Braunbär

Ursus arctos


© 1999 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)



Der Braunbär (Ursus arctos) hat von allen Bären das grösste Verbreitungsgebiet: Es erstreckt sich über ganz Europa, Nord- und Mittelasien sowie das nordwestliche Nordamerika. Erwachsene Individuen weisen - von Ausnahmen abgesehen - eine Kopfrumpflänge von zwei bis drei Metern, eine Schulterhöhe von 90 bis 150 Zentimetern und ein Gewicht zwischen 200 und 500 Gramm auf, wobei die Männchen deutlich kräftiger gebaut sind als die Weibchen und die Bären des Nordens erheblich grösser sind als die des Südens.

Von Natur aus gehört der Braunbär zur grossen Sippe der Raubtiere. Im Gegensatz zu den meisten anderen Raubtieren ist er aber kein echter Fleischesser, sondern hat sich im Lauf seiner Stammesgeschichte zu einem ausgesprochenen Allesesser entwickelt. Er nimmt so ziemlich alles zu sich, was er auf seinen Streifzügen antrifft - von Kräutern, Beeren, Nüssen, Knollen und Wurzeln über Ameisen, Heuschrecken, Vogeleier und Bienenhonig bis hin zu Fröschen, Mäusen und Fischen. Selbst vor Aas und menschlichen Abfällen macht er nicht Halt.

Von Weibchen mit Jungen abgesehen führt der Braunbär ein einzelgängerisches Leben: Jeder erwachsene Bär lebt für sich allein in einem festen Wohngebiet, in welchem er keine gleichgeschlechtlichen Artgenossen duldet. Die Grösse des Reviers schwankt im allgemeinen - je nach dem lokalen Nahrungsangebot - zwischen etwa fünfzig und fünfhundert Quadratkilometern.

Die kalte und futterarme Jahreszeit verschläft der Braunbär in einem schützenden Lager - etwa in einer Felsspalte, unter einem Wurzelstock oder in einer selbst gegrabenen Erdhöhle. Im Schutz dieses Winterlagers bringt die Bärin im Januar oder Februar ihre zumeist ein bis drei Jungen zur Welt. Mit einer Länge von rund 30 Zentimetern und einem Gewicht um 400 Gramm sind sie bei der Geburt nur wenig grösser als Meerschweinchen. Sie sind spärlich behaart, blind und taub und daher vollständig auf die Betreuung durch die Mutter sowie den Schutz der Höhle vor Wind und Wetter angewiesen.

Dank des hohen Fettgehalts der mütterlichen Milch wachsen die Jungbären aber rasch heran. Schon im April oder Mai verlassen sie zusammen mit ihrer Mutter das Winterquartier. Sie sind dann etwa so gross wie halbwüchsige Schäferhunde und genauso verspielt. Die Jungen werden noch rund zwei Jahre lang von der Bärin betreut und lernen in dieser Zeit von ihr, wo sie wann welche Nahrung finden können. Danach ziehen sie auf eigene Faust los. Ihre Lebenserwartung in freier Wildbahn liegt bei ungefähr zwanzig Jahren.

Der Braunbär wird von alters her vom Menschen verfolgt - teils seines Fells, Fleischs und Fetts wegen, teils aber auch, weil er als Schädling und gefährlicher Räuber gilt. Tatsächlich kann der Braunbär in der Nähe menschlicher Siedlungen zum Problem werden: Gern macht er sich über Bienenstöcke her; mitunter tötet er Kühe, Schafe und Pferde; und auch für den Menschen kann das kräftige Raubtier zur Gefahr werden, besonders wenn es sich bedrängt fühlt oder sehr hungrig ist.

Vor allem in den dichter besiedelten europäischen Bereichen des Artverbreitungsgebiets hat die massive Bejagung des Braunbären durch den Menschen schwer wiegende Folgen gehabt. Dies umso mehr, als gleichzeitig auch sein Lebensraum, der Wald, auf breiter Front gerodet worden ist. Waren Braunbären noch vor tausend Jahren in sämtlichen bewaldeten Regionen Europas heimisch, so sind sie heute aus weiten Bereichen vollständig oder doch weitgehend verschwunden. Umfangreichere Bestände haben einzig in Skandinavien, den Karpaten und Russland überlebt.

Erfreulicherweise betrachtet man den Braunbären heute vielerorts in Europa nicht mehr als Schädling, sondern gesteht ihm seinen Platz im Wald zu. So hat sich sein Bestand beispielsweise in Schweden, wo er wirksam geschützt ist, von den früher erlittenen Verlusten recht gut zu erholen vermocht. Andererseits erwachsen den verbleibenden Braunbären-Beständen Europas heute nicht zu unterschätzende Gefahren durch das Vordringen der Erholung suchenden menschlichen Bevölkerung in die bald hintersten Winkel zuvor unberührter Landschaften. So wurden beispielsweise in Norwegen nachweislich Bärenbestände durch den Bau von Ferienhäusern aus ihrer angestammten Heimat verdrängt. Durch die Erschliessung abgelegener Regionen werden die einst zusammenhängenden Bärenbestände auch immer weiter zersplittert. Mancherorts sind sie heute so klein und isoliert, dass sie - allen Schutzbestrebungen zum Trotz - langfristig wohl keine wirkliche Überlebenschance haben.




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