Bongo

Tragelaphus eurycerus


© 1984 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Bongo (Tragelaphus eurycerus) ist die grösste afrikanische Waldantilope. Mit seinem leuchtend rotbraunen Fell und der lebhaften weissen Zeichnung gilt dieses stattliche Horntier als eine der schönsten Antilopen überhaupt.

Innerhalb der Familie der Hornträger (Bovidae) gehört der Bongo zur Gruppe der «Drehhörner» (Tragelaphini). Neben dem Bongo zählen hierzu noch Elenantilope, Riesenelen, Sitatunga, Nyala, Bergnyala, Grosser Kudu, Kleiner Kudu und Buschbock. Sie alle sind hübsche Tiere mit weisser Zeichnung und schraubig gedrehten oder leierartig geschwungenen Hörnern.

Die Stellung des Bongos im zoologischen System hat längere Zeit hindurch geschwankt. Früher wurde er oft in eine eigene Gattung - Boocercus - gestellt. Später hat man ihn dann mit der Elenantilope und dem Riesenelen aufgrund äusserer Ähnlichkeiten in der Gattung Taurotragus zusammengefasst. Bei diesen drei Arten tragen sowohl die Männchen als auch die Weibchen Hörner. Und bei allen Dreien sind die Schwänze keine breiten Wedel, sondern sehen Kuhschwänzen ähnlich. Heute wird der Bongo im allgemeinen den «Drehhörnern im eigentlichen Sinne» (Gattung Tragelaphus) zugeordnet.

 

Die Streifenanzahl ist von Tier zu Tier verschieden

Bongos erreichen eine Schulterhöhe von 110 bis 125 Zentimetern und eine Körperlänge von 215 bis 315 Zentimetern. Das Gewicht liegt meistens zwischen 150 und 220 Kilogramm. Alte Männchen können aber mitunter mehr als 250 Kilogramm wiegen.

Die kräftigen Hörner des Bongos weisen eine anderthalbfache Spiraldrehung auf und werden durchschnittlich 80 Zentimeter lang. Die Rekordlänge liegt bei 100,3 Zentimeter. Der Artname des Bongos - eurycerus - bedeutet «breitgehörnt». Diese Bezeichnung trifft allerdings nur auf die Männchen zu. Die Hörner der Weibchen verlaufen mehr oder weniger parallel zueinander.

Bongos besitzen eine leuchtend kastanienrote Grundfärbung, die bei den männlichen Tieren mit zunehmendem Alter - besonders in der vorderen Körperhälfte - stark nachdunkelt. Auf diesem Untergrund ziehen sich zehn bis fünfzehn weisse Querstreifen über die Seiten des Bongos. In Ghana werden die Tiere deshalb oft «Zebras» genannt. Weisse Zeichnungen finden sich im weiteren zwischen den Augen, beidseits des Unterkiefers, auf der Brust und auf der Innenseite der Läufe.

 

Bongos sind Waldantilopen

Die Heimat des Bongos ist Äquatorialafrika. Sein riesiges Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Sierra Leone im Westen bis nach Kenia im Osten. Der Bongo ist aber nirgends häufig. Zudem ist sein Vorkommen lückenhaft. So fehlt die Art vollständig in Nigeria, weshalb die Bestände in Westafrika (Sierra Leone, Liberia, Elfenbeinküste, Ghana, Togo, Benin) von denjenigen in Zentralafrika (Kamerun, Gabun, Kongo, Zentralafrika, Zaire, Ruanda, West-Uganda) getrennt leben. Auch die Bergpopulationen im Süd-Sudan, in Kenia und in Tansania leben isoliert.

In Ghana - wie auch in anderen Teilen Westafrikas - halten sich die Bongos vorzugsweise in Waldgebieten mit dichtem Unterholz auf. In diesem unzugänglichen Gelände führen sie ein scheues und heimliches Leben. Die Kenntnisse über die Lebensweise der Bongos sind demzufolge recht spärlich. Auch existieren nur sehr wenige Fotografien freilebender Bongos.

Alles in allem ist der Bongo bis zum heutigen Tag ein rechtes Sagentier geblieben - nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in seiner Heimat. So erzählen sich beispielsweise die waldbewohnenden Pygmäen im Kongo, dass sich der Bongo bei Gefahr mit den Hörnern an Ästen aufhänge und sich dann von oben auf den nichtsahnenden Jäger fallen lasse. Und dass er sich der Verfolgung durch den Menschen entziehen könne, indem er in einem Fluss untertauche und sich dort vorübergehend von Fischen ernähre.

 

Blätter sind seine Hauptnahrung

Der Bongo gehört - zusammen mit dem Okapi - zu den grossen Blattessern des afrikanischen Regenwalds. Seine Kost umfasst ferner Kräuter, saftige Zweige, Schösslinge und Früchte.

Ein reiches Nahrungsangebot findet der Bongo überall dort, wo das Sonnenlicht durch Lücken im Kronendach des Urwalds bis zum Boden vordringt und dort dichten Unterwuchs gedeihen lässt. Das ist zum Beispiel entlang von Flussläufen der Fall. Aber auch dort, wo Elefanten, ein Sturm oder der Mensch dem Regenwald kleinflächige Wunden zugefügt haben und wo sich später reicher Jungwuchs einstellt, fühlt sich der Bongo wohl. So ist beispielsweise im Tai-Nationalpark im Südwesten der Elfenbeinküste, wo noch eine gesunde Population von Waldelefanten lebt, der Bongobestand ziemlich hoch. Bongos besuchen manchmal auch unbeaufsichtigte Pflanzungen in Waldnähe und verspeisen dort die Blätter der Maniok- und Süsskartoffelpflanzen.

Man zieht heute in Erwägung, in Schutzgebieten, die von Bongos bewohnt sind, einzelne Waldstücke künstlich zu verjüngen. Mit dieser Massnahme könnte das Nahrungsangebot für die Tiere wesentlich verbessert und dadurch ihre Bestände günstig beeinflusst werden.

Bongos gehen hauptsächlich nachts auf Futtersuche. Am aktivsten sind sie kurz vor Mitternacht. Anschliessend ruhen sie ein paar Stunden und kauen wieder. Dann - etwa zwischen vier und fünf Uhr morgens - essen sie nochmals ausgiebig. Während der Hitze des Tages liegen sie gewöhnlich im kühlen Schatten des dichten Waldes. Bongos wälzen sich im übrigen gern in Suhlen und reiben danach ihren Körper gegen Baumstämme. Mit diesem Verhalten scheinen sie sich von lästigen Hautparasiten befreien zu können.

 

Dem Leben im Dickicht gut angepasst

Dem Leben im dichten Unterholz des Waldes ist der Bongo ausgezeichnet angepasst. Sein Körper ist hinten «überbaut», das heisst in der Lendengegend höher als an der Schulter. Diese «strömungsgünstige» Körperform weisen auch Ducker und andere Antilopen auf, die denselben Lebensraum wie der Bongo bewohnen. Der Kopf mit den nach hinten ragenden Hörnern wird tief getragen und hilft so beim Bahnen eines Weges durch den Unterwuchs wesentlich mit.

Auch die rotbraune Färbung des Bongos ist typisch für viele Bewohner des dichten Regenwalds. Zusammen mit der lebhaften weissen Zeichnung vermittelt sie eine ausgezeichnete Tarnung. Im ewigen Zwielicht des Waldbodens, das nur von vereinzelten Sonnenstrahlen durchbrochen wird, verschmilzt die Gestalt der Antilope regelrecht mit dem Hintergrund.

Im Gegensatz zu den savannenbewohnenden Antilopen sieht der waldbewohnende Bongo nicht besonders gut. Er besitzt dafür ein ausserordentlich scharfes Gehör und eine ebenso empfindliche Nase. Diese Sinne sind im dichten Wald, wo die Sichtweite oft nur wenige Meter beträgt, von weitaus grösserem Nutzen.

Bei Gefahr wenden Bongos ihren Körper häufig von der Gefahrenquelle weg, lauschen angestrengt mit ihren grossen Ohren nach hinten und blicken von Zeit zu Zeit über die Schulter zurück. Dieses Verhalten bringt den scheuen Tieren zwei wesentliche Vorteile: Einerseits sind sie von hinten weniger gut erkennbar als von der Seite und bleiben dadurch oft unentdeckt. Ausserdem zielen sie bereits in die richtige Richtung, falls sie tatsächlich fliehen müssen.

 

Weibchentrupps und ungesellige Bullen

Bongoweibchen schliessen sich mit anderen Weibchen und deren Jungen zu kleinen Trupps zusammen. Die Bindung zwischen den einzelnen Tieren scheint allerdings nicht besonders fest zu sein, denn die Zusammensetzung solcher Weibchentrupps verändert sich immer wieder. Männchen dagegen leben gewöhnlich als Einzelgänger und vermeiden nach Möglichkeit jede Begegnung mit ihren Geschlechtsgenossen. Alte Bullen können aber gelegentlich junge Gefährten haben.

Das Paarungszeremoniell der Bongos ist sehr einfach und besteht eigentlich nur im «Treiben» des Weibchens durch das Männchen. In «überstreckter» Haltung - mit waagrecht vorgestrecktem Hals und Kopf - folgt der Bulle unablässig der brünftigen Kuh und äussert dabei leise Töne. Manchmal reibt er Kopf und Nacken an ihrer Flanke. Gelegentlich legt er auch seinen Kopf auf ihren Rücken. Während dieses Treibens ist das Bongomännchen eifersüchtig darauf bedacht, dass kein anderer Bulle in die Nähe des Weibchens gelangt.

In der Regel setzt das Weibchen jeweils nur ein Kalb. Die Tragdauer ist bei gefangengehaltenen Bongos mit 285 Tagen bestimmt worden. Neugeborene Kälber sind etwas heller gefärbt als die älteren Tiere. Sie halten sich in der ersten Zeit im Dickicht versteckt und werden erst im Alter von zwei bis drei Monaten in die Weibchen-Jungen-Herde eingeführt. In ihren ersten Lebenswochen fallen viele Bongokälber Pythons, Leoparden, Hyänen und Goldkatzen zum Opfer. In Menschenobhut liegt das Höchstalter von Bongos bei 19 Jahren.

 

Hörner - keine Waffen gegen Fressfeinde

Die Hörner der horntragenden Tiere dienen nicht - wie man früher ganz selbstverständlich annahm - als Abwehrwaffen gegen Fressfeinde. Bei Gefahr suchen die Hornträger - von wenigen Ausnahmen abgesehen - ihr Heil nämlich nicht in der Gegenwehr, sondern in der Flucht. Nicht das Horn, sondern der Huf ist also gewissermassen die «Waffe» der Horntiere im «Kampf ums Überleben». Die Hörner kommen in erster Linie bei Auseinandersetzungen zwischen Artgenossen zum Einsatz; sie spielen eine wichtige Rolle beim Aufbau der Rangordnung innerhalb lokaler Bestände.

Kämpfe unter Artgenossen sind bei den horntragenden Tieren fast ausnahmslos reine Ritualkämpfe. Es sind «Turniere» mit festen Regeln, deren Ziel es einzig und allein ist, den Unterlegenen zum Nachgeben oder zur Flucht zu veranlassen. Nie zielen diese Gefechte darauf ab, den Gegner zu beschädigen oder gar zu töten. Das wäre für die Art wenig sinnvoll. Auch beim Bongo enden die Horngefechte in der Regel ohne Verletzung der beiden Kämpfer. In Ausnahmefällen können sich allerdings die Gegner ernsthaft verletzen. Dies bezeugt der präparierte Kopf eines Bongomännchens, der in der Treetops Lodge in Kenia aufgehängt ist. Das Tier hatte 1969 sein Leben im Kampf mit einem Argenossen verloren.

Auch unter Bongoweibchen kommt es zu Hornturnieren. Durch sie wird die Rangordnung innerhalb der Weibchentrupps festgelegt. Vor Horngefechten versuchen sich Bongos gegenseitig einzuschüchtern, indem sie mit langsamen Schritten, hoch getragenem Kopf und senkrecht gehaltenen Hörnern einherstolzieren.

 

Bedroht durch Waldrodungen

Als typische Waldbewohner sind Bongos weder besonders schnelle noch ausdauernde Läufer. Sie können deshalb leicht mit Hunden gejagt werden. Schon nach kurzer Distanz stellen sie sich den verfolgenden Hunden und können dann mit dem Speer erlegt werden. Da sie gerne ausgetretene Wildwechsel in ihrem Wohngebiet benützen, ist es auch einfach, sie in Fallgruben lebend zu fangen.

In Ghana glaubt man, dass das Töten eines Bongos Unglück über den Jäger bringt. Der Jagddruck auf die Tiere ist darum von alters her nicht besonders gross. In den meisten anderen Bereichen Afrikas werden die Bongos jedoch stark bejagt. Begehrt ist einerseits das zarte Fleisch und andererseits das Fell der schönen Antilope. Die berühmten Bongo-Trommeln Westafrikas waren ursprünglich mit Bongofell bespannt gewesen - daher ihr Name. (Heute wird ersatzweise Kuhfell verwendet.) Verschiedene Körperteile finden ferner in der Volksmedizin Verwendung.

Es ist allerdings nicht die Bejagung durch die ansässige Bevölkerung, sondern es sind zwei andere Faktoren, welche hauptsächlich dazu geführt haben, dass der Bongo heute zu den seltensten Grossantilopen gehört: Unzählige Bongos sind - zusammen mit vielen anderen Antilopen - gegen Ende des 19. Jahrhunderts einer verheerenden Rinderpest-Epidemie zum Opfer gefallen. Von diesem Bestandszusammenbruch scheint sich die Art nie mehr ganz erholt zu haben.

Heute bildet die Zerstörung des Lebensraums des rotbraunen Hornträgers die grösste Gefahr. Der Bongo ist auf Gedeih und Verderb vom deckungs- und nahrungsbietenden tropischen Regenwald abhängig. Die immer weiterschreitende Rodung der Wälder in Afrika bewirkt deshalb eine direkte Abnahme der Bongobestände. Sowohl in West- als auch in Ostafrika hat die Art unter der Regenwaldzerstörung stark gelitten.

 

Schutz im Bia-Nationalpark

In Ghana, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, findet man einen gesunden Bongobestand im 30 000 Hektaren grossen Bia-Nationalpark. Dieses Schutzgebiet umfasst eines der letzten ungestörten Regenwaldgebiete des Landes. Der World Wildlife Fund (WWF) hat wesentlich zum Aufbau und Unterhalt des Bia-Nationalparks beigetragen. Auch der Tai-Nationalpark in der benachbarten Republik Elfenbeinküste beherbergt einen grösseren Bongobestand, und auch dieses Schutzgebiet ist vom WWF stark gefördert worden. So hat er massgeblich zur Erhaltung des Bongos und vieler weiterer Wildtiere der äquatorialafrikanischen Regenwälder beigetragen.




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