Blaumaskenamazone

Amazona versicolor


© 1987 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Familie der Papageien (Psittacidae) umfasst insgesamt 331 Arten. 27 von ihnen gehören zur Gattung der Amazonenpapageien (Amazona), einer Vogelgruppe, die sich ursprünglich in Südamerika herausgebildet hat und auch heute noch mehrheitlich dort zuhause ist. Vier Amazonenenpapageien kommen allerdings auf den Kleinen Antillen in der östlichen Karibik vor: Die Kaiseramazone (Amazona imperialis) und die Blaukopfamazone (Amazona arausiaca) sind auf Dominica zuhause, die Königsamazone (Amazona guildingii) lebt auf St. Vincent, und die Blaumaskenamazone (Amazona versicolor) bewohnt St. Lucia.

Auf welchem Weg diese Vögel auf die Kleinen Antillen gelangt sind, vermag niemand genau zu sagen. Möglicherweise sind sie von Wirbelstürmen aufs offene Meer gefegt worden und konnten sich zufälligerweise dort niederlassen. Vielleicht waren sie aber auch von den indianischen Ureinwohnern mitgebracht worden, welche die Inseln von Südamerika her in Kanus erreicht hatten. Wie auch immer: In der Abgeschiedenheit entwickelten sie sich allmählich in anderer Richtung als ihre Verwandten auf dem Festland, und mit der Zeit bildeten sich die genannten, neuen Arten heraus. Leider sind heute alle vier «Inselamazonen» vom Aussterben bedroht.

 

Beliebte Stubenvögel

Die Papageien gehören zu den bekanntesten und beliebtesten Vögeln unseres Planeten. Nach Europa - dem einzigen Kontinent ohne einheimische Papageien - kamen bereits um 300 v.Chr. die ersten Papageien. Es handelte sich um Alexandersittiche (Psittacula sp.), welche Onesikritos, ein Steuermann aus der Flotte Alexander des Grossen, mit nach Hause gebracht hatte. Seit jener Zeit sind Papageien in der westlichen Welt begehrte Hausgenossen des Menschen.

Leider ist es gerade die Beliebtheit der Papageien als Stubenvögel, welche für den Rückgang ihrer Bestände in freier Wildbahn verantwortlich ist. Rücksichtslos werden sie zu Hunderten und Tausenden eingefangen und gehandelt. Nur wenige Arten sind aber für die Haltung in einer gewöhnlichen Stadtwohnung wirklich geeignet: Abgesehen vom nicht unbeträchtlichen Lärm, den manche Arten machen können, vertragen nur wenige Papageien auf die Dauer das trockene Klima in unseren Wohnungen. Ausserdem sind alle Papageien Gesellschaftstiere und sollten daher grundsätzlich nur paarweise oder in kleinen Schwärmen gehalten werden, was leider allzu selten der Fall ist. Meistens sind sie dazu verurteilt, Jahrzehnte ihres Lebens ohne Gefährten zu verbringen. Die jahrelange Einzelhaft macht aber aus den in ihrer Heimat so munteren und beweglichen Vögeln jene stumpfsinnigen Wesen, die man immer wieder bei «Vogelliebhabern» antrifft.

 

Ein farbenprächtiger «Krummschnabel»

Die Blaumaskenamazone erreicht eine Länge von ungefähr 43 Zentimetern. Die Gefiedergrundfarbe ist grün. Vorderkopf und Kehle sind - wie der deutsche Artname besagt - kobaltblau gefärbt. Unterhalb der Kehle befindet sich ein scharlachrotes Kropfband, während Brust und Bauch rostrot gefärbt sind. Die Schwungfedern sind blauschwarz, und an der Flügelspitze befindet sich eine rote Federpartie. Die Iris ist leuchtend orangerot gefärbt, Schnabel und Füsse sind grauschwarz. Die Gefiederfärbung ist bei Männchen und Weibchen dieselbe, kann jedoch von Tier zu Tier leichten Schwankungen unterworfen sein.

Die Heimat der Blaumaskenamazone, die Insel St. Lucia, liegt etwa in der Mitte der Kleinen Antillen und zählt zu den kleinsten unabhängigen Nationen der Welt: Mit einer Landfläche von 616 Quadratkilometern ist dieses Eiland nur wenig grösser als der Bodensee. Das Alter von St. Lucia beträgt ungefähr 20 Millionen Jahre. Wie die übrigen Kleinen Antillen ist die Insel vulkanischen Ursprungs, tauchte also eines Tages aufgrund untermeerischer Vulkanausbrüche aus dem Karibischen Meer auf und war nie mit dem Festland verbunden gewesen.

Der bevorzugte Lebensraum der Blaumaskenamazone ist dichter tropischer Regenwald. Darin findet sie das ganze Jahr über ein reiches und vielfältiges Angebot von Früchten, ihrer Lieblingsspeise. Zu nennen sind etwa die Früchte des Bwa-Pen-Baums (Talauma dodecapetala), der Penny-Piece-Bäume (Poulteria spp.) und der Aralien (Clausia spp.). Als sich im Jahr 1638 die ersten europäischen Siedler auf St. Lucia niederliessen, war die Insel noch von den Bergspitzen bis zu den weissen Sandstränden mit dichter tropischer Vegetation bewachsen gewesen. Heute sind die Wälder bis auf wenige Fetzen an unzugänglichen Stellen im Inselinnern abgeholzt. Dementsprechend ist auch der Lebensraum der Blaumaskenamazone geschrumpft. Die verbleibenden Überreste ursprünglichen Walds bilden heute die letzten Rückzugsgebiete der bunten Vögel.

 

Ein Leben lang verpaart

Blaumaskenamazonen fliegen paarweise oder in kleinen Schwärmen durch das Kronendach des Walds. Ihre Anwesenheit geben sie fortwährend durch laute, heisere «kii-ard»-Rufe bekannt. Die farbigen Papageien sind hauptsächlich in der Morgen- und in der Abenddämmerung rege. Die heissen Tagesstunden verbringen sie gerne an einer schattigen Stelle im Geäst, wo sie vor sich hin dösen oder ihr Gefieder pflegen.

Blaumaskenamazonen werden mit fünf bis sechs Jahren geschlechtsreif. Männchen und Weibchen gehen eine lebenslange Partnerschaft ein. Wie die meisten Papageien sind Blaumaskenamazonen Höhlenbrüter. Jeweils im Februar oder März legt das Weibchen in einer Baumhöhle ein bis zwei weisse Eier. Die Jungvögel verlassen die Nisthöhle zumeist im Juni und bleiben noch bis Ende Jahr mit ihren Eltern zusammen. Ihre Färbung ist in den ersten Monaten noch ziemlich «verwaschen».

 

Abgottschlange, Hurrikan und ...

Der Bestand der Blaumaskenamazonen wird durch eine Vielzahl von Faktoren beschränkt. Zu nennen sind zum einen die Fressfeinde der Vögel. Zwar haben erwachsene Tiere kaum natürliche Feinde zu fürchten. Eier und Nestlinge fallen hingegen des öftern Nesträubern - beispielsweise der Abgottschlange (Constrictor constrictor orphias), der Karibik-Lanzenotter (Bothrops caribbaeus) und dem Nordopossum (Didelphis marsupialis) - zum Opfer.

Eine gewisse Beschränkung der Fortpflanzungsrate wird ferner durch den Wettstreit mit dem Perlange-Schmätzer (Margarops fuscatus) um geeignete Nisthöhlen verursacht. Dieser ziemlich angriffslustige Vogel verjagt öfters Blaumaskenamazonen von ihren Nisthöhlen.

Des weiteren können die von Zeit zu Zeit in der Karibik tobenden Wirbelstürme schwere Verluste unter den Blaumaskenamazonen verursachen. Letztmals war dies 1980 der Fall. Damals suchte der Hurrikan «Allen» die Südspitze St. Lucias heim. 16 tote und über 6000 obdachlose Inselbewohner waren die traurige Bilanz. Aber nicht nur der Mensch, sondern auch die Natur erlitt grossen Schaden: 39 Prozent der Wälder im Inselinnern wurden beinahe vollständig zerstört, und nur gerade 20 Prozent blieben unversehrt. Entwurzelt oder umgeknickt wurden vor allem die grossen, alten Bäume, da sie dem Wind mehr Angriffsfläche boten und oftmals Strukturschwächen (Höhlungen usw.) aufwiesen. Gerade jene Bäume wurden also am meisten beschädigt, welche für die Blaumaskenamazone als Futterquellen und Nistgelegenheiten besonders wichtig sind.

Alle diese natürlichen Einflüsse haben allerdings die Blaumaskenamazone über Jahrhunderte hinweg nie ernsthaft in ihrem Bestand zu gefährden vermocht. Gefährlich wurde es erst, als sich Europäer auf St. Lucia niederliessen, mit ihren Äxten den Wald zu roden begannen und mit ihren Gewehren auf die Vögel schossen.

 

... der Mensch

Direkten Einfluss auf die Population der Blaumaskenamazone hatte der Mensch in früherer Zeit vor allem durch den Abschuss der Vögel für den Kochtopf genommen. In jüngerer Zeit war es dann hauptsächlich der Fang von Jungvögeln für den Tierhandel gewesen, welcher zum Rückgang der Art beitrug. Die Fangquoten waren zeitweise beachtlich, wurden doch von rücksichtslosen Europäern und Amerikanern bis 18.000 US-Dollar für einen der seltenen Vögel bezahlt!

Indirekt hat der Mensch dem Amazonen-Bestand auf St. Lucia vor allem durch die Rodung des Tropenwalds geschadet. Noch bis zum heutigen Tag wird zur Gewinnung von landwirtschaftlicher Nutzfläche die Brandrodungstechnik angewendet. Dabei werden zuerst die grossen Urwaldbäume gefällt und zu Bau- und Brennholz verwertet. Dann wird die restliche Pflanzendecke niedergebrannt und anschliessend auf dem nun freigelegten Land Bananen, Maniok und anderes Wurzelgemüse angepflanzt. Da Tropenböden aber nur eine dünne Humusschicht aufweisen und diese zudem durch die heftigen Tropenregen sehr rasch weggespült wird, können die so gewonnenen Felder oft nur während weniger Jahre genutzt werden. Die Bauern verlassen daraufhin die ausgelaugten Felder und gewinnen dem Urwald ein weiteres Stück Land durch Brandrodung ab. Ein Wiederaufkommen von Wald auf den brachliegenden Feldern findet aber leider in den wenigsten Fällen statt.

1948 war bereits die Hälfte der Insel gerodet gewesen. Und noch heute werden Jahr für Jahr weitere zwei Prozent des ursprünglichen Tropenwalds durch die Inselbewohner zerstört. Der mit Fortschritt gleichgesetzte und darum kräftig vorangetriebene Strassenbau spielt hierbei eine wesentliche Rolle: Vormals unzugängliche Inselregionen werden plötzlich für jedermann erreichbar, und überdies bietet der Abtransport der landwirtschaftlichen Erzeugnisse selbst aus den abgelegensten Gebieten keine Probleme mehr.

 

1977: Noch 100 Blaumaskenamazonen übrig

In Berichten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wird von den Blaumaskenamazonen noch als «weit verbreiteten» und «nicht gefährdeten» Vögeln gesprochen. Die bunten Papageien waren überall anzutreffen, wo der Regenwald noch unberührt war. Hundert Jahre später, 1950, wurde der Bestand aber bereits auf nurmehr 1000 Tiere geschätzt, und 1977 war er auf ganze 100 Individuen gesunken.

Es war zu befürchten, dass die Blaumaskenamazone über kurz oder lang aussterben und damit das traurige Schicksal ihrer Schwestern auf Martinique (Amazona martinica) und Guadeloupe (Amazona violacea) teilen würde. Die Regierung von St. Lucia beschloss darum, ein Konzept erarbeiten zu lassen, durch welches dem stetigen Schwund der Blaumaskenamazonen-Population Einhalt geboten werden kann. Bereits 1978 war dieses Schutzkonzept, an dem der Welt Natur Fonds (WWF), der Jersey Wildlife Preservation Trust (JWPT) und der Rare Animal Relief Effort (RARE) massgeblich mitgewirkt hatten, fertiggestellt und konnte in die Tat umgesetzt werden. Aktivitätsschwerpunkte des mittlerweile sehr erfolgreich verlaufenden Konzepts sind die folgenden:

1. Verstärkung des gesetzlichen Naturschutzes: Im Rahmen der Bestrebungen zur Verbesserung der Schutzsituation der Blaumaskenamazone wurde der Vogel 1979 zum Nationaltier von St. Lucia ernannt. 1980 erfolgte dann die dringend notwendige Verabschiedung eines neuen Naturschutzgesetzes. Dieses stellt sämtliche Wildtiere St. Lucias unter Schutz und sieht empfindliche Strafen bei Zuwiederhandlungen vor (1800 US-Dollar oder 1 Jahr Gefängnis). Noch im selben Jahr wurde auch das Forstgesetz revidiert. Und 1982 ratifizierte St. Lucia schliesslich - als zweite Karibiknation - das Internationale Abkommen über den Handel mit bedrohten Tier- und Pflanzenarten (CITES).

2. Information der Bevölkerung in Sachen Naturschutz: Die Aufklärung möglichst weiter Bevölkerungskreise über die Belange des Naturschutzes war ein weiteres Hauptanliegen des Schutzkonzepts. Zu diesem Zweck wurden Bücher, Broschüren und Poster produziert, welche in den Schulen der Insel zum Einsatz kamen. Ausserdem wurden Radio- und Fernsehsendungen über Naturschutzthemen ausgestrahlt. Dia-Vorträge, Filmvorführungen und Exkursionen rundeten die Aktivitäten ab. Die breitangelegte Informationskampagne hat ihre Wirkung nicht verfehlt: Die Blaumaskenamazone ist heute ein wohlbekannter und beliebter Vogel auf St. Lucia. Jedermann weiss über das Schicksal von «Jacquot», wie die Eingeborenen ihren Papagei liebevoll nennen, Bescheid und ist besorgt über seine Zukunft. Gleichgültigkeit der Natur gegenüber hat echter Besorgnis Platz gemacht.

3. Errichtung eines Schutzgebiets: Im Rahmen des Schutzkonzepts wurde innerhalb eines bereits bestehenden Waldschutzgebiets ein 650 Hektar grosses Naturreservat errichtet. Hierdurch wird nicht nur die Lebensgrundlage der Blaumaskenamazone, sondern auch diejenige der anderen Wildtiere St. Lucias dauerhaft geschützt. Sämtliche Aktivitäten des Menschen innerhalb dieses Areals bedürfen einer speziellen Bewilligung.

4. Zucht der Vögel in Gefangenschaft: In enger Zusammenarbeit mit dem Jersey Wildlife Preservation Trust wurde die Zucht der Blaumaskenamazone in Gefangenschaft an die Hand genommen. Gegenwärtig werden 15 Tiere in Volieren gehalten, und bereits konnten sieben Junge erfolgreich aufgezogen werden.

 

Überleben gesichert

Alle zwei Jahre führt die Forstbehörde St. Lucias eine Zählung der Blaumaskenamazonen in freier Wildbahn durch, um so die Entwicklung der Population überwachen zu können. Die bisherigen Zählungen geben ein sehr erfreuliches Bild: Von den nurmehr 100 Überlebenden im Jahr 1977 hat sich der Bestand auf 150 im Jahr 1982 und auf 250 im Jahr 1986 erhöht! Geht die Bestandsentwicklung im selben Mass weiter wie bis anhin, so dürfte schon bald mit der Wiederbesiedlung von Waldstücken zu rechnen sein, aus denen die Amazone in jüngerer Zeit verschwunden ist.

Der grosse Erfolg der Schutzmassnahmen auf St. Lucia ermutigt dazu, ähnliche Anstrengungen auch zum Schutz der Amazonenpapageien auf den Inseln St. Vincent und Dominica zu unternehmen. St. Lucia hat bewiesen, dass wirksamer Naturschutz in erster Linie der Information der Bevölkerung und deren Haltungsänderung gegenüber der Natur bedarf. Die Erhaltung der Blaumaskenamazone ist zum Anliegen und Stolz einer ganzen Nation geworden.




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