Das Braunkehlchen – ein Pechvogel



© 1984 Markus Kappeler
(erschienen
in «meyers modeblatt» am 26.9.1984)



Es hat wahrhaftig kein leichtes Los. Erst bürdet ihm die Natur eine grosse Last auf, indem sie es zum Zug nach Afrika mit all seinen Risiken zwingt. Und nun macht ihm der Mensch das Leben immer schwerer. Mit Netz und Leimrute, mit DDT und Quecksilber, mit Mähmaschine und Drainageröhre jagt, vergiftet, verbannt er das Braunkehlchen ­-diesen zierlichen Sänger auf unseren Wiesen. Lange wird der Vogel den Strapazen nicht mehr gewachsen sein. Sein Schicksal darf uns aber nicht gleichgültig lassen. Denn dort, wo die sensiblen Warnzeichen der Natur ­-die Lebenslichter der Vögel ­-zu flackern beginnen, ist auch der Mensch in Gefahr.

 

Alle Vögel sind schon da, alle Vögel alle. Amsel, Drossel, Fink und Star, und die ganze Vogelschar... Die ganze?

Seit Tagen schon sucht der Ornithologe im grünen Anorak und den hohen Stiefeln die Gegend nach dem Braunkehlchen (Saxicola rubetra) ab. Vergeblich.

Andere Jahre um diese Zeit waren einzelne Vertreter dieser Singvogelart bereits eifrig mit dem Nestbau beschäftigt. Dieses Jahr ist noch kein einziger aus seinem Winterquartier südlich der Sahara eingetroffen. Enttäuscht rüstet sich der Wissenschaftler zur Heimkehr. Da nimmt sein geübtes Auge eine Bewegung im Gezweig eines nahen Busches wahr. Endlich! Das erste Braunkehlchen ist eingetroffen.

«Es würde mich nicht überraschen, wenn gelegentlich überhaupt kein Braunkehlchen mehr aufkreuzen würde. Jährlich werden es weniger. Die Unbilden, denen dieser Zwerg trotzen muss, übersteigen ganz einfach seine Kräfte.» Der dies sagt, ist kein vernarrter Naturliebhaber. Alex Labhardt, 34jähriger Biologielehrer in Basel, weiss, wovon er spricht. Seit fünf Jahren studiert er im Auftrag der Schweizerischen Vogelwarte Sempach Ökologie und Verhalten des Braunkehlchens. Und erverfasst auf Anregung dieser bedeutenden Forschungsstätte für Ornithologie in der Schweiz seine Dissertation über den unscheinbaren Vogel mit der
braunen Kehle.

Seine Untersuchungen zeigen, dass das Braunkehlchen auf dem besten Weg ist, sang- und klanglos aus unserem Land zu verschwinden. Was sind die Gründe für diese fatale Entwicklung? «Braunkehlchen sind Zugvögel, Bodenbrüter und Insektenfresser. Diese Kombination besagt eigentlich alles», meint Labhardt kurz und bündig. «Eine katastrophalere ökologische Nische lässt sich in der heutigen Zeit kaum finden.»

 

Zugvögel

Das Braunkehlchen gehört zu den Langstreckenziehern. Jeden Herbst, wenn seine Nahrungsquelle - die Insekten - versiegt, zieht das nur 16 Gramm schwere Vögelchen über 4000 Kilometer weit nach Süden und streift während der Wintermonate südlich der Sahara - in Äquatorialafrika - umher.

Viele der zarten Vögel kehren von dieser kräftezehrenden und risikoreichen Reise nicht mehr zurück. Sie fallen Greifvögeln zum Opfer, die sich entlang der Zugrouten sammeln, werden von Stürmen aufs offene Meer gefegt, sterben an Erschöpfung. Solche natürlichen Verluste sind aber im Lebenszyklus des Braunkehlchens durch eine Überproduktion an Jungen einkalkuliert. Jedes Brutpaar zieht durchschnittlich vier Junge pro Jahr auf. Wenn also von jedem Brutpaar nur ein Partner und von den Jungvögeln nur einer von vier die beschwerliche Reise überlebt, bleibt der Bestand der Art erhalten.
Diese Rechnung mag noch vor einem Jahrhundert richtig gewesen sein. Heute geht sie nicht mehr auf. Daran sind nicht allein die unzähligen Jäger und Fänger rund ums Mittelmeer schuld, welche die Zugvögel lieber in der Bratpfanne sehen als am Himmel. Sondern dazu trägt ganz wesentlich bei, dass die Schweiz auch nicht mehr gerade das Paradies für sie ist.

 

Bodenbrüter

Das Braunkehlchen ist auf Wiesen, Weiden und Feldern zu Hause. Hier legt es in einer Bodenmulde unter hohem Gras sein Nest an, vorzüglich gegen Sicht von oben geschützt. Nie fliegt es direkt zum Nest. Immer steuert es zuerst einen nahen Weidepfahl, einen Busch oder eine Sauerampfer an und sucht von dieser hohen Warte aus aufmerksam die Gegend nach möglichen Nesträubern ab.

Was nützen aber das vorsichtigste Verhalten und das bestversteckte Nest in der modernen, zur maschinengerechten Produktionsfläche umgestalteten und ausgeräumten Landschaft? Nicht Krähe und Elster sind die Hauptfeinde des Braunkehlchen-Geleges. Der Mensch ist es, der jedes Stück Wildnis, jede Brache als Herausforderung zur «Sanierung» empfindet und so den Nistplatz des Vogels zerstört.

 

Insektenfresser

Von erhöhtem Standort - den Zweigen eines Strauchs etwa - betreibt das Braunkehlchen seine Jagd auf Insekten. Dicht über den Spitzen der Gräser und Kräuter schnappt es sie in der Luft. Gelegentlich sucht es aber auch auf dem Boden nach Insekten, Raupen, Spinnen, Schnecken und Würmern. In einer Welt, die von vielen Schädlingsbekämpfungsmitteln - nebst anderen Schadstoffen aus Haushalt, Industrie und Verkehr - belastet ist, stellt «Ungeziefer» aber eine gefährliche Nahrung dar.

Zwar führen die in kleinen Portionen aufgenommenen und eingelagerten Schadstoffe selten zu akuten Vergiftungen. Sie können aber sehr fatale Folgen als schleichende Vergiftung haben, indem sie etwa zu Unfruchtbarkeit, zur Produktion fehlerhafter Eischalen oder zu Orientierungsschwierigkeiten auf dem Zug führen.

 

Neue Gefahr droht

Die Gefährdung der Vogelwelt durch Massenfang, Pestizide und Flurbereinigung ist nicht neu. Seit geraumer Zeit werden auf allen Ebenen grosse Anstrengungen unternommen, diesen Gefahren durch gezielte Massnahmen entgegenzuwirken. Zum Teil recht erfolgreich. So ist beispielsweise ein europaweites Verbot der Anwendung von DDT und anderen hochgiftigen Schädlingsbekämpfungsmitteln erwirkt worden. In Mitteleuropa wird das Netz von Naturschutzgebieten allmählich immer dichter. Gesamtschweizerisch wird der Erhaltung von Hecken, Magerwiesen, Feuchtgebieten und Hochmooren grosse Beachtung geschenkt. Fang und Jagd der Zugvögel entlang ihrer traditionellen Routen sind heute praktisch im ganzen Mittelmeerraum untersagt.

Grund zum Jubel besteht allerdings keiner. Denn nun braut sich am Horizont ein neues Unwetter zusammen: Die grundlegenden, oft hemmungslosen Veränderungen der Umwelt durch den Menschen greifen von Mitteleuropa aus immer mehr auf die Mittelmeerländer und Afrika über. Dadurch wird nicht mehr nur im Brutgebiet der Platz für das Braunkehlchen knapp, wird nicht nur hier seine Nahrung vergiftet. Dasselbe gilt neuerdings auch für seine Rastplätze in den Durchzugsländern, wo es seine Fettreserven für den Weiterflug erneuern muss. Und es trifft nun ebenso für sein Überwinterungsgebiet zu.

Die derzeit lancierte, internationale Kampagne von WWF und SLKV will dieser Gefährdung möglichst umfassend begegnen. Alle wichtigen Rast- und Überwinterungsgebiete der europäischen Vogelwelt sollen unter Schutz gestellt werden. Damit - nebst vielen anderen Arten - der doppelt und dreifach bedrohte Pechvogel Braunkehlchen eine Zukunft hat.




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