Änderung der Umweltbedingungen in seinem letzten Rückzugsgebiet könnte ihm zum Verhängnis werden, und dem gilt es beizeiten vorzubeugen.




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