Blaukoralle

Heliopora coerulea


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Korallen sind Blumentiere

Das, was wir im Volksmund als «Koralle» bezeichnen, ist zoologisch gesehen eine Kolonie winziger Lebewesen aus der Klasse der Blumentiere (Anthozoa), welche dicht beisammen auf einem gemeinsam gebauten «Kalkgerüst» sitzen.

Blumentiere kennen wir am ehesten in Form der lebhaft gefärbten Seeanemonen (Ordnung Actinaria) aus Schauaquarien in Zoologischen Gärten. Ihr Körper ist meistens von gedrungener zylindrischer Form und weist rund um die Mundöffnung einen Kranz von Tentakeln auf, die sich sanft im Wasser wiegen, während die Fussscheibe fest auf der Unterlage (manchmal am Aquarienglas) haftet. Beim Betrachten dieser festsitzenden Wasserlebewesen versteht man gut, weshalb sie den anschaulichen Namen «Blumentiere» tragen - und weshalb die Naturforscher des 18. Jahrhunderts geraume Zeit benötigten, um schlüssig nachzuweisen, ob es sich hierbei um Tiere oder um Pflanzen handelt. Der grosse französische Naturforscher René Antoine de Réaumur (1683-1757) war einer der ersten gewesen, der die Meinung vertrat, dass es sich um Tiere handelt. Er war es auch, der den Begriff «Polyp» für die individuellen Blumentiere einbrachte, da ihn die Tentakel, mit denen die Blumentiere ihre Beute fangen, an die Arme des grossen «Meerespolypen», des Gemeinen Kraken (Octopus vulgaris), erinnerten.

Auch die einzelnen Korallentiere, welche in vieltausendköpfigen Kolonien zusammenleben, haben die Gestalt von Polypen. Im Gegensatz zu den Seeanemonen sind sie jedoch zumeist nur wenige Millimeter gross, und vor allem sind sie in der Lage, Kalk in Form von Kalziumionen aus dem umgebenden Meerwasser aufzunehmen und in fester Form, als Kalziumkarbonat, auszuscheiden. Jedes Individuum einer Korallenkolonie baut sich mit Hilfe des ausgeschiedenen Kalks einen festen Kelch, in den es sich bei Gefahr zurückziehen kann. Die einzelnen Kelche werden aneinandergebaut und miteinander «verkittet», so dass letztlich ein fester, widerstandsfähiger Bau entsteht, dessen Form von der Art der Korallentiere abhängig ist. Entsprechend der Vielfalt koloniebildender Korallenarten ist das Formenspektrum der «Bauten», denen man in einem Korallenriff begegnet, überaus breit.

Alle riffbildenden Korallen stellen hohe Anforderungen an ihre Umwelt: Sie benötigen eine Wassertemperatur, die nicht unter 20° Celsius absinken darf, reichlich Sonnenlicht und also Wassertiefen von nicht mehr als 40 bis 50 Metern, ferner Meerwasser, das klar, sauerstoffreich und von konstantem Salzgehalt ist. Wegen dieser Ansprüche an ihre Umgebung ist das Vorkommen der Korallenriffe auf die Flachwasserbereiche tropischer Meere beschränkt.

Die an Korallenriffen reichsten Gebiete der Erde sind das Rote Meer sowie der Indische und der Pazifische Ozean. In diesen Regionen kommen rund 500 Arten riffbauender Korallen vor. Unter ihnen befindet sich auch die Blaukoralle (Heliopora coerulea). Man kann ihr vom Roten Meer im Westen bis Samoa im Osten und von Taiwan im Norden bis Neukaledonien im Süden begegnen. Besonders häufig ist sie im westlichen Pazifischen Ozean, im Bereich von Tuvalu, Kiribati, den Marshall-Inseln, Mikronesien und Palau.

 

Polypen mit acht Tentakeln

Die Blaukoralle verdankt ihren Namen der Tatsache, dass ihr Kalkskelett - aufgrund der Einlagerung blauer Eisensalze - blau gefärbt ist. Das ist in der Tat ein Kuriosum: Weltweit gibt es nämlich nur noch eine einzige andere riffbildende Korallenart mit einem farbigen (allerdings roten) Skelett: die Orgelkoralle (Tubipora musica). Bei allen übrigen riffbauenden Korallenarten ist das Skelett weiss.

Die Blaukoralle unterscheidet sich ferner von den anderen riffbildenden Korallenarten durch die Tentakelzahl ihrer Polypen: Während die Zahl der Tentakeln «normaler» Korallenpolypen durch sechs teilbar ist, besitzen die Polypen der Blaukoralle deren acht. Dies zeigt, dass die Blaukoralle stammesgeschichtlich eine separate Entwicklung durchlaufen hat, und es ist ein wichtiger Grund dafür, dass sie nicht der Ordnung der Steinkorallen (Madreporaria) zugeordnet wird, welcher die meisten riffbildenden Korallenarten angehören, sondern in eine separate Ordnung, die der Blaukorallen (Helioporidae), gestellt wird.

Blaukorallen-Polypen sind rund 1 Millimeter lang und weisen beim Tentakelkranz einen Durchmesser von etwa 1 Millimeter auf. Betrachtet man ein totes Skelettbruchstück der Blaukoralle näher, so erkennt man die winzigen, porenartigen Löcher, von denen jedes zu Lebzeiten der Korallenkolonie einem Polypen als Wohnraum diente. Diese Poren haben einen artspezifischen Querschnitt, der an eine kleine Sonne erinnert, und das hat zum wissenschaftlichen Gattungsnamen «Heliopora» geführt: helios ist das griechische Wort für «Sonne», und poros das Wort für «Loch». Der Artname «coerulea» stammt vom lateinischen Begriff für «himmelblau» ab.

Die Form des Skeletts der Blaukoralle ist im Unterschied zu anderen Korallenarten überaus variabel. Je nach geografischem Ort und abhängig von Wassertiefe, -temperatur, -qualität usw. wachsen die Blaukorallenkolonien säulen- oder tellerartig, bilden fingerförmige Auswüchse oder sind gleichmässig abgeflacht, formen Halbkugeln oder Quader. An einigen Stellen erreichen die Kolonien eine aussergewöhnliche Grösse. So finden sich beispielsweise in der Shiraho-Lagune bei Okinawa (im Bereich der japanischen Ryukyu-Inseln) Blaukorallenkolonien, welche eine Höhe von drei Metern und eine Länge von über zwanzig Metern erreichen. Untersuchungen über die Wachstumsgeschwindigkeit der Blaukorallenkolonien in der Shiraho-Lagune deuten auf eine Zuwachsrate von lediglich etwa zwei Millimetern im Jahr hin. Das lässt darauf schliessen, dass die dortigen Riesenkolonien über 1000 Jahre alt sind.

 

Darwin und Tuvalu

«Die Brandung erzeugt Wellen, die in ihrer Gewalt beinahe denen gleichkommen, die in den gemässigten Zonen während eines Sturms entstehen. Man kann unmöglich diese Wellen erblicken, ohne die Überzeugung zu empfinden, dass jede Insel, und wäre sie aus dem härtesten Gestein gebaut, durch eine so unwiderstehliche Gewalt zerstört werden wird. Und doch bleiben diese niedrigen, unbedeutenden Koralleninselchen siegreich bestehen. Denn hier beteiligt sich als Gegner noch eine andere Macht am Kampfe. Mag der Orkan Tausende ungeheurer Bruchstücke losreissen: Was hat das zu bedeuten gegenüber der sich häufenden Arbeit von Myriaden kleiner Architekten, welche Tag und Nacht, jahraus, jahrein bei der Arbeit sind? Wir sehen hier, wie der weiche gallertartige Körper der Korallenpolypen durch die Wirksamkeit der Gesetze des Lebens die grosse mechanische Kraft der Ozeanwellen besiegt.»

Kein geringerer als Charles Darwin war es, der dies am 12. April 1836 in sein Reisejournal schrieb. Auf seiner fünfjährigen Reise um die Welt mit dem englischen Forschungsschiff «Beagle» war er bei den Kokosinseln im Indischen Ozean vorbeigekommen. Es war dies sein einziger Besuch eines Korallenatolls, und lediglich zwölf Tage hielt sich die Beagle in der Lagune der Kokosinseln auf. Aber mit seinem unvergleichlich wachen Geist hatte der damals erst 27jährige Darwin schnell erfasst, welches Wunder der Natur ein Atoll darstellt - und welch bedeutsame Arbeit die Korallenpolypen in den tropischen Gewässern überall auf der Erde vollbringen.

Allein aufgrund seiner Eindrücke und Beobachtungen auf den Kokosinseln schuf Darwin später ein naturwissenschaftliches Standardwerk über die Korallenriffe («Über den Bau und die Verbreitung der Korallen-Riffe», 1842). Er beantwortete darin insbesondere die Frage nach der Entstehung der Atolle, jener merkwürdigen Inselringbildungen aus Korallengestein mitten im Ozean, welche unter den Wissenschaftlern seiner Zeit schon für hitzige Diskussionen gesorgt hatte, ohne dass eine einleuchtende Erklärung gefunden worden wäre. Nun trat Darwin mit einer Theorie auf, die gerade ihrer Einfachheit wegen die Fachleute in Erstaunen setzte und bis heute allgemein akzeptiert wird.

Darwins Theorie besagte, dass praktisch jedes Atoll seine Entstehung dem Vulkanismus verdankt: Vor -zig Jahrmillionen war aufgrund untermeerischer Eruptionen ein rauchender, feuerspeiender Vulkanschlot aus den Fluten aufgetaucht - um seither langsam unter seinem eigenen Gewicht wieder abzusinken, pro Jahrhundert um etwa einen Zentimeter. Diesen Zentimeter vermögen die Korallenstöcke, die sich rasch rings um den aus dem Meer aufragenden Vulkangipfel gebildet hatten und die nur im lichtdurchfluteten, oberflächennahen Wasser gedeihen, spielend auszugleichen. Während der Berg allmählich tiefer sinkt, wachsen sie stetig in die Höhe. Sassen sie anfänglich in unmittelbarer Küstennähe den Vulkanschultern auf, so entfernt sich der abtauchende Vulkangipfel allmählich immer weiter von ihnen weg. Mit der Zeit bilden sie ein separates Riff. Und gleichzeitig häuft die immerwährende Brandung Sand, Korallengeröll und ganze Korallenblöcke lagunenwärts, hinter dem Riff, zu kleinen Inselchen auf. Wenn die Bergspitze schliesslich ganz im Ozean verschwunden ist, bleiben diese Inselchen allein zurück - als mehr oder weniger kreisförmiger Inselkranz, der eine seichte Lagune umschliesst. Gemäss Darwins Theorie sind Atolle also gewissermassen die letzten Anstrengungen untersinkender Berge, ihre Häupter über Wasser zu halten.

Obschon Darwins Theorie Sinn machte, fand er zu Lebzeiten keine Möglichkeit, sie auch zu beweisen. Erst in den Jahren 1896 bis 1898 wurde durch eine Expedition der «Britischen Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften» auf Funafuti, dem Hauptatoll von Tuvalu, ein ernsthafter Versuch unternommen, die Theorie zu testen. Mit einem Spezialbohrer gelang es den britischen Geologen, bis in eine Tiefe von 860 Metern vorzustossen. Zwar wurde der vulkanische Untergrund damals nicht erreicht. Die Untersuchung des Bohrkerns zeigte jedoch, dass das Riffgestein mit zunehmender Tiefe immer älter wurde - und dass es ausschliesslich aus Skelettmaterial von Korallenarten bestand, welche in seichten Gewässern heimisch sind. Beide Entdeckungen stützten Darwins Theorie. Doch es dauerte noch geraume Zeit, bis anlässlich einer wissenschaftlichen Bohrung auf dem Enewetak-Atoll in den Marshall-Inseln in einer Tiefe von 1385 Metern tatsächlich das vermutete vulkanische Basisgestein nachgewiesen werden konnte. 1949 wurden die Resultate dieser Bohrung veröffentlicht, und damit lag der endgültige Beweis für Darwins Theorie vor - mehr als hundert Jahre, nachdem der aussergewöhnliche Gelehrte sie entwickelt hatte.

Bei der Bohrung auf dem Enewetak-Atoll hatte übrigens das älteste Korallengestein, das zutage gefördert wurde, ein Alter von rund 50 Millionen Jahren. Mindestens so lange existieren also diese Tiergemeinschaften bereits auf unserem Planeten. Und bei der Bohrung auf dem Funafuti-Atoll konnte nachgewiesen werden, dass über fünfzig Prozent des Korallengesteins im Bohrkern aus Blaukorallen-Skelettmaterial bestanden. Die Blaukoralle kann deshalb als wichtigste «Atollbildnerin» im Bereich Tuvalus betrachtet werden. Dieser grossen Bedeutung wegen widmet Tuvalu der Blaukoralle die vorliegenden Briefmarken.

 

Gefahr durch die globale Meeresverschmutzung

Korallenriffe bilden dynamische Gebilde. Sie werden einerseits ständig aufgebaut und verstärkt durch die Tätigkeit der Korallen. Andererseits sind zahlreiche Tierarten damit beschäftigt, das Riff abzubauen: Papageifische und Kugelfische brechen Korallenstücke ab; Schmetterlingsfische fressen die Tentakeln der Korallenpolypen; Schnecken, Würmer und Schwämme bohren Gänge in die Korallenstöcke. Ferner können auch Stürme, bzw. die durch sie erzeugte Brandung, schwere Schäden an den Riffen verursachen.

Diese natürlichen Einwirkungen vermögen die Korallenriffe allerdings nicht grundlegend zu schädigen, wie schon Darwin bewundernd feststellte. Es ist einmal mehr dem modernen Menschen vorbehalten, diesen marinen Ökosystemen wirklich gefährlich zu werden. Da sind zum einen die direkten Einwirkungen auf die Korallenriffe: Durch die Verwendung von Dynamit beim Fischen werden, obschon fast überall verboten, noch immer grosse Riffbereiche verwüstet. Korallenkalk wird für den Hausbau verwendet. Strassen, Häfen, Hotels usw. werden im Bereich von Korallenriffen angelegt. Und ausserdem werden Korallen tonnenweise von den Riffen abgebrochen und an Touristen verkauft.

Verheerend wirken sich aber auch die indirekten Einwirkungen durch die globale Verschmutzung der Meere mit Erdöl, Chemikalien und Abwässern aller Art aus: Die empfindlichen Korallenpolypen werden dadurch geschwächt, hören auf, Kalziumkarbonat zu produzieren, werden anfällig auf Infektionen und sterben vielfach gänzlich ab.

Die Regierung von Tuvalu hat Gesetze erlassen, um zerstörerische Fischfangpraktiken, umweltschädigende Abfallentsorgung, vermeidbare Gewässerverschmutzung und übermässige Korallenkalknutzung zu verhindern. Der kleine Inselstaat hat auch diverse internationale Konventionen mitunterzeichnet, welche sich gegen ökologisch verheerende Praktiken, etwa die Versenkung von atomarem Abfall, richten. Leider wird aber diesen Gesetzen und Übereinkommen in der Realität selten die notwendige Nachachtung verschafft. Auch wurden auf Tuvalu zwar die gesetzlichen Grundlagen für die Ausweisung von Naturreservaten geschaffen, doch wurde bislang kein Gebrauch davon gemacht, obschon einzelne Korallenriffe, Meeresvögel-Brutgebiete und Meeresschildkröten-Niststrände als ökologisch bedeutsame und deshalb schützenswerte Objekte erkannt worden sind.

Auf Tuvalu und anderswo ist es höchste Zeit, dass die Korallenriffe nachhaltig geschützt werden - und zwar nicht nur, weil die Vernichtung dieser empfindlichen Ökosysteme den Fortbestand der Inseln mitsamt ihren Bewohnern gefährdet, sondern vor allem weil diese jahrmillionenalten Lebensgemeinschaften genau dasselbe Heimatrecht auf unserem Planeten haben wie der Mensch.

 

 


Legenden

Die winzigen, nur etwa einen Millimeter langen Blaukorallenpolypen weisen je acht Tentakel auf. Sie setzen diese Fangarme ein, um Ruderfusskrebschen und andere planktonische Kleinstlebewesen zu erbeuten, welche durch die Wasserströmungen an ihnen vorbeigetragen werden.

Die zahllosen Spalten und Nischen zwischen den einzelnen Blaukorallenkolonien wie auch zwischen deren fingerartigen Auswüchsen bieten Fischen sowie ungezählten anderen Meeresbewohnern eine sichere Zuflucht. Sie sind für die Lebensgemeinschaften der indopazifischen Korallenriffe von grösster Bedeutung.

Obschon die Blaukoralle bereits 1766 ihren wissenschaftlichen Namen erhielt, wurden bislang erst wenige Studien über die Lebensweise dieser koloniebildenden Tierart durchgeführt. Viele Fragen hinsichtlich ihrer Ernährungs- und Fortpflanzungsgewohnheiten sind deshalb noch ungeklärt.




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