Breitmaulnashorn
Ceratotherium simum
© 1987 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Das Breitmaul- oder Weisse Nashorn (Cerathotherium
simum) ist nach dem Afrikanischen und dem Asiatischen Elefanten
das drittgrösste Landsäugetier der Erde. Ausgewachsene
Männchen erreichen eine Kopfrumpflänge von vier Metern,
eine Schulterhöhe von 186 Zentimetern und ein Gewicht von
2300 Kilogramm. Das vordere Nasenhorn misst bis 166 Zentimeter.
Das Breitmaulnashorn ist damit wesentlich grösser als sein
afrikanischer Vetter, das Spitzmaul- oder Schwarze Nashorn (Diceros
bicornis). Dieses wird im allgemeinen nur eine bis anderthalb
Tonnen schwer.
Ausser in der Grösse unterscheiden sich das Breitmaul-
und das Spitzmaulnashorn - wie ihr Name sagt - durch die Form
ihres Mauls. Sie spiegelt die unterschiedliche Ernährungsweise
der beiden Tiere wider: Das Breitmaulnashorn besitzt breite,
eckige Lippen, welche sich für das Abäsen von Gräsern,
von denen sich das Tier hauptsächlich ernährt, gut
eignen. Das Spitzmaulnashorn hingegen weist eine zugespitzte,
sehr bewegliche Oberlippe auf, mit welcher es seine Hauptnahrung,
das Blattwerk von Sträuchern und Büschen, ergreifen
und ins Maul schieben kann.
Ferner unterscheiden sich die beiden Nashornarten
auch in ihrem Wesen stark voneinander: Das Breitmaulnashorn ist
ein friedfertiger Geselle, das Spitzmaulnashorn hingegen kann
sich als recht angriffslustig erweisen.
Kein Unterschied besteht jedoch in der Hautfarbe der
beiden Kolosse: Beide sind stumpf schiefergrau gefärbt.
Die landläufige Bezeichnung «Weisses Nashorn»
für das Breitmaulnashorn ist daher ebenso irreführend
wie der Name «Schwarzes Nashorn» für das Spitzmaulnashorn.
Wahrscheinlich wird das Weisse Nashorn lediglich aufgrund eines
Übersetzungsfehlers so genannt: Das burische Wort «wijde»
(=breit) veränderte sich wohl aus einem Missverständnis
heraus zum englischen «white» (=weiss). Im übrigen
wälzen sich beide Nashornarten gern im Schlamm, einerseits
um sich abzukühlen und andererseits um ihre Haut durch die
später eintrocknende Lehmschicht vor lästigen Insekten
zu schützen. Dies hat im allgemeinen zur Folge, dass die
Tiere bräunlich, rötlich oder weisslich erscheinen
- je nach der Farbe des Bodens in ihrem Lebensgebiet.
Die letzten Überlebenden eines alten Geschlechts
Die ersten Nashörner erschienen vor rund sechzig
Millionen Jahren auf der Erde. Die Hochblüte ihrer Entwicklung
erlebten sie während des Miozäns: Über dreissig
verschiedene Nashornarten bevölkerten damals die Erde. Im
späten Miozän, vor rund zehn Millionen Jahren, begann
dann aber der Niedergang der Nashörner - ein Prozess, der
bis heute anhält. Neben einschneidenden klimatischen Veränderungen
dürfte hierbei in vielen Fällen die Bejagung der Tiere
durch den prähistorischen Menschen eine wichtige Rolle gespielt
haben. Die Bilder in den Altsteinzeithöhlen von Pech-Merle,
Rouffignac und Colombiere beispielsweise sprechen eine deutliche
Sprache.
Nur fünf Nashornarten haben bis auf den heutigen
Tag überlebt: In Asien sind es das Panzernashorn (Rhinoceros
unicornis), das Javanashorn (Rhinoceros sondaicus)
und das Sumatranashorn (Dicerorhinus sumatrensis), in
Afrika das Breitmaul- und das Spitzmaulnashorn. Sie alle leben
im Vergleich zu ihrer ursprünglichen Verbreitung in bescheidenen
Rückzugsgebieten und sind allesamt stark bedroht.
Vom Breitmaulnashorn existieren zwei Unterarten: das
Nördliche Breitmaulnashorn (Cerathotherium simum cottoni)
und das Südliche Breitmaulnashorn (Cerathotherium simum
simum). Die südliche Rasse hat einen vergleichsweise
längeren Körper und kürzere Beine als die nördliche;
sonst ist das Erscheinungsbild der beiden Rassen sehr ähnlich.
Sie leben seit mehreren Jahrtausenden in zwei getrennten, mehr
als 2000 Kilometer auseinanderliegenden Verbreitungsgebieten:
Die Heimat des Südlichen Breitmaulnashorns ist das südliche
Afrika südlich des Sambesis, diejenige des Nördlichen
Breitmaulnashorns das nordöstliche Afrika westlich des Nils.
Klima- und Vegetationsänderungen während der letzten
Eiszeit scheinen diese Aufteilung der Art in zwei getrennte Populationen
verursacht zu haben.
Die Weibchen bilden kleine Trupps
Das Breitmaulnashorn ist ein Bewohner der afrikanischen
Kurzgrassteppen, welche mit schattenspendenden Gehölzen
durchsetzt sind und zudem ein ganzjähriges Wasserangebot
aufweisen.
Breitmaulnashörner sind sowohl tags als auch
nachts rege. Wie bei allen Nashörnern ist ihr Sehvermögen
verhältnismässig schlecht ausgebildet. Einen Menschen,
der sich ihnen langsam bei günstigem Wind nähert, erkennen
sie erst in einer Entfernung von etwa 30 bis 35 Metern. Ihr Geruchssinn
hingegen ist vorzüglich.
Das Breitmaulnashorn ist das geselligste der fünf
lebenden Nashornarten: Weibchen ohne Kälber bilden mit ihresgleichen
sowie Halbwüchsigen zusammen kleine Trupps von bis zu sechs
erwachsenen Tieren. Die einzelnen Mitglieder dieser kleinen sozialen
Einheiten scheinen sich gegenseitig gut zu kennen und begrüssen
einander jeweils durch freundlichen Nasenkontakt. Jede Weibchengruppe
lebt in einem festen Wohngebiet von etwa 9 bis 15 Quadratkilometern
Fläche, in welchem sie das ganze Jahr über umherstreift
und das sie höchstens verlässt, wenn bei ungünstigen
klimatischen Bedingungen das Wasser- oder das Nahrungsangebot
zu knapp ist. Die Wohngebiete benachbarter Trupps überlappen
gegenseitig stark, Streitigkeiten zwischen Gruppen kommen aber
nicht vor.
Die Männchen leben einzelgängerisch
Im Gegensatz zu den Weibchen leben die erwachsenen
Männchen einzelgängerisch. Die kräftigeren unter
ihnen halten Territorien von etwa zwei Quadratkilometern Bodenfläche
besetzt. Innerhalb ihres «Grundbesitzes» setzen diese
territorialen Männchen immer wieder Duftmarken, indem sie
in zwei bis drei Stössen Harn nach hinten an auffällige
Büsche oder Felsen spritzen. Ihren Kot geben sie stets an
den gleichen Stellen ab, so dass mit der Zeit riesige Dunghaufen
von mehreren Metern Durchmesser entstehen können. Nach der
Kotabgabe führen sie Scharrbewegungen mit den Hinterbeinen
aus. Damit erreichen sie, dass ihre Spur in der Folge geruchlich
getönt ist. Sowohl das Harnmarkieren als auch das Scharren
im Kot treten in der Nähe der Territoriumsgrenzen besonders
ausgeprägt auf.
Begegnen zwei territoriale Männchen einander
an der gemeinsamen Grenze ihrer Territorien, so erfolgt oftmals
ein ritualisiertes Drohimponieren: Die beiden Rivalen bewegen
sich mit gesenktem Kopf aufeinander zu, bis sie praktisch Horn
an Horn einander gegenüberstehen. So verharren sie eine
Weile bewegungslos. Dann gehen sie langsam rückwärts
auseinander und führen dabei mit ihren Hörnern seitliche
«Wischbewegungen» aus. Solches Vorstossen und Zurückweichen
kann sich mehrfach wiederholen. Schliesslich ziehen sich die
beiden Widersacher wieder tiefer in ihr jeweiliges Territorium
zurück.
Interessanterweise halten sich innerhalb der Männchenterritorien
oftmals ein oder mehrere untergeordnete Männchen auf. Es
handelt sich dabei in erster Linie um junge Tiere, die noch nicht
kräftig genug sind, ein eigenes Territorium zu erobern.
Das besitzende Männchen duldet diese Geschlechtsgenossen
unter der Bedingung, dass sie seine «Herrschaft»
anerkennen: Sie dürfen weder Harn versprühen noch im
Kot scharren. Bei Begegnungen mit dem Territoriumsbesitzer müssen
sie sich unterwürfig zeigen und ihm den Vortritt lassen.
Oft äussern sie bei dieser Gelegenheit einen Pfeif- oder
einen Brummlaut.
Sieht sich ein territoriales Männchen dazu gezwungen,
sein Territorium - beispielsweise zum Trinken - vorübergehend
zu verlassen und sich durch die Reviere benachbarter Männchen
zu bewegen, so verhält es sich auf fremdem Hoheitsgebiet
genauso wie die besitzlosen Tiere: Es setzt keine Duftmarken
und zeigt sich Territoriumsbesitzern gegenüber unterwürfig.
Der Vorteil der Territoriumsbesitzer gegenüber
den Besitzlosen besteht in der Möglichkeit, sich fortzupflanzen.
Die Weibchen, die sich frei durch die Territorien der Männchen
bewegen, paaren sich nämlich nur mit «Grundeigentümern».
Da jedes Männchen die Vorherrschaft der andern auf deren
Grund und Boden anerkennt, fallen dauernde Rivalenkämpfe
während der Fortpflanzungszeit dahin. Aggressives Verhalten
wird dadurch von Fortpflanzung und Jungenaufzucht ferngehalten
und so der Nachzuchterfolg optimiert.
Neugeborene wiegen «nur» 65 Kilogramm
Die weiblichen Breitmaulnashörner bringen erstmals
im Alter von sechs bis acht Jahren - nach einer Tragzeit von
etwa 16 Monaten - ein Junges zur Welt. Im allgemeinen wird nur
ein Kalb geboren; es sind aber auch schon Zwillingsgeburten beobachtet
worden.
Die Männchen erreichen die Geschlechtsreife im
Alter von sieben Jahren. Sie können sich aber in der Regel
erst mehrere Jahre später mit Weibchen paaren - dann nämlich,
wenn sie es geschafft haben, ein eigenes Territorium zu erobern.
Die Weibchen bringen ihre Kälber von der Gruppe
abgesondert an einem ruhigen Ort zur Welt. Das Geburtsgewicht
des Kalbs beträgt lediglich etwa 65 Kilogramm. Vierundzwanzig
Stunden nach der Geburt vermag das Neugeborene bereits auf seinen
Beinen zu stehen, und schon drei Tage später folgt es seiner
Mutter überallhin nach. Bei Gefahr läuft es vor der
Mutter her, wobei es wahrscheinlich von Mund und Horn des Weibchens
geleitet wird. Schon im Alter von einer Woche beginnt das Junge,
Gras zu weiden. Es trinkt aber noch mindestens zwei Jahre lang
bei der Mutter. Aufgrund der recht langen Trag- und Aufzuchtzeit
vermag ein erwachsenes Breitmaulnashorn-Weibchen nur etwa alle
zwei bis vier Jahre ein Kalb zur Welt zu bringen.
Breitmaulnashörner können ungefähr
45 Jahre alt werden. In freier Wildbahn dürften aber die
wenigsten von ihnen ein solch hohes Alter erreichen. Manche Gefahren
drohen selbst diesen mächtigen Tieren: Nashornkälber
fallen mitunter Raubtieren, besonders Löwen, zum Opfer.
Einzelne Tiere verunfallen auch oder sterben an einer Krankheit.
Und viele erwachsene Tiere werden ihres Horns wegen von Wilderern
erlegt. Wird eine Weibchengruppe beunruhigt, so bildet sie einen
«Igel», indem alle Tiere ihre Hinterteile gegeneinanderstellen.
Kreisförmig starrt dann nach jeder Himmelsrichtung ein hornbewehrter
Schädel. Gegenüber dem Menschen mit seinen modernen
Schusswaffen nützt dieses Schutzverhalten allerdings kaum
etwas...
Das Südliche Breitmaulnashorn - erfolgreich
geschützt
1817 hatte der Afrikareisende Burchell das Südliche
Breitmaulnashorn entdeckt. Es war damals von Mosambik im Osten
bis nach Angola im Westen und vom südlichen Sambia im Norden
bis nach Südafrika im Süden verbreitet gewesen. Doch
bereits 75 Jahre später, im Jahr 1892, galt es infolge übermässiger
Bejagung durch die europäischen Kolonialherren als ausgestorben!
Glücklicherweise zu Unrecht, denn ein letzter
Rest der grauen Kolosse hatte sich in Natal (Südafrika)
im Tal des Umfolozi-Flusses noch halten können. Diese letzte
Zufluchtsstätte wurde 1897 unter Schutz gestellt - und damit
die Ausrottung der Unterart wirkungsvoll verhindert. 1922 zählte
man zwar noch immer nur rund zwanzig Breitmaulnashörner,
und das Überleben der Tiere war weiterhin ungewiss. 1959
hatte sich jedoch der Bestand der Nashörner im Umfolozi-Schutzgebiet
auf über 600 erhöht. Nun entschloss man sich, einerseits
einige Tiere in andere Reservate innerhalb ihres ehemaligen Verbreitungsgebiets
umzusiedeln und andererseits mehrere Zuchtpaare an wissenschaftlich
geleitete Zoos auf der ganzen Welt abzugeben.
Dieses Vorgehen war sehr erfolgreich. Heute umfasst
der Gesamtbestand des Südlichen Breitmaulnashorns über
3500 Tiere. Davon leben rund 1200 im Hluhluwe-Umfolozi-Reservat.
Das Nördliche Breitmaulnashorn - bald ausgestorben?
Das Schicksal der nördlichen Unterart des Breitmaulnashorns,
welches erst im Jahr 1900 von Major Gibbons bei Lado am oberen
Nil entdeckt worden war, ist leider weit weniger erfreulich:
Sie steht heute am Rand der Ausrottung.
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet des Nördlichen
Breitmaulnashorns erstreckte sich über die afrikanischen
Staaten Sudan, Uganda, Zaire, Tschad und Zentralafrika, und noch
vor wenigen Jahrzehnten waren seine Bestände recht gross.
So schrieb zum Beispiel im Jahr 1932 ein Naturwissenschaftler
begeistert in sein Tagebuch, dass er während eines einzigen
Tagesmarsches in Uganda 38 bis 40 Gruppen von Breitmaulnashörnern
mit je mindestens sieben Tieren begegnet war. 1980 waren bereits
keine 1000 Exemplare der Unterart mehr übrig. 1983 gab es
keine 50 mehr!
Der Welt Natur Fonds (WWF) und weitere Organisationen
setzen derzeit alles daran, das Nördliche Breitmaulnashorn
in freier Wildbahn zu erhalten. Durch finanzielle und fachliche
Hilfe unterstützen sie die Naturschutzbehörden Zaires
bei der wirksamen Bewachung des Garamba-Nationalparks, wo die
letzten Exemplare dieser friedlichen Kolosse überlebt haben.
1986 gab es weltweit 13 Nördliche Breitmaulnashörner
in Gefangenschaft: Der Ovur-Kralove-Zoo in der Tschechoslowakei
hält acht Tiere, im Londoner und im San-Diego-Zoo leben
je zwei Männchen, und im Zoo von Khartum (Sudan) befindet
sich ein einzelnes Männchen. Durch ein wissenschaftlich
fundiertes Zuchtprogramm wollen diese Zoologischen Gärten
versuchen, den Bestand der Tiere in Gefangenschaft zu vermehren.
Sollte die nördliche Unterart in freier Wildbahn aller Schutzanstrengungen
zum Trotz aussterben, so ergibt sich vielleicht dereinst die
Möglichkeit, zoogeborene Tiere in gut bewachten Schutzgebieten
auszusiedeln.
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