Was ist eigentlich «Boden»?


© 1985 Markus Kappeler
(erschienen im Pro-Natura-Sonderheft Nr. 4/85)



An der Erdoberfläche, dort wo Wind und Wetter an der Erdrinde nagen, hat sich im Laufe langer Zeiträume eine Verwitterungsschicht gebildet, welche zur Lebensgrundlage von Pflanze, Tier und Mensch geworden ist. Diese zwischen dem nackten Gestein und der Luft liegende, lebenerfüllte und lebentragende Lockerhaut der Erde heisst «Boden».

Boden ist aber nicht gleich Boden. Je nach Ausgangsgestein, geografischer Lage, Klima, Wassereinfluss, pflanzlichem Bewuchs, Tiergemeinschaft und nicht zuletzt menschlichem Eingriff haben sich mannigfaltige Bodentypen entwickelt, von denen jeder seinen eigenen Charakter aufweist. Immerhin: In jedem Fall ist der Boden ein Gefüge aus mineralischen Partikeln, Humus (siehe Kasten), Bodenlebewesen, Luft und Wasser.

Die mineralischen Bodenteile entstehen durch die Verwitterung des Muttergesteins und variieren daher in ihrer Zusammensetzung von Ort zu Ort. So enthalten etwa die Böden im zentralen Alpenraum viel Feldspat und Quarz, die Böden im Jura und in den Voralpen dagegen viel Kalk. Die Situation in der Schweiz ist allerdings ziemlich kompliziert, da das Ausgangsmaterial zur Bodenbildung oft nicht das feste Muttergestein ist, sondern überlagertes eiszeitliches Gletschergeschiebe. Nach ihrer Korngrösse lassen sich die mineralischen Bodenteile in fünf Gruppen aufteilen: Tone messen weniger als 0,002 mm im Durchmesser. Sand weist eine Korngrösse von 0,06-2 mm auf. In der Grössenordnung dazwischen liegt der sogenannte «Schluff» oder «Silt». Kies misst 2-20 mm und Steine 2-20 cm. Nun ist besonders das Mischungsverhältnis zwischen Ton und Sand für den Charakter eines Bodens von entscheidender Bedeutung. Unsere bäuerlichen Vorfahren haben dies schon früh erkannt und eine Grobgliederung des Bodens in «leichte», «mittlere» und «schwere» Böden vorgenommen. Leichte Böden - die Sandböden - sind sehr durchlässig: Wasser versickert rasch, so dass der Boden nach Niederschlägen bald austrocknet. Nährstoffe werden leicht ausgewaschen. Schwere Böden weisen einen hohen Gehalt an Tonpartikeln auf. Dies bewirkt zwar ein grosses Wasserrückhaltevermögen. Der Boden neigt aber zu grosser Dichte und Vernässung, so dass für Wurzeln weder viel Platz noch Luft bleibt. Die mittleren Böden schliesslich - die sogenannten Lehme - enthalten Ton und Sandpartikel etwa im Mischungsverhältnis 1:1. Luft- und Wasserhaushalt sind für das Pflanzenwachstum sehr günstig, weshalb Lehmböden in der Regel besonders fruchtbar sind.

Das mineralische Ausgangsmaterial ist durchsetzt mit abgestorbener und chemisch umgewandelter Biomasse, Humus genannt, und wird von allen möglichen Bodenlebewesen bewohnt. Humuszusammensetzung, Mengenanteil im Boden und Bodenlebensgemeinschaft sind je nach Standort sehr unterschiedlich . Sie hängen eng zusammen mit den lokalen Umweltbedingungen - speziell mit der Pflanzendecke, welche auf dem Boden gedeiht. Zwischen den festen Bodenbestandteilen finden sich zahllose Zwischenräume unterschiedlichster Grösse. Während die feineren dieser «Poren» Wasser führen, befindet sich in den grösseren Hohlräumen Luft.


Kasten «Humus»

Was im Boden weder Luft noch Wasser, weder Mineral noch Lebewesen ist, heisst «Humus». Hunderte verschiedener chemischer Verbindungen, welche bei der Zersetzung abgestorbener Biomasse entstehen, werden unter diesem Sammelbegriff zusammengefasst. Besonders häufig sind die Humine, eine Stoffgruppe von dunkelbrauner Farbe und grossen Molekülen verschiedenster Gestalt. Der Anteil von Humus an der gesammten Bodenmasse beträgt bei landwirtschaftlich genutzten Böden im allgemeinen zwei bis vier Prozent.
Durch die Aktivität der Bodenlebewesen gehen die Humusstoffe eine feste Verbindung mit mineralischen Bodenpartikeln ein. Diese «Ton-Humus-Komplexe» sind von grosser Bedeutung für die Fruchtbarkeit des Bodens. Sie stellen einerseits ein Reservoir von Pflanzennährstoffen dar und tragen andererseits wesentlich zur lockeren, gut durchlüfteten Bodenstruktur bei


Kasten «Bodenhorizonte»

So etwa muss man sich die Entwicklung vom nackten Fels zum fruchtbaren Boden vorstellen: Das frische Gestein wird durch Wind und Wetter angegriffen; es verwittert. In den entstandenen Klüften und Spalten siedeln sich anspruchslose Pionierpflanzen und erste Bodenorganismen an. Es entsteht eine erste dünne Humusdecke. Immer mehr Pflanzen finden Halt, immer neue Bodentiere lassen sich nieder. Wurzeln, Humussäure und Grundwasser arbeiten weiter an der Gesteinszersetzung.
Nach langen Zeiträumen bildet sich schliesslich als Endstadium der Entwicklung ein fruchtbarer Boden, der gegen die Tiefe hin mehr oder weniger deutlich geschichtet ist: Zuoberst befindet sich die als «Streu» bezeichnete Auflage abgestorbener Pflanzenteile. Darunter liegt der an Nährstoffen und Bodenlebewesen reiche «Oberboden». Dann folgt als Übergangszone der mineralische «Unterboden». Zuunterst schliesslich liegt das unverwitterte Ausgangsgestein, der «Untergrund».
Jeder Boden weist diese Vertikalstruktur auf. Die Mächtigkeit der einzelnen Schichten - Bodenhorizonte genannt - ist aber je nach Bodentyp sehr unterschiedlich. So kann die Mächtigkeit des Oberbodens beispielsweise zwischen wenigen Zentimetern beim Alpenrasen und rund einem halben Meter im Laubwald schwanken - bei gleichem Alter von etwa 5000 Jahren.




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