Brillenbär

Tremarctos ornatus


© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Gedenktaler Kollektion)



Der Brillenbär (Tremarctos ornatus) ist eines der kleinsten Mitglieder der Familie der Grossbären: Erwachsene Männchen weisen gewöhnlich eine Schulterhöhe von lediglich 70 bis 90 Zentimetern und ein Gewicht um 130 Kilogramm auf. Die Weibchen sind sogar noch deutlich kleiner und wiegen nur etwa 50 Kilogramm.

Der Pelz des Brillenbären ist überwiegend schwarz oder schwarz braun gefärbt. Nur im Gesicht findet sich jene helle, brillenförmige Zeichnung, von der die Art ihren deutschen Namen hat. Sie kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein, verändert sich aber beim einzelnen Bären im Verlauf seines Lebens nicht, so dass jeder Bär anhand seiner «Brille» stets gut erkennbar ist.

In den nördlichen Teilen Südamerikas ist der Brillenbär recht weit verbreitet, wobei die Anden und die ihnen vorgelagerten Gebirgszüge das Zentrum des Vorkommens bilden. Wie die meisten Grossbären ist er ein ausgesprochen anpassungsfähiges Tier und bewohnt ein breites Spektrum unterschiedlichster Lebensräume: von wüstenartigen, kakteenbestandenen Landstrichen auf Meereshöhe über üppige tropische Tieflandregenwälder bis hin zu baumlosen alpinen Gebirgswiesen auf über 4000 Metern Höhe. Der bevorzugte Lebensraum des Brillenbären ist jedoch der feuchte, oft nebelverhangene Bergwald in Höhen zwischen 1800 und 2700 Metern.

Hier erweist sich der Brillenbär als ein ausgezeichneter Kletterer, der bei der Nahrungssuche regelmässig die obersten Kronenbereiche früchtetragender Bäume aufsucht, um sich dort zu verköstigen. Baumfrüchte bilden denn auch den Hauptbestandteil seiner Nahrung. Daneben isst er diverse andere nährstoffreiche Pflanzenteile, denen er auf seinen Fresswanderungen begegnet, und er nimmt auch gerne Insekten, Nagetiere und andere tierliche Stoffe zu sich. Nicht zuletzt stehen auf seinem Speisezettel auch Maiskolben sowie Lamas und andere Haustiere, die er sich in der Nachbarschaft menschlicher Siedlungen beschafft.

Als Erwachsener ist der Brillenbär ein ziemlich ruppiger Einzelgänger, der ausserhalb der Fortpflanzungszeit den Kontakt mit Artgenossen nach Möglichkeit vermeidet. Die Wohngebiete der verschiedenen Individuen einer lokalen Brillenbärenpopulation überlappen jedoch miteinander, weshalb die Tiere über ihre geruchlich getönten Fährten und diverse Duftmarken ständig in indirektem Kontakt miteinander stehen. Duftspuren sind es denn auch, die den Männchen Aufschluss über die Fortpflanzungsbereitschaft der ansässigen Weibchen geben und sie gegebenenfalls zu diesen führen.

Die Tragzeit dauert zwischen fünfeinhalb und achteinhalb Monaten. Eine genauere Zahl lässt sich nicht anführen, da die Brillenbärenembryos wie bei allen Grossbären eine Keimruhe durchmachen, deren Dauer sehr variabel ist und von verschiedenen Umweltfaktoren abzuhängen scheint. Je Wurf kommen ein bis drei Junge zur Welt. Wie alle Bärenkinder sind sie überraschend klein, wiegen nur etwa 300 Gramm und sind völlig hilflos. Während mehrerer Monate müssen sie ständig von ihrer Mutter in der schützenden Wurfhöhle betreut werden. Dann erst wagen sie sich hervor und machen - immer unter der Aufsicht ihrer Mutter - die ersten Erkundungsausflüge in die nähere und später auch weitere Umgebung.

Der erwachsene Brillenbär hat kaum natürliche Feinde zu fürchten. Und doch ist seine Zukunft ungewiss. Der Grund hierfür ist einmal mehr der Mensch, der auf breiter Front immer tiefer in die ehemals unberührten südamerikanischen Waldländer vordringt und dabei nicht nur die Lebensräume des Brillenbären zerstört, sondern ihn auch gezielt mit seinen Schusswaffen umbringt - sei es, weil er hie und da ein Lama stiehlt oder ein Maisfeld plündert; sei es seines schmackhaften Fleischs, seines dekorativen Fells oder seines für medizinische Zwecke begehrten Fettes wegen. Bejagung und Lebensraumverlust haben die Gesamtpopulation des Brillenbären im Verlauf der letzten dreissig Jahre auf etwa ein Drittel ihrer einstigen Stärke reduziert - und dieser Niedergang hält unvermindert an.

Glücklichweise sind die Zukunftsaussichten des Brillenbären nicht nur schwarz, denn hier und dort sind konkrete Massnahmen zum Schutz des Brillenbären und seiner Lebensräume in die Wege geleitet worden. Der politische Wille zum wirksamen Vollzug der Naturschutzgesetze ist heute in manchen südamerikanischen Ländern stärker vorhanden als auch schon, und damit sollte der Brillenbaer doch - mitsamt den vielen anderen Wildtieren, die seinen Lebensraum teilen - eine echte Überlebenschance haben.




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