Unterirdische Wunderwelt


© 1985 Markus Kappeler
(erschienen im Pro-Natura-Sonderheft Nr. 4/85)



Dicht unter unseren Füssen befindet sich eine uns weitgehend unbekannte Welt. Unter der Erdoberfläche ­-unseren Blicken verborgen ­-leben pflanzliche und tierliche Organismen in kaum vorstellbarer Fülle und wunderbarer Vielfalt. Wer mag da noch von «Dreck» sprechen?

Dass im Boden Tiere leben, weiss jeder: Regenwurm und Engerling sind ebenso bekannt wie Maulwurf und Ameise. Dass aber jede Handvoll Erde von Millionen kleinster Lebewesen bewohnt wird, ist wohl den wenigsten bewusst. Ohne Lupe oder Mikroskop lassen sich diese Winzlinge aus dem Tier- und Pflanzenreich auch kaum erkennen. So kommt es, dass unter der Erdoberfläche eine Welt unbekannter Wesen beginnt, deren Formenvielfalt unbegrenzt zu sein scheint.

Nur die grösseren der kleinen Bodenbewohner sind fähig, sich aus eigener Kraft ihren Weg durch den Boden zu graben. Die kleineren Formen bewegen sich innerhalb der im Boden vorhandenen Freiräume umher. Mit zunehrnender Bodentiefe nimmt die Grösse des Porenraums ab, und entsprechend werden die Bodentiere kleiner: Tiefer lebende Organismen sind besonders winzig und «wurmförmig» gebaut.

Fast alle Kleintiere des Bodens scheuen Licht und Wärme. Augen und Schutzfärbung sind im dunklen Untergrund unnütz, weshalb viele der unterirdisch lebenden Formen blind und höchstens schwach pigmentiert sind. Überraschend farbig sind dagegen die in der Laubstreu vorkommenden Bodentiere.

Von den Bakterien bis zu den Wirbeltieren reicht das bunte Spektrum der Bodenlebewesen: Die Bakterien (Schizomyceten) sind die kleinsten und zugleich zahlreichsten Organismen im Boden. Diese Zwerge messen zum Teil nur gerade 0,0005 mm. Viele Bakterienarten sind auf jeweils einen ganz bestimmten chemischen Vorgang spezialisiert - etwa das Zersetzen von Eiweissen oder das Vergären von Kohlehydraten.

Die Pilze (Mycophyten,) und die Algen (Phycophyten) bilden zusammen die Flora der Unterwelt. Die unterirdischen Pilzarten leben als feine Fadengespinste unter der Badenoberfläche und bauen dort vor allem Holzbestandteile ab.

Die Einzeller (Protozoen) - Geisseltierchen, Wurzelfüssler und Wimpertierchen - sind die kleinsten Vertreter des Tierreichs im Boden. Sie haben eine Körpergrösse von 0,01 bis 0,5 mm und ernähren sich hauptsächlich von Bakterien.

Die Fadenwürmer (Nematoden) machen ihrem Namen alle Ehre: Sie gleichen dünnen, von blossem Auge kaum wahrnehmbaren Fäden. Fadenwürmer stellen geringe Raumansprüche und können daher auch in grösserer Bodentiefe leben, wo sonst nur noch Bakterien vorkommen. Einzelne Arten können vorübergehend austrocknen und so selbst jahrelange Trockenzeiten überdauern. Viele Fadenwurm-Arten sind Räuber, die sich von Einzellern ernähren. Andere schmarotzen auf Pilzen oder Pflanzenwurzeln.

Wenn von Milben (Acarinen) die Rede ist, denken wir zuerst an all die Quälgeister, die sich im Alltag als Pflanzen-, Tier- und Humanparasiten unangenehm bemerkbar machen. Es ist aber nur der kleinste Teil dieser zu den Spinnentieren gehörenden Tiergruppe, der negativ auffällt. Ein grosses Heer von Milben lebt frei im Boden. Ihre Grösse liegt zwischen 0,1 und 1 mm. Die Lebensweise der Milben ist von Art zu Art verschieden. Einige ernähren sich von totem Pflanzenmaterial in der Streuschicht; andere beweiden Pilze und Bakterienkolonien. Und nochmals andere machen im unterirdischen Hohlraumsystem Jagd auf Springschwänze, Fadenwürmer und Milben.

Die vielgestaltigen Springschwänze (Collembolen) sind flügellose Urinsekten. Ihren Namen verdanken sie einer Sprunggabel am hinteren Körperende, dank welcher sie grosse Sprünge zu vollführen vermögen. Allerdings besitzen nur die an der Bodenoberfläche lebenden Vertreter dieser Tiergruppe einen solchen Springschwanz. Die unterirdisch lebenden Formen haben ihr hebelartiges Organ rückgebildet, da es im engen Labyrinth der Bodenporen unnütz ist. Bodenlebende Springschwänze sind besonders klein (0,5 bis 1 mm) und schlank, und sie sind farblos und blind. Auf dem Speisezettel der Springschwänze stehen abgestorbene Pflanzenteile, Bodenpilze sowie Kot anderer Bodenbewohner.

Noch viele weitere, meistens grössere und uns daher schon eher vertraute Tierformen sind aus der Gemeinschaft der Bodenlebewesen nicht wegzudenken. Die mit den Krebsen verwandten Asseln beispielsweise, die mit 1 bis 2 cm Länge für Bodenverhältnisse bereits zu den Riesen gehören. Mit ihren starken Mundwerkzeugen greifen sie die besonders harten Pflanzenteile in der Streuschicht an. Und auch die von moderndem Holz lebenden Tausendfüssler, die flinken, räuberischen Hundertfüssler, die vielgestaltigen Bodenschnecken, die Ameisen und die Regenwürmer sowie eine ganze Schar von Lauf-, Kurzflügler-, Rüssel-, Hirsch- und Bockkäfern stehen auf der langen Liste der Bodenlebewesen, die hiermit noch lange nicht abgeschlossen ist.




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