Blattschneiderameisen
Atta spp.
© 1984 Markus Kappeler / WWF Schweiz
(erschienen im WWF-Kalender 1985, WWF Schweiz, Zürich)
Südamerika ist für den Insektenforscher das Paradies
auf Erden. Die warmen und feuchten Tropenwälder dieses Kontinents
bieten Myriaden von Kerbtieren unterschiedlichster Formen, Farben
und Grössen ideale Lebensbedingungen. Auch die Blattschneiderameisen
(Gattung Atta) sind in Südamerika zu Hause. Sie gehören
wohl zu den interessantesten der etwa 6000 Ameisenarten, die
weltweit bekannt sind. Sie sind keine Jäger und Sammler,
wie die meisten ihrer Verwandten, sondern Pilzzüchter.
In endlosem Zug marschieren die Blattschneiderameisen
unablässig von ihrer unterirdischen Nestanlage zu den Bäumen
und Sträuchern der näheren Umgebung, um dort mit ihren
messerscharfen Zangen Blattstücke aus dem Laub herauszuschneiden
und heimzuschleppen. Wie aufgespannte Segel halten sie dabei
mit ihren kräftigen Kiefern die grünen Blattstückchen,
die oft schwerer sind als sie selbst. Die eingetragenen Blattstücke
werden aber nicht - wie man früher glaubte - verspeist,
sondern die emsigen Tierchen zerkauen das Blattmaterial zu einer
schwammigen Masse, legen daraus einen Komposthaufen an und züchten
darauf ihre Pilze. Nur eine Pilzart zu züchten gelingt den
Ameisen, indem sie fremde Pilzsporen durch Absonderung eines
Sekrets töten. Der üppig wuchernde Pilzrasen wird von
den Ameisen eifrig abgeweidet und auch an die Larven verfüttert.
Er ist ihr täglich Brot.
Ihr Handwerk betreiben die Blattschneiderameisen mit
solchem Erfolg, dass in einer einzigen Kolonie bis über
zwei Millionen Tiere in einem komplizierten Miteinander leben
können. Bis zu fünf Meter tief in den Erdboden reichen
die Gänge und Kammern einer solchen Riesenkolonie, und auf
über 23 Kubikmeter kann ihr Volumen im Laufe der Jahre anwachsen.
Die Pilzkulturen werden in besonderen, oft meterlangen Pilzkammern
mit konstantem Klima angelegt.
Zur Erleichterung des Transports der grossen Blattmengen,
die eine Kolonie für ihre Pilzzucht benötigt, legen
die eifrigen Tierchen richtige Strassen in der Umgebung ihres
Nests an. Diese Verkehrswege haben eine Breite von fünf
bis sieben Zentimetern und können bis 800 Meter lang sein.
Sie werden von jedem Pflanzenwuchs freigehalten und in Hanglagen
eingeebnet. Zum Überwinden von Gräben werden - wie
auf unserem Bild - natürliche Brücken benützt.
Da die Saubas - wie die Blattschneiderameisen
in Brasilien heissen - in wenigen Stunden ganze Bäume entlauben
können, sind sie bei den ansässigen Pflanzern ziemlich
verhasst. Tatsächlich sind die unermüdlichen Tiere
eine der grössten Gefahren für die tropischen Monokulturen
in diesem Erdteil. In der 100 Quadratkilometer grossen, mitten
im Urwald des Amazonasbeckens angelegten Jari-Plantage sind allein
600 Menschen ständig damit beschäftigt, die Legionen
der Blattschneiderameisen mit chemischen Mittein zu bekämpfen.
Woraus der geneigte Leser nicht die Schädlichkeit dieser
hochentwickelten Insekten, sondern den ökologischen Unsinn
solcher Grossprojekte ableiten möge.
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