Die Natur kennt keine Abfallprobleme


© 1985 Markus Kappeler
(erschienen im Pro-Natura-Sonderheft Nr. 4/85)



Ohne das unermüdliche Wirken der Bodenorganismen wäre das Leben auf der Erde längst in seinen eigenen Abfällen erstickt. Im Dunkeln arbeitet die emsige Schar ohne Unterlass auf ein einziges Ziel hin: zu zerlegen, was oben im Licht an Biomasse produziert wurde. So sorgen die Bodenlebewesen dafür, dass der Kreislauf des Lebens nicht unterbrochen wird.

Wer im Wald spazieren geht, mag sich mitunter die Frage stellen, wohin eigentlich all die vielen Blätter gelangen, welche im Frühjahr produziert werden und im Herbst zu Boden fallen. Müsste der Spaziergänger nicht schon nach wenigen Jahren in der Masse abgestorbener Pflanzenteile völlig untertauchen? Dass dies nicht eintrifft, wissen wir. Jahr für Jahr verschwinden alle Lebensreste unauffällig von der Erdoberfläche. Sie werden von der wenig beachteten Heerschar von Organismen am und im Boden abgebaut, in den Stoffkreislauf des Bodens integriert, für neues Leben bereitgestellt. Recycling, die so fortschrittlich erscheinende Methode zur Bewältigung von Abfallproblemen, betreibt die Natur seit eh und je.

25 Millionen Blätter mit einem Gewicht von drei bis vier Tonnen liegen jährlich in einer Hektare Buchenwald bereit zur «Demontage». Bakterien sind jeweils als erste zur Stelle. Sobald die Niederschläge das tote Pflanzenmaterial ein wenig aufgeweicht haben, siedeln sie sich an und beginnen ihre Zersetzungstätigkeit. Ihnen folgen alsbald holzabbauende Pilze sowie Algen und Einzeller. Sie nagen die angegriffenen Blattoberflächen weiter an. Dann treffen Springschwänze und Milben ein. Mit ihren sägeartigen Mundwerkzeugen fressen sie ganze Löcher aus den Blättern heraus. Dadurch bieten sich nun Angriffspunkte für Tausendfüssler, Fliegenlarven und Asseln. Auch Schnecken schaben jetzt mit ihren langen Raspelzungen am Gewebe. Und nachts zerren Regenwürmer die verrottende Substanz in ihre Gänge. Sie alle, die sich direkt von der Laubstreu ernähren, fasst der Bodenbiologe als «Primärzersetzer» zusammen. Längst haben sich auch die
«Sekundärzersetzer» eingefunden - Bodenorganismen, die sich von den Zersetzungsprodukten oder von den pflanzlichen Primärzersetzern ernähren. Einzeller und Fadenwürmer tun sich an den Bakterienkolonien gütlich, während Milben das dichte Pilzgeflecht beweiden. Schaben verzehren tote Asseln nebst anderem Aas. Und Bakterien, Pilze und Springschwänze verwerten die grossen Mengen kleiner und kleinster Kotballen, welche noch unvollständig verdautes Pflanzenmaterial enthalten.

Und natürlich hat sich unter die pflanzenfressende Herde auch schon eine Vielzahl von Räubern gemischt. Sie stehen am Ende der komplizierten Nahrungsketten: Milben erbeuten Springschwänze und fallen kurz darauf Pseudoskorpionen zum Opfer. Pilze fangen Fadenwürmer in klebrigen Schlingen. Nacktschnecken machen Jagd auf kleine Regenwürmer, während Hundertfüssler mit ihren giftigen Zangen Insektenlarven töten und Spitzmäuse Gehäuseschnecken verzehren.

So machen sich unzählige Lebewesen in einem vielstufigen Abbauprozess über die Abfälle her. Nicht als lineares Nacheinander präsentiert sich dieser Stoffumsatz, sondern als komplexe Verzahnung unterschiedlichster Ernährungsweisen.

Als Ergebnis all des Wühlens und Grabens, Verdauens und Zersetzens, Fressens und Gefressenwerdens zerfallen die vielfältigen organischen Substanzen wieder in ihre Einzelteile und werden in den Boden eingearbeitet. Dabei steht nicht der Abbau auf elementare ch mische Bausteine im Vordergrund. Vorläufiges Endprodukt des stillen unterirdischen Wirkens sind höhermolekulare Humusverbindungen, welche fest an mineralische Bodenpartikel gekoppelt sind. Diese «Ton-Humus-Komplexe» - auch «Primärkrümel» genannt - sind ziemlich stabil. Sie stellen ein Reservoir dar, von dem dann ganz allmählich durch bakterielle Aufspaltung die Einzelteile ins Wasser freigesetzt werden. Dort stehen sie schliesslich als Nährstoffe den lebenden Pflanzen zur Verfügung. Aus Abfall ist durch das Gemeinschaftswerk der vielgestaltigen Bodenlebewelt Baumaterial für neues oberirdisches Wachstum entstanden. Der Kreis hat sich geschlossen.




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