Braunbär

Ursus arctos


© 1988 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



In Kinderbüchern, Trickfilmen, Spielzeugläden und in Zoo und Zirkus begegnet uns der Braunbär im allgemeinen als freundlicher, liebenswerter Geselle. In Wirklichkeit aber ist er ein mächtiges, mit dolchartigen Eckzähnen und kräftigen Krallen ausgerüstetes Raubtier, das vom Regenwurm bis zum Elch jedes andere Tier erlegt, dessen es habhaft werden kann. Selbst vor dem Menschen macht der Braunbär bisweilen nicht halt.

Früher, als man den Löwen bei uns noch nicht kannte, galt der Braunbär als «König der Tiere». Seine Klugheit und Kraft wurden von den meisten Völkern Europas sehr bewundert. So verehrten beispielsweise die Kelten die Bärengöttin Artio, und bei den Lappen galt der Braunbär als der Sohn des Himmelsgotts. Von der Beliebtheit des Braunbären zeugt die Tatsache, dass viele europäische Ortschaften den Bären im Wappen führen oder sogar - wie etwa Bern oder Berlin - nach dem Bären benannt sind.

 

In Europa, Asien und Amerika zu Hause

Der Braunbär (Ursus arctos) gehört innerhalb der Ordnung der Raubtiere (Carnivora) zur Familie der Grossbären (Ursidae). Diese umfasst insgesamt sieben Arten: neben dem Braunbären noch den Schwarzbären, den Eisbären, den Kragenbären, den Lippenbären, den Malaienbären und den Brillenbären. Mit Ausnahme des südamerikanischen Brillenbären sind alle Grossbären auf der nördlichen Erdhalbkugel beheimatet.

Der Braunbär ist der am weitesten verbreitete Vertreter seiner Familie: Sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet erstreckt sich über ganz Eurasien - von den Britischen Inseln ostwärts bis nach Japan und vom nördlichen Skandinavien bis zum nordafrikanischen Atlasgebirge und zum Himalaja. Ausserdem kommt er im nordwestlichen Nordamerika vor, wo er Grizzlybär oder Kodiakbär genannt wird.

Früher wurden aufgrund der Fellfarbe, der Körpergrösse und des geografischen Vorkommens mehrere Braunbären-Unterarten unterschieden. Der nordamerikanische Grizzlybär wurde gar in eine eigene Art gestellt. Davon ist man abgekommen. Die meisten Bärenexperten sind sich heute darüber einig, dass die schwärzlichen Bären Chinas, die beigefarbenen Tiere Südwestasiens, die mächtigen Kodiakbären Alaskas und die vergleichsweise schmächtigen Braunbären Syriens ein und dieselbe Tierform darstellen.

Der Braunbär entstand ursprünglich in Asien. Erst vor etwa 250 000 Jahren wanderte er nach Europa ein. Hier lebte er viele Jahrtausende lang Seite an Seite mit dem etwas grösseren Höhlenbären (Ursus spelaeus), bis dieser schliesslich während der letzten Eiszeit vor 10 000 bis 12 000 Jahren ausstarb.

 

Vielseitig verwendbare Vorderpranken

Der Braunbär ist ein gedrungen gebautes, überaus kräftiges Tier. Erwachsene Individuen können über drei Meter lang und über 550 Kilogramm schwer werden. Der Gewichtsrekord liegt gar bei 752 Kilogramm!

Die übliche Fortbewegungsweise des Braunbären ist ein gemächlicher Trott auf allen Vieren, bei dem der Kopf hin und her schwingt. Auf der Flucht oder beim Überraschungsangriff kann er aber über kurze Strecken Geschwindigkeiten von bis zu fünfzig Stundenkilometern erreichen. Fühlt sich der Braunbär gestört, so richtet er sich gern auf seinen Hinterbeinen auf, um seine Umgebung besser überblicken zu können. Er kann längere Zeit in dieser Stellung verharren und vermag auch ein paar Schritte zu gehen. Aufgrund dieser Fähigkeit wurden Braunbären bis in jüngster Zeit oft gezähmt und zu «Tanzbären» abgerichtet.

Wie der Mensch ist der Braunbär ein Sohlengänger. Er tritt also mit der ganzen Prankenfläche auf dem Boden auf. Jeder Fuss weist fünf Zehen mit je einer langen, nicht rückziehbaren Kralle auf. Die überaus kräftigen Vorderpranken sind vielseitig einsetzbare Werkzeuge: Mit ihnen vermag der Braunbär Beutetiere niederzustrecken, Futter zu ergreifen, Steine umzudrehen, Erdhöhlen zu graben und - vor allem in jugendlichem Alter - Bäume zu erklettern.

Ohren und Augen des Braunbären sind wesentlich weniger empfindlich als seine Nase. Letztere ist etwa 100 000 mal feiner als die des Menschen. Sie dient nicht allein dem Aufspüren von Nahrung, sondern auch der Kontaktnahme mit Artgenossen. Innerhalb seines Wohngebiets besitzt jeder Braunbär spezielle Bäume, die er immer wieder mit seinen Krallen und Zähnen bearbeitet und an denen er seinen Körper reibt, um so seinen Duft zu hinterlassen. Solche «Markierbäume» stellen eine Art «Visitenkarten» dar, aus denen für jeden anderen Bären sofort erkennbar ist, wer im betreffenden Gebiet zu Hause ist. So können sich die Tiere gegenseitig aus dem Weg gehen oder auch - etwa zur Paarungszeit - zueinanderfinden.

 

Braunbären sind Einzelgänger

Der Braunbär führt - von Weibchen mit Jungen abgesehen - ein einzelgängerisches Leben: Jeder erwachsene Bär lebt für sich allein in einem festen Wohngebiet. Die Grösse desselben ist so bemessen, dass das Tier ganzjährig genügend Nahrung darin findet. Sie hängt also vom lokalen Nahrungsangebot ab und ist daher von Ort zu Ort verschieden. In Gegenden mit mässigen Nahrungsbedingungen kann ein Bärenrevier tausend Quadratkilometer umfassen, in Gebieten mit reichlichem Nahrungsangebot aber auch nur zehn Quadratkilometer. So oder so ist die Dichte einer Braunbärenkolonie im Vergleich zu anderen Tierarten nie sonderlich gross.

Innerhalb seines Wohngebiets verbringt der Braunbär die meiste Zeit in einem zentral gelegenen «Heimbereich». Von Zeit zu Zeit unternimmt er aber ausgedehnte Streifzüge in die peripheren Zonen seines Reviers und legt dabei viele Kilometer zurück. Durch diese Exkursionen erhält der Bär seine Vertrautheit mit seinem Wohngebiet aufrecht, so dass er bei allfälligen Störungen oder bei Futterknappheit rasch ausweichen kann. Ausserdem vermag er eingedrungene Rivalen aufzustöbern und sie gegebenenfalls zu vertreiben.

 

Ein typischer Allesesser

Von Natur aus gehört der Braunbär zur grossen Sippe der Raubtiere. Sein im Lauf der Stammesgeschichte stark abgeändertes Gebiss zeigt aber, dass er im Gegensatz zu den meisten seiner Raubtiervettern kein echter Fleischesser ist: Zwar besitzt er bis drei Zentimeter lange, raubtiertypische Eckzähne. Seine Backenzähne sind hingegen pflanzenessertypisch: Sie sind abgeflacht und eignen sich dadurch gut zum Zermahlen faseriger Pflanzenkost. Tatsächlich ist der Braunbär ein ausgesprochener Allesesser, der so ziemlich alles zu sich nimmt, was er auf seinen Fresswanderungen antrifft - von Kräutern, Beeren, Nüssen, Knollen und Wurzeln über Ameisen, Heuschrecken, Vogeleier und Bienenhonig bis hin zu Fröschen, Mäusen und Fischen. Selbst vor Aas und menschlichen Abfällen macht er nicht halt. Hat der Bär ein Beutetier erlegt, das er nicht auf einmal zu verzehren vermag, so versteckt er die Überreste seines Mahls unter Moos und Laub und ruht in der Nähe, bis er von neuem Appetit verspürt.

Die kalte und futterarme Jahreszeit verschläft der Braunbär in einem schützenden Lager - etwa in einer Felsspalte, einem hohlen Baum oder einer selbstgegrabenen Erdhöhle. Er ist aber kein echter Winterschläfer wie zum Beispiel Fledermaus oder Igel, welche ihre Körpertemperatur während des winterlichen Ruhezustands bis knapp über den Gefrierpunkt absenken und dadurch sehr wenig Energie verbrauchen. Allerdings ist sein Herzschlag während der Winterruhe leicht verlangsamt, wodurch auch er etwas Energie einsparen kann. Manchmal erwacht der Braunbär aus seinem Tiefschlaf und unternimmt eine Esswanderung, ehe er sich wieder schlafen legt. Dies tut er besonders dann, wenn er sich im Herbst nicht genug Speckreserven angegessen hat.

 

Meerschweinchengrosse Jungbären

Die Paarungszeit der Braunbären fällt in die Monate Mai und Juni. Die männlichen Bären wandern dann auf der Suche nach paarungswilligen Weibchen rastlos in ihren Wohngebieten umher. Schon kurze Zeit nach der Paarung trennt sich das Männchen jeweils wieder vom Weibchen. Vaterpflichten besitzt es nämlich keine.

Nach der Paarung machen die befruchteten Eier zuerst eine mehrmonatige Ruhepause durch und beginnen sich erst im November oder Dezember, nachdem das Weibchen sein Winterlager bezogen hat, zu entwickeln. Obschon die eigentliche Tragzeit beim Braunbären lediglich etwa zwei Monate beträgt, kommen die Jungen daher erst im Januar oder Februar, also sieben bis acht Monate nach der Paarung, zur Welt.

Die Bärenbabys sind bei der Geburt nur etwa so gross wie Meerschweinchen: Sie messen rund 30 Zentimeter und wiegen ungefähr 350 bis 400 Gramm. Sie sind spärlich behaart, blind und taub und daher vollständig auf die Betreuung durch die Mutter sowie den Schutz der Höhle vor Wind und Wetter angewiesen. Dank des hohen Fettgehalts der mütterlichen Milch wachsen die Jungbären rasch heran. Schon im April oder Mai verlassen sie zusammen mit ihrer Mutter das Winterquartier. Sie sind dann etwa so gross wie halbwüchsige Schäferhunde und genauso verspielt. Die Jungen werden noch rund zwei Jahre lang von der Bärin betreut und lernen in dieser Zeit von ihr, wo sie wann welche Nahrung finden können.

Weibliche Braunbären bringen - je nach der Qualität ihres Wohngebiets - erstmals im Alter von vier bis zehn Jahren Junge zur Welt. Ein Wurf umfasst ein bis drei Junge, und das Intervall zwischen zwei aufeinanderfolgenden Würfen beträgt üblicherweise drei bis vier Jahre. Bei einer Lebenserwartung von 20 bis 30 Jahren bringt also jedes Weibchen im Lauf seines Lebens nur etwa 10 bis 12 Junge zur Welt, von denen wiederum mehrere noch während ihrer ersten Lebensmonate sterben. Die Fortpflanzungsrate des Braunbären ist also wie bei den meisten Raubtieren ziemlich gering.

 

Schrumpfendes Verbreitungsgebiet

Der Braunbär wird von alters her vom Menschen verfolgt - teils seines Fells, Fleischs und Fetts wegen, teils aber auch, weil er als Schädling und gefährlicher Räuber gilt. Tatsächlich kann der Braunbär in der Nähe menschlicher Siedlungen zu einem Problem werden: Gern macht er sich über Bienenstöcke her. Mitunter tötet er Kühe, Schafe und Pferde. Und auch für den Menschen kann das kräftige Raubtier zur Gefahr werden, besonders wenn es sich bedrängt fühlt oder sehr hungrig ist. Selbst in Ländern, in denen der Braunbär unter gesetzlichem Schutz steht, kommt es daher immer wieder zu Abschüssen.

Ihre verhältnismässig kleine Bestandsdichte und ihre recht geringe Fortpflanzungsrate machen Braunbären-Populationen sehr verletzlich. Die Bejagung der mächtigen Raubtiere durch den Menschen hat darum in fast allen Bereichen ihres grossen Verbreitungsgebiets schwerwiegende Folgen gehabt - umso mehr, als gleichzeitig auch ihr Lebensraum, der Wald, auf breiter Front zerstört worden ist.

Waren Braunbären noch vor 1000 Jahren in sämtlichen bewaldeten Regionen Europas heimisch, so sind sie heute aus weiten Bereichen vollständig verschwunden: In Deutschland wurde letztmals 1836 ein Braunbaer gesichtet. Der letzte Bär der Schweiz wurde 1904 erschossen (Einwanderer aus dem nahen Ausland konnten allerdings noch bis 1932 beobachtet werden). Nur wenige Braunbären überleben in Südeuropa, und zwar in den Pyrenäen, dem Kantabrischen Gebirge, den Alpen, dem Apennin und den Bergen Griechenlands. Umfangreichere Bestände sind in Skandinavien, den Karpaten und der Sowjetunion zu finden. Neueren Schätzungen zufolge leben in Frankreich und Griechenland noch je etwa 20 Braunbären, in Italien vielleicht noch rund 100. Die grössten Bestände Europas befinden sich in Jugoslawien (über 2000), in Rumänien (etwa 3000) und in Russland (über 10 000).

Im allgemeinen betrachtet man den Braunbären heute nicht mehr als Schädling, sondern gesteht ihm seinen Platz im Wald zu. In manchen Ländern, in denen er wirksam geschützt ist (z.B. Norwegen und Schweden), hat er sich wieder stärker vermehrt. In ein paar Ländern ist es heute sogar möglich, eine bestimmte Anzahl Bären jährlich für den Abschuss freizugeben, ohne dass dadurch ihre Bestände gefährdet würden.

Nicht zu unterschätzende Gefahren für die verbleibenden Braunbären-Populationen bringt heute das rasche Vordringen der erholungssuchenden menschlichen Bevölkerung in zuvor unberührte Gebiete mit sich. So wurden beispielsweise in Norwegen nachweislich Bärenbestände durch den Bau von Weekend- und Ferienhäusern aus ihrer angestammten Heimat verdrängt. Überdies werden durch die Erschliessung abgelegener Regionen die einst zusammenhängenden Bärenbestände immer weiter zersplittert. Mancherorts sind sie heute so klein und isoliert, dass sie wohl langfristig keine Überlebenschance haben.

Aufgrund der bedrohlichen Situation des Braunbären in Europa hat die Artenschutzkommission der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) eine Expertengruppe für Braunbären ins Leben gerufen. Deren Aufgabe ist es, gezielte Schutzmassnahmen für die Art zu entwickeln. Dazu gehören etwa Vorschläge für die Errichtung von Reservaten und das Erarbeiten wirksamer Schutzgesetze. Zweifellos wird der Braunbärenschutz in Zukunft auch den Ausschluss des Menschen aus wichtigen Bärenrückzugsgebieten sowie die Abgeltung von Bärenschäden an Nutzvieh umfassen müssen.




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