Karibischer Brauner Pelikan
Pelecanus occidentalis occidentalis
© 1988 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Ruderfüsser: So heisst eine recht vielgestaltige
Gruppe von Wasservögeln, bei denen - anders als etwa bei
den Enten und Gänsen - nicht nur drei, sondern alle vier
Zehen durch Schwimmhäute miteinander verbunden sind. Zu
dieser Gruppe gehören neben den Kormoranen, den Schlangenhalsvögeln,
den Tölpeln, den Fregattvögeln und den Tropikvögeln
auch die Pelikane.
Die Familie der Pelikane (Pelecanidae) umfasst sieben
Arten. Sie gliedern sich in zwei Gruppen, die sich nach Gefiederfärbung
und Brutverhalten deutlich voneinander unterscheiden. Zur ersten
Gruppe zählen vier vorwiegend weisse, am Boden in dichten
Kolonien brütende Arten: der Brillenpelikan (Pelecanus
conspicillatus), der Rosapelikan (P. onocrotalus),
der Krauskopfpelikan (P. crispus) und der Nashornpelikan
(P. erythrorhynchos). Zur zweiten Gruppe gehören
drei überwiegend grau oder braun gefiederte und vorzugsweise
auf Bäumen nistende Arten: der Rötelpelikan (P.
rufescens), der Graupelikan (P. philippensis) und
der Braune Pelikan (P. occidentalis).
Sämtliche Arten sind gekennzeichnet durch einen
ausserordentlich langen, mit einem elastischen Kehlsack versehenen
Schnabel, der sich hervorragend für den Fischfang eignet.
Ausserdem weisen sie eine kontrastreich gefärbte Gesichtshaut
auf, deren Farbintensität sich während der Paarungszeit
verstärkt und so jeweils die Bereitschaft zur Fortpflanzung
sinalisiert.
Die erwachsenen Pelikane sind im Gegensatz zu ihren
lautfreudigen Kindern überraschend sparsam mit ihren Lautäusserungen.
Bei sämtlichen Arten sind im übrigen die Männchen
etwas grösser und schwerer als die Weibchen.
Er gehört zu den grössten flugfähigen
Vögeln der Welt
Mit einer Gesamtlänge von etwa 120 Zentimetern,
einer Flügelspannweite von 210 bis 220 Zentimetern und einem
Gewicht von etwa 4 Kilogramm gehört der Braune Pelikan mit
zu den grössten flugfähigen Vögeln der Erde. Bei
den erwachsenen Tieren ist das Gefieder oberseits silbergrau,
unterseits schiefergrau gefärbt. Kopf und Halsvorderseite
sind weiss, und ebenso ist bei nichtbrütenden Tieren die
Halsrückseite. Im Brutgefieder weist die Halsrückseite
jedoch eine leuchtend rotbraune Färbung auf - daher der
Artname.
Männchen und Weibchen sind gleich gefärbt.
Hingegen unterscheiden sich die Jungvögel deutlich von den
erwachsenen Tieren: Ihr Federkleid ist - vom weissen Bauch abgesehen
- einheitlich bräunlich gefärbt.
Der Braune Pelikan ist im Bereich Mittelamerikas weit
verbreitet. Entlang der Pazifikküste kommt er von Kalifornien
im Norden bis nach Zentralchile im Süden vor, entlang der
Atlantikküste von Nordkarolina südwärts bis zur
Amazonasmündung in Brasilien. Im Pazifik hat er zudem die
Galapagos-Inseln besiedelt, und in der Karibik findet man ihn
auf Kuba, Jamaika, Hispaniola, Puerto Rico, den Jungferninseln
(amerikanischer und britischer Teil), auf St. Martin und Barbuda.
Man unterscheidet innerhalb dieses riesigen Areals insgesamt
vier Unterarten. Der Karibische Braune Pelikan (Pelecanus
occidentalis occidentalis), der die Atlantikküste Mittel-
und Südamerikas sowie die genannten Westindischen Inseln
bewohnt, ist die kleinste davon.
Ein Stosstaucher
Wie alle Pelikane ernährt sich der Braune Pelikan
ausschliesslich von Fischen. Seine Fangtechnik unterscheidet
sich aber wesentlich von der seiner Vettern: Während jene
auf der Wasseroberfläche schwimmend Fische an seichten Stellen
zusammendrängen und dann mit ihren Schnäbeln aus dem
Wasser schöpfen, hält der Braune Pelikan fliegend nach
Beutetieren Ausschau und stürzt sich dann stosstauchend
auf sie hinunter.
Sobald der Braune Pelikan bei seinen Suchflügen
in fünf bis zehn Metern Höhe einen Fisch erspäht,
setzt er zum Sturzflug an. In dem Moment, in dem der Schnabel
in das Wasser eintaucht, streckt er die Beine und die Flügel
weit zurück, wodurch sich die Eintauchgeschwindigkeit erhöht
und das Risiko eines Knochenbruchs vermieden wird. Unter Wasser
nimmt der Pelikan den Fisch zwischen Ober- und Unterschnabel,
wobei sich der Kehlsack mächtig bläht, und schliesst
dann den Schnabel. Anschliessend taucht er auf, streckt den Kopf
über die Wasseroberfläche und lässt - damit die
Beute nicht entwischen kann - bei geschlossenem Schnabel das
Wasser aus dem Kehlsack herausfliessen. Dieser Vorgang kann über
eine Minute dauern, da das Wasser im Kehlsack mehr wiegen kann
als der ganze Vogel. Dann reckt der tüchtige Fischer den
Schnabel hoch und verschluckt seine Beute.
Früher hiess es oft, der Pelikan würde seinen
Kehlsack als Fischdepot benützen. Er könne so viele
Fische darin aufnehmen, dass sie ihm als Proviant für eine
ganze Woche reichen. Wir wissen heute, dass dies nicht stimmt.
Der Kehlsack dient dem Pelikan lediglich zum Fangen der Beute,
als eine Art Käscher, aus dem die Nahrung sofort in den
Magen und damit zum Körperschwerpunkt hin befördert
wird, so dass der grosse Vogel ausbalanciert weiterfliegen kann.
Ein ausgewachsener Pelikan benötigt pro Tag etwa
1,2 Kilogramm Fisch, also rund 25 Prozent seines Körpergewichts,
und legt bei der Futtersuche täglich etwa 30 bis 40 Kilometer
zurück.
25 Kilogramm Fisch je Jungvogel
Pelikane können sehr alt werden. Den Rekord hält
ein Rosapelikan, der in Gefangenschaft das Alter von 54 Jahren
erreichte. Das Höchstalter des Braunen Pelikans in freier
Wildbahn liegt im allgemeinen bei 25 bis 30 Jahren.
Im Alter von drei bis vier Jahren erreicht der Braune
Pelikan die Geschlechtsreife und pflanzt sich dann erstmals fort.
Das Nest wird von Männchen und Weibchen gemeinsam aus Reisig
und Schilf gebaut. Vorzugsweise legen sie ihre Kinderstube an
geschützten Stellen in Bäumen oder Sträuchern
an; wo solche nicht vorhanden sind, nisten die grossen Vögel
aber durchaus auch auf dem Boden. Das Weibchen legt gewöhnlich
drei Eier, welche von beiden Partnern gemeinsam in etwa 20 Tagen
ausgebrütet werden.
Wie lange die Partnerschaft zwischen Männchen
und Weibchen dauert, ist nicht bekannt. Während der Brut-
und Aufzuchtzeit der Küken schliessen sich die Paare aber
eng zusammen. Das ist sehr wichtig, denn um den Hunger der nimmersatten,
rasch heranwachsenden Kinder zu stillen, müssen unbedingt
beide Eltern Nahrung herbeischaffen.
Die Eier werden vom Weibchen in Abständen von
zwei bis drei Tagen gelegt. Die Brut beginnt jedoch schon mit
dem ersten Ei, ja oft sogar schon vorher, so dass die Jungen
ebenfalls in Abständen von zwei bis drei Tagen schlüpfen.
Das Junge aus dem ersten Ei hat darum immer einen Entwicklungsvorsprung
gegenüber seinen Geschwistern. Gibt es reichlich Futter,
so hat dieser Alters- und Grössenunterschied zwischen den
Geschwistern keine Bedeutung; es überlebt die ganze Kinderschar.
Wird aber die Nahrung knapp, so kommen die jüngeren Tiere
im Gerangel ums Futter, das die Eltern herbeitragen, stets zu
kurz und verhungern schliesslich. Das mag uns grausam erscheinen.
Für die Art ist es aber durchaus sinnvoll: Ein kräftiger
Jungvogel hat in schlechten Zeiten nämlich die weitaus besseren
Überlebenschancen als zwei oder drei Kümmerlinge.
Die Nestlingszeit ist beim Braunen Pelikan mit elf
bis zwölf Wochen erstaunlich lang. In dieser Zeit verfüttern
die Eltern jedem Jungen mindestens 25 Kilogramm Fisch! Nach dem
Flüggewerden lösen sich die Jungvögel rasch von
ihren Eltern und streifen dann oft weit umher.
Schädlingsbekämpfungsmittel schädigen
die Pelikanbestände
1973 wurde der Braune Pelikan in den USA auf die Rote
Liste der vom Aussterben bedrohten Vogelarten gesetzt. Beunruhigende
Beobachtungen hatten zu diesem Schritt geführt: Seit geraumer
Zeit war nämlich der Bruterfolg der grossen Vögel in
sämtlichen Brutkolonien von Texas, Louisiana, Südkarolina
und Kalifornien dramatisch zurückgegangen. Dies hatte schliesslich,
Ende der sechziger Jahre, dazu geführt, dass die Pelikanpopulation
im Küstenbereich von Texas und Louisiana vollständig
ausstarb. An den anderen Küsten der USA waren die Bestandszahlen
auf ein gefährlich tiefes Niveau gesunken.
Daraufhin eingeleitete Untersuchungen zeigten schon
bald, dass Chlorierte Kohlenwasserstoffe diesen alarmierenden
Bestandsrückgang verursacht hatten. Als Schädlingsbekämpfungsmittel
in der Landwirtschaft eingesetzt, waren sie über Grundwasser,
Bäche und Flüsse in die Küstengewässer und
dort über das komplexe Nahrungsnetz in den Körper der
Pelikane gelangt. Hauptsächlich handelte es sich um DDE
und andere, äusserst schwer abbaubare DDT-Spaltprodukte.
Diese chemischen Stoffe bewirkten eine Verringerung der Schalendicke
bei den Pelikaneiern, indem sie den Kalziumtransport im Blut
der Pelikanweibchen beeinträchtigten, wodurch die Eischalendrüsen
ungenügend mit diesem Rohstoff versorgt wurden. Die Eier
zersprangen beim Bebrüten, und so kam es zur beobachteten
Abnahme des Bruterfolgs.
Glücklicherweise war die Gefährlichkeit
von DDT und anderen Chlorierten Kohlenwasserstoffen für
die Umwelt - und letztlich auch für den Menschen - schon
im Laufe der sechziger Jahre erkannt worden. Ihre Anwendung wurde
in der Folge allmählich eingeschränkt und schliesslich,
1972, sowohl in den USA als auch in vielen anderen Ländern
der westlichen Welt vollständig verboten. Danach erholte
sich nicht nur der Weisskopf-Seeadler, das Wappentier der USA.
Auch der Braune Pelikan und viele weitere räuberische Tierarten,
allesamt Endglieder von Nahrungsketten und darum besonders stark
von den Umweltgiften bedroht, konnten ihre Bestände wieder
erfreulich vergrössern.
Die Situation des Karibischen Braunen Pelikans
Die Inselpopulationen des Braunen Pelikans galten
in den siebziger Jahren ebenfalls als bedroht, und man nimmt
an, dass auch sie Bestandseinbussen zu verzeichnen hatten. Spezielle
Untersuchungen wurden damals allerdings keine durchgeführt.
Erst 1980 leitete die Division of Fish and Wildlife der amerikanischen
Jungferninseln zusammen mit dem Departement of Natural Resources
von Puerto Rico eine Dreijahresstudie in die Wege, um die Situation
des Braunen Pelikans in der östlichen Karibik abzuklären.
Die Studie zeigte, dass der Braune Pelikan im Bereich
von Puerto Rico und den amerikanischen sowie britischen Jungferninseln
in neun grösseren Kolonien brütete. Zwei dieser Brutkolonien
befanden sich an der West- und Südwestküste Puerto
Ricos (Anasco-Bucht und Montalva-Bucht), eine dritte östlich
von Puerto Rico bei der Vieques-Insel (Cayo Conejo). Die restlichen
befanden sich auf den Jungferninseln, und zwar bei der Dutch-Cap-Bank
nordwestlich von St. Thomas, auf der Congo-Bank nördlich
von St. John, auf Mary Point, Whistling Key und Buck Island bei
St. Croix, im Green-Cay-Naturschutzgebiet und auf Little Tobago.
Bei Puerto Rico hielten sich die Braunen Pelikane
zum Ruhen und Brüten hauptsächlich (zu 93 Prozent)
in Mangrovenbeständen auf, während sie im Bereich der
Jungferninseln ihre Kolonien fast ausschliesslich auf der Küste
vorgelagerten Sandbänken anlegten.
Eine Schätzung der Populationsgrösse ergab
zwischen 200 und 475 Brutpaare, wovon rund drei Viertel (etwa
150 bis 350 Paare) auf den Jungferninseln zur Brut schritten.
Eigenartigerweise schwankte die Bestandsgrösse
der Pelikanpopulation von Puerto Rico im Jahresverlauf beträchtlich.
Sie lag im Winter 25 bis 30 Prozent höher als im Sommer.
Es stellte sich heraus, dass jeweils gegen Ende Jahr, nach der
Brutsaison, viele junge wie auch erwachsene Pelikane von den
Jungferninseln nach Puerto Rico zogen, um dort den Winter an
den überaus fischreichen Küstengewässern zur verbringen.
Die meisten erwachsenen Individuen kehrten dann im Frühjahr
wieder zu ihren traditionellen Brutplätzen auf den Jungferninseln
zurück, während die Jungvögel zumeist bis zur
Geschlechtsreife, in manchen Fällen aber auch für immer,
auf Puerto Rico blieben.
Dieses Wanderverhalten lässt erkennen, dass sämtliche
Braunen Pelikane der östlichen Karibik eine einzige, zusammenhängende
Brutpopulation bilden. Der Kern dieser Population liegt im Bereich
der Jungferninseln. Puerto Rico dient aber allen Tieren als wichtiger
Nahrungsraum in Zeiten spärlichen Futterangebots, wobei
vor allem den Küsten mit ausgedehnten Mangrovenbeständen
grosse Bedeutung zukommt.
Beobachtungen in den verschiedenen Brutkolonien ergaben,
dass die Braunen Pelikane durchschnittlich ungefähr ein
Junges pro Nest erfolgreich aufzogen. Diese Nachzuchtrate entspricht
recht genau derjenigen der Braunen Pelikane an den Küsten
Floridas, wo die Bestände der mächtigen Vögel
seit Jahren ziemlich stabil sind, und scheint damit für
den langfristigen Erhalt der Population ausreichend zu sein.
Tatsächlich konnten auch in einigen stichprobenweise untersuchten
Eiern keine nennenswerten Rückstände von Umweltgiften
gefunden werden.
Die Fachleute sind sich aber im klaren darüber,
dass den Pelikanen heute aufgrund der anwachsenden Inselbevölkerung,
des zunehmenden Schiffsverkehrs und des stetig ansteigenden Tourismus
neue Gefahren drohen, so vor allem Störungen an den Brutplätzen,
Beeinträchtigung der Küstengewässer durch Öl
und andere Abfälle sowie Zerstörung des Mangrovengürtels
im Küstenbereich Puerto Ricos.
1985 hat darum das Fish and Wildlife Service der USA
einen Schutzplan für die Braunen Pelikane der östlichen
Karibik vorgelegt. Der Plan enthält eine ganze Reihe von
Schutzmassnahmen, welche das langfristige Überleben der
Vögel in dieser Region gewährleisten sollen. Durch
eine kontinuierliche Überwachung der Population sollen ferner
allfällige positive oder negative Bestandsentwicklungen
sofort erkannt werden können. Sowohl die Division of Fish
and Wildlife (seitens der amerikanischen Jungferninseln) wie
auch der National Park Trust (seitens der britischen Jungferninseln)
hoffen, dass es so auch zukünftigen Generationen noch möglich
sein wird, sich am spektakulären Stosstauchen des Braunen
Pelikans in der Karibik zu erfreuen.
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