Borstenbrachvogel

Numenius tahitiensis


© 1997 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Pazifische Ozean ist das weitaus grösste Gewässer unseres Planeten: Er nimmt - mit einer Oberfläche von 165 Quadratkilometern - rund ein Drittel der gesamten Erdoberfläche ein. Dieses riesenhafte Weltmeer ist vor allem in seinen südlichen und westlichen Bereichen «gepfeffert» mit Tausenden kleiner und kleinster Inseln. Diese sind gruppenweise in eine ganze Anzahl mehr oder weniger eigenständige Staaten gegliedert, bei denen es sich um sehr eigenwillige Gebilde handelt, denn ihr riesenhaftes Hoheitsgebiet (die Fläche des Ozeans, über welche die Inseln verstreut liegen) steht gewöhnlich in keinem Verhältnis zur winzigen Landfläche (der Oberfläche der Eilande).

Ein typisches Beispiel eines solchen pazifischen Inselstaats ist das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken: die seit 1990 unabhängige Republik der Marshallinseln. Die 29 Korallenatolle und fünf Koralleninseln, aus denen sich dieses Land zusammensetzt, weisen eine Oberfläche von insgesamt nur 180 Quadratkilometern auf, liegen aber über eine Meeresfläche von mehr als 750 000 Quadratkilometer verstreut. Die Marshallinseln befinden sich etwa 3200 Kilometer südwestlich von Hawaii, bilden im wesentlichen zwei Inselketten - die westliche Ralik- und die östliche Ratak-Gruppe - und ragen maximal acht Meter über die Meeresoberfläche hinaus. Ihren Namen verdanken sie einem britischen Kapitän namens John Marshall, der die Inseln im Jahr 1788 fand.

Die menschliche Bevölkerung der Marshallinseln setzt sich aus 52 000 Personen zusammen, von denen rund die Hälfte in einer der beiden «Hauptstädte» des Inselreichs wohnen: In Rita auf dem Majuro-Atoll (in der Ratak-Gruppe) leben ungefähr 18 000 Personen, in Ebeye auf dem Kwajalein-Atoll (in der Ralik-Gruppe) etwa 8000. Die übrigen Marshallinsulaner wohnen in dörflichen Ansiedlungen über den Rest der Inseln verteilt, wobei allerdings mehrere Inseln nicht oder nur zeitweise besiedelt sind.

 

Borsten an den Schenkeln

Die Marshallinseln sind echte «ozeanische» Inseln. Sie sind also irgendwann in grauer Vorzeit aufgrund untermeerischer vulkanischer Aktivitäten entstanden und hatten niemals direkten Kontakt zu einem Kontinent. Entsprechend schwer fiel es Pflanzen und Tieren, die entlegenen Eilande zu besiedeln, umso mehr als ihr Untergrund korallin und deshalb sehr wasserdurchlässig und nährstoffarm ist. Tatsächlich ist die Flora auf den Marshallinseln ziemlich artenarm, und der Fauna gehören weder Amphibien noch Landsäugetiere an. Einzig aus der Sippe der Insekten und derjenigen der Vögel hat es eine nennenswerte Zahl geschafft, sich auf den Marshallinseln einzurichten.

Interessanterweise gibt es unter den Vögeln, denen man auf den Marshallinseln begegnen kann, mehrere Arten, welche dort gar nicht wirklich heimisch sind, sondern den Archipel lediglich als Winterquartier benützen. Sie pendeln also alljährlich zwischen ihren angestammten Brutgebieten auf dem ostasiatischen bzw. nordamerikanischen Festland und den abgeschiedenen Pazifikinseln hin und her. Einer dieser überragenden Flug- und Navigationskünstler ist der Borstenbrachvogel (Numenius tahitiensis), dessen Brutplätze in Alaska erst 1948 - 179 Jahre nach der Entdeckung des Vogels - gefunden wurden und von dem man deshalb lange Zeit geglaubt hatte, es handle sich um einen wirklichen «Südseevogel».

Der Borstenbrachvogel ist einer von acht Brachvögeln in der Gattung Numenius, welche innerhalb der Ordnung der Wat- und Möwenvögel (Charadriiformes) zur Familie der Schnepfenvögel (Scolopacidae) gehört und im übrigen verschiedene Arten von Schnepfen, Bekassinen, Wasserläufern und Strandläufern umfasst. Mit einer Länge von rund 43 Zentimetern ist er ein verhältnismässig grosser Vertreter seiner Familie. Die Männchen sind im Durchschnitt etwas kleiner als die Weibchen und weisen einen schmaleren, dunkleren und stärker nach unten gekrümmten Schnabel auf. In der Färbung des Gefieders bestehen hingegen keine merklichen Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern. Auch weisen Männchen wie Weibchen jene borstenartigen Schaftverlängerungen an den Schenkelfedern auf, denen die Art ihren Namen verdankt.

 

Raubmöwen als Nachbarn

Die Borstenbrachvögel zeigen eine bemerkenswerte Treue gegenüber ihrem Winterquartier. Jahr für Jahr fliegen sie im Herbst, wenn die Lebensbedingungen in ihrem Brutgebiet ungünstig werden, zu denjenigen Inseln im Pazifk zurück, die sie in ihrer Jugend kennengelernt haben. Und sie zeigen eine überaus starke Bindung an ihr eng begrenztes Brutgebiet im westlichen Alaska. Jedes Jahr Anfang Mai erscheint die gesamte, auf rund 3200 Paare geschätzte Brutpopulation von Süden her kommend an ihren beiden traditionellen Brutplätzen, welche rund 200 Kilometer auseinander liegen. Der eine Brutplatz befindet sich im Bereich der Nulato-Hügel am Westrand des Yukon-Deltas, der andere in den Bergen der Seward-Halbinsel auf der Nordseite des Norton-Sunds.

Die Borstenbrachvögel zeigen des weiteren eine grosse Treue ihrem einmal gewählten Partner gegenüber. Wie viele andere Schnepfenvögel sind sie monogam, das heisst es finden alljährlich nach der Ankunft im Brutgebiet dieselben Paare zusammen, um sich in vertrauter Gemeinschaft und möglichst am altbewährten Ort der Aufzucht von Nachkommen zu widmen. Das macht bei diesen langlebigen Vögeln, die ein Alter von über 25 Jahren erreichen können, durchaus Sinn, denn Erfahrungswerte spielen, wie wir gleich sehen werden, für ihren Bruterfolg eine grosse Rolle.

Sobald das Borstenbrachvogelpaar nach seiner langen Reise am Brutplatz zusammengekommen ist, widmet es sich der Einrichtung seines Brutterritoriums, das eine Grundfläche von gewöhnlich 0,5 bis 1,5 Quadratkilometern aufweist. Das Männchen vollführt zwecks Abgrenzung des Reviers gegenüber Artgenossen auffällige Flugmanöver: Es zieht weite, ovale Kreise über dem Gebiet und äussert dabei weittragende Flötenrufe und klangvolle Trillerfolgen. Und sowohl das Männchen als auch das Weibchen stellen fremden Borstenbrachvögeln unnachgiebig nach und verjagen sie aus dem Eigenbezirk.

Bald schon widmet sich das Borstenbrachvogelpaar dem Nestbau. Dabei drückt sich vor allem das Männchen in einer schon vorhandenen flachen Bodenvertiefung mit der Brust an den Boden und scharrt mit den Beinen rückwärts, so dass eine geeignete Nestmulde entsteht. Beide Partner polstern diese dann mit Flechten, Moosen und welken Blättchen aus.

Die Wahl des Nistplatzes steht - wie die meisten Verhaltensweisen der Borstenbrachvögel während der Brutsaison - in erster Linie im Dienst der Feindvermeidung. Tatsächlich hat es eine entnervende Vielzahl von Fressfeinden auf die Altvögel selbst und besonders auf ihre Gelege und Küken abgesehen. Zu nennen sind beispielsweise der Rotfuchs (Vulpes vulpes), der Steinadler (Aquila chrysaetos), der Gerfalke (Falco rusticolus), die Sumpfohreule (Asio flammeus), der Kolkrabe (Corvus corax) und die Schmarotzerraubmöwe (Stercorarius parasiticus). Um deren unerwünschte Aufwartung zu vermeiden, legt das Borstenbrachvogelpaar sein Nest gut versteckt zwischen Zwergsträuchern und oft noch zusätzlich unter einer Weide an. Da überdies das Nistmaterial wie auch die Eier, die Küken und die brütenden Altvögel Tarnfärbung aufweisen, ist das Nest kaum zu entdecken.

Um beim Brüten von Fressfeinden verschont zu bleiben, treffen die Borstenbrachvögel oft noch eine zusätzliche Schutzmassnahme: Sie legen wenn möglich ihr Nest nahe beim Nistplatz eines Paars Kleiner Raubmöwen (Stercorarius longicaudus) an. Diese Vögel sind bekannt für die Heftigkeit, mit der sie mögliche Nestplünderer angreifen und aus der Umgebung ihres Nests vertreiben. Das aggressive Verhalten der Kleinen Raubmöwen nützt den Borstenbrachvögeln beträchtlich, denn es hält Fressfeinde nicht nur von deren, sondern auch von ihrem eigenen Nest fern.

 

Flugstrecken von 10 000 Kilometern

Anfang Juni legt das Weibchen gewöhnlich vier Eier in das Nest, welche in der Folge von beiden Partnern während dreieinhalb Wochen bebrütet werden. Der nicht im Einsatz stehende Vogel entfernt sich jeweils aus dem Territorium und geht gewöhnlich an einem mehrere Kilometer entfernten Ort auf Nahrungssuche. Auch dies dürfte den Sinn haben, das Vorhandensein des Nests so gut wie möglich zu verheimlichen.

Die Borstenbrachvogelküken schlüpfen Ende Juni wie die meisten Schnepfenvogelkinder in weit fortgeschrittenem Zustand aus den Eiern: Sobald ihr Daunenkleid abgetrocknet ist, können sie sich selbständig umherbewegen und nach Nahrung picken. Während der ersten Wochen bleibt die Borstenbrachvogelfamilie im näheren Umfeld des Nistplatzes. Sobald die Jungen aber im Alter von rund fünf Wochen flugfähig sind, begibt sie sich zu einem ihrer beiden traditionellen Sammelplätze im zentralen Bereich des Yukon-Kuskokwim-Deltas bzw. auf der Nushagak-Halbinsel in der Bristol-Bucht, wo nach und nach die gesamte Population zusammenkommt. Mehrere Wochen lang halten sich die langschnäbligen Vögel an diesen Sammelplätzen auf und tun sich dort am reichen spätsommerlichen Insekten- und Beerenangebot gütlich. Sie bauen dabei die Körperfettreserven auf, die sie als «Treibstoff» benötigen, um die bevorstehende Fernreise unbeschadet überstehen zu können.

Von ihren Sammelplätzen aus fliegen die Borstenbrachvögel dann Ende August, Anfang September los und steuern zunächst die 4500 Kilometer entfernten nordwestlichen Hawaii-Inseln an. Rund zehn Prozent der Population stoppen hier, um zu überwintern (vor allem auf den Inseln Laysan und Lisianski sowie auf dem Midway-Atoll). Die anderen neunzig Prozent manchen auf Hawaii nur eine Zwischenlandung und ziehen alsbald weiter. Sie verteilen sich fächerförmig praktisch über die gesamte Inselwelt des Südpazifiks - von den Marshallinseln im Westen bis zu den Pitcairninseln im Osten - und haben letztlich insgesamt zwischen 7000 und 10 000 Kilometer zurückgelegt.

Überwinternde Borstenbrachvögel sind regelmässig auf Kiribati, Tuvalu, Tokelau, Fidschi, Samoa, den Cookinseln, Französisch-Polynesien, den Pitcairninseln und nicht zuletzt den Marshallinseln zu beobachten. Einzelne Individuen wurden allerdings auch schon auf der Osterinsel (ganz im Osten des Südpazifiks), auf den Kermadecinseln (nördlich von Neuseeland) und auf den Marianen (im fernen Westpazifik) gesehen und waren demnach nochmals 2000 bis 3000 Kilometer weiter geflogen als der Hauptteil der Population! Nicht allein die enorme Flugleistung der Vögel - die ja nicht in der Lage sind, in der Not auf dem Wasser niederzugehen - ist dabei erstaunlich. Ebenso grandios ist ihre Fähigkeit, sich zurechtzufinden. Es ist dies ein Rätsel der Vogelforschung, das noch längst nicht restlos geklärt werden konnte.

Die Jungvögel, welche ihre erste Flugreise heil überstanden haben, bleiben jeweils in ihrem Winterquartier, bis sie im Alter von gut zwei Jahren die Geschlechtsreife erreichen. Dann erst treibt sie der Drang zur Fortpflanzung zurück zu ihrem Geburtsort, den sie also im Alter von knapp drei Jahren erstmals wiedersehen. Danach pendeln sie alljährlich zwischen ihrem Brut- und ihrem Winterquartier hin und her.

In ihren Winterquartieren bewohnen die Borstenbrachvögel praktisch das gesamte Spektrum von Lebensräumen, das sie antreffen. Sie gehen entlang von Bächen, auf Wiesen, am Strand, in Sümpfen und in Gehölzen aller Art auf Nahrungssuche und erbeuten vor allem Insekten, Spinnen, Schnecken, Landkrabben und andere wirbellose Kleintiere, machen sich aber auch über unbeaufsichtigte Meeresvogeleier her - eine für Schnepfenvögel recht ungewöhnliche Angewohnheit.

 

Gefahrvolle Mauserzeit

Sobald die Borstenbrachvögel ihr Winterquartier erreicht haben, beginnen sie, ihr Federkleid zu erneuern. Diese «Mauser» fällt gewöhnlich in die Monate Oktober und November und beraubt die Vögel während mehrerer Wochen ihrer Flugfähigkeit, macht sie also vorübergehend sehr verletzlich. Vor der Ankunft des Menschen auf den abgeschiedenen Pazifikinseln spielte dies keine Rolle, denn landlebende Fressfeinde kamen meistenorts keine vor. Dies hat sich inzwischen leider grundlegend geändert: Heute stellen den Borstenbrachvögeln vielerorts streunende Hunde und Katzen nach - wie auch, mit Fallen und Schusswaffen, der Mensch. Es gibt zwar kaum Studien über das Ausmass und die Auswirkung dieser Bejagung seitens des Menschen und seiner Haustiere, doch ist es bestimmt kein Zufall, dass grössere Borstenbrachvogelbestände inzwischen nur noch auf unbewohnten oder kaum bewohnten Inseln anzutreffen sind.

Insgesamt scheinen die Borstenbrachvögel in ihrem Fortbestand nicht unmittelbar gefährdet zu sein, doch sind sie aufgrund ihrer verhältnismässig kleinen Population und ihres eng begrenzten Brutgebiets zweifellos sehr anfällig auf Schadeinwirkungen aller Art. Erfreulicherweise sind die bekannten Brut- und Sammelgebiete in Alaska gut geschützt. Zudem sind einige Winterquartiere, darunter die nordwestlichen Hawaii-Inseln, als Schutzgebiete ausreichend gesichert. Der Schutz der Borstenbrachvögel in ihren übrigen pazifischen Winterquartieren ist hingegen schwach oder überhaupt nicht vorhanden. Hier gilt es, Verbesserungen der Situation herbeizuführen, damit diese bemerkenswerten Langstreckenzieher eine sorglose Zukunft haben.




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