Bonobo
Pan paniscus
© 1997 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
1859 legte Charles Darwin sein berühmtes Werk
«Über die Entstehung der Arten durch natürliche
Auslese» der Öffentlichkeit vor. Darin legte er den
Schluss nahe, dass auch der Mensch tierlichen Ursprungs und -
als Lebewesen - nicht von Gott geschaffen worden sei. Dieser
«ketzerische» Gedanke schlug wie eine Bombe ein:
Die Vorstellung, der Mensch stamme von «primitiven, behaarten
Affen» ab, bedeutete einen - heute unvorstellbaren - geistigen
und moralischen Schock für die damalige Gesellschaft und
sorgte für heftige Auseinandersetzungen.
Heute, rund 140 Jahre später, ist Darwins Auffassung
in ihren Grundzügen unumstritten. Eine Vielzahl neu entdeckter
Fossilzeugnisse sowie die Erkenntnisse der modernen Molekularbiologie
geben ein sehr zuverlässiges Bild vom Verlauf der Menschwerdung,
und es besteht keinerlei Zweifel mehr daran, dass der Mensch
(Homo sapiens) den vier grossen Menschenaffen Orang-Utan
(Pongo pygmaeus), Gorilla (Gorilla gorilla), Schimpanse
(Pan troglodytes) und Bonobo (Pan paniscus) verwandtschaftlich
überaus nahe steht. Wir wissen inzwischen auch, dass der
genetische «Abstand» des Menschen zum südostasiatischen
Orang-Utan etwa doppelt so gross ist wie zu den drei afrikanischen
Menschenaffen und dass von letzteren wiederum der Schimpanse
und der Bonobo dem Menschen deutlich näher stehen als der
Gorilla.
Von einem dieser beiden allernächsten Verwandten
des Menschen im Tierreich, dem Bonobo, soll hier berichtet werden.
Fehlerhafter Name
Der Bonobo trägt im Grund genommen einen unsinnigen
Namen, denn es handelt sich dabei um eine fehlerhafte Wiedergabe
der Stadt Bolobo am Unterlauf des Zaire-Flusses, von wo aus seinerzeit
die ersten Exemplare dieser Menschenaffenart nach Europa verschifft
worden waren. Dennoch sind die Zoologen übereingekommen,
die Bezeichnung Bonobo dem früher üblicherweise verwendeten
Namen «Zwergschimpanse» vorzuziehen. Denn der Bonobo
ist zwar mit dem Schimpansen eng verwandt; die stammesgeschichtlichen
Wege der beiden trennten sich «erst» vor rund 1,5
Millionen Jahren. Er ist aber keineswegs eine Zwergform des Schimpansen,
sondern ungefähr von gleicher Grösse wie jener. Erwachsene
Bonobos weisen eine Kopfrumpflänge von 70 bis 83 Zentimetern
auf, wobei die Männchen deutlich kräftiger gebaut und
deshalb «gewichtiger» sind als die Weibchen: Sie
wiegen zwischen 37 und 61 Kilogramm, während die Weibchen
lediglich 27 bis 38 Kilogramm auf die Waage bringen.
Grosse Unterschiede bestehen im übrigen hinsichtlich
der Verbreitung der beiden Vettern: Während der Schimpanse
von Senegal im Westen bis Tansania im Osten quer durch das ganze
äquatoriale Afrika vorkommt und sehr verschiedenartige Lebensräume
bewohnt, ist der Bonobo ausschliesslich in den tiefliegenden
Regenwäldern des zentralen Zaire-Beckens in der Republik
Zaire heimisch. Die Region, welche seine Heimat bildet, heisst
«Cuvette Centrale» («Zentrale Mulde»).
Sie wird gegen Westen und Norden durch den Zaire-Strom, gegen
Osten durch den Lomami-Fluss, einen Seitenarm des Zaire, und
gegen Süden durch den Kasai/Sankuru-Fluss, einen weiteren
grossen Seitenarm des Zaire, begrenzt. Da der Bonobo nicht schwimmen
kann, stellen diese mächtigen Urwaldflüsse unüberwindbare
Barrieren für ihn dar.
Die Gesamtfläche der Cuvette Centrale bemisst
sich auf etwa 500 000 Quadratkilometer (Deutschland: 356 974
km2). Nicht diese ganze Fläche steht
dem Bonobo allerdings als Lebensgebiet zur Verfügung. Insbesondere
in den westlichen und zentralen Bereichen der Cuvette Centrale
kommt er nur in sehr geringer Dichte vor oder fehlt sogar gänzlich.
Über die Lebensweise des Bonobos in freier Wildbahn
war lange Zeit zufolge seines abgeschiedenen, schwer zugänglichen
Lebensraums kaum etwas bekannt gewesen. Erst Mitte der siebziger
Jahre setzte die Feldforschung auch an dieser Menschenaffenart
ein. Vor allem der japanische Primatologe Takayoshi Kano hat
unser Wissen über den Bonobo wesentlich erweitert. Seit
nunmehr über zwanzig Jahren trägt er beharrlich höchst
interessante Erkenntnisse über diesen nahen Verwandten des
Menschen zusammen, welche als ebenso wertvoll einzustufen sind
wie die bahnbrechenden Beobachtungen von Jane Goodall am Schimpansen.
Kanos Studien zeigen, dass der Bonobo zwar in mancher Hinsicht
dem Schimpansen ähnlich ist, dass aber auch einige grundsätzliche
Unterschiede zwischen den beiden bestehen, welche für das
Verständnis der frühen Entwicklung der menschlichen
Gesellschaft sehr aufschlussreich sind.
Es regiert das «schwache» Geschlecht
Wie der Schimpanse ist der Bonobo ein recht geselliges
Wesen. Er lebt in grossen Gemeinschaften von zumeist 50 bis 100
Individuen, die sich in 20 bis 70 Quadratkilometer grossen Wohngebieten
umherbewegen. Kaum je halten sich jedoch alle Mitglieder einer
Gemeinschaft beisammen auf, sondern sie streifen verstreut in
kleinen, lockeren Gruppen von gewöhnlich zwei bis zehn Individuen
umher. Die Zusammensetzung der Gruppen kann von Stunde zu Stunde
ändern: Das Individuum A tut sich am Morgen vielleicht mit
B und C zusammen, doch wenn die drei im Wald auf D und E treffen,
verbringen A und E den Rest des Tages, während B, C und
D ihren eigenen Weg gehen.
Die Mitglieder einer Gemeinschaft verbünden sich
hingegen nie mit denen der Nachbargemeinschaften, und sie vermeiden
nach Möglichkeit direkte Begegnungen mit ihren Nachbarn.
Trotz dieser «Kontaktscheu» im Alltag findet zwischen
benachbarten Bonobogemeinschaften ein regelmässiger Austausch
von Mitgliedern statt. Interessanterweise sind es die Weibchen,
die es in die Fremde drängt, und nicht die Männchen,
wie dies bei vielen anderen Affenarten der Fall ist. Bei den
Bonobos bleiben die Männchen ihrer elterlichen Gemeinschaft
in der Regel ein Leben lang treu. Dagegen verlassen die meisten
Weibchen zu Beginn ihrer Pubertät die Gemeinschaft, in die
sie hineingeboren wurden, und schliessen sich einer fremden Gemeinschaft
an.
Um in deren «geschlossene Gesellschaft»
eindringen zu können, haben sie verschiedene Strategien
entwickelt. Die Männchen gewinnen sie für sich, indem
sie deren sexuelle Annäherungen dulden, auch wenn sie noch
gar nicht geschlechtsreif sind. Und um von den ansässigen
Weibchen aufgenommen zu werden, schliessen sie sich einem älteren,
«ehrwürdigen» Weibchen an und versuchen, sich
unter anderem durch sehr ausführliches Fellpflegen mit ihm
anzufreunden. Reagiert dieses positiv, so entsteht alsbald ein
enges, «freundschaftliches» Verhältnis zwischen
ihnen, und allmählich werden die jungen Weibchen dann auch
von der restlichen Gemeinschaft akzeptiert. Wenn sie zum ersten
Mal Nachwuchs haben, stabilisiert sich ihre Stellung in der Gemeinschaft
weiter, und mit zunehmendem Alter erreichen sie einen hohen Status.
Letztlich schliesst sich der Kreis, wenn jüngere, zugewanderte
Fremde sich um ein freundschaftliches Verhältnis zu ihnen
bemühen.
Tatsächlich werden die Bonobogemeinschaften durch
solche Weibchenbindungen zusammengehalten, während der Zusammenhalt
unter den Männchen viel lockerer ist. Dies hat die Experten
überrascht, denn bei allen anderen Affen entwickeln die
Vertreter desjenigen Geschlechts, welches in der elterlichen
Gruppe verbleibt und verwandtschaftlich verbunden ist, die engeren
Beziehungen untereinander. Einzig die Bonobos zeigen diese starke
«sekundäre» Bindung zu gleichgeschlechtlichen
Fremden. Obschon wir inzwischen wissen, wie es dazu kommt, ist
noch nicht geklärt, warum die Bonobos sich in dieser Hinsicht
von den restlichen Affenarten unterscheiden.
Die Bonobogemeinschaft ist im übrigen nicht nur
weibchenzentriert, sondern scheint auch von den Weibchen dominiert
zu werden, während etwa bei den Schimpansen die Männchen
unangefochten und manchmal gewalttätig über die Weibchen
herrschen. Überhaupt neigen die Bonobos in ihrem alltäglichen
Leben weit weniger zu Gewalttätigkeiten als die Schimpansen,
bei denen benachbarte Verbände mitunter richtige Kriege
mit Mord und Totschlag gegeneinander führen. Die Fachleute
haben den Eindruck, dass diese «Sanftmut» ebenso
wie die «Herrschaft des schwachen Geschlechts» Artmerkmale
der Bonobos sind. Die Unterschiede in der Gesellschaftsordnung
von Bonobo und Schimpanse, den beiden engsten Verwandten des
Menschen, sind also frappant - und machen gerade deshalb den
Vergleich mit unserer Gesellschaft so faszinierend.
Vegetarier und Kletterkünstler
Die Bonobos ernähren sich hauptsächlich
von pflanzlicher Kost: Sie nehmen eine grosse Vielzahl von Früchten,
Blättern, Blüten, Wurzeln und Stengeln zu sich. Ihren
Speisezettel ergänzen sie durch Raupen und andere wirbellose
Tiere, und sie sind auch nicht abgeneigt, zum Beispiel einen
jungen Ducker, dem sie auf ihren Streifzügen durch das Wohngebiet
begegnen, zu töten und zu verspeisen. Sie betätigen
sich aber nie als aktive Jäger - dies im Gegensatz zu den
Schimpansen, welche gezielt auf die Jagd nach Schweinen, Affen
und anderen mittelgrossen Säugetieren gehen und sich auf
diese Weise einen Grossteil des benötigten Eiweisses beschaffen.
Für die Nahrungssuche wenden die Bonobos jeden
Tag viele Stunden auf und legen Tagesstrecken von bis zu sieben
Kilometer zurück. Sie bewegen sich dabei viel im Kronenbereich
des Regenwalds umher, oft dreissig bis fünfzig Meter über
dem Waldboden. Mit grosser Geschicklichkeit klettern sie im Geäst
umher, setzen mit akrobatischen Sprüngen von einer Baumkrone
zur nächsten über und beweisen ihre gute Körperbeherrschung
durch «seiltänzerisches» zweibeiniges Laufen
auf Ästen. Dieses ausgeprägte Baumleben dürfte
die Erklärung dafür sein, weshalb die Bonobos leichter
und langgliederiger gebaut sind als die vorwiegend bodenlebenden
Schimpansen.
Die Bonoboweibchen pflanzen sich gewöhnlich im
Alter von neun bis zwölf Jahren erstmals fort. Die Tragzeit
dauert etwa siebeneinhalb Monate. Gewöhnlich wird ein einzelnes
Kind geboren, das bei der Geburt zwischen einem und zwei Kilogramm
wiegt. Die Entwöhnung erfolgt im Alter von etwa drei Jahren,
doch bleibt das Bonobokind noch mehrere weitere Jahre mit seiner
Mutter zusammen.
Da die Bonoboweibchen ihren Nachwuchs dermassen lange
betreuen, gebären sie nur etwa alle drei bis sieben Jahre.
Sie bleiben bis zum Alter von etwa vierzig Jahren fortpflanzungsfähig,
können also, wenn alles gut geht, in ihrem Leben ungefähr
sieben Kinder aufziehen. Das Höchstalter freilebender Bonobos
ist nicht bekannt; in Menschenobhut sind einzelne Individuen
über fünfzig Jahre alt geworden.
Meistbedrohter Menschenaffe
Obschon die Bonobos in den letzten Jahren eingehend
in der Natur untersucht worden sind, gibt es keine verlässlichen
Bestandszahlen. Es scheint aber, dass frühere Schätzungen
von 100 000 bis 200 000 Individuen viel zu hoch angesetzt waren.
Damals war irrtümlicherweise davon ausgegangen worden, dass
die Art über die ganze Cuvette Centrale gleichmässig
verbreitet ist. Takayoshi Kano hat inzwischen Tausende von Kilometern
mit dem Fahrrad zurückgelegt, um aus Fuss- und Essspuren,
Losung, Nestern und direkten Begegnungen mit den Tieren die Populationsgrösse
zu erheben. Er meint, dass der Bonobo-Gesamtbestand wohl lediglich
zwischen 10 000 und 20 000 Individuen liegt.
Besorgniserregender noch als diese massiv nach unten
korrigierte Bestandsgrösse ist die Tatsache, dass die Bonobopopulation
stark rückläufig ist. Ein wesentlicher Grund hierfür
ist die fortschreitende Abholzung der örtlichen Regenwälder.
Kommerzielle Holzfäller spielen dabei ebenso eine Rolle
wie brandrodende Wanderfeldbauern. Unwiederbringlich verlieren
die schlanken Menschenaffen immer weitere Bereiche ihres angestammten
Lebensraums.
Kommt hinzu, dass die Bonobos sehr empfindlich auf
Störungen durch den Menschen reagieren und sich aus Regionen,
in welche der Mensch eingewandert ist, grossräumig zurückziehen.
Dies wurzelt wohl darin, dass die Jagd zur Beschaffung von sogenanntem
«Buschfleisch» in Zaire sehr intensiv betrieben wird.
Das Fleisch dient teils der Selbstversorgung der jagenden Bevölkerung,
teils aber auch dem Gelderwerb, indem es an Holzfäller,
Plantagenarbeiter und all die Menschen verkauft wird, welche
die lokalen Flussläufe als Verkehrs- und Transportwege benutzen.
Affenfleisch ist sehr begehrt, und obschon manche Arten, darunter
der Bonobo, gesetzlich geschützt sind, wird überall
ungestraft Jagd auf sie gemacht.
Leider scheint der Bonobo derzeit auch in keinem Schutzgebiet
vorzukommen. Zwar war 1970 der mit 37 000 Quadratkilometern (Schweiz:
39 988 km2) recht grossflächige Salonga-Nationalpark
im Herzen der Cuvette Centrale eingerichtet worden, und zwar
mit dem erklärten Ziel, eine sichere Zufluchtsstätte
für die Bonobos zu schaffen. In der betreffenden Region
scheint die Art jedoch zu keiner Zeit in grösseren Beständen
existiert zu haben, und heute ist sie innerhalb der Parkgrenzen
wahrscheinlich vollständig ausgestorben.
Nachdem dieser Missstand bekannt geworden war, wurde
von Primatologen- und Naturschutzseite vorgeschlagen, den im
Norden der Cuvette Centrale gelegenen, rund 3000 Quadratkilometer
grossen Lomako-Wald zusätzlich als Nationalpark auszuscheiden.
Dieses Gebiet beherbergt eine gesunde Population von Bonobos
und wird nur wenig von Jägern heimgesucht. Leider lässt
sich dies aber aufgrund der von Korruption, Bürgerkriegswirren
und Elend geprägten Situation in Zaire derzeit unmöglich
verwirklichen. Man kann einzig hoffen, dass das Land bald wieder
zu politischer und wirtschaftlicher Stabilität zurückfindet
- und dass es dann noch nicht zu spät sein wird, um diese
wichtige Schutzmassnahme zugunsten des Bonobos vorzunehmen.
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