Boden ist Speicher und Filter...


© 1985 Markus Kappeler
(erschienen im Pro-Natura-Sonderheft Nr. 4/85)



Durch ihre unermüdliche Grab- und Wühltätigkeit fördern die Bodenlebewesen die Durchlüftung und Wasserspeicherfähigkeit des Bodens in starkem Masse. Beides ist sehr wesentlich für das Pflanzenwachstum. Von fundamentaler Bedeutung für das Leben auf der Erde ist auch die biologische Fixierung des Eiweiss-Bausteins Stickstoff.

Die Bodenlebewesen erneuern durch den Abbau der organischen Abfälle nicht nur die Fruchtbarkeit des Bodens, sondern bewirken gleichzeitig seine stete Lockerung und Durchmischung. Endprodukt ihres aufwendigen Wühl- und Zersetzungswerks ist ein krümelig strukturierter Humushorizont mit guter Durchlüftung und grosser Wasserspeicherfähigkeit. Beides ist für das Pflanzenwachstum ebenso bedeutungsvoll wie die Nährstoffbelieferung.

Die lockere Struktur des fruchtbaren Bodens basiert auf den einzelnen «Krümeln» - rundlichen, porösen Aggregaten aus Ton-Humus-Komplexen, welche durch die Schleimabsonderungen der Bodenbakterien und Algen, das Geflecht der Pilze sowie weitere, vielfach noch unverstandene chemisch-physikalische Kräfte zusammengehalten werden. Die Oberfläche der Krümel ist enorm: Gesamthaft kann sie pro Hektare bis 500 000 Quadratkilometer betragen - das entspricht der zwölffachen Fläche der Schweiz. An dieser ausgedehnten Grenzschicht spielen sich der Austausch der Nährionen und viele andere komplizierte Umsetzungsprozesse im Boden ab.

Die unzähligen kleinen und grossen Zwischenräume im Krümelgefüge können mehr als die Hälfte des gesamten Bodenvolumens ausmachen. Ein gesunder Humusboden kann daher bis zum Fünffachen seines Eigengewichts an Wasser binden. Durch das Labyrinth der gröberen Poren sickert überschüssiges Niederschlagswasser in die Tiefe. Im Oberboden wird es zunächst mit den verschiedenartigsten Substanzen befrachtet und dient als Nährlösung für die Pflanzen. Auf dem Weg durch die unteren Boden schichten werden dann fast alle diese Stoffe wieder fest an Bodenpartikel angelagert, so dass das ehemalige Regenwasser schliesslich als beinahe reines H20 in das Grundwasser abfliesst. Wasserspeicherung und Wasserfilterung gehören mit zu den einzigartigen, lebensspendenden Fähigkeiten des Bodens.

Boden ist auch Vermittler von Stickstoff. Als Grundbaustein aller Eiweisse - wie etwa des pflanzlichen Assimilationskörpers Chlorophyll - ist Stickstoff ein wichtiger Schlüssel für alles Leben auf unserem Planeten. In der Atmosphäre ist Stickstoff zwar reichlich vorhanden: Mit knapp 80 Prozent stellt er den Hauptanteil des Gasgemischs Luft dar. Die Pflanze ist aber nicht in der Lage, molekularen Stickstoff unmittelbar aus der Luft zu fixieren. Sie ist auf die Versorgung durch spezialisierte bodenlebende Bakterien und Blaualgen angewiesen. Bis zu 200 Kilogramm Stickstoff werden pro Hektare und Jahr durch diese Bodenlebewesen aus der Luft gebunden und in eine für die Pflanze zugängliche Form über führt. Ohne ihre Tätigkeit im Boden wäre Leben in der uns bekannten Form undenkbar.

Kasten «Krümel»
Besonders bedeutsame Bausteine des lebendigen Bodens sind die
«Krümel». Sie können mehrere Millimeter gross sein und bestehen aus unzähligen mineralischen Partikeln und Ton-Humus-Komplexen, welche durch klebrige Bakterienausscheidungen, Algenbewuchs, Pilzfaden-Durchflechtung und vielfältige chemisch-physikalische Bindungskräfte fest miteinander verkittet sind. Die Architektur der Krümel ist im einzelnen noch ebenso ungeklärt wie die mannigfaltigen Stoffumsetzungen, die sich an ihrer Oberfläche abspielen.




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